Frische Feigen

…oder warum Karthago zerstört werden musste.

Diese Woche hatte ich seit langem wieder einmal Lust auf Feigen. In der kalten Jahreszeit bekommt man die süßen Früchtchen in fast allen Lebensmittelgeschäften angeboten. Man soll es nicht glauben, aber Feigen hatten auch schon einmal ihren Auftritt auf der Bühne der Geschichte. Es hat etwas mit Karthago zu tun. Wenn man „Karthago“ hört und an den Geschichtsunterricht zurückdenkt, klingeln vielleicht ein oder zwei Glöckchen. Die Punischen Kriege gegen Rom, Hannibal überquert mit Elefanten die Alpen und Karthago wurde doch zerstört, oder? Aber was hat die Stadt Karthago mit frischen, süßen Feigen zu tun? Wenn man den antiken Quellen glauben will, dann trugen die Früchte ihren kleinen, aber feinen Teil dazu bei, dass Karthago zerstört wurde. Doch wie kam es dazu?

Sowohl Rom als auch das in Nordafrika gelegene Karthago hatten wirtschaftliche Interessen im Mittelmeergebiet. Karthago war durch Landwirtschaft und Handel zu enormen Wohlstand gekommen. Die beiden Mächte dehnten ihr Einflussgebiet immer weiter aus und Mitte des 3. Jhdt. v. Chr. kam, was kommen musste. Man geriet sich in die Haare, und das ziemlich heftig. Hauptsächlich ging es um die Insel Sizilien. Der Grund war, wie so oft, weniger spektakulär als die Folgen.

Insgesamt kam es dreimal zum Krieg zwischen Rom und Karthago. Der 1. Punische Krieg (264-240 v. Chr.) endete etwas überraschend mit einem Sieg der Römer. Man einigte sich auf eine vertraglich festgelegte Gebietsaufteilung und für ein paar Jahre war wieder Ruhe im Mittelmeerraum.

Büste von Hannibal

Büste von Hannibal

Doch das blieb nicht lange so: Im Jahr 218 v. Chr. ging es wieder los. Auch diesmal waren  Gebietsstreitigkeiten der Grund. Der 2. Punische Krieg (218-202 v. Chr.) ist wahrscheinlich der bekannteste, denn während diesem machte sich der karthagische Heerführer Hannibal über die Alpen auf den Weg nach Rom. Doch obwohl Hannibal quasi vor den Stadttoren Roms aufmarschierte, konnten die Römer abermals den Sieg gegen die Karthager davontragen. Diesmal bekam Karthago von Rom harte Friedensbedingungen auferlegt. Die Stadt verlor nicht nur große Teile ihres Herrschaftsgebietes, sondern musste auch unverschämt hohe Zahlungen an Rom leisten. Die Niederlage traf die einst so reiche Handelsstadt schwer und der Wohlstand schwand dahin. In Rom glaubte man, den lästigen Kontrahenten endlich besiegt zu haben. Vorläufig gaben sich die Römer damit zufrieden. Noch dazu war Karthago geographisch gesehen ein Stückchen (1.290 km) von Rom entfernt und so fühlte man sich in der ewigen Stadt sicher.

Nun gab es aber einen Mann in Rom, der ganz und gar nicht davon überzeugt war, dass Karthago besiegt war – Marcus Porcius Cato der Ältere. Er war ein Staatsmann, Schriftsteller und vor allem ein begnadeter Redner. In seinen Augen war Karthago noch immer in der Lage, Rom in die Suppe namens Mittelmeer zu spucken. Mit dieser Meinung stand Cato in Rom sicher nicht alleine da, aber er fand einen äußerst kreativen Weg, seine Landsleute von seinen Ansichten zu überzeugen.

Marcus Porcius Cato der Ältere

Marcus Porcius Cato der Ältere

Laut den Quellen ging Cato folgendermaßen zu Werk: Cato sprach sehr oft im römischen Senat – dort, wo die politische Lage thematisiert und diskutiert wurde. Jedes Mal bevor Cato seine eigentliche Rede hielt, stellte er ein kleines Schälchen mit frischen Feigen vor sich auf das Rednerpult. Ein kleiner Snack für zwischendurch, oder wollte er seine Kollegen zu einer gesünderen Lebensweise animieren? Doch der Zweck der kleinen Obstschale war ein anderer. Cato hielt dem Senat auf diese Weise vor Augen, dass eben jene Feigen noch vor drei Tagen an einem Baum auf den Plantagen von Karthago gehangen waren. Damit wollte er veranschaulichen, wie schnell die Karthager in Rom sein konnten, wenn sie es nur wollten. Cato unterstrich diese Geste zusätzlich mit dem Satz: „ceterum censeo Carthaginem esse delendam.“ Übersetzt bedeutet dies etwa: „Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Karthago zerstört werden muss.“ Egal, über welches Thema Cato eigentlich sprechen wollte, er begann offenbar immer mit obigem Satz und dem Schälchen frischer Feigen seine Rede. Man könnte sich vorstellen, dass sein „Markenzeichen“ die Senatoren bald nervte. Man kennt das ja – irgendwann hat sich jeder Witz oder Spruch einfach abgenutzt. Aber Cato blieb offenbar hartnäckig.

Kurz vor Catos Tod war es dann soweit: Rom zog in den 3. Punischen Krieg (149-146 v. Chr.). Man kann davon ausgehen, dass es nicht Catos „Feigen-Aktion“ war, die die Römer zum Umdenken angeregt hatte. Roms politische und wirtschaftliche Interessen hatten sich verändert und Karthago störte dabei. Die Stadt wurde 146 v. Chr. vollständig zerstört und das Gebiet im gleichen Jahr als Provinz „Africa“ ins römische Reich eingegliedert. So wurde Catos Wunsch, Karthago müsse zerstört werden, erfüllt, wenngleich auch erst nach seinem Tod. Die karthagischen Feigen hatten ihren Beitrag dazu geleistet. Also, wenn ihr das nächste Mal Feigen essen solltet, dann denkt an Cato den Älteren. Das hat er sich aufgrund seiner Unbeirrbarkeit und Kreativität verdient.

Damit verlassen wir Karthago, Cato und seine Feigen.
In der nächsten Geschichte stehen dann die Zahlen 1 und 2 sowie ein Kaiser im Mittelpunkt.

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“ (Bertolt Brecht)

 

0 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Gut Ding braucht Weile, sage ich nur… ich finde es toll, dass du den Blog online gestellt hast!

    Mir als „Langlateiner“ ist Cato der Ältere selbstverständlich ein Begriff, sowie auch das zugehörige Zitat und die Punischen Kriege. Allerdings hat uns mein Lateinlehrer das Dattelschälchen glatt unterschlagen! Da sieht man wieder, man lernt nie aus.
    Ich finde auch deinen Schreibstil toll, und die Länge des Beitrags ist auch sehr passend. In der Kürze liegt die Würze.
    Ich freu mich schon auf den nächsten Beitrag!

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