Schwups und weg ist es

… oder wer Appetit auf Seelen hat.

Mythologie und Religion waren schon immer jene Bereiche innerhalb der Geschichte, für die ich mich am meisten begeistern konnte. Egal, ob griechisch, römisch, nordisch oder ägyptisch – Hauptsache Götter, Helden und mythische Wesen. Dabei liefen mir immer wieder sehr originelle Exemplare über den Weg. Dieser Beitrag soll einem dieser mythischen Wesen gewidmet werden.

Eine Vielzahl von Glaubensvorstellungen beinhalten ein Totenreich inkl. mythisches Wesen, das am Eingang Wache schieben muss. In Griechenland ist es beispielsweise Kerberos und in der nordischen Mythologie Garm. Sie hindern die Verstorbenen an der Rückkehr in die Welt der Lebenden. Allerdings gehörte es auch zu ihrer Aufgabe, lebenden Menschen den Zutritt zu der Welt der Toten zu verweigern. Da sich Hunde in der realen Welt als besonders treue Gefährten und Wächter erwiesen hatten, gaben die Menschen den mythischen Türstehern ebenfalls das Aussehen von Hunden.

Etwas anders verhält es sich in der ägyptischen Mythologie. Dort kennt man Ammit, die auch unter dem Namen „Seelen- oder Totenfresserin“ bekannt ist. Sie hat ihren Arbeitsplatz wie ihre griechischen und nordischen Kollegen an den Pforten zum Totenreich. Kurios ist vor allem das Äußere dieses Wesens. Sie besteht aus mehreren Tieren gleichzeitig, ähnlich der griechischen Chimäre. Ammit hat den Kopf eines Krokodils, die Mähne und den Vorderteil eines Löwen sowie das Hinterteil eines Nilpferdes. Somit bestand sie aus Teilen der drei mit Abstand gefährlichsten Tiere dieser Region. Und man kann sagen, was man will – aus zoologischer Sicht ist Ammit auf jeden Fall ein Hingucker (siehe Abb.).

Nun, was war aber der Job dieser Seelenfresserin? Zum Glauben der Ägypter gehörte die Vorstellung, dass nach dem Tod alle Taten, die man zu Lebzeiten begangen hat, bewertet werden. Das Prozedere läuft wie folgt ab: Nach dem Ableben wird man von dem Totengott Anubis zu einer Waage geführt. Unter den strengen Augen des Gottes Osiris, dem Herrscher über die Unterwelt, wird das Herz des Verstorbenen von Anubis auf eine Seite einer Waage gelegt. Auf die andere Seite kommt dann eine einzige Feder.

Abbildung von Ammit im Totenbuch von Hunefer

Abbildung von Ammit im Totenbuch von Hunefer

Das Herz steht für die Seele eines Menschen. Wenn die Waagschale mit der Feder zu Boden sinkt, ist alles in Ordnung. Der Verstorbene darf ins Totenreich eintreten. Der Gott Thot protokolliert fleißig mit und der Gott Horus führt den Toten dann weiter auf seinem Weg in die Unterwelt. Das Bild links zeigt so einen positiv verlaufenden Wiegevorgang. Für den Fall, dass das Herz durch diverse negative Taten im Diesseits schwerer wiegt als die Feder und zu Boden sinkt, kommt Ammit ins Spiel. Das mythische Wesen frisst dann, schwuppdiwupp, das Herz/die Seele des betreffenden Menschen. Da sich nun die Seele nicht mehr mit dem Körper vereinigen kann, war es diesem Unglückseligen verwehrt ins Reich der Toten einzutreten.

Damit war jeder Mensch in Ägypten gewarnt: Was immer du machst in deinem Leben, es wird nicht ohne Folgen bleiben. Also tue Gutes, sonst bezahlst du mit der Vernichtung deiner Seele. Abbildungen von Ammit, der Seelenfresserin, fand man in den Totenbüchern. Damit war die Prozedur für die Menschen im Diesseits wohlbekannt. So konnte sich kein Verstorbener bei Anubis oder Osiris beschweren und sagen: „Bitte, aber das habe ich nicht gewusst.“

Verlassen wir das ägyptische Totenreich wieder und lassen Ammit, mit ihrem nie endenden Appetit auf menschliche Seelen, ihre Arbeit verrichten. Das nächste Mal werden wir uns dann damit beschäftigen, dass es eine Kunst sein kann, Kunst überhaupt zu erkennen.

„Tue soviel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie möglich darüber.“ (Charles Dickens)

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Putziges Tierchen… die Darstellung ist aber auch ziemlich schmeichelhaft. müsste so ein Nilpferdhintern nicht grösser sein? 😀 Aber die Ägypter und ihre Götter waren ziemlich gut organisiert, wie es scheint. Und Personalmangel scheint auch keiner zu herrschen… soviele Götter um eine Seele zu wiegen. Ich kannte Ammit übrigens noch GAR nicht. Das mit dem wiegen war mir irgendwie bekannt, aber nicht im Detail. Wieder was gelernt!

    • Ja ja, Ammit ist schon etwas Besonderes. Hab jetzt schon 2x gehört, dass der Wiegevorgang in der Schule durchgenommen wurde. Bin beeindruckt.
      Ausreichend Personal ist ein Vorteil des Polytheismus. Dein Kommentar erinnert mich irgendwie an das Beamtentum in unserem schönen Land.

      • Man kann aber hoffen dass die ägyptischen Götter etwas effizienter waren als die österreichische Bürokratie. Immerhin sollten die ja tatsächlich göttliche Macht haben, und sich nicht bloss so benehmen als ob….

  2. Pingback: Eine Hymne für die Sonne - Geschichte ist alles

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