Alles im Eimer

… oder warum Kunst nicht immer als solche betrachtet wird.

Kennt ihr das auch? Man schlendert durch eine Ausstellung voller Kunstobjekte und Installationen. Manche gefallen einem richtig gut und die Gedanken des Künstlers werden für den Betrachter sichtbar. Bei einigen der Objekte stellt man sich allerdings die Frage, wenn auch nur still und heimlich: „Was soll denn das sein?“ Dann liest man die Tafel daneben und ist genauso schlau wie vorher. Da hilft auch die wortgewaltige, aber wenig aussagekräftige Beschreibung des Kunstobjekts durch die Museumsmitarbeiterin nichts. Das Geschwafel erweckt eher den Verdacht, dass sie es selbst nicht genau weiß. Also bleibt das Kunstwerk weiter rätselhaft. Aber darin liegt oftmals das Vergnügen, finde ich  zumindest.

Auch in der Geschichte gab es Kunstwerke, die nicht von jedem als solche erkannt wurden. Von einem Fall habe ich während meines Studiums gehört und er ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Die Rede ist von der „Fettecke“, ein Werk des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Die Öffentlichkeit bekam das Kunstwerk erstmals am 28. April 1982 zu sehen. In einer Ecke eines Raumes in der Düsseldorfer Kunstakademie installierte Beuys mehrere Kilogramm Butter – die „Fettecke“ war geboren.

Einige Jahre lang konnten sich Kunstinteressierte an dem Anblick der „Fettecke“ erfreuen, bis Beuys im Jahr 1986 starb. Wie so oft veränderte sich der Wert des Kunstwerks mit dem Tod des Künstlers. Doch nicht, dass jetzt jemand glaubt, das zur Kunst gewordene Milchprodukt wäre nach Beuys Ableben Millionen wert geworden. Ganz im Gegenteil.

Der Raum wurde nur noch selten genutzt und irgendwann fühlte sich der zuständige Hausmeister bemüßigt aufzuräumen. Meister Proper legte sich richtig ins Zeug und am nächsten Tag war von Staub, Schmutz und der „Fettecke“ nichts mehr zu sehen. Das ganze Kunstwerk war im Eimer! Kunst liegt ja im Auge des Betrachters. Allen Anschein nach wurde die „Fettecke“ von dem engagierten Putzteufelchen nicht als solche identifiziert.

Die unplanmäßige Reinigungsaktion hatte Folgen: Ein Schüler von Beuys, Johannes Stüttgen, erklärte, dass Beuys ihm das Kunstwerk geschenkt habe. Er klagte auf Schadensersatz für die verloren gegangene „Fettecke“. Stüttgen bekam vor Gericht recht und erhielt eine finanzielle Entschädigung. Die originale „Fettecke“ blieb aber unwiederbringlich weggewischt.

Kunst ist eben subjektiv und in diesem Fall wurde Kunst zu Müll. Aber immer öfter wird Müll auch zur Kunst. Jeder Künstler hat die Freiheit seine Kunstwerke nach Belieben zu gestalten. Jeder, der diese dann betrachtet, kann für sich selbst entscheiden, ob das für ihn Kunst ist oder nicht.

Doch genug von Milchprodukten in den Ecken der Kunst. In der nächsten Woche wird sich zeigen, was der Herr der Ringe und das Königreich der Franken gemeinsam haben.

„Jedes echte Kunstwerk hat ebenso viel Daseinsberechtigung wie Erde und Sonne.“ (Ralph Waldo Emerson)

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  1. Also mit der darstellenden Kunst hab ich ja eher wenig am Hut, und als Faustregel gilt: je moderner, desto eher stehe ich davor und denk mir „WTF?“. Aber das liegt bestimmt an mir, ich bin eben eher der Musiktyp.
    Prinzipiell finde ich die Kreativität und den Einfallsreichtum der Menschen durchaus bewundernswert, allerdings stösst mir bei so Sachen wie dieser „Fettecke“ (von der ich tatsächlich noch nie was gehört habe!) die zugrundeliegende Nahrungsmittel verschwendung sauer auf. Wir werfen doch eh soviele Nahrungsmittel weg weil wir sie nicht essen bevor sie schlecht werden, muss man das auch noch absichtlich machen?
    Und zu diesem Schüler: Ich wäre froh gewesen, wenn mir dieses „Geschenk“ eier weggeputzt hätte. Das muss doch schon voll ekelhakft gewesen sein….

    Das ist jetzt allerdings die Meinung eines Kunstbanausen (hab ich schon öfters zu hören bekommen).

    • Mit der Nahrungsmittelverschwendung geb ich dir recht. Ich hab mich immer gefragt, wie das ganze nach einigen jahren gerochen haben muss oder ob sie die butter immer ausgetauscht haben.

      • Ja eben. Ich meine, Milchprodukte sind trotz Konservierungsmitteln ja nicht gerade für die Ewigkeit gemacht…

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