Zum Herrschen bestimmt

… oder wie man im Mittelalter Karriere macht.

Wer von euch kennt nicht das Buch „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien über die Abenteuer von Frodo Beutlin und seinen Gefährten. Dazu gehört auch der vorlaute, junge Hobbit Peregrin Tuk, genannt Pippin. So jemanden wie Pippin kennen wir alle. Ein Typ, der überall, wo er auftaucht, für Stimmung sorgt und Leben in die Bude bringt. Pippin sagt oder tut vielleicht nicht immer das Richtige und seine Gefährten verdrehen mehr als einmal ihre Augen wegen ihm. Das Herz hat Pippin aber am rechten Fleck und ist ein wahrhaft guter Freund.

Pippin hat in der realen Geschichte einen Namensvetter und zwar Pippin den Jüngeren. Dieser lebte von 714-768, also zur Zeit des Mittelalters, im Frankenreich. Mittelerde-Pippin bevorzugte eindeutig ein gemütliches Leben. Im Klartext heißt das Unmengen an Essen, einen Krug mit Bier und eine Pfeife zum Rauchen. Daher zog der Hobbit auch ungern in den Krieg und hielt nur wenig von Kampf und Schlachtgetümmel. Mittelalter-Pippin hingegen war da ganz anders. Er fühlte sich eindeutig zu Höherem berufen und wollte auf der politischen Karriereleiter ganz nach oben klettern. Heutzutage würde man ihn als Karrieremensch bezeichnen.

Pippin der Jüngere stammte aus dem Geschlecht der Karolinger und war am fränkischen Königshof als Hausmeier beschäftigt. Hausmeier, was soll das sein?!? So eine Art Hausmeister? Die lateinische Bezeichnung für dieses äußerst bedeutende Amt lautete „major domus“. „Domus“ bedeutet „Haus“ und daraus entstand dann die deutsche Bezeichnung „Hausmeier“. Der Hausmeier verwaltete das Königsgut und hatte auch militärische Aufgaben zu erfüllen. Durch diese Machtfülle schafften die Hausmeier den Sprung an die Spitze der adeligen Gesellschaft. Das Amt der Hausmeier war schon seit Generationen im Besitz von Pippins Familie. Schritt für Schritt hatte diese ihre Machtbefugnisse erweitert, wo hingegen die fränkischen Könige aus dem Geschlecht der Merowinger immer mehr an Macht verloren. Man bezeichnet das Ganze nicht ohne Grund als „Scheinkönigtum“, denn eigentlich regierten die Hausmeier. Der Grund, warum die Merowinger immer noch auf dem Thron saßen, war das Blut, das in ihren Adern floß (Geblütsheiligkeit!). Karl Martell, der Vater von Pippin, setzte nach seinem Amtsantritt einen Scheinkönig seiner Wahl auf den Thron. Die Königswürde konnte er sich noch nicht unter den Nagel reißen, das gelang erst eine Generation später.

dtv Atlas Weltgeschichte, Bd. 1; Seite 122Pippin der Jüngere und sein Bruder verfuhren nach Karl Martells Tod nach dem gleichen Prinzip, in dem sie den Scheinkönig Childerich III. auf den Thron setzte. Da sich Pippins Bruder nach kurzer Regierungszeit für ein Leben im Kloster entschied, konnte sich der ehrgeizige Pippin auf sein eigentliches Ziel konzentrieren: Er wollte König der Franken werden. Der Hausmeier entschloss sich zu einem klugen Schachzug: Er wandte sich an den Papst. Der hatte zu dieser Zeit in der Politik Europas noch mitzureden. Pippin ließ den Papst fragen, ob es gut sei, wenn Könige im Frankenreich regierten, die eigentlich keine Macht mehr besaßen. Die Antwort des Heiligen Stuhls fiel klar aus: Es sollte besser derjenige herrschen, der auch die Macht habe. Pippin hatte mit der Zustimmung des Papstes alles, was er für sein weiteres Vorgehen brauchte. Bevor er bis drei zählen konnte, saß König Childerich III. statt auf dem Thron schon hinter Klostermauern. Pippin wurde daraufhin zum König der Franken gewählt und die Zeit des Königtums nach Gottesgnaden begann. Endlich geschafft!!!

Der Papst ging bei der ganzen Sache natürlich nicht leer aus. Pippin überließ ihm große Gebietsteile in Mittelitalien, die sogenannte „Pippinische Schenkung“. Auch für die Nachfolge war gesorgt und so folgte Karl der Große seinem Vater Pippin 768 auf den fränkischen Thron. Der ehemalige Hausmeier hatte seinem Geschlecht die Macht gesichert. Lange Zeit regierten die Karolinger das Frankenreich.

Ich glaube, nun ist deutlich geworden, warum Mittelerde-Pippin und Mittelalter-Pippin eigentlich nur den Namen gemeinsam haben. Aber vielleicht denkt der eine oder die andere beim nächsten zwölfstündigen „Herr der Ringe-Filmmarathon“ auch kurz an Pippin den Jüngeren und wie er an die Macht kam.

Sagen wir Mittelerde und den beiden Pippins für heute Lebwohl. Nächstes Mal steht ein Ereignis im Mittelpunkt, dass seinen Ursprung in der Antike hat und zum jetzigen Zeitpunkt wieder topaktuell ist.

„Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ (Abraham Lincoln)

0 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hm, die zwei Pippins haben wohl wirklich nur den Namen gemeinsam. Irgendwie ist mir der Mittelerde Pippin grade sympathischer…. auch wenns ers vielleicht nicht soweit gebracht hat, hihi.
    Diesmal hast du ein Thema erwischt, dass wir in der Schule bestimmt durchgenommen haben, allerdings hatte ich es wieder vergessen. Vielen Dank für die Auffrischung!

    • Also immer wenn ich auf der Uni was über den Mittelalter-Pippin gehört habe, hatte er automatisch in meinen Gedanken das Aussehen von Mittelerde-Pippin angenommen. Höchst unwissenschaftlich!!! 😀 Aber so hab ich mir die ganze Machtübernahme der Karolinger kreativ merken können.
      Auch bei der Matrix muss ich beim Merowinger immer daran denken. *g*
      Freut mich, dass Pippin und Co. zurück in deinem Gehirn sind!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.