Helle Köpfe

… oder warum das Mittelalter doch nicht so „finster“ ist.

Jeder von uns kennt den Begriff „Das finsteres Mittelalter“. Schlagworte wie Armut, Hunger, Krieg, mangelnde Hygiene gehören zu diesem düsteren Szenario. Sicher brachte das Leben in Europa zu Zeiten des Mittelalters Probleme mit sich, denen wir uns gegenwärtig nicht mehr stellen müssen. Heute möchte ich aber über das „helle“ Mittelalter schreiben, denn so manchem ging in dieser Epoche ein Licht auf, das bis heute leuchtet.

Eine mittelalterliche Erfindung benutzen wir jeden Tag – die Gabel. Unbekannt ist, wer wann genau diesen Teil des Bestecks entdeckt hat. Die Gabel fand sich zunächst als zweizinkiges Werkzeug, mit dem man Gebäck oder kleine Kuchen servierte, wieder. Mit der Zeit erkämpfte sie sich ihren Platz auf den Tischen neben ihren Kollegen Messer und Löffel. Auch die Anzahl der Zinken vermehrte sich auf drei oder vier. Hier erübrigt sich das Bild einer Gabel, oder? Unbeachtet, alltäglich, scheinbar belanglos und doch aus unserem Leben nicht wegzudenken.

Auch ein zweiter Gegenstand des täglichen Gebrauchs hat seine Anfänge im Mittelalter:

Klaus-Jürgen Matz, Die 1000 wichtigsten Daten der Weltgeschichte; 2002

Der italienische Dichter Dante Alighieri

Die Uhr mit einem Räderwerk. Vielleicht besitzt der eine oder die andere sogar noch so ein Exemplar. Um 1300 kommt es zu ersten Erwähnungen über diese Art von Zeitmessgeräten. Ein Bespiel dafür wäre die berühmte „Göttliche Komödie“ von dem italienischen Dichter Dante Alighieri, in deren Verlauf Räderuhren erwähnt werden. Leider entfaltete diese Erfindung erst im 16. Jahrhundert ihr volles Potential, nachdem Verbesserungen an der Technik durchgeführt wurden. Als weiteres Beispiel für den regen Erfindungsgeist im technischen Bereich sei hier die Pleuelstange erwähnt. Diese hat noch heute ihren Platz in modernen Verbrennungsmotoren, denn sie verbindet die Kurbelwelle mit dem Kolben. Wer genaueres über die Wirkungsweise von Pleuelstange wissen möchte, der wendet sich am besten an den Mechaniker seines Vertrauens.

Aber nicht nur der technische Bereich ist voll mit neuen Erfindungen, auch in der Musik erzielte man wichtige Erkenntnisse. Schon seit dem 9. Jahrhundert beispielsweise ist die Nutzung des Geigenbogens bekannt. Weiters führte Guido von Arezzo um das Jahr 1025 den Terzabstand bei Notenlinien und die Notierung von Melodien darauf ein. Beides etwas, dass heute noch täglich genutzt wird.

Titelblatt "Das Nibelungenlied"; Reclam Verlag; 2011

Der Anfang des Nibelungenliedes

Auch im literarischen Bereich tat sich so einiges. Viele dieser Werke sind bis heute weltberühmt. Niemand kommt in der Schule am „Nibelungenlied“ oder am „Parzivalslied“ vorbei. Vor allem ersteres wurde in Literatur, Musik und Film häufig thematisiert. Auch die bereits erwähnte „Göttliche Komödie“ ging nicht nur in die italienische Literaturgeschichte ein. Italien zeigte sich im Mittelalter ohnehin als eines der geistigen Zentren, so dass bereits 1158 die erste Universität Europas in Bologna gegründet wurde. Im Jahr 1348 entstand dann in Prag die erste Universität nördlich der Alpen. Soweit zu den technischen Errungenschaften und den geistigen Glanzlichtern des Mittelalters.

Auch geographisch gesehen kam es zu neuen Entdeckungen. Grönland eignet sich dafür als gutes Beispiel. Die größte Insel der Welt wurde laut den Quellen 984 durch Erik „den Roten“ Thorwaldson von Island aus entdeckt. In den folgenden Jahren kam es zur Besiedlung Grönlands. Von dort aus wurden weitere Expeditionen in den Westen gemacht. Um 1000 landet Leif Erikson, genannt der „Glückliche“, an der Küste von Nordamerika, das als „Vinland“ bezeichnet wurde. Diese Entdeckung war allerdings nicht von Dauer und schon bald geriet das neue Land für einige Zeit in Vergessenheit. Vom hohen Norden geht’s weiter in südlichere Gewässer. Seefahrer aus Genua machten 1341 eine bedeutende Wiederentdeckung, als sie an der Küste der Kanarischen Inseln landeten. Kurz darauf folgten die Azoren und die Insel Madeira.

Das alles war nur eine kleine Auswahl an Neuerungen aus mittelalterlicher Zeit in Europa. Anderen bahnbrechenden Entdeckungen außereuropäischen Ursprungs werde ich mich auch bald widmen, versprochen. Ich hoffe, es ist nun deutlicher geworden, dass das Mittelalter alles andere als „finster“ ist bzw. nicht „finsterer“ als andere Epochen war. Jede Ära hat eben ihre hellen und dunklen Zeiten, auch die unsere. Man findet beides direkt nebeneinander.

Das Licht der Erfindungen und Entdeckungen des Mittelalters brennt also immer noch in unserer Zeit. Denkt daran, wenn ihr eine Gabel in der Hand haltet. Das nächste Mal widmen wir uns ausführlich einem Tier der Art der Gallus gallus und seinen besonderen Fähigkeiten.

„Bei Erfindungen ist der Erste immer der Dumme; den Ruhm kassiert der Zweite, und das Geschäft macht erst der Dritte.“(Martin Kessel)

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. haha ich liebe das Zitat am Ende!! sehr wahr, denke ich.
    das mit der Pleuelstange wusste ich nicht, die hätte ich gefühlsmässig zeitlich eher in der Neuzeit eingeordnet. Tja, wieder was gelernt!
    Und die göttliche Komödie wollt ich auch schon lange mal lesen. Bin noch nicht dazu gekommen, aber das ist auf jeden Fall eine gute Erinnerung daran.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.