Friss oder trink

… oder warum schwimmen die dritte Alternative ist.

Wie oft wünscht man sich, man wüsste was morgen kommen wird? Oder wie das Leben in drei Jahren aussieht? Sowohl heute als auch in der Antike finden sich verschiedene Methoden, mit denen Menschen versuchen, die Zukunft zu ergründen. Man kann aus einer Vielzahl von mehr oder weniger unseriösen Praktiken wählen – Horoskope, Wahrsagen, Engelsbotschaften, Karten legen usw. Auch das Verhalten von Tieren wird gelegentlich herangezogen, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Wer jetzt milde lächelt und meint, das sei nur ein Phänomen aus früheren Jahrhunderten, der irrt sich gewaltig. Denken wir dabei an unsere Kindheit zurück, in der Quaxi der Wetterfrosch uns sagen sollte, ob morgen eher die Badehose oder Gummistiefel angebracht wären. Aber auch im Jahr 2010 als bei der Fußball-WM soll Paul der Kraken den Ausgang der Spiele vorhergesehen haben.

In der Antike gibt es viele Beispiele für den Glauben, dass Tiere die Fähigkeit besitzen, die Zukunft vorhersagen können. Das galt gleichermaßen für lebendige als auch tote Vertreter aus dem Reich der Fauna. Ein Beispiel dafür wäre die Eingeweideschau, vor allem aus der Leber konnte man viel Zukünftiges ablesen.

Heute stehen aber (zumindest vorerst) lebende Tiere im Mittelpunkt – nämlich Hühner. Nicht stinknormale Haushühner, nein sondern die Heiligen Hühner. Diese Vögelchen fungierten in Rom als Orakel. Zum Zuständigkeitsbereich der Heiligen Hühner gehörte es auch, den Ausgang einer Schlacht vorauszusagen. Das Prozedere lief folgendermaßen ab: Man warf den Heiligen Hühnern Körner vor die Nase, natürlich nur das Beste vom Besten. Begann das Federvieh das Futter zu verschlingen, dann wurde dies als positives Omen gedeutet. Wenn die Hühner allerdings langsam frassen oder die Körner gar verschmähen, konnte man das Ganze gleich vergessen und nach Hause gehen.

Und schon befinden wir uns – wieder einmal – in der Zeit der Punischen Kriege. Ja, die hatten wir schon mal, erinnert euch an die Geschichte mit den Feigen. Während des 1. Punischen Krieges gegen Karthago kam es auch zu einigen Seeschlachten. Im Jahr 249 v. Chr. fand die Schlacht von Drepana statt, aber uns interessiert eher was im Vorfeld passiert ist. Kommandant der militärischen Operation war ein gewisser Publius Claudius Pulcher. Der spätere Kaiser Tiberius war einer seiner Nachfahren. Gemeinsam mit Publius Claudius Pulcher und den Soldaten befanden sich auch die Heiligen Hühner mit an Bord des Kommandoschiffes. Man hatte die Vögel quasi zwangsrekrutiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Federvieh besonders gefreut haben wird, mit von der Partie sein zu dürfen – weit weg vom heimatlichen Stall und den Gefahren des Krieges ausgesetzt. Aber wenn man die Gabe der Weissagung besitzt, kann man nicht immer mit Rücksicht rechnen.

Bevor nun die Schlacht begann, wollte sich P. Claudius Pulcher über den Ausgang derselben informieren. Wie immer streute man bestes Futter für die Heiligen Hühner aus und wartet, was passieren würde. Dann der Schock – die gefiederten Hellseher wollte einfach nicht fressen! Nicht ein einziges Korn rührten sie an. Vielleicht waren die Hühner seekrank, vielleicht auch nur in schlechter Stimmung über die ungewollte Seereise. Man kann hier nur spekulieren und auch die antiken Quellen verraten nichts darüber.

Die Heiligen Hühner prophezeiten der römischen Flotte also eine Niederlage. Darüber geriet P. Claudius Pulcher dermaßen in Rage, dass er sich zu folgender Tat hinreißen ließ. Mit den Worten „ut biberent, quando esse nollent“ (Sueton, Tiberius 2), übersetzt „Dann sollen sie trinken, wenn sie nicht essen wollen.“, ließ er ein Huhn nach dem anderen über die Planke springen. Das schwimmunfähige Federvieh wird dabei sicher jede Menge Meerwasser getrunken haben, wenn auch unfreiwillig.

Es kam so wie die Hühner es vorausgesagt hatten, die Römer mussten bei Drepana eine große Niederlage gegen die Karthager einstecken. In Rom war man nicht besonders „amused“ über P. Claudius Pulcher. Wenn man den Quellen Glauben schenkt, lag das aber nicht daran, dass Rom die Schlacht verloren hatte, sondern dass Pulcher mit der Tötung der Heiligen Hühner ein unverzeihliches Sakrileg begangen hatte. Die Strafe erhielt er dann prompt und die hieß Verbannung. Jeder Tierquäler heutzutage würde es sich dreimal überlegen, bevor er einem Tier etwas antut, wenn er dafür in der Wüste oder am Nordpol im Exil leben müsste.

Verlassen wir den verbannten Publius Claudius Pulcher und die armen Heiligen Hühner. Nächste Woche beschäftigen wir uns mit einem Mann, der durch die Schrecken des Krieges auf eine Idee kam, die noch heute häufig Menschen vor dem Tod bewahrt.

„Vom Wahrsagen läßt sich’s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Deine Artikel aus der Antike mag ich immer, auch wenn ich sie schon kenne. Vermutlich gerade deswegen, da kann ich mir dann schlau vorkommen.
    Dieser Claudius Pulcher war aber ganz schön dumm, hätte er den Hühnern mal voher einen Tag nichts zu fressen gegeben, dann wäre das Omen sicher anders ausgefallen. Aber wie ich die alten Römer einschätze, hat er das eh getan aber jemand hat ihn sabotiert und die Tierchen in der Nacht vorher gemästet. Muss ja eine schöner Choleriker gewesen sein, der Knabe, wenn er sie dann trotzdem gleich ertränkt. Arme Viecher!
    Aber seine Strafe hat er bekommen, wie es scheint. Exil für ein paar ertränkte Hühner. Was sie wohlmit ihm gemacht hätten, wenn er sie verspeist hätte? Vom Tarpeischen Felsen gestürzt? War das nicht die Strafe für Hochverrat?

    • Ja, der Trick mit dem Fastenkur am Tag davor war bekannt. Scheint aber in diesem Fall nicht funktioniert zu haben. Von Sabotage berichtet die Quelle (Sueton) nichts. 😉
      Es war ein Sakrileg, weil die Hühnchen heilig waren. Das war der ausschlaggebende Punkt.

      Folgende Vergehen wurden mit einem Sturz vom Tarpeiischen Felsen (Tarpeium saxum) bestraft:
      -Blutschande (Tac. ann. 6,19)
      -Diebstahl eines Sklaven an seinem Herrn (Lex XII tab. 8,23)
      -Verrat eines Sklaven an seinem Herrn (Liv. pit. 77; Val. Max. 6,5; Plut. Sulla 10)
      Verrat am Volk (Sen. dial.3,16,5)
      Überläufer (Liv. 24,20,6 und 25,7,14)
      -eine Vestalin die Inzest begangen hatte (Sen. eontr. 1,3 ff.)
      -Menschen, die falsch aussagen (Lex XII tab. 8,23)

      Du bist ja richtig gut, Vroni. „Daumen hoch“ für soviel Wissen! Du hast jedes Recht, dir schlau vorzukommen, denn du bist es. 🙂

  2. Pingback: Klar machen zum Entern - Geschichte ist alles

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