Wiederauferstehung

…oder warum Persephone, Hyakinthos und Dumuzi sterben müssen.

Endlich ist es wieder soweit – seit Donnerstag ist offiziell der Frühling wieder eingekehrt. Überall strecken Blumen ihre Köpfe aus der Erde, Sonnenstrahlen wärmen unsere Haut und man greift wieder zu den leichten Ballerinas statt dicken Winterstiefeln. Als ich kürzlich durch den Stadtpark spazierte, konnte ich auch das Erwachen der Frühlingsgefühle beobachten. Überall auf den Wiesen sah man Pärchen rumturteln oder Gruppen von jungen Menschen sich im Balzverhalten üben. Vor allem die Männer versuchten ihre Mitkonkurrenten durch besonders athletische Einlagen im Ballsport gegenseitig zu übertreffen und so das weibliche Publikum zu beeindrucken. Ein Fest für jeden Verhaltensforscher! So betrachtet, hat jeder etwas von der Rückkehr des Frühlings.

Dieses Wiedererwachen der Natur ist für uns rational erklärbar und auch der Sinn und Zweck der Jahreszeiten ist für uns kein Rätsel. Doch wie sieht es damit in der Antike aus? Wie erklärte man sich den Wechsel von Winter auf Frühling? Die Antwort besteht aus nur einem einzigen Wort: Mythologie! In vielen antiken Kulturen kannte man sogenannte Vegetationsgottheiten, die wie der Name schon sagt, einen engen Bezug zur Natur haben.

Die Göttin Persephone mit Ährenkranz (Griechische Silbermünze)

Die Göttin Persephone mit Ährenkranz (Griechische Silbermünze)

Eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser Sorte von Göttern war Persephone. Diese Göttin ist das Paradebeispiel für eine Vegetationsgottheit. Sie stammt aus der griechischen Mythologie und war die Tochter von Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus. Hades, der Gott der Unterwelt, verliebte sich in die schöne Persephone und entführte sie in sein Reich. Demeter suchte auf der ganzen Welt nach ihrer Tochter, konnte sie aber nicht finden. Als sie endlich erfuhr, was mit Persephone passiert war und das Hades sie nicht zurückgeben wollte, wurde Demeter zornig. Sie nahm der Erde alle Fruchtbarkeit, so dass nichts mehr wuchs. Zeus, der Göttervater, mischte sich ein und befahl Hades Persephone gehen zu lassen. Doch das sah Hades wiederrum nun gar nicht ein. So wurde ein Kompromiss geschlossen. Zwei Drittel des Jahres verbringt Persephone bei ihrer Mutter auf der Erde und ein Drittel des Jahres lebte sie bei Hades in der Unterwelt. In dieser Zeit ist die Erde öde, keine Pflanze sprießt und nicht eine Blume wächst. Denn dann trauert Demeter um ihre Tochter in der Unterwelt. Der Mythos vom Sterben und Wiederkehren der Göttin Persephone erklärte für die antiken Griechen die Jahreszeiten, vor allem den Wechsel von Winter auf Frühling.

Die Göttin Persephone empfängt Geschenke (Votivtafel, Museo Reggio di Calabria)

Die Göttin Persephone empfängt Geschenke (Votivtafel, Museo Reggio di Calabria)

In der griechischen Mythologie gibt es noch einen weiteren Gott, der immer wieder stirbt und aufersteht. Sein Name lautet Hyakinthos und er ist eine alte Vegetationsgottheit aus Sparta und Umgebung. Im Mythos wird Hyakinthos meistens als Jüngling dargestellt, der eine – nennen wir es mal – sehr enge Beziehung zu Apollon hatte. Dem Gott Apollon wurden verschiedene Aspekte zugeschrieben: die Sonne/das Licht, die Wahrsagung, aber auch der Tod. Der Mythos erzählt uns folgendes: Apollon und Hyakinthos übten sich im Diskos werfen, als ein gewaltiger Wurf des Gottes mit voller Wucht den Kopf von Hyaktinhos traf. Dieser war auf der Stelle tot. Aus Trauer darüber ließ der Gott eine Blume wachsen – die Hyazinthe. Auf den Blütenblättern soll angeblich der Klagelaut des Apollon „Ai, ai!“, übersetzt „Wehe, wehe!“, zu erkennen sein. Aber ich glaube auf den heutigen Züchtungen sind diese Wörter verschwunden. In diesem Mythos wird eine Gottheit mit dem Wachsen und Sterben mit einer Blume identifiziert und der Lebenszyklus der Natur am Beispiel der Hyazinthe deutlich gemacht.

Aber nicht nur in der griechischen Mythologie kennt man Vegetationsgottheiten, deren Schicksal es ist, zu sterben um dann wieder zu erwachen. Im mesopotamischen Raum – der heutige Nahe Osten – gibt es den Mythos rund um den sumerischen Hirtengott Dumuzi. Er ist der Geliebte von Inanna, der Göttin des Krieges und der Sexualität. Als diese einmal in der Unterwelt gefangen war, kam ihr Dumuzi nicht zu Hilfe. Inanna kann sich aus der Unterwelt befreien, muss aber für eine Ersatzperson sorgen, die ihren Platz einnimmt. Zurück auf der Erde findet die Göttin ihren Geliebten nicht in tiefer Trauer wegen ihres Todes, sondern beim Festmahl vor. Dumuzi, der den Zorn seiner Geliebten kommen sieht, versucht zu fliehen. Er wird aber von Inanna gefangen und zur Strafe als ihr Stellvertreter in die Unterwelt befördert. Der Mythos des Hirtengottes Dumuzi ist die sumerische Version. Er repräsentiert die Fruchtbarkeit der Herdentiere und den Wechsel der Jahreszeiten. Es existieren aber noch andere Versionen der Erzählung aus späteren Kulturen, bei der die Namen der Gottheiten etwas anders lauten wie etwa Tammuz und Ischtar.

Diese Beispiele für das Sterben und Wiederauferstehen von Gottheiten sind nur drei von vielen. So zeigt sich auch, wo der Schwerpunkt in der Landwirtschaft bei einer Kultur liegt. Mal ist es der Ackerbau und dann wieder die Viehwirtschaft.

Dann genießen wir alle den Frühlingsbeginn und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Nächste Woche sind wir dann einem Preisschnäppchen auf der Spur.

„Hinter jedem Winter steckt ein zitternder Frühling und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“(Khalil Gibran)

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Krieg und Liebe - Geschichte ist alles

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.