Berufswunsch: Tyrann

… oder wie ein Orakelspruch Karrieren zerstören kann.

Als Kind wurden wir öfter gefragt, was wir später einmal werden möchten. Oder wir hatten selbst schon Ideen wie unsere Traumjobs aussehen könnten. In meiner Kindheit gängige Antworten lauteten Feuerwehrmann, Krankenschwester, Polizist oder Ballerina. Heute werden die Antworten der Kinder etwas anders ausfallen. Ganz weit oben dabei sind mit Sicherheit Fußballprofi, Supermodel oder Internetstar. Die Zeiten ändern sich und somit auch die Wünsche der Kinder. Gott sei Dank gibt es mehr als die oben erwähnten Berufsbilder. Aber weder heute noch vor 20 Jahren hätte man als Antwort: „Ich möchte Tyrann werden!“ gehört. Heute wird ein Mann Thema des Blogs sein, der zwar bereits als Sportler große Erfolge erzielt hatte, aber dennoch eine Karriere als Tyrann anstrebte. Sein Name ist Kylon aus Athen und er war ein Olympionike im Wettlauf aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 640 v. Chr.. Wie wir bereits wissen, bringt ein Sieg bei den Olympischen Spielen in der Antike einen Haufen von Vorteilen und Privilegien mit sich. Doch das alles schien Kylon nicht genug zu sein. Er hatte sich in den Kopf gesetzt eine Tyrannis in seiner Heimatstadt zu errichten. Hintergrund waren vor allem soziale Konflikte wie eine Krise des Adelsstandes, welche sich im letzten Drittel des 7. Jhdt. v. Chr. ihre volle Wirkung entfalteten.

Hier noch ein paar ganz wichtige Hinweise zu der Tyrannis in der griechischen Antike. Unter dem Begriff „Tyrannis“ in seinem ursprünglichen Sinn sagt nur etwas über die Art der Herrschaftsübernahme – nämlich mit Gewalt – aus. Es bedeutet aber nicht, dass die Tyrannen in den verschiedenen griechischen Polis gewaltsam geherrscht haben. Vielerorts kam es zu einer regen Bautätigkeit, einem Wirtschaftsaufschwung und Aufblühen der Kultur. Meistens konnte diese Art der Machtübernahme in sozialen Krisenzeiten, unterstützt von unzufriedenen Gruppen, stattfinden. Die griechische Tyrannis gab es zum Beispiel in Korinth, Megara oder Naxos.

Wenn man im antiken Griechenland eine Veränderung in seinem Leben plante oder ein großes Projekt (z.B. Gründung einer Kolonie) in Angriff nahm, war man gut beraten, wenn man sich einen Orakelspruch aus Delphi einholte. Dieses dem Gott Apollon geweihte Orakel hatte allerdings des öfteren die Angewohnheit, eher zweideutig Antworten zu geben. König Kroisos kann davon ein Lied singen, doch von ihm hören wir ein anderes Mal. Auch Kylon begab sich voller Vorfreude nach Delphi, nachdem er den Plan gefasst hatte, die Macht in Athen zu ergreifen. Das Orakel gab Kylon auf seine Frage, wann er sein Vorhaben, eine Tyrannis in Athen zu errichten, in die Tat umsetzen sollte, als Antwort, dass während des höchsten Festes zu Ehren von Zeus die Zeit günstig für seinen Plan wäre. Kylon als Olympionike war der Meinung, das höchste Fest des Zeus seien die dem Gott geweihten Olympischen Spiele.

Kylon setzte sein Vorhaben dem Orakelspruch gemäß in die Tat um und machte sich während der nächsten Olympien daran die Akropolis, die Burg von Athen, zu erstürmen. Hilfe erhielt er von seinem Schwiegervater Theagenes, seines Zeichens Tyrann von Megara. Man muss aber wissen, dass die Akropolis nicht so einfach zu erklimmen war. Als Tourist geht das heute vergleichsweise einfach, man muss sich nur geduldig in die Schlange von BesucherInnen einreihen. Zu Kylons Zeit waren auf der Akropolis Truppen stationiert, die den Burgberg gegen die Angreifer verteidigten. Kylon gelang es nicht diesen Widerstand zu brechen und er musste sich zurückziehen. Er floh mit seinen Gefolgsleuten in den Tempel der Stadtgöttin Athene. Damit standen sie unter dem Schutz einer Gottheit und durften nicht getötet werden. Den würden sie auch brauchen können, denn unter der Führung der Alkmeoniden, einer der mächtigsten Adelsfamilien in Athen, erstürmten bewaffnete Gegner von Kylon die Akropolis und kamen zu dem Tempel der Athene.

Die Akropolis von Athen

Die Akropolis von Athen

Was nun folgte, ging als „Alkmeonidenfrevel“ in den griechische Geschichte ein. Kylon hatte sich bereits klammheimlich aus dem Staub gemacht und seine Gefolgsleute im Stich gelassen. Ohne darauf zu achten, dass die Anhänger von Kylon unter dem Schutz einer Gottheit standen, wurden sie von den Altären weggezerrt und ermordet. Dieses Sakrileg ereignete sich entweder im Jahr 636 v. Chr. oder auch 632 v. Chr. (die Jahre der beiden nächsten Olympischen Spiele) und lastete noch lange Zeit auf der Familie der Alkmeoniden. Megakles, der Anführer der Aktion, musste unverzüglich ins Exil gehen, so schwer wog der begangene Frevel. Auch Mitglieder späterer Generationen dieser Adelsfamilien waren von der Tat ihres Vorfahren betroffen.

Man fragt sich nun, was ist bei der ganzen Aktion falsch gelaufen. Kylon hatte an alles gedacht. Als Olympionike genoss er große Beliebtheit und hatte durchaus Einfluss. Auch an den Orakelspruch hatte er sich gehalten. Der antike Historiker Thukydides gibt an, dass genau darin der Fehler von Kylon gelegen hat:

„[…] und da er das Orakel in Delphi befragte, lautete der Wahrspruch des Gottes, am Hochfest des Zeus solle er die Akropolis von Athen besetzen. Nun bot er seine Freunde auf und Verstärkung von Theagenes, und als die Olympien im Peloponnes gekommen waren, besetzte er die Burg, um sich zum Tyrannen aufzuwerfen, und meinte, die sei das größte Zeusfest und passe zu ihm, dem Olympiensieger. Ob aber nicht in Attika oder sonstwo das größte Fest gemeint war, überlegte er nicht mehr, und der Götterspruch schwieg darüber.“ (Thuk. 1,126)

Thukydides von Athen (Royal Ontario Museum, Toronto)

Thukydides von Athen (Royal Ontario Museum, Toronto)

In Athen und Umgebung verehrte und feierte man den Gott Zeus durch das Fest der Diasien. Kylon, der sich laut Thukydides für regionale Traditionen wenig interessierte, beging also einen gravierenden Denkfehler. Der Möchtegern-Tyrann entschied sich für das falsche Fest. Das Orakel von Delphi konnte durch die, für es so typische, schwammige Formulierung seine Hände in Unschuld waschen. Denn wenn der Fragende den Spruch falsch deutete und die wahre Bedeutung nicht erkannte, dann war es nicht die Schuld des „unfehlbaren“ Orakels.

Aus diesem Grund sollte man sich gut überlegen, was man einmal werden möchte. Kylon wäre gut beraten gewesen, wenn er einfach ein erfolgreicher Sportler geblieben wäre. Doch seinen Wunsch nach mehr, musste zwar nicht Kylon selbst, aber seine Anhänger mit dem Leben bezahlen.

Verlassen wir nun das antike Athen und unseren Möchtegern-Tyrannen Kylon. In der nächsten Woche kommen alle Fans von Kriminalliteratur auf ihre Kosten.

 „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“ (Sokrates)

 

 

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Irdene Stimmzettel - Geschichte ist alles

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.