Immer der Muschel nach!

… oder warum auch die Menschen im Mittelalter einen Reiseführer nötig hatten.

Wandern und Bergsteigen liegen im Trend. Unzählige Höhenmeter werden von Sportlern weltweit überwunden. Menschen suchen das Extreme, um an ihre Grenze zu gehen und um sich selbst etwas zu beweisen. Das liegt scheinbar in unserer Natur. Einige wenige setzen sich beispielsweise zum Ziel alle Achttausender zu bestiegen oder auf den Gipfeln der höchsten Berge jedes Kontinents zu stehen. Andere wiederrum wollen nur von den höchsten Erhebungen ihres Heimatlandes auf die Erde hinunterblicken. Manche nutzen die körperliche Betätigung um zu sich selbst zu finden und etwas von der Welt zu sehen.

Doch nicht nur die Höhe hat es uns angetan, auch die Weite. Eine der beliebtesten, aber auch ältesten Weitwanderrouten ist der Jakobsweg. Mehrere Tausend Pilger aus aller Welt treten pro Jahr den Weg zum vermeintlichen Grab des Apostels Jakobus (span. Santiago) an. In den letzten Jahren wurde auch ich mit diesem Phänomen konfrontiert, obwohl ich selbst mich noch nicht auf den Jakobsweg begeben habe. Damit meine ich nicht die Einlassungen in Form einer Jakobsmuschel, die an den Kirchenwänden zu sehen sind, die Stationen auf dem Jakobsweg darstellen. Nein, ich meine eher die zahlreichen Berichte und Diavorträge von Menschen, die einem von ihrem einzigartigen Erlebnis erzählen wollen. Man erfährt detailliert – ob man will oder nicht – wo sie geschlafen haben, wen sie alles getroffen haben oder wieviele Blasen sie am kleinen Zeh hatten. Also habe ich mich auch etwas mit dem Jakobsweg beschäftigt.

Santiago Peregrino an der Turmfassade der Kathedrale (Wegner, Wandern auf dem Spanischen Jakobsweg, DuMont, 1999)

Santiago Peregrino an der Turmfassade der Kathedrale (Wegner, Wandern auf dem Spanischen Jakobsweg, DuMont, 1999)

Die Geschichte führt uns zunächst einige Jahrhunderte zurück in die Zeit kurz nach dem Tod von Jesus aus Nazareth. Wie aus dem Religionsunterricht bekannt sein dürfte, gab es einige enge Vertraute von Jesus, die als „Jünger“ bezeichnet werden. Einer davon war Jakobus der Ältere und er gehörte zu denjenigen, die Jesus als erste nachfolgten. Laut verschiedenen Stellen aus den Evangelien zählte Jakobus zum „Inner Circle“ wie man heute sagen würde. Nach dem Tod von Jesus wurde auch Jakobus im Jahr 44 durch Enthauptung hingerichtet. Seine sterblichen Überresten sollen auf wundersame Weise mit Engeln und allem was dazu gehört nach Spanien gelangt sein.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela (pixabay.com)

Die Kathedrale von Santiago de Compostela (pixabay.com)

Diese Geschichte ist jedoch alles andere als gesichert und gehört ins Reich der Mythen. Durch ein weiteres Wunder – wie in der Legende berichtet wird – soll es dort zur Bekehrung der einheimischen Königin Lupa und zur Errichtung und Weihung einer Kirche für den Apostel Jakobus gekommen sein. Es existieren noch weitere Legenden rund um den hl. Jakobus und seinen Weg nach Spanien. Scheinbar geriet der Ort in Vergessenheit und wurde erst im 9. Jahrhundert wieder als das Grab des Apostels Jakobus identifiziert. König Alfons II. gab den Auftrag eine Kapelle über dem Grab zu errichten und bereits einige Jahrzehnte darauf wurde der Bau einer Kirche von Alfons III. angeordnet. Rund um die heutige Kathedrale siedelten sich Menschen an und der Ort Santiago de Compostela entstand. Gleichgültig ob nun die sterblichen Überreste von Jakobus in diesem Grab liegen oder nicht, die Menschen glaubten daran und pilgerten dorthin.

Heute kann man sich – bevor man den beschwerlichen Weg nach Santiago de Compostela antritt – mit Informationen bestens versorgen. Bücher, Reiseführer, Berichte, aber auch das Internet stehen einem zur Verfügung. Doch wie war es in früheren Zeiten? Auch dort gab es so etwas wie einen Reiseführer für Pilger. Um 1140 entstand das „Liber Sancti Jacobi“, das sich als hilfreiche Informationsquelle für die damaligen Pilger darstellte. Es wird auch als „Jakobsbuch“ oder „Codex Calixtinus“ bezeichnet. Man erfährt daraus nicht nur, welchen Weg man gehen sollte oder in welchen Kirchen man einkehren konnte. Nein, es wurden dem Pilger auch Wundergeschichten rund um den Jakobsweg, darunter auch die Erzählung von der Überführung der Gebeine des Apostels nach Spanien, geboten. Des Weiteren findet man noch Lieder und Gesänge in dem Buch.

Die Jakobsmuschel als Wegweiser des Jakobsweges (pixabay.com)

Die Jakobsmuschel als Wegweiser des Jakobsweges (pixabay.com)

Die damaligen Pilger unterschieden sich also nicht von den heutigen. Denn wer will nicht wissen, wo er schlafen und essen kann bzw. ab und zu eine spannende Geschichte über den Ort lesen, den er/sie gerade besucht. Santiago des Compostela entwickelte sich zum drittbedeutendsten Pilgerort nach Rom und Jerusalem der mittelalterlichen Epoche.

Das „Liber Sancti Jacobi“ wurde über die Jahrhunderte in der Kathedrale in Santiago de Compostela verwahrt, bis es im Jahr 2011 gestohlen wurde. Nur ein Jahr später konnte es wiederbeschafft werden.

Falls jemand auf den Geschmack gekommen sein sollte und sich gerade überlegt, selbst einmal auf dem Jakobsweg zu wandern, dem kann ich nur viel Vergnügen wünschen. Also raus aus dem Internet oder dem Diavortrag und rein in die Wanderschuhe. Frei nach dem Motto: „Immer der Muschel nach!“

Alle, die nächste Woche nicht am Wegrand sitzen und ihre Blasen an den Füßen zählen, werden erleben, dass auch ein Kaiser nicht immer bevorzugt wird.

„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ (Aurelius Augustinus)

 

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  1. Den Jakobsweg zu gehen würde mich schon reizen. Aber dort ist es ja so heiss. Und im Winter regnet es bestimmt….
    aber schön, dass sich schon damals jemand Gedanken um die Wünsche und Fragen der Reisenden gemacht hat. Sehr vorbildlich, wie ich finde.

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