Erzherzog bevorzugt

… oder warum Kaiser Franz II./I. nicht am Grazer Hauptplatz stehen darf.

Fast jeder kennt das Kartenspiel „Schnapsen“. Dort ist die Hierarchie der, oft mit adeligen Titel versehenen, Karten klar definiert. Normalerweise ist das auch in der realen Welt des Adels so. Ein Kaiser kommt natürlich vor einem Erzherzog sollte man meinen. Nur in Graz ist das nicht immer so.
Nachdem ich frisch in die Mur-Metropole gezogen war, versuchte ich so oft wie möglich die Stadt zu erkunden. Naturgemäß war ich vor allem an der Geschichte interessiert.

Statue von Erzherzog Johann am Grazer Hauptplatz (eig. Quelle)

Statue von Erzherzog Johann am Grazer Hauptplatz (eig. Quelle)

Am Hauptplatz sieht man sofort einen Brunnen inklusive Statue in der Mitte stehen. Man nähert sich neugierig an, um zu sehen, wen die Figur darstellt. In Graz handelt es sich um Erzherzog Johann. Gut, dachte ich mir, auch interessant. Aber mehr auch nicht. Zu meiner Verteidigung muss ich dazu sagen, ich bin gebürtige Oberösterreicherin und wir haben mit Erzherzog Johann so gut wie nichts am Hut. In der Steiermark ist er – wie ich noch erfahren würde – quasi ein Nationalheiliger.
Also weiter ging‘s durch die Straßen und Gässchen von Graz. So kam ich auf den etwas weniger zentral gelegenen und nicht so gut frequentierten Freiheitsplatz. Auch dort eine Statue mit einem historisch bedeutenden Menschen. Zu meiner Verblüffung musste ich damals feststellen, dass es sich hierbei um den bereits in einem Beitrag erwähnten Kaiser Franz II./I. handelt. Verwirrung machte sich breit. Ein Kaiser wird auf diesen unscheinbaren abgelegenen Platz verbannt, während es sein Bruder, der Erzherzog, auf den zentralen Hauptplatz geschafft hatte. Dafür mussten die Grazer einfach Gründe haben.

 

Statue von Kaiser Franz II./I. am Freiheitsplatz in Graz (eig. Quelle)

Statue von Kaiser Franz II./I. am Freiheitsplatz in Graz (eig. Quelle)

Nun die gibt es auch. Wenn man in Graz wohnt, dann verfolgt einen der Name Erzherzog Johann nahezu. Es gibt ein Erzherzog Johann Hotel, einen Joanneum Ring, das Universalmuseum Joanneum, die Fachhochschule Joanneum, das Joanneum Research usw. Auch extra kreierte „Erzherzog Johann Kugeln“ dürfen nicht fehlen. Auch während meines Studiums kam ich nicht an Erzherzog Johann und seinen zahlreichen philanthropischen Taten für die Steiermark vorbei. Hier ein Auszug der Reformen des Habsburgers mit dem Herz für die grüne Mark. Er legte nicht nur den Grundstein für die Steirische Landesbibliothek, das Steierische Landesarchiv oder den Vorläufer der TU Graz. Erzherzog Johann veranlasste auch die Gründung der Steiermärkischen Sparkasse sowie der Vorgänger Institution der Montanuniversität Leoben. An diesen ausgewählten Beispielen zeigt sich die rege Reformtätigkeit von Erzherzog Johann deutlich.
Von einigen steirischen Freunden und Bekannten wurde mir versichert, dass Erzherzog Johann schon in der Volksschule ein großes Thema gewesen sei. Mir persönlich war er nur durch die Geschichte mit Anna Plochl bekannt. Erzherzog Johann heiratete die bürgerliche Postmeistertochter. Das war’s allerdings für ihn und seine Nachfahren mit den Chancen auf den Thron. Doch Franz II./I. hatte ein Einsehen und bewirkte, dass Anna Plochl in den Adelsstand erhoben wurde. Die Nachfahren von Erzherzog Johann trugen den Titel „Graf von Meran“ und tun es auch heute noch.
Jetzt ist vielleicht allen Nicht-Steirern unter der Leserschaft klar, warum Erzherzog Johann auf dem Hauptplatz von Graz thronen darf und Kaiser Franz II./I. auf den Freiheitsplatz abgeschoben wurde. Zu mehr reicht es halt nicht, nur weil man der Gattin des Nationalheiligen einen Adelstitel verschafft hat. Da muss man schon mehr leisten!

Von zwei diesen beiden blaublütigen Österreichern geht es nächste Woche über den Atlantik zu einem Ort mit zahlreichen berühmten Persönlichkeiten an einem Fleck.

„Die meisten Denkmäler sind hohl.“ (Stanislaw Jerzy Lec)

 

 

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  1. juhu, ein Steinermark Post! 🙂
    ja, der Erzherzog Johann ist hier schon sehr berühmt, und ich war auch eine derjenigen, die schon in der Volksschule von ihm gehört haben. Allerdings ist er ja nicht nur hier, sondern eigentlich in der ganzen Steiermark so berühmt. Besonders in der Obersteiermark findet man selten ein Dorf in dem nicht irgendwie (sei es durch ein Denkmal, mindestens aber durch eine Gedenktafel) an ihn erinnert wird. Ich glaube er hatte die Steiermark einfach sehr gern, wollte etwas dafür tun und hatte zum Glück durch seine Position auch die Möglichkeit dazu. Ausserdem scheint er ein volksnaher und charakterstarker (man denke an seine Heirat) Mann gewesen zu sein, das haben die Leute ihm gedankt.
    Gibt es bei euch in Oberösterreich niemand vergleichbaren, der sich so für die Region eingesetzt hat?

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