Die Stadt nach Plan

… oder warum man nicht immer einen Palast braucht.

Der Umstand, dass Indien zu den bevölkerungsreichsten Staaten weltweit gehört, ist für uns nichts Neues mehr. Ca. 1,2 Mrd. Menschen leben in der indischen Bundesrepublik, allerdings keineswegs gleichmäßig verteilt. Aus diesem Grund findet man in Indien riesige Städte mit Einwohnerzahlen, die wir uns kaum vorstellen können. Alleine in Neu-Delhi, der Hauptstadt Indiens, leben ungefähr 11 Mio. Menschen, im wirtschaftlichen Zentrum Mumbai, dem früheren Bombay, sogar ca. 12,5 Mio. Doch sollte man jetzt denken, dass der indische Subkontinent nur zur gegenwärtigen Zeit über große Städte verfügt hat, dann täuscht man sich. Bereits in der Antike kannte man städtische Zentren mit beeindruckenden Einwohnerzahlen. Dazu zählt Mohenjo Daro. Noch nie davon gehört? Dann wird es Zeit.

Das Indusgebiet (Quelle: Weiler, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, S. 30)

Das Indusgebiet (Quelle: Weiler, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, S. 30)

Ab der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. entstand im heutigen Pakistan die Induskultur am gleichnamigen Fluss, hervorgegangen aus der „Frühen Induskultur“ (4. Jahrtausend v. Chr.). Mohenjo Daro war – neben der Stadt Harappa – eines der Zentren dieser Kultur. Es existieren noch drei weitere große Städte – Dholavira, Ganweriwala und Kalibangan. Mohenjo Daro gehört seit 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Während ihrer Blütezeit (2.500-2.000 v. Chr.) dehnte sich die Induskultur immer weiter in die angrenzenden Gebiete aus. Im Jahr 1922 entdeckten britische Archäologen, allen voran Sir John Marshall, diese Kultur und begannen mit der Erforschung. Die Sprache der Induskultur umfasste ungefähr 400 Zeichen und ist auf Siegeln überliefert. Einige dieser Siegel sind im British Museum in London ausgestellt. Entziffert konnte die Sprache noch nicht werden. Zwischen der Induskultur und den mesopotamischen Reichen dieser Zeit bestanden rege Handelsverbindungen. Vor allem Flüsse und das Meer waren von Bedeutung des Handels mit Zinn, Lapislazuli, Beryll oder Elfenbein. Die Induskultur hatte offenbar auch eine Technik hervorgebracht, durch die Karneol (Quarz zur Herstellung von Schmucksteinen) chemisch gebleicht wurde.

Die Stadt Mohenjo Daro liegt ca. 40 km südlich von der pakistanischen Stadt Larkana. Hinsichtlich der Einwohnerzahlen liegen die Schätzungen der Forscher zwischen 30.000 und 40.000 Menschen. Das mag für heutige Verhältnisse nicht sehr viel erscheinen, ist aber eine enorme Zahl für das 3. Jahrtausend v. Chr. Interessant an Mohenjo Daro ist vor allem wie die Stadt angelegt ist. Die Straßen sind rechtwinkelig zueinander angelegt und verlaufen regelmäßig, ähnlich wie New York. Dabei orientiert sich die Laufrichtung der Straßen nach den vier Himmelsrichtungen. Bei der Ausgrabung fand man eine beachtliche Stadtmauer, mehrstöckige Häuser, Wasserleitungen zu vielen Wohnhäusern sowie Abwasserkanäle. Des Weiteren existieren Getreidespeicher und administrative Gebäude.

Ruinen von Mohenjo Daro (http://de.wikipedia.org/wiki/Mohenjo-Daro)

Ruinen von Mohenjo Daro (http://de.wikipedia.org/wiki/Mohenjo-Daro)

Eine ungefähr 60×30 m große Anlage wird von der Forschung als „Großes Bad“ bezeichnet. Alles in Mohenjo Daro ist sorgfältig geplant und mit System ausgetüftelt worden. Alle Bauten sind aus gebrannten Ziegeln errichtet worden und insgesamt liegt die gesamte Stadt auf einer künstlich angelegten Plattform. Neben allen diesen Gebäuden fand man noch kleinere Artefakte wie bemalte Frauen- und Tierfiguren aus Ton, Gegenstände aus Bronze und Kupfer sowie Goldschmuck.

Wenn man so überlegt, alles da was eine Stadt so braucht, oder? Nicht ganz: Anders als bei anderen Hochkulturen konnten bei der Ausgrabung von Mohenjo Daro keinerlei Tempel, Paläste oder andere herrschaftliche Bauten ausgemacht werden.

Das Ende der Induskultur und damit auch von Mohenjo Daro ist bis heute nicht vollständig geklärt. Seit ungefähr 1.500 v. Chr. wanderten von Nordwesten die Arier nach Indien ein. Mit der Zeit dehnte sich ihre Herrschaft auch über das Gebiet der Induskultur aus. In der Forschung findet man aber noch andere Gründe für das Ende der Induskultur: Verschlechterung des Klimas oder Naturkatastrophen wie Überschwemmungen könnten für den Zusammenbruch dieser Zivilisation verantwortlich sein.

Wandern wir in Gedanken noch einmal durch die sorgfältig geplanten Straßen von Mohenjo Daro. Nächste Woche wenden wir uns Schweinen mit einer ganz besonderen Fähigkeit zu.

„Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ (Friedrich Dürrenmatt)

0 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. noch nie gehört! 😀 danke fuer die Information, ich lerne immer wieder gerne was neues.
    Aber eine Kultur ohne Herrscherpaläste bzw. Kultstätten ist schon was Besonderes. Oder man hat sie einfach noch nicht entdeckt..

  2. Mohenjo Daro war kurz mal Thema in der Schule und mir gefällt der Name auch einfach gut. Ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
    Weiß nicht, ob sich in der letzten Zeit etwas bezüglich der fehlenden Kultbauten ergeben hat. Wenn ja, wird es gepostet.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.