Massenhaft Ton

… oder warum in Xi’an so mancher Scherbenhaufen zu finden ist.

Irgendwann in der Schulzeit wurde fast jeder von uns im Bastelunterricht mit dem Werkstoff Ton bekannt gemacht. Vorzugsweise meistens vor Weihnachten oder Muttertag, damit man seinen Lieben etwas Selbstgebasteltes schenken konnte. Nach mühevoller, stundenlanger Arbeit hatte man den Ton endlich in Form gebracht. Danach kam noch der Vorgang des Brennens und Glasierens. Gerade noch rechtzeitig zum Feiertag konnte man seine Werke bewundern: kreativ gestaltete Vasen, die niemals gerade genug stehen würden, um Blumen hineinzustellen oder Aschenbecher für die Eltern, die eigentlich gar nicht rauchen sowie Kaffeebecher mit undichten Stellen. Gott sei Dank wurde das Arbeiten mit Ton sowie die Töpferei über Jahrtausende lang immer wieder weiterentwickelt und verbessert. Auch die Massenproduktion von Tonwaren ließ nicht lange auf sich warten.

Teil der Terracotta-Armee (Quelle: Baumann, Weltkulturerbe, S. 74)

Teil der Terracotta-Armee (Quelle: Baumann, Weltkulturerbe, S. 74)

Eines der frühesten Zeugnisse von Tonprodukten im großen Stil finden wir in China im 3. Jahrhundert v. Chr. Die Rede ist von der Terracotta-Armee im Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huangdi ( lebte von 269-210 v. Chr.). Viele kennen die Bilder von zahlreichen Soldaten aus Terracotta, die in Reihen angeordnet im Grabmal aufgestellt sind. Die letzte Ruhestätte des Kaisers liegt ungefähr 36 km nordöstlich der Stadt Xi’an in Zentralchina. Die Gesamtfläche des Grabmals beträgt ca. 2,5 km² und die Anlage liegt in einem 50 m hohen Hügel. Über 7.200 Soldaten inklusive 600 Pferdestatuen und 100 Streitwagen aus Bronze bewachen das Mausoleum von Kaiser Qin Shi Huangdi. Warum ließ der Kaiser soviele Terracotta-Soldaten in seinem Grab aufstellen?

 

Moderne Statue des Kaisers Qin Shi Huangdi vor dem Museum (Quelle: Wikipedia)

Moderne Statue des Kaisers Qin Shi Huangdi vor dem Museum (Quelle: Wikipedia)

Der eigentliche Name des Kaisers lautete Ying Zheng. Sein Vater Zichu (später Zhuangxiang) war der Sohn des Königs von Qin und seine Mutter eine Konkubine. Als sein Vater 247 v. Chr. starb, übernahm ein Vormund einige Jahre die Staatsgeschäfte für den noch unmündigen späteren Kaiser von China. Auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China befanden sich zum damaligen Zeitpunkt mehrere miteinander konkurrierende Reiche. In den folgenden Jahren vergrößerte Qin Shi Huangdi durch zahlreiche Feldzüge sein Reich, bis alle anderen Herrschaftsgebiete unter seiner Kontrolle waren. Im Jahr 221 v. Chr. war die Reichseinigung abgeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt legte er auch seinen Geburtsnamen endgültig ab und nannte sich Qin Shi Huangdi. Als Begründer der Qin-Dynastie nahm er auch als erster Herrscher Chinas den Titel „Kaiser“ an. Xi’an wurde die Hauptstadt seines Reiches und das Gebiet wurde in Kommandanturen und Landkreise eingeteilt. Weiters kam es zu einer Vereinheitlichung der Schrift sowie des Münz- und Maßsystem. Auch das Straßennetz wurde unter Qin Shi Huangdi weiter ausgedehnt. Allerdings erfolgten unter seiner Herrschaft auch gewaltsame Umsiedlungen der Bevölkerung und Rekrutierung von Zwangsarbeitern. Diese wurden vor allem beim Ausbau der Chinesischen Mauer sowie beim Bau des Mausoleums eingesetzt.

Plastik aus dem Mausoleum des Kaiser Qin Shi Huangdi (Quelle: Matz, Die 1000 wichtigsten Daten der Weltgeschichte, S. 15)

Plastik aus dem Mausoleum des Kaiser Qin Shi Huangdi (Quelle: Matz, Die 1000 wichtigsten Daten der Weltgeschichte, S. 15)

Im ersten Jahr seiner Regentschaft als Kaiser befahl Qin Shi Huangdi mit dem Bau des Mausoleums zu beginnen. Der Kaiser von China fürchtete nichts mehr als den Tod und aus diesem Grund ließ er die bereits erwähnte Terracotta-Armee in seinem Grabmal aufstellen. Sie sollten ihm auch im Jenseits als Schutz dienen. Generell haben die Statuen eine Einheitsgröße von 1,75-1,90 m – also wie vom Fließband. Bemerkenswert ist aber, dass die Soldaten individuelle Mimiken aufweisen sowie unterschiedliche Haartracht, wobei letzteres über ihre Herkunft und gesellschaftliche Position Auskunft gibt. Keine der zahlreichen Statuen gleicht einer anderen. Die bislang freigelegten Terracotta-Soldaten sind wie in der Schlacht nach Vorhut, Hauptarmee und Nachhut gegliedert. Neben einfachen Kämpfern findet man auch Offiziere. Viele der Waffen und andere Artefakte wurden bereits von Grabräubern entwendet. Unglücklicherweise gingen dabei auch – durch die unsachgemäße Behandlung – einige Soldaten zu Bruch.

Der Historiker Sima Qian berichtet davon, dass auf der Decke des Mausoleums der Sternenhimmel abgebildet war und darunter war das „Reich der Mitte“ von Kaiser Qin Shi Huangdi nachgebildet. Sogar Quecksilberströme waren angelegt worden, um die beiden Flüsse Jangtsekiang (Langer Fluss) und Huanghe (Gelbe Fluss) symbolisch darzustellen.

1974 entdeckten Archäologen die Grabanlage von Qin Shi Huangdi und begannen mit der Freilegung des gewaltigen Komplexes. Bereits 1987 wurde das Mausoleum und die Terracotta-Armee des ersten Kaisers von China zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Die Anlage verfügt auch über ein Museum, in dem der zugängliche Teil der Terracotta-Armee ausgestellt ist.

Die Terracotta-Armee im Mausoleum von Qin Shi Huangdi zu besichtigen, steht sehr weit oben auf meiner Wunschliste. Doch das liegt noch in der Ferne. In naher Zukunft steht ein Gegenstand im Mittelpunkt, dessen Bedeutung noch nicht geklärt ist.

 

„Die Grabstätte berühmter Männer ist die ganze Erde.“ (Thukydides)

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