Was bin ich

… oder was eine Scheibe alles sein könnte.

Der September geht dem Ende zu und damit ist für die meisten von uns die Urlaubszeit auch vorbei. Ganz gleich, welchen wunderschönen Ort auf dieser Welt wir bereist haben, wir helfen unserem Gedächtnis durch Fotos und Souvenirs dabei sich zu erinnern. Vor allem letztere haben oft einen großen persönlichen, emotionalen Wert für uns. T-Shirts, Bücher, Handarbeiten, Schmuck oder einheimische Spezialitäten finden den Weg in unsere Koffer und treten mit uns die Rückreise an. Auch ich besitze solche Souvenirs und eines davon ist mein absolutes Lieblingsstück – ein silberner Ring. Natürlich findet man – wie so oft bei meinen Sachen – eine Verbindung zur Geschichte. Der Ring ist dem berühmten Diskos von Phaistos nachempfunden. Man kann dieses historische Objekt in allen möglichen Ausfertigungen an den Schmuckständen auf Kreta erwerben. Als Ohrringe, als Anhänger, in kleinerer Form zusammenhängend als Armkettchen und und und. Passend zu meinem Ring hab ich mir Glasuntersetzer aus Ton im Design des Diskos von Phaistos besorgt.

Der Diskos von Phaistos. Abb. zeigt beide Seiten mit den einzelnen Stempel

Der Diskos von Phaistos. Abb. zeigt beide Seiten mit den einzelnen Stempel

Jeder der schon einmal Leichtathletikwettbewerbe gesehen hat, kennt die Form eines Diskos. Kreisrund und flach, da hat sich seit der Antike nichts geändert. In homerischer Zeit waren die Flugscheiben aus Stein und später dann aus Metall. Eingesetzt wurden sie als Sportgerät beim Weitwurf und es gab unterschiedliche Gewichtsklassen und Größen. Oftmals befanden sich auch Inschriften oder Verzierungen auf so einem Diskos. Was alles passieren kann, wenn man so einen Diskos ins Gesicht geworfen bekommt, haben wir bereits im Mythos von Hyakinthos und Apollon gesehen. Der Diskos von Phaistos hingegen ist weder aus Stein noch Metall, sondern aus Ton. Seine Entstehungszeit wird auf ca. 1750 v. Chr. geschätzt und wurde bei Ausgrabungen in Phaistos auf Kreta gefunden. Somit fällt er in die Epoche der Altpalastzeit oder mittelminoische Phase (1900-1750 v. Chr) auf Kreta. Was bedeutet „minoisch“? Das ist schnell erklärt. Der mit Sicherheit bekannteste Archäologe, der Kreta erforscht hat, ist Sir Arthur Evans. Er benannte die Kultur, die auf Kreta ans Licht kam, nach König Minos aus der griechischen Mythologie.

 

Karte mit den Städten auf Kreta in der klassischen Epoche (Chaniotis, Das antike Kreta, S. 129)

Karte mit den Städten auf Kreta in der klassischen Epoche (Chaniotis, Das antike Kreta, S. 129)

 

Teilansicht der Palastanlage in Phaistos

Teilansicht der Palastanlage in Phaistos

Die Palastanlage von Phaistos gehört zu jenen älteren Palästen auf Kreta ebenso wie Knossos oder Mallia. Zu dieser Zeit bestanden politische sowie wirtschaftliche Kontakte zu anderen antiken Hochkulturen wie Ägypten. Das Ende der Altpalastzeit wurde wahrscheinlich durch ein Erdbeben herbeigeführt. Phaistos liegt im südlichen Teil der Insel auf einer kleinen Anhöhe. Um den Palast herum lagen Wohnhäuser, aber eine Stadtmauer kam erst im Hellenismus hinzu. Bereits 1900 begann man mit Ausgrabungen in Phaistos, die noch nicht endgültig abgeschlossen sind.

Doch nun wieder zurück zum Diskos von Phaistos. Gefunden wurde das gute Stück im Jahr 1908 im Nordostteil des Palastes von Phaistos. Auf beiden Seiten des Fundstückes sind Piktogramme zu sehen. Insgesamt sind es 242 Stück und sie wurden mittels eines Stempels in den Ton gedrückt. Es ist bis heute nicht ganz genau geklärt, welche Funktion der Diskos hatte, in welcher Richtung man die Symbole zu lesen hat bzw. was sie überhaupt bedeuten.

Zum Zweck der berühmten Scheibe gibt es einige Theorien. Manche sehen den Diskos im Dunstkreis der Wahrsagung und Vorausschau, manche wiederum deuten ihn als Sportgerät und wieder andere meinen, es könnte sich um eine Art „Schriftexperiment“ handeln. Interessant finde ich auch jene Theorie, obwohl sie in keiner Weise belegbar ist, wonach der Diskos von Phaistos ein Spielbrett sein soll. Viele Forscher tun diese Theorie als unwahrscheinlich ab, weil sie dem Diskos gerne eine erhabenere Bedeutung beimessen wollen. Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, dass ich nur die Spielbrett-Theorie für richtig halte, nein. Nur bis endgültig bewiesen ist, welche Funktion der Diskos von Phaistos hatte, sollte man jeder Theorie eine Chance geben. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, wo man sie widerlegen kann. Heute befindet sich der Diskos von Phaistos im Archäologischen Museum in Iraklio

Warten wir einmal ab, wieviele Theorien sich noch rund um den Diskos von Phaistos entwickeln werden. In einer Woche wird sich zeigen, dass nicht nur wir Interesse daran haben, was Prominente den lieben langen Tag so machen.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ (Sokrates)

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