Die Prinzessin im Graben

… oder über was man im 18. Jahrhundert so berichtete.

Während meines Studiums nahm ich an einem Forschungsseminar zum Thema „Medien und Nachrichten in der Neuzeit“ teil. Wir sollten herausfinden, ob und wie präsent verschiedene historische Ereignisse in den Medien der vergangenen Jahrhunderte vermerkt waren. Also saßen ein lieber Studienkollege und ich in der Mediathek und quälten uns tagelang durch Berge von Ausgaben der digitalisierten Wiener Zeitung vom Anfang des 19. Jahrhunderts.
Nebendem was wir eigentlich suchten, fanden wir noch andere interessante bzw. lustige Artikel und Annoncen.


Einer meiner Lieblingsbeiträge war eine Werbeanzeige für Krapfen aus dem Jahr 1805, in der dem Kunden die besten Krapfen von ganz Wien angepriesen wurden – 10 Stück zum Preis von 9 Stück. Die richtige Verkaufsstrategie ist einfach alles.
Allerdings erfuhr ich beim Durchforsten der Zeitungsausgaben, dass die Menschen in der damaligen Zeit offenbar ein ebenso großes Bedürfnis nach News aus der Welt der Berühmtheiten und Königshäusern zu haben schienen wie wir heutzutage. Die Leserschaft wurde genauestens darüber informiert, dass der König von England schwer erkrankt war. 1 Monate später berichtete die Zeitung, dass der Monarch auf dem Weg der Besserung sei und bereits wieder beim spazierengehen im Schlosspark gesehen worden war. Die Quelle wurde leider nicht preisgegeben, aber vermutlich ein „Palastbeobachter“ wie es in der heutigen Zeit so schön heißt. Natürlich kann diese Nachricht auch von politischer Bedeutung sein, denn ob in dieser Zeit der Umbrüche und Eroberungsfeldzüge ein Staatsoberhaupt dem Tod nahe ist, fällt ins Gewicht.
Weniger von politischer Bedeutung dürfte eine weitere Nachricht in einer Ausgabe der Zeitung gewesen sein. Die Prinzessin von Braunschweig befand sich auf einer Spazierfahrt mit ihrer Kutsche. Plötzlich kam das Gefährt von der Straße ab und stürzte in den Graben. Wie die Zeitung berichtet, brach sich die Prinzessin das Handgelenk und erlitt einen Schwächeanfall – heute würde man Schock sagen. Was mit dem Kutscher passiert ist bzw. eventuellen weiteren Insassen, wird in der Zeitung nicht thematisiert. Die Unfälle der Promis heutzutage sind zwar entweder spektakulärer oder mit mehr illegalen Substanzen verbunden, aber man kann sehen, dass sich am Bedürfnis der Allgemeinheit nach Klatsch und Tratsch aus der Welt der Reichen und Schönen nichts geändert hat. Die Verbreitung derselben war aufgrund des Fehlens von Facebook, Twitter oder Online-Klatschblättern langsamer und nicht allumfassend. Aber dennoch wurde die Leserschaft mit interessanten Neuigkeiten aus der Welt der damaligen Berühmtheiten versorgt. Der Vorteil der „Prominenten“ damals war, dass sie nicht Angst haben mussten, Nacktaufnahmen oder Vollrauschbilder von ihnen auf einschlägigen Seiten wiederzufinden. Man sieht also, dass es heutzutage nicht rein bei dem Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch bleibt. Das Lesen reicht nicht mehr, man will es kommentieren und seinen nicht immer qualifizierten Senf dazu geben.
Die menschliche Natur hat sich nur wenig geändert. Auch wenn wir Menschen der Gegenwart es uns gerne einreden, so anders waren die Menschen der Vergangenheit nicht. Aber wir dürfen deswegen nicht alles, was wir heute als Norm oder Vorstellung in uns tragen, 1:1 auf die Menschen vergangener Epochen übermünzen.

 

„Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen.“ (Audrey Hepburn)

 

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