Verschollen am Chomolungma

… oder was Noel Odell gesehen hat.

Gestern fand in Graz wie jedes Jahr im November das 26. Internationale Abenteuer- und Bergfilmfestival statt. Auch dieses Mal nahm ich mir die Zeit am Samstag die Filme, die gewonnen hatten, anzuschauen. Gut finde ich, dass es nicht nur die Kategorien Alpinismus und Bergsport gibt, sondern auch Kategorien wie „Natur und Umwelt“ sowie „Menschen und Kulturen“. Da mein Freund ein begeisterter Kletterer, Bergsportler und Landschaftsfotograf ist, habe ich in den vergangenen Jahren viel darüber gelernt. Er hat mir auch mehr über die Geschichte des Alpinismus und des Höhenbergsteigens erzählt. Dabei kommt man an einem Berg nicht vorbei – dem Mount Everest. Schon als Kind war mir der Mount Everest durch die erste Besteigung des Berges ohne Sauerstoff durch Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 ein Begriff. Der höchste Berg der Welt zieht jedes Jahr immer mehr Bergsteiger an. Leider kommt es dabei oft zu tragischen Unfällen. Im April diesen Jahres kamen einige Sherpas, die Routen vorbereiteten, ums Leben. Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit zwei Pionieren der Höhenbergsteigerei, die versuchten den Mount Everest zu bezwingen.

Mount Everest vom Norden her gesehen (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/)

Mount Everest vom Norden her gesehen (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/)

Mit 8.848 m ist der Mount Everest die höchste Erhebung auf unserem Planeten. Den für uns geläufigen Namen erhielt er zu Ehren des Leiters der „Großen Trigonometrischen Vermessung Indiens“ Sir George Everest. Der Berg liegt auf der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Ursprünglich lautete die Bezeichnung für den Berg im Nepalesischen „Sargamatha“ („Stirn des Himmels“) bzw. Qomolangma oder Chomolungma („Mutter des Universums“) auf Tibetisch. Der Mount Everest ist für das Volk der Sherpa ein heiliger Berg. Oben auf dem Gipfel ist der Sitz einer der „5 Schwestern des langen Lebens“ namens Jomo Miyo Lang Sangma. Sie sorgt dafür, dass immer genug Nahrung vorhanden ist. Um Unheil beim Besteigen des Berges abzuwenden, wird bis heute die sogenannte „Puja-Zeremonie“ abgehalten. Am Mount Everest befindet sich auch das Rongpu Kloster, das höchstgelegene Kloster der Welt (4.980 m).

George Mallory

George Mallory

Anfang des 20. Jahrhunderts begannen vor allem die Briten, die sich ja in diesem Teil der Welt in ihrer Funktion als Kolonialherren aufhielten, den Mount Everest – nachdem sie ihn vermessen hatten – zu erkunden. Ein Name, der dabei immer wieder auftaucht, ist George Herbert Leigh Mallory (1886-1924). Dieser Herr war ein Extrembergsteiger und Kletterer. Bereits 1922 war er an einer Expedition zum Mount Everest beteiligt. Man wollte einen Weg über den Nordgrat hinauf auf den Gipfel finden. Warum gerade vom Norden aus, fragt man sich? Zu dieser Zeit war es Ausländern nicht gestattet nach Nepal zu reisen, also musste man über die tibetische Seite versuchen hinaufzukommen. Für Großbritannien war es von essenzieller Bedeutung als erste am Gipfel des Mount Everest zu stehen. Der Berg wurde oft als der „3. Pol“ bezeichnet. Bei dem Wettlauf zum Südpol 1911 hatten die Briten bereits den kürzeren gezogen. Doch zurück zu Mallory und ins Jahr 1922. Diese Expedition musste aufgrund von Todesfällen abgebrochen werden.

1924 erhielt Mallory bei den Olympischen Spielen in Charmonix als erster den „Prix olympique d’alpinisme“. Im gleichen Jahr startete auch die zweite Expedition, die den Gipfel des Mount Everest zum Ziel hatte. Mit von der Partie war auch Mallory. Unter der Leitung von Charles G. Bruce errichtete man mehrere Lager auf verschiedenen Höhen. Lager VI lag beispielsweise auf 8.140 m. Zwei Versuche, den Berg zu bezwingen, scheiterten. Am 8. Juni wollten Mallory und sein junger Partner Andrew Irvine einen dritten Versuch von Lager VI aus starten. Noel Odell, ein Geologe und Mitglied der Expedition, sah die beiden noch bei ihrem Aufstieg auf einer Höhe von ca. 8.500 m. Danach verschwanden die beiden Bergsteiger in einer Nebelwolke. Odell stieg selbst noch zum Lager VI hinauf, um etwas über den Verbleib von Mallory und Irvine herauszufinden. Aufgrund eines aufziehenden Schneesturms musste er die Suche abbrechen. Die beiden waren spurlos verschwunden und auch am nächsten Tag konnte man Mallory und Irvine nicht finden. Die Suche wurde abgebrochen und das Expeditionsteam kehrte zum Lager I auf 5.500 m zurück. Odell war der letzte Mensch, der die beiden lebend gesehen hatte. George Mallory und Andrew Irvine wurden zu Nationalhelden erklärt und erhielten einen Gedenkgottesdienst, dem sogar der englische König George V. beiwohnte. Berühmt wurde auch die Antwort von Mallory auf die Frage hin, warum er den Mount Everest besteigen wollte: „Because it is there.“

Unklar ist, ob Mallory und/oder Irvine den Gipfel des Mount Everest erreicht haben. Man versuchte in den darauffolgenden Jahren Beweise dafür zu finden. 1933 beispielsweise entdeckte man den Eispickel von Irvine und aufgrund der Fundstelle begannen die Spekulierungen über einen möglichen Gipfelsieg. Man hoffte, dass die Leichen der beiden Bergsteiger Auskunft darüber geben konnten, was am 8. Juni 1924 geschehen war. 1986 startete die erste Suchexpedition, die allerdings erfolglos blieb. Erst im Jahr 1999 konnte die Leiche von George Mallory aufgefunden, geborgen und identifiziert werden. Sie befand sich auf 8.155 m und Verletzungen am Kopf und an einem Bein waren deutlich zu erkennen. Weiters entdeckte man die Sauerstoffflaschen und versuchte am damaligen Standpunkt von Noel Odell die Situation bezüglich der Sicht nachzustellen. Interessant war, dass sich bei der Leiche von George Mallory das Foto seiner Ruth, welches er auf dem Gipfel ablegen wollte, nicht mehr befand. Der Körper von Andrew Irvine liegt bis zum heutigen Tag in den eisigen Höhen des Chomolungma.

Der Mount Everest wurde erst am 29.5.1953 von Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay bezwungen. Es existiert ein Foto von Norgay, der auf dem Gipfel der „Mutter des Universums“ steht. Die beiden fanden auch keine Hinweise dafür, dass Mallory es beim Rennen um den Gipfelsieg am „3. Pol“ erfolgreich gewesen wäre. 1995 bestieg doch noch ein Mallory erfolgreich den Mount Everest über den Nordgrat, nämlich der Enkel George Mallory II.

Bis heute konnte nicht einwandfrei geklärt werden, ob Mallory den Mount Everest bezwungen hatte oder nicht. Vielleicht bringen weitere Funde neue Erkenntnisse, denn immer mehr Menschen wagen den gefährlichen Weg hinauf auf 8.848 m. Die zahlreiche Leben, die der Mount Everest fordert, wird durch die kleinen Gedenkpyramiden aus Stein vor Ort verdeutlicht.

Verlassen wir nun das eisige Grab von George Mallory und Andrew Irvine am Chomolungma. Nächste Woche schauen wir uns eine ganz besondere berufliche Laufbahn an.

Der Weg ist das Ziel. (Konfuzius)

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  1. oh ein cooles Thema! ich schau mir ja Dokus über den Everest wirklich gerne an (also, wenn halt nicht grade ein Dutzend Einheimischer dabei umkommt 🙁 …) und hoffe ja, dass man Irvine irgendwann noch findet, es gibt ja immer wieder Expeditionen, die das versuchen.
    Interessant fand ich eine Expedition, wo sie einen bekannten Kletterer dazu eingeladen hatten mitraufzukommen und dann oben zu versuchen den 3. step ohne Sauerstoff und mit der Ausrüstung von Mallory und Irvine (nachempfunden halt) zu überwinden… wenn ich mich recht erinnere, hat ers grade mal so geschafft. Und meinte dann wenn man bedenkt, dass die beiden ja aufgrund der schlechten Ausrüstung und Wetters bestimmt in schlechterer Verfassung waren als er bei seinem Versuch, dann hält ers für unwahrscheinlich. Aber was weiss man!

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