Erzähl mir was vom Zauberpferd

… oder wie man einen Mann 12012 Stunden unterhalten kann.

Jeder mag Geschichten. In unserer Kindheit werden uns Märchen als Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, an die wir uns noch als Erwachsene erinnern. Namen wie „Dornröschen“, „Hänsel und Gretel“ oder „Schneewittchen“ kommen einem – den Gebrüdern Grimm sei Dank – dabei in den Sinn. Aber wir kennen auch Erzählungen aus anderen Kulturkreisen wie z.B. Ali Baba und die 40 Räuber. Diese Geschichte stammt aus einer der berühmtesten Sammlungen von Erzählungen der Welt: „Tausendundeine Nacht“.

1001 Nacht in A. Gallands Handschrift in der Bibliotheque national de France (Quelle: Wikicommons)

1001 Nacht in A. Gallands Handschrift in der Bibliotheque national de France (Quelle: Wikicommons)

Die Handlung des Buches kennt fast jeder. König Schahrayâr, der in einem Land zwischen Indien und China herrscht, wird von seiner Frau betrogen. Völlig verbittert lässt er sich Nacht für Nacht eine neue Jungfrau in sein Schlafzimmer bringen, die er am nächsten Morgen hinrichten lässt. Scheherazade, die Tochter des Wesirs, begibt sich freiwillig für eine Nacht zum König. Schlau wie sie ist, erzählt sie dem König eine Geschichte, die sie genau an der spannendsten Stelle unterbricht. Ein klassischer Cliffhänger! Da Schahrayâr sie unbedingt zu Ende hören will, begnadigt er Scheherazade für eine Nacht. Die Situation wiederholt sich Nacht für Nacht, bis 1001 davon vergangen sind. Der König erkennt, welches Unrecht er begangen hat und wie schuldig er sich wegen den hingerichteten Jungfrauen gemacht hat. Er und Scheherazade heiraten zum Schluss. Es gibt also die Rahmenhandlung zwischen der schlauen Scheherazade und dem König die mit zahlreichen Schachtelgeschichten wie z.B. Ali Baba und die 40 Räuber gefüllt ist.

Andere berühmte Erzählungen sind „Aladdin und die Wunderlampe“, „Das Zauberpferd“ oder „Der bekehrte König“. Interessant ist, dass in „Tausendundeiner Nacht“ eine Frau als Geschichtenerzählerin auftritt. Eigentlich war dies eine Domäne der Männer.

Der Ursprung des Werkes liegt in Indien und kam dann über Persien bis in den arabischen Raum. Es werden Geschichten aus allen drei Kulturen verarbeitet und vermischen sich. Durch jede Version fügt sich etwas Neues hinzu. Im 15. Jahrhundert entstand die Endversion in Kairo. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in Kalkutta eine Ausgabe angefertigt, die 1921 ins Deutsche übersetzt wurde.

Viele sind der Meinung, dass es sich dabei um Geschichten für Kinder handelt, aber dem ist ganz und gar nicht so. Im Original befinden sich zahlreiche erotische Stellen in „Tausendundeiner Nacht“. Doch wie immer gefiel das einigen Leuten nicht. Der Orientalist Antoine Galland übersetzte in den Jahren 1704-1708 das literarische Meisterwerk und ließ dabei alle erotischen und pikanten Stellen weg. Aus diesem Grund kennen wir manche der Erzählungen als Märchen für Kinder.

Harun ar Raschid trifft Karl den Großen (Quelle: Wikicommons)

Harun ar Raschid trifft Karl den Großen (Quelle: Wikicommons)

In „Tausendundeiner Nacht“ kommen nicht nur fiktive Figuren vor, sondern auch historische Persönlichkeiten. Eine davon möchte ich hier nennen: Harun ar Raschid. Genauer gesagt Kalif Harun ar Raschid. Er wurde um 763 geboren und stammte aus dem Geschlecht der Abbasiden. Diese herrschten seit 750 über das arabische Herrschaftsgebiet und kamen aus dem persischen Raum. Nachdem er seinen Bruder ermorden hatte lassen, bestieg er 786 den Thron. Unter der Herrschaft von Harun ar Raschid gelangten die Abbasiden an ihren Höhepunkt und es zeichnete sich bereits der Niedergang ab. Militärische Erfolge gegen Byzanz stabilisierten das Reich zwar nach außen hin, aber nach innen hin begann das Reich zu zerbröckeln. Seit 788 gab es Abspaltungsbewegungen im marokkanischen Raum. Harun ar Raschid unterhielt diplomatische Beziehungen zu Kaiser Karl dem Großen. Persönlich trafen sich die beiden mächtigen Männer allerdings nie. Überliefert ist aber ein besonderes Geschenk, dass Harun ar Raschid Karl dem Großen machte. Ein indischer Elefant namens Abul Abbas fand seinen Weg in das Frankenreich. Nach dem Tod von Harun ar Raschid im Jahr 809 wurde das Reich der Abbasiden unter seinen beiden Söhnen aufgeteilt, was zum Zerfall führte.

Obwohl Harun ar Raschid in den Erzählungen von „Tausendundeiner Nacht“ eher märchenhafte Züge hat, berichten die historischen Quellen, vor allem die arabischen, von seinen negativen Charakterzügen.

Ich hoffe, ich konnte heute ein wenig die Begeisterung für orientalische Erzählungen wecken. Vielleicht steht jetzt bei dem einen oder der anderen „Tausendundeine Nacht“ auf der Weihnachtswunschliste. Da wir uns schon mitten im Advent befinden, hören wir nächste Woche von einem ganz besonderen Tier zu Weihnachten.

 

„Die Tage werden unterschieden, aber die Nacht hat einen einzigen Namen.“ (Elias Canetti)

 

 

 

 

 

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  1. Das Zitat is doch von Elias Canetti oder? Gibts eine Elisa auch? 🙂 Und weil ich grad am Korrekturlesen bin: Als der Elefant gestorben ist ist das Reich der Abbasiden unter seinen zwei Söhnen aufgeteilt worden? Was für seltsame Sitten 😀 Aber ja, voll interessant! Ich hätte bitte gern zu Weihnachten die Erwachsenen-Ausgabe!

    • Danke für’s „genau“ lesen. Das mit dem Elefanten wär wirklich eine komische Sitte.

      Und eine verbale Geschlechtsumwandlung muss auch nicht sein. 🙂

  2. hahaha das is ja wider typisch, diese prüden Europäer… tsts. Feli, ich borg mir das Buch dann von dir aus.
    und das Zauberpferd ist toll! 🙂

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