Aller schlechten Dingen sind auch 3

… oder was 1419, 1618 und 1948 geschah.

Der Turnunterricht löst bei uns allen die unterschiedlichsten Reaktionen aus und weckt verschiedenste Erinnerungen. Sie sind nicht immer gut und oft mit Verletzungen verbunden. Ich selbst war eine sehr gute Leichtathletin und auch bei den Ballsportarten konnte ich glänzen. Was mir allerdings so gar nicht lag, war Boden- und Geräteturnen. Stürze vom Reck, Kollisionen mit dem Kasten oder Rolle vorwärts aber neben die Matte. Da hab ich nichts ausgelassen. Auch die Ringe und ich wurden keine Freunde, vor allem wenn es darum ging, den sogenannten „Prager Fenstersturz“ zu vollziehen. Für alle, die diese Turnübung nicht kennen, man steckt mit den Beinen in den Ringen und hält sich an den Seilen. Dann kippt man – mit viel Überwindung – nach vorne über und dreht sich dann um die Arme nach unten, die Beine rutschen selbstverständlich aus den Ringen heraus. Die ganze Prozedur ist aber noch harmlos im Vergleich zu den echten „Prager Fensterstürzen“. Ich schreibe hier absichtlich in der Mehrzahl, denn es waren ihrer drei. Viele von euch kennen zumindest einen.

Denkmal für Jan Želivský  in Prag

Denkmal für Jan Želivský in Prag

Wenn man chronologisch vorgeht, dann findet man sich zuerst im Jahr 1419 wieder. Zu dieser Zeit fand nämlich der 1. Prager Fenstersturz statt. Vier Jahre zuvor war der böhmische Prediger und Reformator Jan Hus als Ketzer verbrannt worden. Befohlen hatte dies König Sigismund. In meinem Beitrag über das Konstanzer Konzil habe ich darüber bereits geschrieben. Die Hussiten – also die Anhänger von Jan Hus – betrachteten Sigismund als den „Mörder“ des hingerichteten Reformators. Umso größer war die Empörung als 1419 Sigismund die böhmische Krone beanspruchte, was bald die Erhebung der Hussiten nach sich zog. Anhänger dieser Bewegung stürmten am 30. Juli 1419 das Rathaus am Karlsplatz in Prag und warfen dabei mehrere Personen aus dem Fenster wie z.B. den Bürgermeister, zwei Ratsherren uvm. Angeführt wurden die aufgebrachten Hussiten von Jan Želivský, einem Priester der Bewegung. Die Heruntergestürzten wurden dann umgehend erschlagen. Was in den nächsten Jahrzehnten folgte, war ein Krieg auf religiöser und politischer Ebene. Am Ende konnte der böhmische Adel keinen Nationalstaat wie geplant verwirklichen, aber auch die Position des Königs hatte unter den Hussitenkriegen schwer gelitten.

Abbildung des 2. Prager Fenstersturzes in einem Flugblatt

Abbildung des 2. Prager Fenstersturzes in einem Flugblatt

Nur zwei Jahrhunderte später kam es zu neuerlichen Spannungen in Böhmen. Grund dafür war die Spaltung der Christen in Katholiken und Protestanten. Ausgangspunkt waren Streitigkeiten zwischen zwei Brüder aus dem Hause Habsburg um die Krone. Einer der beiden hatte 1609 den protestantischen Stände Böhmens Privilegien gewährt. Im Jahr 1617 wird der katholische Ferdinand II. zum Kaiser gewählt, aber in Böhmen nicht anerkannt. Daraufhin folgt die Zerstörung von protestantischen Kirchen und Aberkennung der eben erwähnten Privilegien der Stände. Es entstanden zwei Lager: die katholische Liga und die protestantische Union. Weiters wurde in Böhmen Friedrich von der Pfalz als Gegenkönig gewählt. In Prag kam, wie es kommen musste. Am 23. Mai 1618 nahmen die beiden königlichen Statthalter und ein Kanzleisekretär unfreiwillig den Weg nach unten durch ein Fenster der Prager Burg. Die Gefallenen erlitten schwerste Verletzungen, kamen aber mit dem Leben davon. Mit diesem Gewaltakt begann der Dreißigjährige Krieg, der Europa bis 1648 in Angst und Schrecken versetzte. Beendet wurde er erst durch die Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück. Es dauerte aber sehr lange bis sich die europäischen Länder davon wieder erholten. Vor allem die Bevölkerung war in manchen Gebieten Mitteleuropas stark dezimiert worden.

Jan Masaryk

Jan Masaryk (1886-1948)

Zwei Prager Fensterstürze hätten wir, fehlt noch der dritte. Dazu müssen wir uns in die Tschechoslowakai der Nachkriegszeit begeben. 1939 hatten Truppen des Dritten Reiches das Gebiet besetzt und geflohene Regierungsmitglieder hatten in London eine Exilregierung ins Leben gerufen. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war die Tschechoslowakai ein Satellitenstaat der UdSSR geworden. Auch in diesem Land gab es eine kommunistische Partei, die Komunistická strana Československa (KSC). Seit 1946 arbeitete man in dieser politischen Gruppierung mit aller Kraft daraufhin, die Regierung zu übernehmen. Ein Ereignis im Zusammenhang des Dritten Prager Fenstersturzes, ist das Sprengstoffattentat auf Jan Masaryk (1886-1948). Dieser Mann gehörte auch zu jener Exilregierung in London, wo er das Amt des Außenministers innehatte. Dies behielt er nach 1945 bei. Allerdings war er kein Mitglied der kommunistischen Partei, also versuchte man ihn auf diese Art loszuwerden, was misslang. Im Jahr 1948 geschah dann der Dritte Prager Fenstersturz, der allerdings bis heute nicht unumstritten ist. Man fand Jan Masaryk tot unter seinem Fenster seines Dienstzimmers auf. Ob es ein Unfall war, Masaryk Selbstmord begangen hatte oder es der zweite gelungene Anschlag auf sein Leben war, blieb zunächst unklar. Neuere Untersuchungen gehen allerdings aufgrund von forensischen Details von einem gewaltsamen Tod aus.

Aller schlechten Dinge sind offenbar auch 3! Die schöne Stadt Prag ist auf jeden Fall eine Reise wert, aber bitte nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Der nächste Beitrag führt uns dann vor Augen wie nahe Vergötterung und Verdammung zusammen liegen. Allerdings erst im nächsten Jahr.

„Also geht es in der Welt, der eine steigt, der andre fällt.“ (Sprichwort)

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