Mauritius oder Longinus

… oder was am Lechfeld geschah.

In den Sagen und Mythen dieser Welt begegnen uns immer wieder Waffen mit ganz besonderen Fähigkeiten. Götter besitzen sie als Zeichen ihrer Macht, Helden führen sie um das Böse in der Welt zu bekämpfen. Manche dieser Waffen haben sogar Namen. Odin führt den Speer „Gungnir“, Apollon benutzt Pfeil und Bogen und der Gott Indra schleudert Donnerkeile auf seine Feinde. Siegfried, der strahlende Held der Nibelungensage, schmiedet das einzigartige Schwert „Balmung“ und König Artus ist seit der Sache mit dem Schwert im Stein stolzer Besitzer von „Excalibur“. Der keltische Halbgott Cú Chulainn verwendete am liebsten seinen Speer namens „Gae Bolga“, um Feinde zu töten.

Auch in der Geschichte gibt es immer wieder Berichte von Waffen, die den Träger zu besonderen Taten befähigten. Eine davon ist die Heilige Lanze. Eine Lanze ist eine Stichwaffe und war üblicherweise 2 1/2 bis 3 m lang. Natürlich gab es auch Lanzen, die eine Länge außerhalb aufwiesen. An einem Schaft aus Holz war vorne eine spitzzulaufende Klinge befestigt. Die Lanzen, die bei Turnieren verwendet wurden, waren im Gegensatz zu den im Kampf verwendeten Waffen stumpf. Wahrscheinlich stammt der Begriff Lanze vom lateinischen Wort „lancea“. So jetzt wissen wir ein wenig mehr über stinknormale Lanzen, aber was kann so eine Heilige Lanze.

Die Heilige Lanze in der Schatzkammer der Wiener Hofburg (Quelle: Wikicommons)

Die Heilige Lanze in der Schatzkammer der Wiener Hofburg (Quelle: Wikicommons)

Die Heilige Lanze soll nach der Legende jene gewesen sein, mit der nachgeprüft wurde, ob der am Kreuz gestorbene Jesus auch wirklich tot sei. Nach einer Version hieß der römische Soldat, der diese ehrenvoll Aufgabe zu erledigen hatte, Longinus, in einer anderen Variante wird er Mauritius genannt. Man nennt sie auch bislang „Longinus-Lanze“ oder „Mauritius-Lanze“. Also nicht verwirren lassen. Das besondere an der Lanze war, dass sie mit dem Blut von Christus in Berührung gekommen war und noch dazu einen Nagel in sich hatte, der vom Kreuz stammte. In der heutigen Welt würde man ungläubig die Stirn runzeln und stark an der Richtigkeit dieser Geschichte zweifeln. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lanze wahrscheinlich in der Stadt Modena im 9. Jhdt. angefertigt wurde. Im Mittelalter wurde die Echtheit der Waffe nicht angezweifelt und das machte die Lanze zu einer der wichtigsten Reliquien des Christentums.

Doch damit nicht genug. Die Heilige Lanze wurde des weiteren zu einem der Reichinsignien der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Sie befähigt den Kaiser zur Herrschaft und seine gesetzten Handlung waren somit von Gott legitimiert. Im 10. Jhdt. befand sich die Heilige Lanze im Besitz von Herzog Rudolf II. von Burgund. Dieser verkaufte das gute Stück 926 an König Heinrich I., Herrscher über die Franken und Sachsen und erhielt dafür Basel und Umgebung. Dieser stammte aus der Familie der Ottonen oder auch Liudolfinger. Durch eine Heirat war dieses Adelsgeschlecht mit den Karolingern (Karl der Große) verwandt. Durch weitere geschickte Eheschließungen vergrößerte sich die Macht und das Reich der Liudolfinger.

Bald nach dem Ankauf hatte die Heilige Lanze ihren ersten großen Auftritt bei der Schlacht von Riade im Jahr 933. Heinrich I. besiegte ein Heer der Ungarn, passenderweise am Tag des hl. Longinus (15.3.). So hatten die Liudolfinger einen Bezug zu Longinus hergestellt. Aber die Adelsfamilie verband auch etwas mit dem hl. Mauritius, denn er war einer der wichtigsten Heiligen für die Liudolfinger. Einen noch viel größeren Erfolg erzielte Otto I. der Große, Sohn und Nachfolger von Heinrich I. Otto war im Jahr 936 in Aachen zum König gewählt worden und ein paar Jahrzehnte später 962 vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt worden. Damit knüpfte Otto I. an die Tradition Kaiser Karls des Großen an, was seine Macht verstärkte. Doch zurück zur Heiligen Lanze.

Otto I. der Große (Quelle: Wikicommons)

Otto I. der Große (Quelle: Wikicommons)

Obwohl die Ungarn von Heinrich I. besiegt worden waren, gaben sie keine Ruhe. Sie nutzten die Instaliblität des Reiches und begaben sich 955 abermals auf Raubzug durch die Lande von Otto I. Dieser konnte und wollte das nicht hinnehmen. So kam es am 10. August 955 zur berühmten Schlacht am Lechfeld bei der Stadt Augsburg. Der Kampf schien für das Heer von Otto I. fast verloren. Die damaligen Quellen berichten, dass sich der König mit der Heiligen Lanze in der Hand in die Schlacht stürzte und die Feinde mit der Macht der Reliquie vernichtend schlagen konnte. Danach war Schluss mit den ungarischen Plünderungen in Mitteleuropa.

Mit der Zeit schwand die Bedeutung der Heiligen Lanze und an die erste Stelle der Reichsinsignien trat die Reichskrone. Viele Jahre befand sie sich in Deutschland und wurde von mächtigen Männern mal hier, mal dahin gebracht. Während der napoleonischen Kriege kam die Lanze zur ihrer eigenen Sicherheit nach Wien. Von dort aus wurde sie von den Nationalsozialisten nach Nürnberg gebracht. Erst 1945 retournierten die Alliierten die Heilige Lanze wieder nach Wien. Heute können sie Besucher aus aller Welt in der Schatzkammer der Wiener Hofburg besichtigen.

Egal ob die Lanze eine Anfertigung aus dem 9. Jahrhundert war oder nicht, die Leute glaubten an ihre Wirkmächtigkeit. Als Träger der Heiligen Lanze galt man als unbesiegbar und wie wir alle wissen kann der Glaube bekanntlich Berge versetzen oder man kann auch wie Otto I. eine Schlacht damit gewinnen.

Falls ihr euch einmal in der Schatzkammer wiederfinden solltet, stattet der Lanze doch einen Besuch ab. Beim nächsten Mal wird es dann so richtig nass.

„Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

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