Wenn Götter genervt sind

… oder was Deukalion, Fu-Xi und das Große Känguru gemeinsam haben.

Ein Sonnenuntergang am Strand, eine Wanderung über grüne Almen oder atemberaubende antike Stätten – auf der Welt gibt es viele Plätze, die uns faszinieren. Doch so wunderschön und vielfältig unsere Erde auch sein mag, der blaue Planet birgt Gefahren in sich. Unter seiner Kruste brodelt es gewaltig. Seit Jahrtausenden ist die Menschheit mit den verschiedensten Arten von Naturkatastrophen konfrontiert worden. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme jeglicher Art sowie Flutwellen und Überschwemmungen. Auch in der jüngeren Vergangenheit berichteten die Medien über Tsunamis in weit entfernten Gebieten. Aber auch in unserem Land mussten Menschen mitansehen, wie ihr Hab und Gut unter den Fluten von Flüssen versank. In früheren Zeiten wurden Naturkatastrophen oft als göttliche Strafen angesehen so auch Überschwemmungen. Man spricht dann von Sintfluten.

Gemälde "Arche Noah" von Edward Hicks (Quelle: Wikicommons)

Gemälde „Arche Noah“ von Edward Hicks (Quelle: Wikicommons)

Allen bekannt ist die Erzählung von der „Arche Noah“ aus der Bibel. Falls es jemandem nicht geläufig sein sollte, hier nochmal in aller Kürze. Gott zeigte den Menschen, dass er mit ihrem sündigen Lebenswandel und dem Umgang miteinander nicht zufrieden war in dem er ihnen eine göttliche Strafe sandte. Eine gewaltige Sintflut sollte das Problem „Menschheit“ aus der Welt spülen. Aber Gott hatte einen Liebling – Noah. Den wollte er unbedingt retten. Also gab Gott Noah den Befehl eine Arche zu bauen, dort seine Familie einzuquartieren und jeweils ein Paar von allem was auf der Erde so kreucht und fleucht mitzunehmen. Der Regen kam, alle Menschen bis auf Noah und die Seinen starben und Noah und seine Nachkommen besiedeln die Welt. Dass der Genpool bei dieser Neubesiedlung sowohl von Mensch als auch Tier äußerst beschränkt war, wird im Mythos nicht thematisiert.

XI. Tafel des Gilgamesch-Epos in Keilschrift (Quelle: Wikicommons)

XI. Tafel des Gilgamesch-Epos in Keilschrift (Quelle: Wikicommons)

Die Geschichte von Noah und der Arche ist allerdings nicht die älteste Erzählung von einer Sintflut. Im Atraharsis-Epos (ca. 24./23. Jhdt. v. Chr.) aus dem mesopotamischen Raum kennt man bereits diese Thematik. Enlil, der oberste Gott der Sumerer, beschließt die noch junge Menschheit wieder zu vernichten. Zum einen vermehren sich die Menschen wie die Karnickel und zum anderen sind sie Enlil einfach viel zu laut. Nachdem diverse Krankheiten, Dürre und die darauffolgende Hungersnot nichts gebracht hatte, sendet Enlil eine Sintflut. Ein anderer Gott warnt seinen Liebling Atraharsis (akkadisches Wort für „überaus klug“). Was jetzt folgt, klingt vertraut. Atraharsis baut ein riesiges Schiff, nimmt seine Familie, Tiere und Pflanzen mit und überlebt so die Flutwelle. Als Götter fürchteten das Wasser würde auf den Himmel überschwappen, lässt Enlil das Wasser wieder abfließen. Atraharsis und seiner Frau wurde als Bonus das ewige Leben geschenkt. Das berühmten Gilgamesch-Epos greift den Sintflutmythos auf. Hier reist der Held und König Gilgamesch zu Utanapistim (anderer Name von Atraharsis), um das Geheimnis des ewigen Lebens zu erfahren. Dieser erzählt ihm dabei von der Sintflut, was man auf der XI. Tontafel des Epos nachlesen kann:

„Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff, laß fahren Reichtum, dem Leben jag nach! Besitz gibt auf, dafür erhalt das Leben! Heb hinein allerlei beseelten Samen ins Schiff!“

(Gilgamesch-Epos, XI., 24-27)

Gilgamesch auf einem Relief aus dem 8. Jhdt v. Chr. (Quelle: Eig. Bild)

Gilgamesch auf einem Relief aus dem 8. Jhdt v. Chr. (Quelle: Eig. Bild)

Auch im antiken Griechenland gibt es so eine Art Noah mit Namen Deukalion. Die Geschichte ist uns schon bekannt. Die sündigen Menschen werden von den Göttern durch eine Sintflut vernichtet und nur Deukalion und seine Frau Pyrrha entkommen dem Ganzen auf einem Boot. Hier ist allerdings nicht von irgendwelchem Getier oder gar einer Familie die Rede. Nachdem das Wasser sich wieder verzogen hat, müssen Deukalion und seine Frau für Nachkommen sorgen. Allerdings sind sie schon etwas in die Jahre gekommen und können keine Kinder mehr bekommen. Aus diesem Grund weisen die Götter sie an, Steine hinter sich zu werfen, aus denen viele neue Menschen entstehen. So ist meiner Ansicht nach das Inzuchtproblem besser gelöst als bei Noah und seiner Familie. Wie neue Tiere auf die Erde kommen, wird nicht berichtet.

Auch die Mythologie des hohen Nordens bietet uns einen Sintflutmythos an. Dieser weicht allerdings etwas von den Versionen, die wir bisher kennengelernt haben, ab. Die drei ersten Asen Odin, Wili und We kämpften gegen den Ur-Riesen Ymir und seine Nachkommen. Am Ende entschieden die Asen den Sieg für sich. Der Ur-Riese wurde von ihnen getötet. In dem Blut, das aus wie eine Flut aus Ymirs Körper strömte, ertranken alle seine Kinder. Nur einer nicht! Sein Name war Bergelmir und er rettete sich und seine Familie auf einer besonderen Art von Boot vor der blutigen Sintflut. Diesen Mythos kann man in der Edda von Snorri Sturluson nachlesen:

„Borrs Söhne (Anm. die Asen) erschlugen den Riesen Ymir. Als er niederstürzte, lief so viel Blut aus seinen Wunden, dass sie damit das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. Nur einer entkam mit seiner Familie. Den nennen die Riesen Bergelmir. Er fand mit seinem Weib auf einem Mahlkasten Zuflucht, wo er blieb.“

(Gylfis Täuschung, 8,7)

Darstellung von Matsya, einer Form von Vishnu (Quelle: Wikicommons)

Darstellung von Matsya, einer Form von Vishnu (Quelle: Wikicommons)

Verlassen wir Europa und begeben uns Richtung Asien. Der nächste Stopp auf unserer Suche nach Sintflutmythen ist Indien. Im Hinduismus kennt man die Erzählung über einen Fisch namens Matsya, der einen weisen Mann namens Manu vor einer großen Flutwelle warnt. Eigentlich ist der Fisch ein Erscheinungsbild des Gottes Vishnu. Manu hatte zuvor den kleinen Fisch-Gott gerettet und aufgezogen. Der weise Mann wurde angewiesen 7 weitere weise Männer sowie alle auf der Erde wachsenden Kräuter und Samen mitzunehmen. Hier baut auch nicht Manu selbst das Boot, sondern Vishnu schickt ihm eins. Während der Fahrt auf den Wellen unterweist Vishnu Manu in seinen Lehren. Was mit weiblichen Wesen zum Erhalt der Menschheit ist, darüber schweig der Mythos. Die Erhaltung von Tierarten ist scheinbar auch nicht von großer Bedeutung. Ich nehme mal an, die Götter haben sich da schon etwas einfallen lassen. Auch in China gibt es Legenden über Sintfluten. Der chinesische Noah heißt Fu-Xi und wurde als einziger durch göttliches Eingreifen vor den Wassermassen gerettet. Dieser Fu-Xi war der Legende nach der Urahn aller Menschen, zumindest derer die nach der Sintflut lebten. Weiters wird er in der Zeit der Zhou-Dynastie (11. Jhdt. – ca. 770 v. Chr.) auch als erster Kaiser angesehen.

Zum Abschluss besuchen wir noch einen weiteren Kontinent – Australien. Hier gibt es auch einen Mythos über die Sintflut, wenngleich etwas anders als bisher gehört. Dieser gefällt mir eigentlich am besten. Die Aborigines erzählen vom „Großen Känguru“, das zusammen mit anderen mythischen Tieren die „Große Flut“ zurückhielt. Doch damit nicht genug, das „Große Känguru“ übergab sich und alle Worte, die Menschen verwenden, kamen dabei zum Vorschein. Vielen Dank, Großes Känguru!

Wie man sieht, ziehen sich Mythen über gewaltige Flutwellen und Überschwemmungen durch fast alle Kulturkreise. Auch in Nordafrika gibt es bei den indigenen Völker Mythen zu Sintfluten. Manche Motive werden dabei übernommen, manche exisitieren für sich. Es zeigt wie sehr diese Naturkatastrophen die Menschen beeinflussten und wie dringend man dafür eine, meist übernatürliche, Erklärung suchte.

Lassen wir Bergelmir, Atraharsis und Manu noch ein wenig auf ihren Archen über die Wellen schaukeln. Da bei manchen Sintflutmythen die Tierwelt vernachlässigt wurde, wird es das nächste Mal Zeit etwas über die Geschichte des Tierschutzes zu lernen.

„Leiden sind Lehren.“ (Aesop)

 

 

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  1. hihihi, also das was manche Leute so von sich geben klingt wirklich wie von einem Kaenguru ausgekotzt 😀 mir gefaellt diese Geschichte auch am besten! eindeutig!!

  2. Beeindruckend. Ich hab das sowieso immer schon komisch gefunden, dass man diese ganzen Geschichten vor der Sintflut hat und dann wird quasi eh alles neu formatiert… Btw du hast nicht so ganz erklärt woher jetzt wirklich das Wort Sintflut kommt. War das mit den Sünden eine Andeutung? Und im ersten Absatz sind noch ein zwei Tippfehler (Wanderung!). Anyway, sehr spannend! Ich bin ja ein Fan von der Ymir-Geschichte. Die ist insgesamt so grauslich…

  3. Das Wort „Sintflut“ wird oft fälschlich mit „Sündflut“ übersetzt. Woher der Fehler kommt, wird vielleicht durch den Eintrag deutlich. Ständig ist in den Mythen davon die Rede, dass Gott oder die Götter die Menschheit für ihre Sünden bestraft. Eigentlich bedeutet das germanische Wort „sin“ übersetzt „immerwährend“ „andauerend“. Also ist eine „Sintflut“ als eine andauernde, umfassende Überschwemmung zu verstehen. Ich hoffe, dass ist jetzt verständlicher geworden.
    Ja, Ymirs Zerteilung ist schon was ganz besonderes. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir in seinen Augenbrauen leben (Midgard).

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