Rheingold

… oder was am 8. Mai 1521 geschah.

Wenn man Geschichte studiert hat, dann bekommt man häufig Fragen gestellt. Ich persönlich freue mich immer darüber. Es zeigt, dass sich Menschen mehr für Geschichte interessieren als gedacht. Meistens wird die richtige Angabe von Jahreszahlen oder Orte zu einem historischen Ereignis gewünscht. Oft kennt man auf Anhieb die richtige Antwort. Manchmal muss man etwas in den Hirnzellen herumgraben, um auf verschüttete Informationen aus der Studienzeit zu stoßen. Leider kommt es trotz angestrengtem Nachdenken vor, dass einem die korrekte Antwort einfach nicht einfallen will. So ging es mir vor kurzem wieder einmal. Eine Freundin fragte mich, wo jener Reichstag stattfand, auf dem Martin Luther gebannt wurde. Da man lieber schweigen sollte, wenn man etwas nicht weiß, tat ich das. Die richtige Antwort wäre „Worms“ gewesen. Asche auf mein Haupt! Da ich meine eigenen Wissenslücken wieder auffüllen wollte und weil meine Freundin mich darum gebeten hat, gibt es heute einen Beitrag über die Geschichte von Worms.

Darstellung der Ermordung Siegfrieds in der Handschrift k des Nibelungenlieds um 1480 (Quelle: Wikicommons)

Darstellung der Ermordung Siegfrieds in der Handschrift k des Nibelungenlieds um 1480 (Quelle: Wikicommons)

Wer sich schon einmal mit dem „Nibelungenlied“ beschäftigt hat, stößt mit 100% Sicherheit auf den Namen „Worms“. Die Stadt am Rhein wird in diesem Heldenepos als die Heimat der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher bezeichnet. In aller Kürze der Inhalt des „Nibelungenlieds“ zur Auffrischung: Die drei Könige haben eine Schwester namens Kriemhild, die als die schönste Frau ihrer Zeit galt. Der Held Siegfried, unverwundbar durch sein Bad im Drachenblut, verliebt sich unsterblich in die holde Maid. Die beiden heiraten. Hier folgt kein „Wenn sie nicht gestorben sind“, nein damit nimmt das Drama seinen Lauf. Zunächst sind die Burgunderkönige begeistert von ihrem mächtigen Schwager. Hagen, ein Gefolgsmann der Könige, fürchtet die Kraft und den Einfluss Siegfrieds. Er rät diesen zu töten, was Hagen dann kurze Zeit später selbst in die Hand nimmt. Kriemhild ist darüber untröstlich und unglaublich wütend, dass ihre Brüder dies zugelassen haben. Siegfried war im Besitz des Nibelungenschatzes, der nun Kriemhild gehört. Aus Angst sie könnte sich damit Gefolgsleute „kaufen“, schüttet Hagen das ganze Gold in den Rhein. Daher der Name „Rheingold“. Kriemhild schwört Rache und geht aus diesem Grund eine weitere Ehe mit dem mächtigen Hunnenkönig Etzel ein. Bei einem Besuch ihrer Brüder und deren Gefolge kommt es zum Eklat. Alle Burgunder bis auf Gunther und Hagen sterben im Kampf. Da ihr Hagen immer noch nicht sagen will, wo das Gold liegt, lässt Kriemhild ihren Bruder töten und erschlägt Hagen selbst mit dem Schwert von Siegfried. Das ist der Nibelungen Not und Ende.

Viele der Szenen des Epos spielen in Worms und Umgebung. Doch was ist alles in der Geschichte der Stadt passiert. Mithilfe von archäologischen Funden geht man heute davon aus, dass bereits um 5.000 v. Chr. Menschen an dieser Stelle gesiedelt haben. Dies lag an ihrer etwas erhöhten, gut zu verteidigenden Lage. Frühe Verkehrswege führten dort vorbei, wo später Worms liegen sollte. Aus den antiken Quellen ist auch die erste Bezeichnung für die Stadt überliefert – „Borbetomagus“. Wie viele Gebiete in Deutschland war auch Worms Teil des Römischen Reiches. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit existierte ein Kastell in der Stadt. Seit dem 2. Jhdt. n. Chr. ist auch der römische Name von Worms überliefert. Es hieß damals „Civitas Vangionum“.

Um 413 erhält der Burgunderkönig Gundahar – man bemerkt schon die Namensähnlichkeit zu Gunther – das Gebiet um Worms von Rom. Über die historischen Vorbilder der Gestalten aus der Nibelungensage werde ich ein anderes Mal schreiben. Den Burgundern war es nicht lange bestimmt in Worms zu herrschen, denn bald übernahmen das die Alamannen und danach die Franken für sie. 614 wird dann das erste Mal ein Bischof von Worms in einer Unterschriftenliste erwähnt. Das Christentum ist fixer Bestandteil der Stadtgeschichte geworden. Der 25. Dezember 790 geht in die Wormser Geschichte als der Tag ein, an dem die kaiserliche Pfalz niederbrennt. Das wird dem anwesenden Karl dem Großen nicht gefallen haben. Dennoch rückt ab ungefähr 800 Worms ins Zentrum der fränkischen Politik. In den folgenden Jahrhunderten taucht Worms immer wieder in den Quellen auf, wenn es um die Reichspolitik geht. Weiters stammte die Familie der Salier, die einige Zeit über das Heilige Römische Reich herrschte, aus dem Gebiet um Worms.

Die Ruinen der Burg Canossa (Quelle: Wikicommons)

Die Ruinen der Burg Canossa (Quelle: Wikicommons)

Auch der Streit zwischen Kaiser Heinrich IV. aus der Familie der Salier und Papst Gregor VII. hat einen seiner Schauplätze in Worms. Die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und König begann 1070 als es darum ging, wer Bischof in Mailand werden sollte. Der Vorgänger von Papst Gregor VII. hatte einige Ratgeber von Heinrich IV. exkommuniziert. Unmittelbar kam es nicht zum Ausbruch von Feindseligkeiten, aber im Jahr 1076 ging es dann richtig zur Sache. Bei der Reichsversammlung in Worms am 24. Jänner forderte Heinrich IV. den Papst mittels eines Schreibens auf von seinem Thron herabzusteigen. Diesen habe er sich – laut Brief – illegal beschafft und Gregor VII. wurde weiters unsittlicher Lebenswandel vorgeworfen. Die Retourkutsche aus Rom kam prompt – Heinrich IV. wurde vom Papst exkommuniziert. Da nun einige Gefolgsleute vom König abfielen, blieb diesem nichts anderes übrig als sich mit dem Papst auszusöhnen. In der Lombardei auf der Burg Canossa trafen die beiden aufeinander. Der König trat barfuß im Büßergewand vor Gregor VII. und bat um Vergebung. Aus den Schulbüchern ist manchen von euch dieses Ereignis als „Gang nach Canossa“ bekannt. Der Konflikt rund um die Einsetzung von Bischöfen wurde als Investiturstreit bezeichnet. Diese Frage wurde ebenfalls in Worms gelöst und zwar durch ein Konkordat.

Martin Luther am Reichstag zu Worms (Quelle: Wikicommons)

Martin Luther am Reichstag zu Worms (Quelle: Wikicommons)

Springen wir auf der Zeitleiste ein wenig nach vorne, zu dem Ereignis, das mich dazu brachte, den heutigen Eintrag Worms zu widmen. Im Jahr 1519 hatte Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen angeschlagen. Dies war der Beginn der Glaubensspaltung der Christenheit. Nur zwei Jahre später treffen wir auf das nächste wichtige Ereignis in der Geschichte der Reformation. Am 27. Jänner 1521 wird in Worms der Reichstag eröffnet. Nicht nur Kaiser Karl V. ist anwesend, nein man erwartet auch die Ankunft von Martin Luther höchstpersönlich. Der kommt aber erst im April in die Stadt. Luther wird befragt und verhört, aber er widerruft seine Thesen nicht. Der Reformator wird aufgefordert nach Wittenberg unter Geleitschutz zurückzukehren. Am 26. April verlässt Luther die Stadt Worms. Kaiser Karl V. bleibt nicht untätig und am 8. Mai wird die Reichsacht über Martin Luther verhängt. Veröffentlicht wurde die ganze Sache aber erst Tage später im sogenannten „Wormser Edikt“. Ende Mai kommt es dann zur Verbrennung von lutherischen Schriften in der Stadt. So ist die Stadtgeschichte von Worms mit der religions-politischen Geschichte des 16. Jhdts. eng verknüpft.

Die wiederaufgebaute Dreifaltigkeitskirche in Worms (Quelle: Wikicommons)

Die wiederaufgebaute Dreifaltigkeitskirche in Worms (Quelle: Wikicommons)

Weitere historische Ereignisse in der Geschichte von Worms wären eine Pestepidemie 1666/67. Die Bevölkerung wird auf ungefähr 3000 Personen dezimiert. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wird Worms teilweise von den Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. zerstört. Wenn man sich die Zeitgeschichte betrachtet, dann findet man noch weitere Zerstörungen der Stadt am Rhein. Im Jahr 1945 stießen die Alliierten immer weiter in deutsche Gebiete vor. Am 21. Februar wird Worms von englischen Bombern angegriffen und im Mai folgt dann eine Offensive der USA. Dabei wird beispielsweise die Dreifaltigkeitskirche (auch Reformationsgedächtniskirche genannt) dem Erdboden gleich gemacht.

Zahlreiche Bauwerke in Worms erinnern sowohl an die geschichtlichen Ereignisse aber auch an das legendäre Nibelungenlied. Beispiele für ersteres wären das Denkmal für Martin Luther, die Lutherkirche oder die Dreifaltigkeitskirche. Aber auch das Epos hat seine fixen Plätze in der Stadt wie das Nibelungenmuseum, das Hagendenkmal oder die Nibelungenbrücke.

So das waren einige Eckdaten in der Stadtgeschichte von Worms. Wer sich noch genauer informieren möchte, hier zwei Links:

http://www.eichfelder.de/worms/

http://www.worms.de/de-wAssets/docs/kultur/stadtarchiv/Chronik_Geschichte-Stadt-Worms.pdf

Ich hoffe damit den Wissensdurst hinsichtlich Worms etwas gestillt zu haben. Beim nächsten Mal steht ein Krieg um bewusstseinserweiternde Substanzen im Zentrum.

Ez wuohs in Burgonden      ein vil edel magedîn,
daz in allen landen      niht schoeners möhte sîn,
Kriemhild geheizen.      Si wart ein schoene wîp.
dar umbe muosen degene      vil verliesen den lîp“

(Beginn des Nibelungenlieds)

 

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  1. Nach jahrelangem evamgelischen Religionsunterricht ist der Name Martin Luther von der Stadt Worms in meinem Kopf nicht mehr wegzubringen. 😛 Ich muss aber gestehen, dass ich das Nibelungenlied UNGLEICH viel spannender finde. Zeit wurde es auch, dass mein Wissen darüber nicht mehr nur auf (seeeehr spannend geschriebener und gar nicht schlecht recherchierter) Populärliteratur beruht. Deswegen: Danke für diesen Beitrag!
    p.s.: Der Schatz den Hagen da als Denkmal in Wasser kippt, schaut mir ein bissi mickrig aus. Ich hab immer mehr an die Dimension von Smaugs Schatz gedacht. Aber das hätte den guten Hagen vermutlich vor logistische Probleme gestellt…

    • Immer wieder gerne. 🙂 Ich mag das Nibelungenlied auch. In den nächsten Zeit möchte ich unbedingt mal nach Worms fahren und mir alles was es dort so zu diesem Thema gibt, ansehen.

      Vielleicht hatte er schon fast alles in den Rhein gekippt. Im Epos steht, dass er das Gold mit seinem Schild transportiert hat, aber mehrere Mal gehen musste. Zu der Größe des Schatzes ist nur vermerkt, dass vom Nibelungenland aus bis nach Worms viele Wagen hin und her fahren mussten, als Siegfried Kriemhild den Schatz geschenkt hat. 😉 Dürfte also ein ganzes Stück ARbeit gewesen sein.

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