Der göttliche Gerichtsdiener

… oder wie man einen Kaiser veräppelte.

Humor hat viele Gesichter. Witze bringen uns zum Lachen, auch schon in der Antike wie ich vor ein paar Wochen in einem Beitrag gezeigt habe. Clowns unterhalten Kinder mit ihren Tricks und Albernheiten. Cartoons zeigen uns, dass man Humor auch bildhaft darstellen kann. Aber auch Kabarettisten und Comidians – für mich eindeutig nicht das gleiche – reißen auf den Bühnen ihre Witze vor allem auf Kosten anderer Individuen. Dazu gehören häufig Stereotypen, aber auch Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens müssen herhalten. Da ich weder berühmt bin noch politisch aktiv, kann ich mir nur vorstellen, dass eine gehörige Portion Humor dazu nötig ist, um über sich selbst zu lachen. Dass auch berühmte Persönlichkeiten aus vergangenen Epochen veräppelt wurden, möchte ich heute thematisieren.Zum Beispiel traf es diverse griechische Politiker in den Komödien von Aristophanes, aber auch römische Kaiser waren vor Spott und Hohn nicht geveit. Allerdings war es ratsam, das erst nach dem Tod des Kaisers zu tun. Majestätsbeileidigung ist kein Kavaliersdelikt.

Statue von Kaiser Claudius im Vatikanischen Museum (Quelle: Wikicommons)

Statue von Kaiser Claudius im Vatikanischen Museum (Quelle: Wikicommons)

Wir drehen das Rad der Zeit zurück ins Jahr 54 n. Chr. Soeben war der römische Kaiser Claudius verstorben. Er stammte aus der julisch-claudischen Familie und war der Onkel von Kaiser Caligula. Eigentlich war Claudius gar nicht für die Herrschaft bestimmt gewesen, da er psychische Gebrechen wie eine Lähmung hatte und stotterte. Doch nach der Ermordung seines eher unbeliebten Neffen gelangte er durch Unterstützung der Prätorianer auf den Kaiserthron. Claudius bemühte sich um ein besseres Verhältnis mit dem Senat, das unter Caligulas Herrschaft gelitten hatte. Dies gelang ihm aber nur teilweise. Ein weiterer Bereich, dem sich Claudius zuwandte, war die Rechtsprechung, für den er sich persönlich sehr interessierte. Auch eine rege Bautätigkeit setzte unter seiner Herrschaft ein. Alles in allem machte sich Claudius gar nicht so schlecht als Kaiser. Was ihm zum Verhängnis wurde, waren die Frauen oder besser gesagt eine – Agrippina die Jüngere. Diese war die vierte Frau des Kaisers und hatte einen kleinen Sohn namens Nero aus einer früheren Ehe. Ja, genau sie war die Mutter des späteren Kaisers Nero. Um ihrem Sohn zum Thron zu verhelfen, vergiftete Agrippina Claudius laut antiker Quelle während eines Essens. Claudius verstarb und der noch junge Nero wurde Kaiser.

Büste von Seneca dem Jüngeren in der Antikensammlung Berlin (Quelle: Wikicommons)

Büste von Seneca dem Jüngeren in der Antikensammlung Berlin (Quelle: Wikicommons)

Einige denken sich vielleicht, wieso wird solange von Kaiser Claudius geschwafelt, wenn es eigentlich um etwas geht, dass nach seinem Tod passiert ist. Nun zum einen ist es interessant und zum andere versteht man dann die folgenden Ereignisse viel besser. Kaiser Claudius wurde nach seinem Tod vergöttlicht und seine Leichenrede hielt ein bekannter Politiker und Philosoph – Lucius Annaeus Seneca der Jüngere. Dieser schrieb aber auch eine Schmähsatire auf den jüngst verstorbenen Kaiser mit dem Titel „Divii Claudii apocolocyntosis“. Übersetzt heißt das soviel wie „Die Verkürbissung des göttlichen Claudius“. Was soll denn bitte eine „Verkürbissung“ sein? Am besten kann man es mit dem uns besser bekannten Wort „Veräppelung“ vergleichen. Das Werk beschreibt die Erlebnisse des Kaiser nach seinem Tod. Vor allem die Vergöttlichung des Claudius wird zur Zielscheibe der beißenden Spotts. In einer Szene wird der Kaiser, der sich zu Lebzeiten so für die Rechtsprechung interessiert hat, als Gerichtsdiener der Akten schleppen muss, beschrieben. Die „Verkürbissung“ ist vollständig erhalten und findet auch bei anderen antiken Autoren Erwähnung wie z.B. bei Cassius Dio 60,35. Seneca hat sie im Jahr 54 n. Chr. verfasst, also unmittelbar nach dem Tod des Claudius.

Welchen Grund hatte Seneca Kaiser Claudius mit einer Schmähsatire zu verhöhnen? Wenn man sich das Leben des Politikers ansieht, wird das etwas klarer. Geboren wurde Seneca aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 4 n. Chr. Ihm wurde eine umfassende Ausbildung zu teil, die auch Philosophie beinhaltete. Später gehörte Seneca zu den Vertretern der philosophischen Richtung der Stoa. Im Anschluss an seine Ausbildung schlug Seneca die politische Ämterlaufbahn (cursus honorum) ein, über die ich bereits einen Beitrag verfasst habe. Er wurde Quästor und später gehörte er zur Gruppe der Senatoren. Seneca galt als so begnadet als Redner, dass angeblich Kaiser Caligula eifersüchtig auf ihn wurde. Es ist nie gut den Neid eines Herrschers zu wecken und nur die körperliche Schwäche von Seneca rettet ihn vor einer Bestrafung. Nun kommen wir zu der Episode, die die Wut und Verachtung für Kaiser Claudius von Seneca erklärt. Kurz nach dem Regierungsantritt des vierten römischen Kaisers warf man Seneca Ehebruch vor. Dabei handelte es sich zwar um eine Intrige, aber der Politiker wurde nach Korsika verbannt. Vom Kaiser kam keine Hilfe in dieser Rechtsangelegenheit. Aus diesem Grund war das Schreiben der „Verkürbissung“ quasi ein seelischer Befreiungsschlag für Seneca. Endlich konnte er seinem Ärger Luft machen.

Die Rückkehr nach Rom hatte der Verbannte der bereits erwähnten Agrippina der Jüngeren zu verdanken. Sie setzte ihn als Erzieher und Lehrer von Nero ein. Dafür ist Seneca auch berühmt geworden. Die ersten Jahre verliefen gut und der junge Kaiser zeigte sich von seiner besten Seite. Seneca regierte gemeinsam mit dem Prätorianerpräfekten Burrus für Nero und häufte in dieser Zeit ein immenses Vermögen von ca. 300 Mio. Sesterzen an. Alles lief ganz wunderbar für Seneca. Doch der Kaiser begann sich zu verändern. Zunächst ließ Nero seine Mutter Agrippina ermorden und dann starb auch noch Burrus. Senecas Einfluss auf den Kaiser begann zu schwinden. Als ihm das klar wurde, bat er Nero,sich aus der Politik zurückziehen zu dürfen. „Abgelehnt!“. Dessen ungeachtet verließ Seneca dennoch Rom und lebte seit dem 62 n. Chr. abgeschieden in Kampanien. Einige Zeit später wurde er der Mitwisserschaft an der „Pisonischen Verschwörung“ bezichtigt. Bevor man ihn deswegen ermorden ließ, zog Seneca den Freitod im Jahr 65 n. Chr. vor.

Seneca hinterließ der Nachwelt nicht nur die „Divii Claudii apocolocyntosis“, sondern noch zahlreiche andere Werke. Vor allem den Themen „Moral“ und „Ethik“ hat sich der Dichter eingehend gewidmet. Falls ihr mehr über die Himmel- und Höllenfahrt des Kaisers Claudius wissen wollte, kann ich euch nur empfehlen die „Verkürbissung“ zu lesen. An Ende des Beitrags findet ihr ein sehr bekanntes Zitat, welches aus dem Werk stammt, als kleinen Vorgeschmack.

Genug von Kaisern und Kürbnissen für heute. Beim nächsten Mal gibt es einen Längenvergleich der besonderen Art.

„Eine Hand wäscht die andere.“ (Lucius Annaeus Seneca, Apocolocyntosis 9)

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