Das östliche Eck des Quadrats

… oder wo der Jadekaiser lebt. 

Religionen und Glaubensrichtungen gibt es viele auf der Welt. Manche bestehen mehrere tausend Jahre, eigene nur für wenige Jahrzehnte. Bei den meisten werden eine Vielzahl von Gottheiten verehrt, aber es gibt auch Religionen, die sich nur auf einen Gott beschränken. Was aber nahezu jede Glaubensrichtung besitzt – egal ob mono- oder polytheistisch – sind Kultstätten oder Heilige Ort. Das müssen nicht zwangsweise Gebäude sein, auch geographisch markante Punkte bekommen oftmals einen spirituellen Charakter zugeschrieben. Einen solchen Ort möchte ich heute zum Thema meines Blogs machen.

Statue des Laozi in Quanzhou (Quelle: Wikicommons)

Statue des Laozi in Quanzhou (Quelle: Wikicommons)

Es handelt sich dabei um den Tai Shan, einen Berg in China. Die Religion, die diesen Ort als heilig ansieht, ist der Taoismus (oder auch Daoismus). Zunächst einmal ein paar Informationen zum Taoismus. Das Wort „Tao“ oder „Dao“ bedeutet übersetzt „Der richtige Weg“. Der Taoismus ist mehr als nur eine Religion, denn er ist auch Philosophie und Weltanschauung. Es handelt sich auch um eine sehr alte Glaubensrichtung, deren Ursprung im Dunkeln liegt. Mit dem Lauf der Zeit stießen viele verschiedene Strömungen zusammen. Zum Taoismus gehören das Prinzip von „Yin und Yang“ oder aber auch die Suche nach der Unsterblichkeit. Praktiken wie Meditation, Atemtechniken oder Qigong haben einen hohen Stellenwert im Taoismus. Wenn man über den Taoismus etwas hört, kommt man an dem Namen „Laozi“ (übersetzt „Alter Meister“) nicht vorbei. Ob diese Person wirklich existiert hat, ist umstritten. Allerdings wird Laozi eines der wichtigsten Werke des Taoismus zugeschrieben: Das Daodejing. Dabei handelt es sich um eine Sprüchesammlung. Das Jahr 215 n. Chr. war ein entscheidendes für den Taoismus, denn er wurde als Religion anerkannt.

Geographische Lage des Tai Shan (Quelle: Wikicommons)

Geographische Lage des Tai Shan (Quelle: Wikicommons)

Wie es sich für jede waschechte Religion/Philosophie/Weltanschauung gehört, besitzt auch der Taoismus besondere Orte und Kultstätten.Es gibt insgesamt 5 Heilige Berge und ihre Namen sind „Tai Shan“, „Heng Shan“, „Song Shan“, Hua Shan“ und „Heng Shan“. Das 2x der Heng Shan angeführt wird, ist kein Fehler. Die beiden Berge heißen halt gleich. Im taoistischen Weltbild stellt man sich China als Quadrat vor. Somit gibt es einen Berg in der Mitte und je einen für die vier Himmelsrichtungen. Der Tai Shan gilt als der östliche Eckpunkt des Quadrats. Geographisch gesehen liegt der Berg nördlich der Stadt Tai’an in der Provinz Shandong. Seine Höhe von 1.545 m ist nicht gerade beeindruckend, aber im Alten China galt er als höchster Berg der Welt. Oft wird jener Berg als der höchste angesehen, der in unmittelbarer Nähe steht. Da wirkt das auch gleich viel beeindruckender.

Blick auf die Treppe am Tai Shan (Quelle: Wikicommons)

Blick auf die Treppe am Tai Shan (Quelle: Wikicommons)

Doch zurück zum Tai Shan. Wie gesagt, die Höhe ist nicht gerade berauschend, aber wenn man hinaufsteigen will, reichen 1.545 m um aus der Puste zu kommen. Zum Glück für alle Gläubigen und Touristen führt eine ca. 10 km lange Treppe mit 6.293 Stufen auf den Tai Shan. Insgesamt kann man so 1.350 Höhenmeter überwinden. Während des Aufstiegs offenbart sich einem eine wunderschöne Landschaft , aber man passiert auch zahlreiche Tore und Paläste. Die Abschnitte zwischen den Gebäuden haben alle eigene Namen. Seit gut 2.000 Jahren nehmen Menschen die Strapazen auf sich, um am Tai Shan den Göttern zu opfern. Auch einige Kaiser haben den Aufstieg gewagt. Am Ende des Weges erwartet den Gläubigen nämlich der Tempel des Jadekaisers (Yuhuang Dian). Er ist die oberste Gottheit des Taoismus und wird mit dem Himmel gleichgesetzt. Weiters sah man den Kaiser von China als den Sohn des Jadekaisers an.

Seit 1987 gehört der Tai Shan zum UNESCO Weltkulturerbe und jedes Jahr besuchen mehrere Millionen Touristen den Berg. Für all jene, die sich jetzt denken „6.293 Stufen, das klingt anstrengend“, habe ich eine gute Nachricht. Heutzutage kann man auch mit der Seilbahn den Tai Shan hinauffahren. So erreicht man ganz bequem den Gipfel. Dort wird auch für das leibliche Wohl gesorgt. Sollte man aber den traditionellen Weg bevorzugen – Trinkflasche, Fotoapperat und bequeme Schuhe nicht vergessen.

Steigen wir die 6.293 Stufen des Tai Shan wieder hinab ins Tal. Nächste Woche besuchen wir die Heimat von gewaltigen Kolossen.

„Der große Weg ist sehr einfach, aber die Menschen lieben die Umwege.“ (Laozi)

 

 

 

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