Klar machen zum Entern

… oder welcher Vogel den Karthagern Kopfschmerzen bereitete.

Eine der interessantesten Lehrveranstaltungen, die ich während meines Studiums besuchte, war eine Übung mit dem Thema „Rom vs. Karthago“. Dabei wurde eine Vielzahl von Bereichen aus Wirtschaft, Sozialem und Militär zur Zeit der Punischen Kriege wurden mittels Referaten gegenübergestellt und verglichen. Themen waren beispielsweise Demographie, Verwaltung oder Heerwesen. Aber auch die jeweiligen Feldherren wurden vorgestellt wie z.B. Scipio oder Hannibal. Eine Studienkollegin und ich wurden für den Bereich „Schifffahrt und Seewesen“ ausgewählt. Ich bekam Rom und sie Karthago. Zweiteres war ja als Seemacht bekannt, Rom galt bis zum Beginn der Punischen Kriege nicht als solche. Dennoch hatten die Römer gesiegt. Das verdankten sie verschiedenen Kriegstaktiken und Waffen und eine davon möchte ich heute genauer vorstellen. Wieder geht es um einen Vogel. Doch diesmal handelt es sich nicht um die Heiligen Hühner, von denen ich bereits berichtet habe. Die Rede ist vom „Corvus“ oder zu Deutsch „Rabe“.

Römisches Kriegsschiff auf einem Mosaik in Tunesien (Quelle: Wikicommons, Mathiasrex)

Römisches Kriegsschiff auf einem Mosaik in Tunesien (Quelle: Wikicommons, Mathiasrex)

Fakt ist, dass bis zum Jahr 264 v. Chr., dem Beginn des 1. Punischen Krieges, Rom keine Flotte besaß. Erst der Konflikt rund um die Insel Sizilien mit Karthago machte es für die Römer notwendig, sich darüber Gedanken zu machen. Nur 4 Jahre später begann man mit dem Bau von 120 Schiffen und stellte diese in nur 60 Tagen fertig. Römische Schiffe werden nach der Anzahl der Reihen von Rudern oder besser gesagt Riemen unterschieden. Man kennt Moneren (1 Reihe), Dieren (2 Reihen), Trieren (3 Reihen), Tetreren (4 Reihen) und Penteren (5 Reihen). Der Kiel und der Vordersteven waren meist aus hartem Eichenholz, da diese Teile harte Stöße aushalten mussten. Wie aus einer Vielzahl von Filmen bekannt, besitzen römische Schiffe Rammsporne (rostrum). Doch wie in den Blockbustern oft fälschlich gezeigt, mussten vor einer solchen Attacke zuvor die Segel eingeholt und der Mast umgelegt werden. Diese Teile wären bei einem Rammmanöver nur hinderlich gewesen. Während einer Schlacht wurde ein römisches Kriegsschiff einzig durch die Kraft der Ruderer angetrieben. Auch das wird in Filmen wie z.B. Ben Hur häufig nicht richtig gezeigt, denn es handelt sich um keine Sklaven, sondern um freie Männer. Bei vollem Einsatz der Ruderer und günstigem Wind konnten Geschwindigkeiten bis zu 5 Knoten erreicht werden, was ca. 10 km/h entspricht. Die Mannschaft auf einem römischen Kriegsschiff teilt sich in nautisches Personal und eine Marineinfanterie. Erstere waren für den Antrieb des Schiffes, das Einholen und Spannen der Segel sowie das Absetzen von Signalen zuständig. Bei der Marineinfanterie handelt es sich um römische Soldaten. Die gesamte Besatzung eines solchen Kriegsschiffs entsprach genau einer Zenturie des Landheeres und wurde „centuria classis“ genannt. Natürlich hatte jedes Schiff auch einen Kommandanten (trierarchus), der die uneingeschränkte Befehlsgewalt an Bord hatte. Unterstellt war dieser „trierarchus“ nur dem „nauarchus princeps“, der die ganze römische Flotte („classis romana“) befehligte.

Schematische Darstellung des Corvus (Quelle: Wikicommons)

Schematische Darstellung des Corvus (Quelle: Wikicommons)

Nach dieser etwas längeren, aber notwendigen Einführung kommen wir zum eigentlich Thema, dem Corvus. Der Historiograph Polybios (1,22) berichtet von dem „Corvus“. Sobald man ein Schiff manovierunfähig gemacht hatte – entweder durch einen Rammstoß oder durch Abfahren der Riemen – war der nächste Schritt das Entern des Gegners. An einem Seil hinüber zu schwingen, schien keine gute Idee zu sein und deshalb entwickelt man den „Corvus“. Dabei handelt es sich um eine ca. 10 m lange und 1,20 m breite Enterbrücke, die im hinteren Teil des Schiffs angebracht war. Mittels Seilwinden konnte sie herunter gelassen werden. Ganz vorne am „Corvus“ befand sich ein Dorn, wie der Schnabel eines Raben, der sich in die Planken des gegnerischen Schiffes bohrte. Damit nagelte man den Feind fest. Die Marineinfanterie setzte dann über die Enterbrücke über und in den direkten Kampf gehen. Die Ruderer hatten die Aufgabe mit voller Kraft rückwärts zu rudern, damit die notwendige Zugespannung aufrecht gehalten werden konnte. In der Schlacht von Mylae im Jahr 260 v. Chr. wurde der „Corvus“ erfolgreich zum ersten Mal gegen die Karthager eingesetzt. Auch andere Kämpfe hoch zur See mit dem „Raben“ brachten Siege für die Römer. Die Karthager waren von dieser Taktik völlig überrumpelt und es bereitete ihnen einiges an Kopfzerbrechen. Bald hatte sich die Seemacht wieder einigermaßen gefangen und begann den „Corvus“ ebenfalls einzusetzen. Doch diese Art der Enterbrücke hatte auch ihre Nachteile, denn der Bug erhielt zusätzliches Gewicht und beeinträchtigte so die Manövierfähigkeit des Schiffs. Vor allem bei Schlechtwetter führte das zum Kentern der Schiffe.

Die Römer gingen als Sieger aus dem 1. Punischen Krieg hervor. Doch nicht nur das. Am Ende des 2. Punischen Krieges besaß Rom rund 200 Kriegsschiffe und Karthago nur mehr 20. Der „Corvus“ und der Rammsporn hatten gemeinsam mit Taktiken wie der Durchfahrt durch die feindlichen Reihen, um die Riemen zu zerstören („Diekplus“) zur Vernichtung der Seemacht Karthago geführt. Manchmal verwendeten die Römer auch sogenannte „Brander“. Dabei handelte es sich um kleine Schiffe, die mit Öl oder Pech beladen waren. Man schleppte sie in Richtung der feindlicher Flotte und ließ sie dann von der Strömung weiter herantreiben. Sobald sie nahe genug waren, wurden die „Brander“ angezündet und das Feuer breitete sich auf die Gegner aus. Diese Taktik erwies sich äußert erfolgreich, da man sie vor allem bei gegnerischen Flotten, die vor Anker gegangen waren, einsetzte.

Über das Ende von Karthago und die Rolle die Cato dem Ältere und ein paar frische Feigen dabei gespielt haben, wurde bereits in einem anderen Beitrag thematisiert. Die Stadt wurde 146 v. Chr. zerstört und das Gebiet als Provinz „Africae“ ins Römische Imperium eingegliedert. Der „Corvus“ hat seinen Teil dazu beigetragen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zum Einsatz kam.

Das war’s von der römischen Enterbrücke mit Namen „Corvus“. In der nächsten Woche lehnen wir uns zurück und genießen eine schöne Tasse Kaffee, Tee oder Kakao.

„Man kann einen Krieg beginnen, aber niemals beenden, wenn man will.“ (Niccolò Machiavelli)

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