Vom Rösten und Brühen

… oder was dem Gott Quetzalcoatl geopfert wird.

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages – so sagt man jedenfalls. Dazu gehört für viele Menschen auch eine Tasse mit heißem Inhalt. Meistens handelt es sich dabei um einen starken Kaffee, um endgültig aus dem Tiefschlaf zu erwachen. Für Kindern gibt es zum Frühstück statt dessen oft Kakao. Ich persönlich trinke in der Früh – wie viele andere – immer einen Tee, vorzugsweise einen Kräutertee mit belebenden Inhaltsstoffen. Alle drei Heißgetränke werden aber auch zu anderen Anlässen und Tageszeiten getrunken. Alleine der Geruch von Kaffee, Tee und Kakao verwöhnt unsere Sinne. So ein schöner Latte Macchiato gemütlich am Balkon getrunken, ist schon was Feines. Tee kommt zum Einsatz, um im Winter die Kälte aus den Gliedern zu vertreiben. Wenn man sich ein prasselndes Kaminfeuer in einer kleinen Holzhütte vor dem geistigen Auge vorstellt, dann kommt einem auch eine dampfende Tasse Kakao, vielleicht mit Rum, in den Sinn. Eines haben die drei Getränke gemeinsam – ihr Ursprung liegt nicht in Europa. Aber darüber machen wir uns beim Genuss dieser kulinarischen Immigranten keine Gedanken. Das soll sich heute ändern.

Kaffee – Der Siegeszug des Koffein

Blühende Kaffeepflanze (Quelle: Wikicommons)

Blühende Kaffeepflanze (Quelle: Wikicommons)

Es ist hinlänglich bekannt, dass Kaffee ursprünglich aus Afrika stammt, genauer gesagt aus der Region Kaffa in Äthiopien. Den Genuss des coffeinhaltigen Getränks kann man bis ins 9. Jhdt. hinein belegen. Bei den Kaffeebohnen handelt es sich um die Samen der Kaffeepflanze, die dann gemahlen oder geröstet werden. Heißes Wasser hinzu und voila – fertig ist der Kaffee. Wie so oft gibt es aus dieser Region auch einen Mythos, der die Nutzung von Kaffee erklärt. Angeblich soll ein Hirte beobachtet haben, dass jene seiner Ziegen, die Kaffeebohnen gefressen hatten, viel munterer waren als die anderen. So probierte er es selbst aus. Auch bei dem Hirten ließ die aufputschende Wirkung nicht lange auf sich warten. Doch die Früchte waren bitter und so spuckte der Hirte sie ins Feuer. Es verbreitete sich ein höchst angenehmer Geruch. So kam man auf die Idee, die Bohnen zu rösten und dann zu überbrühen. Der Kaffee war geboren. Im 14. Jhdt. begann dann der Aufstieg des Kaffees zu einem der beliebtesten Getränke der Welt. Er fand seinen Weg nach Arabien und wurde dort „qahwe“ genannt. Im Türkischen lautet das Wort für Kaffee „kahye“ und man braucht nicht viel Phantasie um zu erkennen, dass es bis zu den Ausdrücken „Kaffee“, „coffee“ oder „caffè“ nur ein kurzer Weg ist. Der Handel mit Kaffee boomte, wobei sich vor allem die Stadt Mocha oder Mokka als Zentrum für diesen Wirtschaftszweig herauskristallisierte. Im Osmanischen Reich entstanden allmählich die ersten Kaffeehäuser z.B. in Istanbul im Jahr 1554. Danach folgte allerdings eine etwas düstere Zeit für die Kaffeeliebhaber im Orient, denn Sultan Murad III. erließ ein Kaffeeverbot. In der ersten Hälfte des 19. Jhdts. kam es zu einer Reihe von Reformen im Osmanischen Reich.

Sultan Murad III. (Quelle: Wikicommons)

Sultan Murad III. (Quelle: Wikicommons)

Diese Zeit nennt man auch „Tanzimat“ (1839-1876). Auch der Kaffeegenuss war davon betroffen und man konnte seinem Verlangen nach Koffein wieder ungehemmt nachgehen. Europäer kamen schon vor der Zeit des Tanzimat in Kontakt mit Kaffee wie z.B. der Augsburger Arzt Leonhard Rauwolf. Über Italien verbreitete sich der Duft von gerösteten Bohnen über ganz Europa bis nach England. 1652 eröffnete das erste Kaffeehaus in London. In vielen europäischen Ländern begann eine wahre Kaffeehauskultur, man denke dabei nur an jene in Wien. Für die Verbreitung der Kaffeepflanze sorgten aber die Niederlande. In den Kolonien der Handelsmacht im Fernen Osten wurden bald Versuche unternommen, die Pflanze zu kultivieren. Aber nicht nur in Asien, auch in Südamerika hielt das Gewächs Einzug. Auf den riesigen Plantagen schufteten Sklaven aus Afrika, damit Europa sich Kaffee genießen konnte. Besonders paradox ist die Tatsache, dass der südamerikanische Kaffee auch in das Osmanische Reich exportiert wurde. Heute kann sich jeder Kaffee leisten. Das galt allerdings nicht für die vergangenen Jahrhunderte. Nur die Reichen konnte sich dem Genuss von Kaffee hingeben.

Kakao – Das braune Gold der Azteken

Quetzalcoatl, die Federschlange (Quelle: Wikicommons, Jami Dwyer)

Quetzalcoatl, die Federschlange (Quelle: Wikicommons, Jami Dwyer)

Sowohl die Pflanze mit ihren fleischigen Bohnen als auch das daraus gewonnene Getränk können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Beides wird umgangssprachlich als Kakao bezeichnet. Seine Heimat hat der Kakaobaum in Mittel- und Südamerika. Rückstände eines der Inhaltsstoffe mit Namen Theobromin wurde in Gefäßen gefunden. Bei dem Fundort handelt es sich um eine Stadt in Honduras. Berühmt wurde der Kakao vor allem durch seine Verbindung mit dem Volk der Azteken. Der Kakaobaum galt für die Azteken nicht nur als heilig, sondern seine Bohnen wurde dem Gott Quetzalcoatl geopfert. Dieser galt als Schöpfergottheit und Herr des Himmels und der Winde. Doch aus den Bohnen wurde auch ein aromatisches Getränk hergestellt, wobei einiges an Zutaten beigemischt wurde, die wir in unserer heutigen Form des Kakaos nicht mehr finden. Dabei handelt es sich beispielsweise um Cayennepfeffer oder Mais. Seit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch Christoph Kolumbus kamen auch immer mehr Europäer in die Neue Welt. Die Conquistatores, wie man die spanischen Eroberer auch bezeichnet, erkannten sehr bald den hohen Wert von Kakao. Die Menschen in Europa begehrten das „Braune Gold“, was die logischerweise die Nachfragen in die Höhe trieb. Das wiederum führte zu groß angelegten Anbaugebieten, auf denen Sklaven eingesetzt wurden. In Europa wurde das Kakaopulver mit Wasser zubereitet und man begann das Getränk mit Zucker zu süßen. Oft wurde für Kakao in Europa auch ein anderer Name verwendet nämlich „Theobroma“. Übersetzt bedeutet das „Speise der Götter“. Dieser geht auf den schwedischen Naturforscher Carl von Linné zurück. Wie auch beim Kaffee blieb der Kakao zunächst nur den oberen Schichten zugänglich. Weiters presste man das Pulver zu Tafeln, welche dann ohne die weitere Zugabe von Zucker oder Milch verkauft wurden. Der Vorläufer unserer heutigen Schokolade war geboren. Durch die Zugabe von Milch wurde der Kakao gehaltvoller und wurde zunehmend als Getränk für Kinder verwendet.

Tee – Ein Getränk mit Tradition

Chinesische Teekanne (Quelle: Wikicommons, Dr. Meierhofer)

Chinesische Teekanne (Quelle: Wikicommons, Dr. Meierhofer)

Wenn man heute vor dem Teeregal im Supermarkt steht, kann man zwischen zahlreichen verschiedenen Sorten wählen. Schwarztee, Grüner Tee, Früchtetee, Kräutertee und noch vieles mehr. Dieser Teil des Beitrags widmet sich vorwiegend jenem heißen Aufgussgetränk, dass aus den Blättern der Teepflanze gewonnen wird. Seinen Ursprung hat der Tee in China, wobei man nicht mehr genau sagen, ab wann es das Getränk in China gibt. Ein Beleg für die Verwendung von Tee existiert aus dem Jahr 221 v. Chr., denn während der Qin-Dynastie ist eine Teesteuer überliefert. Ein berühmtes Bauwerk aus dieser Zeit ist die berühmte Terracotta-Armee des Kaisers Qin Shihuangdi über die bereits berichtet wurde. Ab dem 7. Jhdt. n. Chr. war das Trinken von Tee fixer Bestandteil am kaiserlichen Hof. Auch buddhistische Mönche machten sich das belebende Getränk für ihre Meditationen zu nutze und begann auch die Teepflanze in den Klöstern anzubauen. In die Zeit der Tang-Dynastie (618-907) fällt auch die Entstehung des ersten Buches über Tee namens „Chajing“. Die Teekultur entwickelte sich während der folgendenden Jahrhunderte immer weiter und man erfand neue Arten der Zubereitung. Allerdings war das Teetrinken nur etwas für die obere Bevölkerungsschicht. Erst ab der Zeit der Yuan-Dynastie (1279-1368) wurde Tee auch für die breite Masse zugänglich. Die Zahl der öffentlichen Teehäuser wuchs, man gründete Schulen für Teekunst und die Kultur rund um das Heißgetränk breitete sich über die Grenzen des damaligen Chinas aus. Während der Herrschaft von Mao Zedong erlebte die chinesische Teekultur einen Einbruch. Erst in der heutigen Zeit kann man eine Art Wiederbelebung der Teekultur beobachten. In China unterscheidet man zwischen 6

Thomas Twining (Quelle: Wikicommons)

Thomas Twining (Quelle: Wikicommons)

verschiedenen Teesorten im engeren Sinn: Schwarzer oder roter Tee, Grüner Tee, Gelber Tee, Weißer Tee, Oolong Tee und Pu Erh Tee. Die Anbaugebiete befinden sich eher im Süden des Landes. Die japanische Teekultur ist stark von der chinesischen beeinflusst, welche während der Tang-Dynastie auf die Insel überschwappte. Auch in Korea fand der Tee Einzug. Dank der Entdeckungsfahrten im 15. Jhdt. kamen auch die Europäer mit dem aromatischen Getränk in Berührung. Aber erst im beginnenden 17. Jhdt. wurde Tee zum Handelsgut mit Asien. Ein Schiff der Niederländischen Ostindien Kompanie lieferte 1610 das erste Mal Tee nach Europa. Vor allem in England entwickelte sich eine wahre Teekultur, die bis heute als typisch für dieses Land gilt. Allerdings unterscheidet sie sich grundlegend von der Teekultur in China. Im Jahr 1717 eröffnete beispielsweise das Teehaus von Thomas Twining seine Türen. Die Weiterentwicklung der Schifffahrt sowie die Erschließung neuer Wasserwege wie dem Suezkanal verbesserten die Transportzeiten von Handelswaren enorm. Das beeinflusste auch den Tee, denn auf den langen Strecken hatten die Blätter aufgrund der Lagerung oft einen muffigen Geruch angenommen. Im 20. Jhdt. begann man Tee in der Türkei anzupflanzen. Auch in England gibt es Teeanbaugebieten, nämlich in Cornwall.

Wenn man das nächste Mal vor einer heißen Tasse Kaffee, Tee oder Kakao sitzt, sollte man sich bewusst machen, welche Geschichte hinter dem Getränk vor einem steckt. Das wäre etwas was man sich in verschiedenen Alltagssituationen oder banal wirkenden Gegenständen öfter vornehmen sollte. Was weiß ich eigentlich darüber oder woher kommt das überhaupt? Vielleicht gelingt es mir noch, das eine oder andere, täglich verwendete Objekt zum Thema eines Beitrags zu machen. An Möglichkeiten mangelt es mir nicht.

Lasst euch euer nächstes Heißgetränk besonders gut schmecken. In der nächsten Woche treffen wir dann auf einen Mann, der die Sonne verehrte.

„Es braucht zu allem ein Entschließen, selbst zum Genießen.“ (Eduard von Bauernfeld)

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