Eine Hymne für die Sonne

… oder warum ein Pharao seinen Namen ändert.

„Du sollst nur an einen Gott glauben.“ So oder ähnlich lautet das erste der zehn Gebote, die Mose laut Altem Testament direkt von Gott am Berg Sinai mitgeteilt wurden (2. Buch Moses; 20,3-17). In der heutigen Zeit gibt es drei Weltreligionen, bei denen nur eine Gottheit verehrt wird: Das Christentum, das Judentum und der Islam. Man spricht dann von „Monotheismus“ (dt. Eingottglaube) oder von einer „monotheistischen“ Religion. Es gibt aber noch zwei weitere große Religionen, die an mehr als nur einen Gott glauben: Den Buddhismus und den Hinduismus. In diesen beiden Glaubenvorstellungen existiert eine Vielzahl von Gottheiten nebeneinander, denen unterschiedliche Bereich zugeordnet sind. Solche Religionen werden als „polytheistisch“ bezeichnet. Polytheismus war vor allem in der Antike weit verbreitet, so auch im Alten Ägypten. In dem Beitrag über Ammit, die Seelenfresserin wurden bereits einige der ägyptischen Gottheiten vorgestellt wie z.B. Osiris. Allerdings gab es auch im Alten Ägypten eine Zeit lang nur einen Gott, der verehrt wurde. Diese monotheistischen Phase im Land am Nil soll heute im Mittelpunkt des Interesses stehen. Der Gott um den es geht wird „Aton“ genannt und bei dem Mann, der diese eine Gottheit zum einen wahren Gott über Ägypten machte, handelt es sich um niemand geringeren als den Pharao Echnaton.

Pharao Echnaton

Pharao Echnaton

Reisen wir zurück in das 1. Jahrtausend v. Chr. Echnaton war der zweitälteste Sohn des Pharao Amenophis III. und hieß vor seinem Herrschaftsantritt wie sein Vater Amenophis. In den Geschichtsbüchern steht nämlich gelegentlich auch Amenophis IV., aber die Rede ist von Echnaton. Dieser Name bedeutet „Dem Aton wohlgefällig“. Eigentlich war er gar nicht für die Pharaonenwürde vorgesehen, aber sein älterer Bruder Thutmosis starb frühzeitig. Das Geburtsjahr von Echnaton bleibt ein Rätsel und auch von seiner Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Im Jahr 1353 v. Chr. bestieg der neue Pharao den Thron von Ägypten. In den ersten beiden Regierungsjahren deutet noch nichts auf die radikalen Veränderungen hin, die bald folgen sollten. 1350 v. Chr. erhob Echnaton den auch vorher schon existierenden Gott Aton zum obersten Gott in Ägypten. Mit dem Wort „Aton“ wurde ursprünglich die Sonne als Himmelskörper bezeichnet und fungierte später als Thron des Sonnengottes Re. Den Gott Aton, den Echnaton verehrte, war nicht mehr oder weniger als das Licht, das die Welt durchdringt. Er war die Quelle allen Lebens und benötigte keine anderen Gottheiten neben sich. Im Zuge der Einführung der Anbetung des Aton vollzog sich auch der Namenswechsel hin zu Echnaton. Sofort wurde der neuen Gottheit ein gewaltiger Tempel errichtet. Dieser stand in Karnak in der Nähe des Tempels von Gott Amun. Diese Gottheit war im Lauf der Jahrhunderte zu einem der mächtigsten Götter im alten Ägypten aufgestiegen. In Amuns Zuständigkeitsbereich fielen Regen- und Wind sowie der Schutz von Herden und Vieh. Oft wird Amun in Gestalt eines Widder dargestellt.

Gott Amun in seiner Widdergestalt

Gott Amun in seiner Widdergestalt

Im Zentrum der neuen Religion stand Aton und der Pharao Echnaton fungierte als sein Mittler. Dargestellt wurde Aton als Sonnenscheibe mit einer Uräusschlangen und dem „Anch“ als Zeichen des Lebens auf der Unterseite. Die Strahlen der Sonne endeten in Händen, die die Verbindung von Aton mit der Erde veranschaulichen sollten. Von Echnaton ging die Lehre des Atons-Glaubens aus. Diese beinhaltet vor allem die Liebe des Gottes zu allen Wesen auf der Erde. Nofretete, die Gattin von Echnaton rückt stärker in den politischen und kulturellen Bereich. Als Königsgemahlin schien sie nahezu gleichberechtigt neben Echnaton zu stehen.

Aton als Sonnenscheibe und die Familie von Echnaton

Aton als Sonnenscheibe und die Familie von Echnaton

Die Familie von Echnaton stand im Mittelpunkt und füllte jenen Platz aus, den zuvor die Mythen rund um die Götter inne hatten. Auf den Abbildungen sieht man Echnaton, Nofretete und deren Töchter unterhalb von Aton stehen oder sitzen. Man erhält den Eindruck einer liebevollen Familienidylle. Echnaton verlangte von seinen Untertanen, in ihren Häusern Bilder von Aton und der königlichen Familie aufzustellen. Für jemand der jahrelang mit einer Vielzahl von Göttern aufgewachsen ist, dürfte es äußerst schwierig gewesen sein, sich an den neuen, einzigen Gott zu gewöhnen. Erhalten ist auch der Sonnengesang (Aton-Hymnus), den Echnaton zu Ehren seines Gottes verfasste. Darin wird Aton und sein Wesen als Gott, der sich um seine Schöpfung sorgt und kümmert, beschrieben.

Im sechsten Regierungsjahr kam der nächste große Umbruch auf Ägypten zu, denn Echnaton ließ eine neue Stadt mitten in der Wüste bauen. Diese nannte er „Achetaton“, was übersetzt „Lichtort des Aton“ bedeutet. Echnaton wechselt auch sukzessive die Beamtenschaft aus, da es mit vielen dieser Gesellschaftsschicht zum Bruch gekommen war. Die neuen Beamten waren meistens Günstlinge des Pharao und stammten nicht aus den alteingesessenen Beamtenfamilien. Einige der alten Beamten, die ihren Posten behalten wollten, änderten einfach ihren Namen, um dem Pharao zu gefallen. Ein Beispiel wäre ein Mann namens Nachtmin (dt. „Der Gott Min ist stark“), der sich in Nachtpaaton (dt. „Der Aton ist stark“) umbenannte. Oppurtunisten gibt es in jeder Epoche. Doch die Verlegung der Hauptstadt und die Auswechslung der Beamtenschar war nicht das Ende von Echnatons Religionsreform. Einige Zeit später wurde aus dem Polytheismus ein Monotheismus. Die Anbetung anderer Götter wurde untersagt, man begann die Namen von Gottheiten zu löschen und die Tempel schlossen ihre Türen. Es setzte ein wahrer Bildersturm ein. Selbst das Wort „Götter“ durfte nicht mehr verwendet werden. Echnaton zwang seinem Volk die Verehrung von Aton auf und Ägypten entwickelte sich zu einem Gottesstaat. Das dies zu Spannungen führte kann man sich denken. Nicht nur das religiösen Leben der Leute war betroffen, sondern auch Wirtschaft und Kultur veränderte sich radikal.

Büste von Nofretete

Büste von Nofretete

Polytheistische Religionen zeichnen sich meistens durch eine gewisse Toleranz gegenüber Gottheiten aus anderen Kulturen aus. Oft werden diese auch in die bestehende Religion aufgenommen und ihre Verehrung gestattet. Auch in Ägypten hatte es Tempel für Götter gegeben, deren Ursprung nicht in Ägypten lag. Im ägyptischen Monotheismus war auch für diese „ausländischen“ Gottheiten kein Platz mehr. Denn Echnaton sah Aton nicht nur als ägpytischen, sondern als universellen Gott an.

Am Ende von Echnatons Herrschaft kam es dann zu außenpolitschen Spannungen mit dem Hethiterreich. Kurz darauf verstarb Echnaton ohne einen Sohn hinterlassen zu haben. Zwischen seiner zweiten Frau und seiner ältesten Tochter kam es zu Thronstreitigkeiten. Die Pharaonen nach Echnaton, darunter auch der berühmte Tutanchamun (1332-1323 v. Chr.), versuchten vorsichtig und schrittweise die Verehrung der alten Götter in Ägypten wieder einzuführen. Die Bevölkerung hatte zu sehr unter der radikalen Einführung des Monotheismus gelitten. Bald erwachten die Kulte von Re, Amun und all den anderen Gottheiten wieder zu neuem Leben.

Das war die Geschichte von Pharao Echnaton und seinem Gott Aton. Beim nächsten Mal machen wir gemeinsam die Küste Kroatiens unsicher.

„Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen, nicht selbst zu existieren braucht.“ (Charles Baudelaire)

 

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Oh voll spannend!! Auch die Einsicht, dass polytheistische Religionen tendenziell toleranter sind. Und ich freu mich auf nächste Woche! 🙂

    • Ja, davon kann man ausgehen. Polytheistische Religion tun sich einfach leichter den 10.001. Gott in ihr Pantheon aufzunehmen. Oft finden sich auch Gemeinsamkeiten zwischen Gottheiten in verschiedenen Kulturen und dann wird die fremde Gottheit einfach mit einer aus der eigenen verschmolzen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Bei einem großen Reich wie dem Römischen Imperium z.B. mit vielen Völkern und Nachbarn geht das auch gar nicht anders. Sie wären ja auch tolerant gegenüber dem christlichen Glauben gewesen.

      Mit deinem Wunschthema für diese Woche hast du mich vor eine Herausforderung gestellt, vor allem was die Literatur betrifft. Freu mich schon darauf. 🙂 Challenge accepted!!!

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