Ständig vertrieben

… oder wer gegen das Osmanische Reich und Venedig zugleich kämpfte.

Da ich versuche in diesem Blog eine möglichst große Themenvielfalt zu bieten, bin ich froh, wenn jemand einen Wunsch äußert, woüber er/sie gerne etwas lesen möchte. Eine sehr liebe Freundin und fleißige Leserin meiner Geschichten ist vor kurzem mit einer speziellen, historischen Anfrage an mich herangetreten. Da im Sommer einige Tage in Kroatien bei ihr ins Haus stehen, hat sie sich mit Besonderheiten dieser Region beschäftigt. Dabei stieß sie auf eine Gruppe von Leuten, über die sie nun mehr wissen möchte. Es geht um die „Uskoken“. Falls jemandem dieser Name nichts sagt, im Schulunterricht kam er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vor. Also keinen Stress! Aber als Historikerin mit Bildungsauftrag werde ich dafür sorgen, dass sich das gleich ändert. Es gestaltete sich aber äußerst schwierig in den Standardwerken etwas über die Uskoken und ihre Geschichte zu finden. Zu meinem Glück habe ich mehrere Vorlesungen zu Südosteuropäischer Geschichte sowie eine VO mit dem Titel „Aufstieg und Untergang des Osmanischen Reiches“ besucht. „Challenge accepted!“

Sultan Osman I. (Quelle: Wikicommons)

Sultan Osman I. (Quelle: Wikicommons)

Die Uskoken waren ursprünglich im Gebiet der heutigen Länder Kroatien, Serbien sowie Bosnien-Herzogowina beheimatet. Der Name bedeutet übersetzt „die Einfallenden“. Im  Lauf des 16. Jahrhunderts kam es zur Vertreibung dieser Gruppe. Auslöser dafür war die Expansion des Osmanischen Reiches. Bevor wir uns also weiter mit der Geschichte der Uskoken beschäftigten, ist es unerlässlich sich vorher damit zu beschäftigen. Gegründet wurde das Osmanische Reich im Jahr 1301 unter Sultan Osman I., welcher zu dem muslimischen Stamm der Rum-Seldschuken gehörte. Vor allem in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es zur Ausdehnung dieser Macht. Vor allem das Byzantinische Reich musste sich häufig mit Angriffen der Osmanen herumschlagen. Die Eroberung der Stadt Adrianopel in Südosteuropa im Jahr 1361 kündigte bereits das Ende des ehemaligen Oströmischen Reiches an. Die Osmanen drangen weiter auf dem Balkan vor und besiegten in der berühmten Schlacht auf dem Amselfeld 1389 die Serben, was dieses Volk zu Untertanen des Osmanischen Reichs machte. Die Expansionsbestrebungen nahmen aber danach kein Ende.1453 kam es zu einem einschneidenden Ereignis in der südosteuropäischen Geschichte. In diesem Jahr eroberten osmanische Truppen die Stadt Konstantinopel. Damit hörte das Byzantinische Reich de facto auf zu existieren. Konstantinopel wurde in Istanbul umbenannt und zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches gemacht. Weiters werden die Gebiete Bosnien und Serbien zu Provinzen gemacht. Unter Sultan Suleiman II. kam es zu drei weiteren entscheidenden Siegen der Osmanen. Vor allem die Niederlage der Ungarn in der Schlacht von Mohacs 1526 stellte sich als entscheidend heraus. Den österreichischen Ländern fiel nun die Verteidigung der Grenzen zu, aber bereits 4 Jahre später belagerten die Osmanen zum ersten Mal Wien.

Jetzt befinden wir uns auch ungefähr in der Zeit, zu der die Uskoken ihre Heimat verlassen mussten. Sie wurden zu Flüchtlingen und siedelten sich Anfang des 16. Jahrhunderts im nördlichen Teil von Dalmatien an. Die Uskoken bestanden hauptsächlich aus Katholiken und als Erinnerung an ihre Heimat trugen viele noch die dort vorherrschende Tracht. Vor allem die rote Kappe mit Feder war ein charakteristisches Merkmal dieser Kleidung. Die Vertriebenen fanden unter anderem auf den Ländereien des Adeligen Petar Kruzic in Klis eine neue Bleibe. Aber die Osmanen eroberte dieses Gebiet 1537 und so mussten sich die Uskoken weiter zurückziehen. Das neue Zentrum der Uskoken wurde die Stadt Senj in Kroatien. Dort steht auch die berühmte Festung Nehaj. Von diesem Punkt aus starteten die Uskoken auch ihre Züge gegen die Osmanen, die erbittert von den Vertriebenen geführt wurden. Aber auch die Republik Venedig stand auf der Feindesliste der Uskoken. Die geographische Lage von Senj war es, die den Uskoken diese Überfälle ermöglichte, denn über Land war die Stadt sehr schwer erreichbar. Unterstützung erhielten die Uskoken zum einen von der ansässigen Bevölkerung und zum anderen von österreichischen Seite. Die Befehlshaber der an den Grenzen stationierten Armeen schickten Nahrung, Geld und Waffen an die Uskoken, denn der Feind war ein gemeinsamer. Ein weiterer Punkt warum sich die Uskoken gegen Mächte wie die Osmanen oder Venezianer behaupten konnten, war ihr großes seefahrerisches Können.

Die Festung Nehaj in Senj (Quelle: Wikicommons)

Die Festung Nehaj in Senj (Quelle: Wikicommons)

Immerwieder überfielen die Uskoken mit ihren kleinen Booten venezianische Handelsschiffe. Sie wurden quasi die „Piraten von Dalmatien“. Von seiten Österreichs wurde diese Vorgehen toleriert. So entstand aber auch Konfliktpotential zwischen Österreich und Venedig, der sich im Friaulischen Krieg entlud. Erzherzog Ferdinand II. (der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) war bemüht eine friedliche Einigung zu erlangen, aber er konnte dem Treiben des Uskoken keinen Einhalt gebieten.1615 kam es dann zum Ausbruch des Krieges als die Republik Venedig die Stadt Gradisca belagerte sowie den Ort Karlobag besetzten. Die österreichischen Truppen wandten sich daraufhin gegen Istrien, das zu diesem Zeitpunkt unter venezianischer Herrschaft stand. An ihrer Seite befanden sich die Uskoken. Aber auch Albrecht von Wallenstein, der berühmte Feldherr des Dreißigjährigen Krieges kämpfte für Österreich. Venedig ging siegreich aus dem Friaulischen Krieg hervor und 1617 musste Ferdinand II. im Vertrag von Madrid die Forderungen der Republik Venedig erfüllen. Dazu gehörte auch, dass die Uskoken aus Senj vertrieben würden. Damit schnitten sich die Venezianer aber ins eigene Fleisch, denn die kroatischen Piraten hatten nicht nur sie selbst, sondern auch die Osmanen bekämpft. Nach 1617 hinterließen sie in dem Gebiet um Senj ein Machtvakuum, was Venedig zahlreiche Kämpfe mit dem Osmanischen Reich bescherte.

Für die Uskoken bedeutete der Vertrag von Madrid, dass sie sich abermals eine neue Heimat suchen mussten. Sie wählten die Stadt Karlovac und das umliegende Gebiet sowie die Gegend rund um den Fluss Kupa. In den folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Erzherzogtum Österreich und dem Osmanischen Reich kämpften die Uskoken auf österreichischer Seite und verteidigten die unmittelbaren Grenzgebiete.

Roman "Die Rote Zora und ihre Bande" (Quelle: Wikicommons)

Roman „Die Rote Zora und ihre Bande“ (Quelle: Wikicommons)

Aber auch im 20. Jhdt. trifft man auf die Uskoken. Darin erzählt der Autor Kurt Held (Kurt Kläber) die Geschichte des Mädchen Zora und ihrer Bande „Uskoken“. Diese leben in der Stadt Senj und sind allesamt Waisenkinder. Als ein Junge namens Branko seine Mutter verliert und unter dem Verdacht ein Dieb zu sein, eingesperrt wird, hilft ihm die rothaarige Zora. Die Leute der Stadt Senj behandeln die Kinder wie Ausgestoßene, nur ein alter Fischer pflegt einen Freundschaft zu den Waisen. Aus diesem Grund unterstützen ihn Zora und ihre Bande gegen die großen Fischereiunternehmen. Aus dem Buch entstand auch eine Fernsehserie sowie zahlreiche Hörspiele. 2008 kam ein Film mit dem Titel „Die rote Zora“ in die Kinos. Leider gab sich auch eine linksextremistische Terrorgruppe, die weitgehend aus Frauen bestand, den Namen „Rote Zora“. Von 1975  bis 1995 kam zu zahlreichen Anschlägen und Attentaten, die auf das Konto dieser radikalen Gruppierung gehen.

Damit schließen wir das Kapitel „Uskoken – Die Piraten von Dalmatien“. Beim nächsten Mal treffen wir dann auf berühmten Sagengestalten und ihre realen Vorbilder.

„Ohne Heimat sein heißt leiden.“ Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.