4 x Iulia

… oder wie der Gott Baal in Rom Einzug hielt.

Die Geschichte wimmelt nur so von mächtigen Männern, die die Geschicke von Königreichen und Nationen lenkten. Während des Geschichtsunterrichts begegnen wir zahlreichen Kaisern, Fürsten, Präsidenten sowie Feldherren. Von mächtigen, einflussreichen Frauen hört man oft nur wenig. Ein paar Namen tauchen auf wie etwa Kleopatra, Elizabeth I. oder Katharina die Große. Auch sie herrschten über große Reiche und verfügten über enorme Macht. Im Zuge meines Blogs habe ich immer wieder versucht berühmte und faszinierende Frauengestalten vorzustellen. Nicht etwa weil ich mich selbst als Feministin bezeichnen würde, sondern weil ich schlicht und ergreifend der Ansicht bin, dass die Leben und Taten dieser Frauen von Interesse sind. Darunter waren z.B. Herrscherinnen wie Zenobia oder Theophanu, aber auch Wissenschaftlerinnen wie Clara Immerwahr oder Autorinnen wie Agatha Christie. Heute widmen wir uns gleich vier Damen, die die Geschicke Roms lenkten. Sie stammen alle aus einer Familie und standen den jeweiligen Kaisern auf verschiedene Art nahe. Sie haben auch alle den gleichen Vornamen – Iulia. In diesem Beitrag werde ich die lateinische Schreibweise des Namens benutzen.

Die Rede ist von Iulia Domna, Iulia Maesa, Iulia Soaemias und Iulia Mamaea. Um die Verwandtschaftsverhältnisse etwas klarer zu machen, kurz ein Überblick zu den vier Damen. Die Familie der „Iulias“ war eine wohlhabende und einflussreiche Priesterfamilie in der Stadt Emesa, das heute in Syrien liegt. Iulia Domna heiratete den römischen Kaiser Septimius Severus und war auch die Schwester von Iulia Maesa. Diese wiederum war die Mutter von Iulia Soaemias und Iulia Mamaea. Erstere zeugte mit ihrem Mann einen Sohn, der später als Kaiser über das Römische Imperium herrschen sollte. Ihre Schwester Iulia Mamaea wurde auch die Mutter eines römischen Kaisers. Dazu kommen wir im Lauf des Beitrags noch. Für einen besseren Durchblick hier der Stammbaum der Severischen Dynastie, benannt nach Kaiser Septimius Severus. Bei dem wollen wir auch beginnen.

Das Haus der Severer (Quelle: Weiler, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums. S. 199)

Das Haus der Severer (Quelle: Weiler, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums. S. 199)

Aus der unruhigen Zeit des Fünfkaiserjahres 192/93 ging Septimius Severus als Sieger um den Kaiserthron hervor. Er war der erste Herrscher aus Nordafrika und konnte sich durch eine angebliche Abstammung von Kaiser Marcus Aurelius legitimieren. In der Ansicht mancher Forscher beginnt bereits beim Regierungsantritt von Septimius Severus die Zeit der „Soldatenkaiser“, was von anderen aber bestritten wird. Zu diesem Kaiser ist unter anderem zu sagen, dass er sich nicht gut mit dem Senat verstand. Dies mag an seiner Herkunft liegen, die alles andere als vornehm war. Nachdem Septimius Severus alle seine Gegner um den Kaisertitel besiegt hatte, nahm er sich im Jahr 197 den Senat zur Brust. Die folgende Säuberungswelle brachte ihm den Spitznamen „Punischer Sulla“ ein. Septimius Severus förderte das Militärwesen durch Solderhöhung und Versorgung der Veteranen. Ganze drei neue Legionen wurden ausgehoben. Laut dem antiken Autor Cassius Dio gab er seinen Söhnen Caracalla und Geta den Rat, sich nur um die Soldaten zu kümmern und um nichts anderes (vgl. Cass. Dio. 77,15,2). Unter diesem Kaiser gab es aber auch Reformen im Rechtswesen und das Gebieten „Italia“ verlor seinen Sonderstatus gegenüber anderen Provinzen. Verheiratet war er – wie bereits erwähnt – mit Iulia Domna. Als Tochter des Hohepriesters von Emesa brachte sie die für Septimius Severus notwendige, vornehme Abstammung mit in die Ehe. Iulia Domna wurde zur „augusta“ und erhielt weitere Ehrentitel wie „mater castrorum“ (Mutter des Feldlagers), denn sie begleitete den Kaiser oft auf den Feldzügen. Dabei handelt es sich auch um einen politischen Schachzug, denn Faustina, die Gattin von Marcus Aurelius hatte diesen Titel getragen. Wie schon erwähnt wollte sich Septimius Severus über den Kaiser legitimieren. Der Kaiser und seine Gattin nannten ihren ersten Sohn Marcus Aurelius Antoninus (Caracalla), um ihre Bindung an Marcus Aurelius noch enger zu machen. Iulia Domna galt als hochgebildete Frau, die sich mit Philosophen und Literaten umgab. Septimius Severus starb im Jahr 211 als er sich gerade in Eboracum, dem heutigen York, befand. Die Nachfolge sollten seine beiden Söhne Caracalla und Geta gemeinsam antreten.

Zeitgenössische Abbildung von Septimius Severus und seiner Familie (Quelle: Wikicommons)

Zeitgenössische Abbildung von Septimius Severus und seiner Familie (Quelle: Wikicommons)

Wie es oft bei Geschwistern, konnten sich Caracalla und Geta nicht ausstehen. Sogar die Teilung des Reiches stand laut dem Histeriographen Herodian zum Gespräch, was allerdings von Iulia Domna verhindert wurde (Herod. 4,3,5-9). Im Jahr 211 kam es schließlich zu einem Ereignis, das für Iulia Domna das schlimmste in ihrem Leben gewesen sein muss. Caracalla lud Geta unter dem Vorwand der Versöhnung ein, welche im Beisein der Mutter vollzogen werden sollte. Geta glaubte sich in Sicherheit und kam ohne seine Leibwache. Diesen Fehler bezahlte er mit dem Leben und Iulia Domna musste mit ansehen wie ihr älterer Sohn ihren jüngeren ermordete. Dabei trug auch sie eine Verletzung davon. Das dürfte das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zerstört haben. Geta verfiel der „damnatio memoriae“, deren Auswirkungen man am Familienbild links sehen kann. Das Gesicht des Geta ist unkenntlich gemacht worden. Caracalla schwang sich zum alleinigen Kaiser auf und Iulia Domna behielt alle ihre Macht und Ehrentitel. Der Kaiser kümmerte sich weiter vornehmlich um militärische Angelegenheiten und es kam zu einer weiteren Solderhöhung für die Legionäre. In keiner Provinz gab es weniger als 2 Legionen. Ein Meilenstein der Geschichte fällt unter die Regierungszeit von Caracalla, den er erließ die sogenannte „constitutio antoniniana“. Dieser Erlaß machte alle freien Bewohner des Reiches zu römischen Bürgern, was für den Einzelnen eine Verbesserung der Rechtslage mit sich brachte. Für den Staat bedeutet dieser Schritt vor allem steuerliche Vorteile. Weiters ließ Caracalla die berühmten, nach ihm benannten Thermen in Rom errichten. Iulia Domna erhielt unter der Herrschaft ihres Sohnes noch weitere Ehrentitel wie „Mutter des Vaterlandes“. Eine der Aufgaben der Mutter des Kaisers war die an diesen gerichtete Korrespondenz zu erledigen bzw. Bittschriften zu beantworten. Vermutlich wird sich Iulia Domna auch um verwaltungstechnische Dinge gekümmert haben, für die ihr Sohn kein Interesse zeigte. Im Jahr 214 begleitete Iulia Domna ihren Sohn Caracalla zu einem Feldzug in den Osten. Drei Jahre später erreichte Iulia Domna in Antiocheia die Nachricht, dass ihr Sohn einem Attentat zum Opfer gefallen war. Einer der Beteiligten an diesem Komplott war der Prätorianerpräfekt Macrinus, der nun zum neuen Kaiser ausgerufen wurde. In einem Schreiben garantierte er Iulia Domna die Erhaltung ihrer Würde und ihres Hofstaates. Die mächtige Frau konnte dies nicht hinnehmen und versuchte gegen Macrinus vorzugehen. Dieser entdeckte ihr Vorhaben ihn zu stürzen und befahl ihr Antiocheia zu verlassen. Daraufhin tötete Iulia Domna sich selbst, in dem sie jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte. An diesem Punkt hatten die severische Dynastie keinen männlichen Nachfolger mehr und hatte ihre ganze Macht verloren.

Münze mit dem Bild von Iulia Maesa (Quelle: Eigenes Foto)

Münze mit dem Bild von Iulia Maesa (Quelle: Eigenes Foto)

Nun kommt Iulia Maesa auf den Plan, die Schwester von Iulia Domna. Diese Dame hatte bereits eine lange Zeit in Rom verbracht und war mit den Gebräuchen und Machtverhältnissen dort bestens vertraut. Verheiratet war sie mit einem Mann aus dem Ritterstand, der unter Septimius Severus sofort in den Senat aufgenommen wurde. Wie bereits erwähnt hatte sie zwei Töchter, Iulia Soaemias und Iulia Mamaea. Nach dem Tod von Iulia Domna wurde sie von Macrinus aus Rom verwiesen. Iulia Maesa wollte den Machtverlust der Familie nicht hinnehmen und begann gegen Macrinus vorzugehen. Der neue Kaiser war bei den Soldaten denkbar unbeliebt und diesen Umstand machte sich die schlaue Dame zu nutze. Iulia Maesa behauptete ihr Enkel Elagabal sei ein unehelicher Sohn von Kaiser Caracalla. Zu diesem Zeitpunkt war Elagabal erst 14 Jahre alt. Mit großzügigen Geldgeschenken der enorm vermögenden Iulia Maesa konnten immer mehr Anhänger gewonnen werden. Macrinus musste reagieren, wenn er seine Kaiserwürde behalten wollte. Bald standen sich das Heer des Kaisers und das von Elagabal, seiner Großmutter Iulia Maesa und seiner Mutter Iulia Soaemias in Antiocheia gegenüber. Trotz schlechter Kommandostruktur konnten die severischen Damen den Sieg für sich davontragen und Elagabal wurde im Jahr 218 Kaiser.

Münze mit dem Bild von Iulia Soaemias (Quelle: Eignes Foto)

Münze mit dem Bild von Iulia Soaemias (Quelle: Eignes Foto)

Iulia Maesa erhielt den Titel „augusta“, wobei sie nie Kaiserin war. Die Mutter von Elagabal, Iulia Soaemias, dagegen war politisch weniger engagiert und interessiert. Was man über Elagabal noch wissen sollte, ist dass er, wie viele in der severischen Familie, ein Priester des Gottes Baal war. Dieser zog gemeinsam mit dem neuen Kaiser in Rom in Form eines schwarzen Steines ein. Generell war Elagabal ein sehr spezieller Zeitgenosse. Er hatte zahlreiche Ehefrauen, darunter auch Vestalinnen, die eigentlich jungfräulich bleiben sollten. Weiters kleidete er sich gerne in Frauengewänder, was heute unter den Begriff „Travestie“ fallen würde, hatte masochistische Züge und vergnügte sich gerne mit Lustknaben. Das alles war für die Römer noch hinnehmbar, da kannten die Bewohner der Ewigen Stadt noch schlimmeres. Was aber große Empörung hervorrief, war der Versuch Elagabals seinen Gott Baal an die Spitze des Pantheons zu setzen. Die kapitolinische Trias – IupiterIuno und Minerva – wurden in dienender Haltung vor den Gott aus dem Orient dargestellt. Iulia Maesa hatte diese ganzen Entwicklungen mit Sorge verfolgt und versuchte immer wieder ihren Enkel zu mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Römer anzuhalten. Doch es war bereits zu spät und Iulia Maesa beschloss Elagabal zu gunsten ihres zweiten Enkels Severus Alexander zu opfern. Dieser war der Sohn von ihrer jüngeren Tochter Iulia Mamaea. Gemeinsam bauten die beiden Frauen den neuen Kaiser auf und übten großen Einfluss auf den Jungen aus. Elagabal erkannte was Sache ist und beschloss etwas gegen seine Absetzung als Kaiser zu tun. Jetzt endlich trat auch Iulia Soaemias auf die politische Bühne und es entbrannte ein wahrer Machtkampf der beiden Mütter und ihrer Söhne. Iulia Maesa stellte sich klar auf die Seite ihrer jüngeren Tochter. Es kam wie es kommen musste. Elagabal und Iulia Soaemias fanden ein sehr unrühmliches Ende. Nach ihrer Ermordung, bei der auch eine Latrine eine Rolle gespielt haben soll, wurden die Leichen der beiden in den Tiber geworfen. Sofort wurde auch die „damnatio memoriae“ über sie verhängt, die Tilgung aus jeglicher Erinnerung. Der Gott Baal und sein Stein wurden zurück nach Syrien verfrachtet.

Büste von Iulia Mamaea im Kunsthistorischen Museum Wien (Quelle: Eigenes Foto)

Büste von Iulia Mamaea im Kunsthistorischen Museum Wien (Quelle: Eigenes Foto)

Damit kommen wir zum letzten Kaiser aus dem Geschlecht der Severer – Severus Alexander. Auch hier hatte Iulia Maesa immer noch ihre Finger im Spiel und der erst 13-jährige Kaiser stand stark unter dem Einfluss seiner Mutter und Großmutter. Severus Alexander erwies sich als folgsam und ergeben im Gegensatz zu seinem Cousin Elagabal. Iulia Mamaea zeigte auch viel machtbewusster und politisch engagierter als ihre ältere Schwester. Man kann annehmen, dass dies des öftern zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden starken Damen geführt hat. Iulia Mamaea erhielt die gleichen Ehrentitel wie schon Iulia Domna. Im Jahr 222 bestieg der junge Kaiser den Thron und begann sofort mit sozialen Maßnahmen. An seiner Seite hatte er neben seiner Mutter und Großmutter weitere fähige Ratgeber und Juristen. Die römischen Ideale und Werten wurden wieder großgeschrieben und der Gott Jupiter erhielt einen prächtigen Tempel. Severus Alexander war allerdings nur ein Vorzeigeobjekt und im Hintergrund zogen Iulia Maesa und Iulia Mamaea die Fäden. 224 verstarb dann die bereits hochbetagte Iulia Maesa. Eine rege Bautätigkeit setzte ein und auch die letzten Spuren von Elagabal und seinem Gott Baal verschwanden. Die Kaisermutter zeigte sich aber geltungssüchtig und gierig, was ihr keine Sympathien einbrachte. Vor allem die Prätorianer und das Heer konnten mit ihrem Verhalten nichts anfangen. Weiters war Severus Alexander auch kein militärisch begnadeter Kaiser. Allerdings musste er im Jahr 232 einen Angriff der Sassaniden abwehren und nur 2 Jahre später nach Germanien aufbrechen, da es Einfälle an den Grenzen gegeben hatte. Dabei kam es auch zum Aufstand der Truppen gegen Severus Alexander und seine Mutter. Einer der Offiziere namens Maximinus Thrax wurde von den Legionären zum Gegenkaiser erhoben. Severus Alexander stand mit Iulia Mamaea alleine da und im Jahr 235 kam es zur Ermordung der beiden.

Mit Maximinus Thrax endet die Herrschaft der severischen Kaiser, die alle zusammen unter dem Einfluss einer oder mehrerer Damen aus Emesa standen. Damit begann für Rom die Ära der Soldatenkaiser, die im 3. Jhdt. die Geschicke des Reiches lenkten. Es gab eine Vielzahl von Kaisern in sehr kurzen Abständen und noch mehr Gegenkaiser, die sich den Platz an der Spitze des Imperiums sichern wollten. Wie durch diesen Beitrag deutlich geworden ist, hatten die severischen Damen eine enormen Macht und viel Einfluss vor allem auf ihre Ehemänner, Söhne und Enkel. Obwohl auch andere Kaiserinnen über Macht verfügten, stellten sich die vier Damen aus Emesa machtpolitisch am geschicktesten an und konnten auch in Krisenzeiten ihre Interessen wahren.

Soweit von vier mächtigen Frauen in der Antike. Kommende Woche stehen besonders schöne oder geschichtlich interessante Aufstiegsmöglichkeiten im Zentrum.

„Was ist denn aber für ein Unterschied, ob die Frauen geradezu den Staat regieren, oder ob die, welche ihn regieren, sich von den Frauen beherrschen lassen.“ (Aristoteles)

 

 

 

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