Schritt für Schritt

… oder was Francesco di Sanctis gebaut hat.

Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, muss ich Treppen steigen. Ich wohne im 2. Stock und es gibt bei uns keinen Lift. Auf der einen Seite ist es ein gutes Training, aber auf der anderen Seite kann es ziemlich nervig sein. Vor allem wenn der Tag lang und anstrengend war bzw. man noch Einkäufe dabei hat, die man mit rauf schleppen muss. Stiegen und Treppen begegnen uns ständig im Alltag und wir achten wenig oder gar nicht, wie sie aussehen oder gebaut sind. Bei einigen Aufstiegsmöglichkeiten die wir erklimmen, wäre das aber angebracht. Im heutigen Beitrag möchte ich ein paar Stiegen vorstellen, die etwas besonderes sind. Davon gibt es mehr als man glauben möchte. Vor einiger Zeit war der heilige Berg Tai Shan das Thema eines Beitrags und dabei ging es auch um die Treppe, die dort hinauf führt. Beginnen wir in meiner näheren Umgebung, nämlich in der Innenstadt von Graz.

Genauer gesagt begeben wir uns in die Grazer Burg. Dort befindet sich die erste besondere Stiege, von der heute die Rede sein soll. Während der Regierungszeit von Kaiser Maximilian I. kam es zu zahlreichen Baumaßnahmen in diesem Gebäude. Dabei entstand 1499 auch die so genannte „Versöhnungsstiege“ oder „Zwillingswendeltreppe“. Diese ist eine Doppelwendeltreppe und stellt eine der bedeutendsten Stiegenbauten der Gotik dar. Zwei Stiegen laufen entgegen gesetzt und treffen sich nur für ein paar Stufen in jedem Stockwerk. Danach trennen sich die Wege wieder, bevor sie im nächsten Stock zusammenstoßen. In Europa gibt es noch weitere solcher Doppelwendeltreppen, die noch älter als die in Graz sind. Allerdings gilt die Grazer Doppelwendeltreppe als eine der bedeutendsten. Der Baumeister, der diesen Gebäudeteil entworfen hat, ist leider unbekannt. In Graz existiert aber noch eine weitere äußerst sehenswerte Stiege. In 260 Stufen schlängelt sich der so genannte „Kriegssteig“ auf der Westseite des Grazer Schlossbergs hinauf. Erbaut wurde sie während der Zeit des 1. Weltkriegs und zwar durch österreichische Arbeiter und russische Gefangene. In früherer Zeit wurde sie auch „Russensteig“ genannt. 1984 wurde gefordert, dass die Treppe in „Friedenssteig“ umbenannt werden sollte. Dieses Ansuchen, aber auch jenes aus dem Jahr 2003 wurden nicht erhört. Im Stadtplan ist nachwievor „Kriegssteig“ zu lesen, aber im öfter hört man den Namen „Friedenssteig“. Vielfach ist von der „Schlossbergtreppe“ die Rede. Der Aufstieg über die Treppe hinauf zum Uhrturm lohnt sich aber allemal. Seit 2007 ist die Stiege auch ein Teilstück des „Grazer Schlossberglaufes. Verlassen wir Graz nun in Richtung Wien.

Auch in der österreichischen Hauptstadt gibt es eine Stiege, die einen Besuch wert ist. Sie liegt im 9. Bezirk und trägt den Namen „Strudlhofstiege“. Entworfen hat sie ein Mann namens Johann Theodor Jaeger und im Jahr 1910 wurde das Bauwerk zur Benutzung frei gegeben. Die „Strudlhofstiege“ stellt die Verbindung zwischen der Strudlhofgasse und der Liechtensteinstraße dar. Man kann sie als eines der bedeutendesten Bauwerke des Jugendstils in Wien betrachten. Benannt ist die Stiege nach dem Maler Peter von Strudel, der einige Jahre in Wien verbracht, wo er unter anderem Direktor der Kunstakadmie wurde. 58 Stufen, 3 Rampen und 2 Brunnen finden sich auf insgesamt 11 Höhenmeter. In den Jahren 1984 und 2008 bis 2009 wurde die Studlhofstiege renoviert.

Strudlhofstiege in Wien (Quelle: Lindlein, Wikicommons)

Strudlhofstiege in Wien (Quelle: Lindlein, Wikicommons)

In Österreich befindet sich auch die älteste erhaltene Holzstiege Europas. Diese befindet sich im Salzbergwerk Hallstatt und konnte mittels Dendrochonologie auf die Jahre 1344 und 1343 v. Chr. datiert werden. Somit ist diese Stiege 3.359 Jahre alt und noch gut erhalten. Im Jahr 2003 wurde sie entdeckt.

Die längste, gerade Treppe in Österreich befindet sich in Vorarlberg im Montafongebiet. Die so genannte Europatreppe 4000 liegt neben der Strecke der Vermuntbahn, die vom Ort Partenen aus zur Bergstation Trominier führt. 700 Höhenmeter geht es hinauf, allerdings gibt es insgesamt nicht 4.000 Treppenstufen, sondern „nur“ 3.609. Die Neigung, die es zu überwinden gilt, liegt stellenweise bei 86%. Selbstverständlich existiert in unserer leistungsorientierten Gesellschaft auch ein Geschwindigkeitsrekord, der bei 20 Minuten und 28 Sekunden für den Aufstieg liegt.

Die Spanische Treppe in Rom (Quelle: Eigenes Foto)

Die Spanische Treppe in Rom (Quelle: Eigenes Foto)

Sehen wir uns doch ein wenig in Europa um, ob noch weitere Stiegen und Treppen existieren, die etwas besonderes sind. Wer schon einmal in Rom war, kam sicher an einem Besuch bei der „Spanischen Treppe“ nicht vorbei. Auf italienisch heißt sie „Scalinata di Trinità dei Monti“. Sie ist die Verbindung zwischen der Kirche Santa Trinità dei Monti und dem Piazza di Spagna, dem sie ihre deutsche Bezeichnung verdankt. Mit dem Bau der Treppe mit den insgesamt 138 Stufen wurde im Jahr 1723 begonnen und als Baumeister wird Francesco di Sanctis genannt. Die Ausschreibung erfolgt durch Papst Clemens XI. höchstpersönlich. Drei Terrassen befinden sich auf der Treppe, die auf die Heilige Dreifaltigkeit hinweisen sollen, der die Kirche geweiht ist. Die „Spanische Treppe“ hat eine Länge von 68 m, wobei man beim hinaufgehen 23 Höhenmeter überwindet. Da diese Stiege eines der beliebtesten Touristenziele in der Ewigen Stadt ist, konnte ich bei meinem letzten Besuch auch nicht umhin, sie mir nocheinmal anzusehen.

Stiege nach Sacre Coeur in Montmatre, Paris (Quelle: Eigenes Foto)

Stiege nach Sacre Coeur in Montmatre, Paris (Quelle: Eigenes Foto)

Auch eine weitere Hauptstadt Europas beherbert eine berühmte Treppe. In Paris befindet sich die weltberühmte Kirche Sacre Coeur im hügeligen Stadtteil Montmatre. Dieses Bauwerk ist eine meiner Lieblingskirchen und wurde im neobyzantinischen Stil erbaut. Da die Kirche ganz oben auf dem Hügel liegt, muss man erst eine Treppe erklimmen, wenn man sie besichtigen will. Die Freilandtreppe hat es aber in sich. Man muss ganze 237 Stufen hinaufsteigen. Der Aufstieg lohnt sich, denn auch die Aussicht die man am höchsten natürlichen Punkt von Paris genießen kann, ist wunderschön. Wer es etwas bequemer haben möchte oder nicht so gut bei Fuß ist, kann auch die „Funiculaire“, eine Drahtseilbahn, benutzen. Im Film „Die wunderbare Welt der Amelie“ spielt die Treppe eine wichtige Rolle.

Durch einen Film hat eine weitere Stiege Berühmtheit erlangt. Dazu müssen wir uns in die Ukraine begeben. Dort in Odessa spielt der Film „Panzerkreuzer Potemkin“, der 1925 erstmals gezeigt wurde. In einer Szene wird ein Aufstand blutig niedergeschlagen und zwar auf einer Treppe. Berühmt wurde vor allem der Teil, als ein Kinderwagen die Stufen hinunterrollt. Die „Potemkinsche Treppe“, wie sie seit 1955 genannt wird, ist das Wahrzeichen der Stadt Odessa. Vorher hieß sie „Boulevard-Treppe“ oder Richelieu-Treppe“. Sie hat 192 Stufen und stellt die Verbindung der Innenstadt mit dem Hafen dar. Errichtet wurde die Treppe in den Jahren 1837-1841 und besteht aus Sandstein. Interessant ist die vor allem die Perspektive, die man beim Betrachten von verschiedenen Punkten erhält. Steht man ganz unten, sieht man nur die Treppenstufen, aber nicht die Absätze. Steht man ganz oben, sieht man nur die Treppenabsätze, aber nicht die Stufen.

Zeichnung von Odessa mit der Potemkinschen Treppe in der Mitte der beiden Hafenbecken (Quelle: Wikicommons)

Zeichnung von Odessa mit der Potemkinschen Treppe in der Mitte der beiden Hafenbecken (Quelle: Wikicommons)

Außerhalb von Europa kann man auch bedeutende Treppen finden. In Sri Lanka liegt der Berg Missaka und darauf steht das buddhistische Kloster Mihintale. Eine Treppe führt hinauf auf den Berggipfel, deren Stufen direkt aus dem Granitfelsen gehauen wurden. Dieses Bauwerk verfügt über insgesamt 1.840 Stufen.

Für die längeste Treppe der Welt müssen wir wieder zurück nach Europa, denn diese liegt in der Schweiz. Im Berner Oberland liegt die Niesenbahn, an deren Seite die „Niesen-Treppe“ hinaufführt. Unglaubliche 11.674 Stufen gilt es zu erklimmen, was aber nur einmal im Jahr möglich ist. Bei „Niesen-Treppenlauf“ kann man erleben, wie sich ein Muskelkater nach dieser Stufenanzahl anfühlt. Es werden dabei nämlich stattliche 1.643 Höhenmeter überwunden. Natürlich gibt es auch die längeste Treppe in einem Gebäude. Im CN Tower in Toronto (Kanada) geht es 447 m zur Aussichtsplattform hinauf. Wenn man Zeit, Lust und Atemluft hat, dann kann man das zu Fuß machen. Es wäre nur 2.570 Stufen hinaufzusteigen.

Alle die genannten Treppen und Stiegen sind nur einige Beispiele für berühmte Aufstiegsmöglichkeiten. Es gäbe noch die „Königstreppe“ auf der Insel Rügen, die „Càla del Sasso“ in Asiago (Italien), „La Scala“ in Caltagirone, uvm.

Eine Stiege hat leider aufgrund von grausamen und unmenschlichen Taten bekannt geworden. Die Rede ist von der „Todesstiege“ auf dem Gelände des Konzentrationslagers Mauthausen, die die Gefangenen hinaufsteigen mussten. Sie waren mit Steinblöcken aus dem Steinbruch „Wiener Graben“ beladen, die sie in das KZ bringen mussten. Insgesamt ging es 31 Meter über 186 Stufen nach oben. Dort ist heute eine Tafel angebracht, wo folgendes zu lesen steht:

„Ihre heute gleichmäßigen und normal hohen Stufen waren zur Zeit des Konzentrationslagers willkürlich aneinandergereihte, ungleich große Felsbrocken der verschiedensten Formen. Die oft einen halben Meter hohen Felsbrocken erforderten beim Steigen größte Kraftanstrengung. Die SS vergnügte sich unter anderem damit, die letzten Reihen einer abwärts gehenden Kolonne durch Fußtritte und Kolbenhiebe zum Ausgleiten zu bringen, sodass sie im Sturze, ihre Vordermänner mitreißend, in einem wüsten Haufen die Stufen hinunterkollerten. Am Ende eines Arbeitstages, wenn der Aufmarsch ins Lager mit einem Stein auf der Schulter begann, trieben die den Abschluss bildenden SS-Leute Nachzügler mit Schlägen und Tritten an. Wer nicht mitkonnte, endete auf dieser Todesstiege.“

Auch wenn die „Todesstiege“ von Mauthausen hier zwischen die ganzen schönen und berühmten Treppen nicht ganz hineinzupassen scheint, soll sie als Mahnmal für die grausamen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung während der Zeit des Dritten Reichs nicht unerwähnt bleiben.

Für den Fall, dass jemand von meinen LeserInnen noch weitere Stiegen und Treppen kennt, die er oder sie für erwähnenswert hält, würde ich mich über Kommentare mit Infos darüber freuen. Auch ich möchte was dazulernen!

Wenn der Muskelkater vom Stiegensteigen nächste Woche wieder ein wenig nachgelassen hat, dann stelle ich mich als Zeitzeugin zur Verfügung.

„Wer hinaufsteigen will, muß unten anfangen.“ (Sprichwort)

 

 

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