Zeitzeuge

… oder was Ayrton Senna und Kurt Cobain gemeinsam haben.

Im ersten Abschnitt meines Studiums musste ich fünf große Prüfungen ablegen, damit ich mir die Grundlagen jeder Epoche bzw. auch der österreichischen Geschichte zulegen konnte. Eingeteilt waren diese in „Antike“, „Mittelalter“, „Neuzeit“ und „Zeitgeschichte“. Epochen werden meist durch historische Ereignisse oder einschneidende Veränderungen eingegrenzt. Bei der Zeitgeschichte verhält es sich ein wenig anders. Dieser Abschnitt, auch zeitgenössische Geschichte genannt, bezeichnet jenen Zeitraum, für den es noch Zeitzeugen gibt, also Menschen die sich bewusst an die historischen Ereignisse erinnern können. Damit ist die Zeitgeschichte eine äußerst dynamische Epoche, die sich ständig verändert und nicht abgeschlossen werden kann. Wie man sich denken kann, führt das unweigerlich zu Problemen. Keine Angst, das wird nicht das Thema dieses Beitrags sein. Heute möchte ich etwas anderes versuchen.

Jeder von uns ist ein Zeitzeuge und könnte über verschiedene historische Ereignisse bzw. wie er/sie diese erlebt hat berichten. Dieser Umstand ist uns die meiste Zeit gar nicht bewusst. Da wir diese Geschehnisse miterlebt haben bzw. akutelle Berichterstattung darüber gesehen und gehört haben, haften sie in unserem Gehirn anders als jene historischen Ereignisse, die wir in der Schule gelernt haben. Heute werde ich mich als Zeitzeugin zur Verfügung stellen und euch zeigen, an welche Ereignisse ich mich wie erinnere. Bei der Vorbereitung musste ich feststellen, dass ich viel besser das „Was und „Wie“ als das „Wann“  wiedergeben kann. Meine Erinnerungen sind natürlich auch total subjektiv, verschwommen und entsprechen nicht der Realität. Als Kind oder Jugendlicher stehen nicht immer die gleichen Dinge im Mittelpunkt wie als Erwachsener. Bitte das beim Lesen zu beachten.

Geboren wurde ich 1982. In diesem Jahr erhielt Honduras eine neue Verfassung, der Falklandkrieg zwischen Argentinien und Großbritannien entbrannte der erste Commodore 64 kam auf den Markt, E.T. läuft in den Kinos, Niki Lauda feiert sein Formel 1 Comeback und Nicole gewinnt mit „Ein bißchen Frieden“ den Songcontest. An all das kann ich mich aber nicht erinnern. Das erste historische Ereignis, das ich in meinen Gedanken wiederfinden konnte, stammt aus dem Jahr 1986. Es handelt sich dabei um die Nuklearkatastrophe des Atomkraftwerks Tschernobyl am 26. April. Natürlich wusste ich damals nicht, was genau passiert war und welche Auswirkungen dieses Ereignis bis heute hat. Betroffen hat es mich deshalb, weil ich nicht im Freien spielen durfte. Weiters bekamen alle im Kindergarten diese kleinen Jodtabeletten verabreicht. Das sind die Erinnerungen, die ich an die Katastrophe von Tschernobyl in meinem Kopf habe. Wie die jüngeste Zeitgeschichte gezeigt hat, sollte dies nicht die einzige Katastrophe dieser Art sein, die ich erlebte. Am 11. März 2011, meinem 29. Geburtstag, ereignet sich das Erdbeben, das die furchtbaren Ereignisse im Atomkraftwerk Fukushima auslöste. Hier sind meine Erinnerungen und mein Wissen selbstverständlich umfangreicher. Aber kürzlich hatte ich Schwierigkeiten die genaue Jahreszahl dieser Katastrophe zu nennen. Das ist allerdings nichts ungewöhnliches. Es fällt uns viel leichter, uns die Jahreszahlen von längst vergangenen Ereignissen zu merken, als von jenen die wir persönlich miterlebt haben, wenngleich nur aus der Ferne.

Olympische Ringe

Olympische Ringe

In den späten 80ern werden meine Erinnerungen dann genauer, sind aber immer noch jene eines Kindes. Oft sind es nur einzelne Eindrücke oder Bildfetzen, die in meinem Gehirn geblieben sind. Manche sind wahrscheinlich auch schon durch meine Phantasie verfremdet oder mit realen Bildern gemischt, die ich dann später gesehen habe. Das Jahr 1988 war ein ganz besonderes in der Geschichte des Sports, denn es fanden sowohl Olympische Winter- als auch Sommerspiele statt. Austragungsorte waren Calgary in Kanada und Seoul in Südkorea. Ich weiß noch, dass ich einige Bewerbe im Fernsehen gesehen haben und seit diesem Zeitpunkt bin ich auch mit den fünf Olympischen Ringen als Logo dieser Sportveranstaltung vertraut.

Ein Jahr später passierte etwas, das einschneidend für die Geschichte von Europa wurde. Am 9. November 1989 ereignete sich der Fall der Berliner Mauer. Seit 1961 hatte sie die Stadt und ganz Deutschland in Ost und West getrennt. Ich kann mich noch an die Bilder von Menschen, die über die Grenzübergängen strömen oder auf der Mauer stehen, erinnern. Die Geschichte der Entstehung der Mauer bis zu ihrem Ende 1989 habe ich dann aber erst später gelernt. Immer wenn ich das Lied „Wind of Change“ von den Scorpions hören, sehe ich die Bilder vom Fall der Mauer wieder. Während meines Studiums besuchte ich auch eine Vortragsreihe in Berlin. Während der Stadtbesichtigung stand ich am Potsdamer Platz den Resten der Berliner Mauer gegenüber, die ich 1989 fallen sah. Doch das ist nicht das einzige aus diesem Jahr, woran ich Erinnerungen habe. Allerdings sind es keine schönen Bilder, die da in meinem Kopf rumgeistern.

Briefmarke mit dem Bild von Nicolae Ceausescu (Quelle: Wikicommons)

Briefmarke mit dem Bild von Nicolae Ceausescu (Quelle: Wikicommons)

In Rumänien kam es 1989 zum Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu, der seit 1965 die politische Macht in seiner Hand hielt. Im Dezember 1989 kam es zum Ausbruch von Unruhen in der Bevölkerung, die als „Rumänische Revolution“ bezeichnet wird. Das alles verstand ich als siebenjähriges Kind noch nicht so genau. Ceausescu wurde abgesetzt und ihm wurde gemeinsam mit seiner Frau der Prozess gemacht. Im Schnellverfahren wurde das Paar von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Sowohl die Verhandlung als auch die Hinrichtung wurde in den Medien ausgestrahlt. Nicht nur landesweit, sondern auch international. Scheinbar habe ich diese auch gesehen, denn ich kann mich an die Erschießung erinnern. Nichts was man in seinen Gedanken haben möchte, aber das lässt sich nicht ändern. Mit den Jahren ist diese Erinnerung allerdings verblast.

An das Ende der UdSSR im Jahr 1991 habe ich auch noch Bilder in meinem Kopf. Vor allem von einem Mann – Michail Gorbatschow. Vermutlich weil er mich an einen meiner beiden Großväter vom Aussehen her erinnert hat. Im gleichen Jahr begann ein Krieg in Europa, der mein Leben beeinflusste, wenngleich auch nur im kleinen. 1991 begann der Jugoslawienkrieg oder Balkankonflikt, der aus vielen verschiedenen Konflikten bestand. Dazu zählen der 10-Tage-Krieg in Slowenien 1991, der Kroatenkrieg 1991-1995, der Bosnienkrieg (1992-1995), der Kosovokrieg (1999) und im Jahr 2001 der Aufstand der Albanier in Makedonien. 1992 war ich 10 Jahre alt geworden und im Sommer flogen wir nach Griechenland in den Urlaub. Dabei konnten wir nicht die übliche Route über den Balkan nehmen, sondern mussten über Bulgarien und Rumänien fliegen. Emotional näher kam ich dem Balkankonflikt als in meinem kleinen Heimatort die ersten Flüchtlinge aus diesem Gebiet ankamen. Mit den Kindern einer Familie hatte ich engen Kontakt und eines der Mädchen wurde eine gute Freundin von mir. Mittlerweile lebt sie wieder in Kroatien im Kreis ihrer eigenen Familie. Als Kind habe ich sie nie gefragt, was sie während den Kriegszeiten alles erlebt hatte. Das war nicht von Bedeutung, sondern das wir zusammen Spaß hatten und schöne Stunden verbrachten. Heute würde ich nachfragen, damit ich ihre Situation besser verstehen könnte.

Meine Erinnerungen betreffen allerdings nicht nur politische Ereignisse, sondern auch sportliche oder musikalische. Schon als kleinen Kind war ich ein Fan der Formel 1 und schaute zusammen mit meinem Vater die Rennen am Sonntag. Einen Fahrer fand ich ganz besonders gut und damit bin ich nicht allein. Ayrton Senna gilt bis heute als einer der besten Formel 1 Piloten aller Zeiten und feierte als dreifacher Weltmeister eine Vielzahl von Erfolgen. Im Jahr 1994 endet das Leben dieses Mannes. Beim Großen Preis von San Marino auf der Strecke in Imola verunglückte Ayrton Senna tödlich. Für mich als Fan ein Schock! Danach habe ich lange keine Formel 1 Rennen mehr angesehen. Im gleichen Jahr starb auch Kurt Cobain, der als Sänger der Grungeband Nirvana berühmt geworden war. Als Teenager der regelmäßig MTV schaut, bleibt einem so etwas in Erinnerung. Mit seinem Selbstmord trat Kurt Cobain in den „Club 27“ ein, zu dem Musiker gehören, die im Alter von 27 Jahren sterben, oft an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils.

In den 1990er und 2000er Jahren werden meine Erinnerungen immer konkreter und die Bilder sind nicht mehr so verwaschen. Natürlich kann ich hier nicht alles wiedergeben, aber es sind Ereignisse aus allen Bereichen des Lebens. Dazu gehören der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995, die Briefbombenattentate von Franz Fuchs in den Jahren 1993-1996 oder der tödliche Unfall von Prinzessin Diana in Paris 1997. An Y2K habe ich im Jahr 2000 nicht wirklich geglaubt. Damals interessierte ich mich mehr dafür, wo und mit wem ich Silvester feiern wollte. Am 11. September sah ich genauso wie Millionen anderer Menschen die Bilder der zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers. Meistens können sich die Leute erinnern, wo sie gewesen sind. Ich weiß es leider nicht mehr. Auch der Beginn des 2. Irakkrieges 2003 ist mir in Erinnerung geblieben. Im gleichen Jahr begann ich Geschichte in Graz zu studieren, denn ich wollte nicht nur wissen was passiert ist und wann, sondern auch warum und wieso. Die Zusammenhänge der historischen Ereignisse lernt man in der Schule nur wenig bis gar nicht. Erst während des Studiums wurde mir so manches klarer und ich erfuhr die Hintergründe zu den verwaschenen Bilder in meinem Kopf.

Jeder sollte einmal versuchen nachzudenken, an welches historisches Ereignis er/sie sich als erstes erinnern kann. Vor allem auch welche Art Erinnerung man daran hat. Als zweites Experiment kann man dann auch noch ausprobieren, ob man erst kürzlich stattgefundene Ereignisse zeitlich zuordnen kann. Vor allem bei jenen aus den 2000er Jahren kann es schwierig werden. Ich habe euch heute einen sehr persönlichen Einblick in meine Erinnerungen gewährt. Vielleicht mag mir der eine oder die andere mitteilen, an welches Ereignis er/sie sich als erstes erinnert oder welches ganz stark in Erinnerung geblieben ist.

Aber nun genug von meinen Erinnerungen an zeitgeschichtliche Ereignisse. In einer Woche widmen wir uns Tonscherben, die das Ende mancher politischen Karriere waren.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ (Jean Paul)

 

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