Irdene Stimmzettel

… oder warum Tonscherben Politikern zum Verhängnis werden konnten.

Griechenland steht momentan im Zentrum des politischen Interesses. Die finanzielle Lage des Staates kann man nur als katastrophal bezeichnen. Für die Griechen gibt es keine Geld bei an den Banken, die griechische Regierung beantragt Kredite beim IWF (Internationaler Währungsfond) und Touristen wird geraten sich mit Bargeld einzudecken, wenn sie nach Griechenland reisen. Niemand der Politiker will die Verantwortung übernehmen, sondern die Schuld wird einfach weitergeschoben. Vermutlich wünscht der eine oder andere Bewohner Griechenlands so manchen Politiker dorthin wo der Pfeffer wächst. Aber es ist gar nicht so einfach in einer Demokratie einen gewählten Vertreter des Volkes wieder aus der Politik zu entfernen. Ein Großteil der Politiker sind Machtmenschen und naturgemäß wollen sie ihre einflussreiche Position nicht mehr so leicht aufgeben. Macht korrumpiert ja bekanntlich. Wie schon der gute Abraham Lincoln bemerkte: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“

Büste von Solon im Nationalmuseum Neapel (Quelle: Wikicommons)

Büste von Solon im Nationalmuseum Neapel (Quelle: Wikicommons)

Auch im antiken Griechenland gab es Politiker, die versuchten ihre Macht noch auszuweiten und mehr Einfluss zu erlangen. In Athen hatte man ein sehr wirksames Mittel gegen solche Bestrebungen. Damit meine ich nicht „Tod dem Tyrannen!“. Die Rede ist hier vom sogenannten Ostrakismos. Übersetzt bedeutet das Wort so in etwa „Tonscherbengericht“. Ein Ostrakon ist nichts anderes als eine Tonscherbe und damit machte man machthungrigen oder nicht tragbaren Politikern in Athen den Garaus. Doch bevor wir uns den Ostrakismos genauer ansehen, hier noch ein paar Informationen zur politischen Entwicklung im antiken Athen. Ungefähr seit dem 8. Jhdt. v. Chr. herrscht in Athen kein König mehr, sondern ein auf 10 Jahre (später jährlich) gewählter Oberbeamter, der „archon eponymos“ kümmert sich um die Staatsgeschäfte. Neben ihm gibt es noch einen hohen Beamten, der für den Kult zuständig ist und einen obersten Heerführer. Zusätzlich existiert in Athen die Institution der Volksversammlung (ekklesia), die Anträgen zustimmen oder diese ablehnen kann. Über den Versuch von Kylon, eine Tyrannis in Athen zu errichten, habe ich bereits letztes Jahr einen Beitrag verfasst. Daraufhin folgt eine Kodifizierung des Rechts durch einen Mann namens Drakon sowie die Reformen von Solon. Um 560 v. Chr. schwingt sich Peisistratos zum Tyrannen von Athen auf, was ihm allerdings erst beim dritten Versuch gelingt. Seine Söhne übernehmen die Herrschaft, werden aber beide bald gestürzt und getötet. Jetzt kommen wir endlich zu dem Mann, dem die Geschichte den Ostrakismos zu verdanken hat. Er heißt Kleisthenes und gehört zu einer der mächtigsten Adelsfamilien in Athen. Damit er nicht gegen seine politischen Konkurrenten im Kampf um die Macht unterliegt, startete Kleisthenes im Jahr 508 v. Chr. ein umfangsreiches Reformprogramm. Dieses beinhaltet eine neue Einteilung der attischen Bevölkerung in politische Einheiten, eine Reorganisation des Heeres und die Einführung des Ostrakismos. Wie funktioniert nun so ein „Scherbengericht“?

Tonscherben mit den Namen Perikles, Kimon und Aristides (Quelle: „Scherbengericht“ von Qwqchris - Eigenes Werk.)

Tonscherben mit den Namen Perikles, Kimon und Aristides (Quelle: „Scherbengericht“ von Qwqchris – Eigenes Werk.)

Einmal im Jahr zu einem gewissen Zeitpunkt stimmt die Volksversammlung darüber ab, ob ein solcher Ostrakismos abgehalten wird. Ein Monat später trifft man sich dann zu diesem. Jeder Teilnehmer hat nun die Möglichkeit den Namen eines Mannes auf eine Tonscherbe zu ritzen. Der Ostrakon dient quasi als Stimmzettel. Es gab aber keine Kandidatenliste, jeder konnte nominieren wen er wollte. Man sollte nur Schreiben können. Selbstverständlich konnte man jemand anderes bitten, den gewünschten Namen auf die eigene Tonscherbe zu schreiben. Aber das Risiko war groß, dass ein anderer Namen, wenn nicht sogar der eigene, auf dem Ostrakon erschien. Mindestens 6.000 Stimmen müssen abgegeben werden, damit die Wahl gültig ist. Derjenige dessen Namen am häufigsten auf den Tonscherben zu lesen ist, wird in die Verbannung geschickt. 10 Jahre hat er im Exil zu bleiben, wobei der Verbannte aber nicht sein Vermögen verliert oder sein Ruf darunter leidet. Sollte er sich vor dem Ablauf der 10 Jahre in Athen blicken lassen, droht ihm die Todesstrafe. Es kam aber auch vor, dass man verbannte Politiker frühzeitig aus dem Exil zurückholen musste, weil die politische Lage sich verändert hatte. Gründe warum man in die Verbannung geschickt wurde, gibt es mehrere. Manche hatten sich dem Streben nach Tyrannis verdächtig gemacht, politische Gruppen entledigten sich so lästiger Gegner oder man hatte sich etwas anderes zuschulden kommen lassen.

Tonscherbe mit dem Namen "Themistokles" (Quelle: Wikicommons)

Tonscherbe mit dem Namen „Themistokles“ (Quelle: Wikicommons)

Mittlerweile sind 20 Ostrakismen bekannt und es sind prominente Namen darunter. Beispielsweise wären hier Megakles, ein mächtiger Politiker und Gewinner eines Pferderennens in Delphi, oder Themistokles, der siegreiche Feldherr in der Schlacht von Salamis gegen die Perser, zu nennen. Megakles Name wurde ganze 4.000 mal auf eine Tonscherbe geritzt. Viele der mit Namen versehenen Tonscherben sind erhalten geblieben. Derzeit sind ungefähr 11.000 Stück bekannt. Oftmals kann man die gleiche Handschrift erkennen oder es wurden auch schon Gefäße dadurch wieder zusammengesetzt. Manchmal steht nicht nur der Name eines Kandidaten darauf, sondern auch unfreundliche Bemerkungen oder sogar Beschimpfungen. Auch antike Autoren wie Aristoteles und Plutarch berichten von den Tonscherbengericht. Damit ist die Quellenlage zum Ostrakismos im Vergleich mit anderen Bereichen der Antike gar nicht so schlecht. In diesem Fall trifft das Sprichwort: „Aus Scherben wird man klug“ genau zu. Im Jahr 417 v. Chr. war dann Schluss mit dem Ostrakismos. Danach sind keine Tonscherben mehr mit den Namen von zukünftig Verbannten erhalten. Deshalb geht die Forschung davon aus, dass das Tonscherbengericht abgeschafft wurde. Auch andere Städte hatten ähnliche Institutionen wie das Tonscherbengericht von Athen. In Syrakus auf der Insel Sizilien beispielsweise verwendete man statt Tonscherben einfach Olivenblätter, die sich naturgemäß nicht so gut erhalten haben. Diese Einrichtung bezeichnete man als „petalismos“ und in Syrakus wurde die Gewählten auch nur 5 Jahre aus der Stadt verbannt.

Vielleicht wünscht sich der eine oder die andere Grieche jetzt, dass man den Ostrakismos wiedereinführen sollte. Aber die Zeit des Tonscherbengerichts ist vorbei, auch wenn der Gedanke verlockend scheint… . Man sollte auch bedenken, dass der Gewählte keinerlei Möglichkeit hatte, sich zu verteidigen oder gegen das Urteil vorzugehen. Das wiederum widerspricht dann doch rechtlichen sowie moralischen Grundsätzen und Vorstellungen, die wir in der Gegenwart haben.

Genug von Tonscherben und griechischer Politik der Vergangenheit und Gegenwart. In der nächsten Woche wird sich dann zeigen, warum Mexiko nicht immer eine Reise wert ist.

„Im Recht zu sein, kann vor Gericht zum entscheidenden Nachteil werden.“ (Heinrich von Kleist)

 

 

 

 

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