Ein kleines Privileg

… oder wer vom Streit zwischen Kaiser Konrad III. und dem Herzog von Bayern profitierte.

Wenn man sich die Fläche von Österreich heute betrachtet, so zählt es mit 83.855 m² nicht gerade zu den großen Ländern. Allerdings gab es Zeiten in denen zu Österreich Gebiete wie Ungarn, Teile Polens, Spanien, Burgund oder auch Teile Italiens gehört haben. Doch nach dem 1. Weltkrieg war es vorbei mit der Habsburgermonarchie und damit verkleinerte sich auch das Staatsgebiet von Österreich. Die Geschichte zeigt, dass die Anfänge von Österreich noch kleiner waren als die heutigen Ausmaße. Die Jahre 996 und 1156 waren entscheidend für die österreichische Geschichte. Vor allem das Privilegium minus aus dem Jahr 1156 wird uns heute interessieren. Zuvor siedelten keltische Stämme im österreichischen Gebiet, welches später Teil von drei römischen Provinzen war. Während der unruhigen Zeit der Völkerwanderung zogen mehrere Stämme durch das Land wie z.B. die Goten oder die Langobarden. Um 700 waren es dann slawische Völker, die sich im Osten des heutigen Staates ansiedelten. Mit der Besiedlung aus dem bayrischen Raum kam auch das Christentum in das österreichische Gebiet. 690 wurde das Erzbistum Salzburg vom Hl. Rupert gegründet. Damit setzte eine wahre Gründungswelle von Klöstern wie Mondsee oder Kremsmünster ein. Nicht umsonst nennt man Österreich auch „Klösterreich“. Durch den Sieg Otto I. des Großen über die Ungarn auf dem Lechfeld im Jahr 955 wurde es etwas friedlicher im Donaurraum.

Ostarrichi Urkunde (Quelle: Wikicommons)

Ostarrichi Urkunde (Quelle: Wikicommons)

Im Jahr 976 wurde das Herzogtum Bayern verkleinert und der abgetrennte Teil wurde die Mark Österreich. Beherrscht wurde diese von dem Geschlecht der Babenberger. Leopold I. war der erste Markgraf von Österreich. Im Jahr 996 wurde der Name Österreich oder besser „Ostarrîchi“ in einer Urkunde erwähnt. Auch die Bezeichnung „Austria“ ist in anderen Urkunden um das Jahr 1000 belegt. Ein wichtiger Schritt in der Geschichte Österreichs. Doch Österreich sollte schon bald mehr sein als nur eine Markgrafschaft, denn die Babenberger verstanden es, ihre Macht weiter auszubauen. Leopold III. von Babenberg (1095-1136) stellte sich beim Streit zwischen Kaiser Heinrich IV. und dessen Sohn und späteren Kaiser Heinrich V. aus der Familie der  auf die Seite von letzterem. Dafür erhielt Leopold III. dessen Schwester zur Frau. Der Markgraf von Österreich war nun mit den Saliern, einem der mächtigsten europäischen Adelshäusern dieser Zeit verwandt. Diese Beziehung sollte im Jahr 1139 wieder von Bedeutung werden. Der Herzog von Bayern aus dem Geschlecht der Welfen hatte sich nämlich mit Konrad III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, angelegt und dieser hatte ihm einfach sein Herzogtum entzogen. Nutznießer waren die Babenberger, denn Markgraf Heinrich II. Jasomirgott wurde mit Bayern belehnt.

Vermutlich Kaiser Friedrich I. Barbarossa kniet vor Heinrich dem Löwen (Quelle: Wikicommons)

Vermutlich Kaiser Friedrich I. Barbarossa kniet vor Heinrich dem Löwen (Quelle: Wikicommons)

Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der Konrad III. nachfolgte, wollte sich aber mit der Familie der Welfen wieder aussöhnen. Er brauchte ihre Ritter für einen anstehenden Italienzug. Also erhielt Heinrich der Löwe nach einem langen, politischen Hin und Her Bayern wieder zurück. Blöd für die Babenberger, denn vom Herzog wieder zum Markgraf degradiert zu werden, lag sicher nicht in ihrem Interesse. Bei Gesprächen zwischen Kaiser Friedrich I. und dem Babenberger Heinrich II. Jasomirgott auf dem Reichstag zu Regensburg im Jahr 1156 fand sich eine Lösung, die alle zufrieden stellte. Die Markgrafschaft Österreich sollte eine Aufwertung erhalten und zwar in Form der Herzogwürde. Das Schriftstück, das diesen Schritt bestätigt, ist das berühmte „Privilegium minus“. Darin wurden nun alle Vorrechte und Freiheiten, Privilege eben, festgehalten, die die neuen Herzöge von Österreich hatten. Drei Bereiche waren davon betroffen.

1. Erbfolge

Sowohl männliche als auch weibliche Erbfolge war im Herzogtum Österreich möglich. Wenn keine der beiden Optionen möglich war, dann trat das so genannte „ius affectandi“ ein. Das bedeutete nichts anderes, als das Recht einen Nachfolger frei zu wählen. Sonst war es üblich, dass beim Aussterben einer Familie der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs die Nachfolge regelte.

2. Gerichtsbarkeit

Der Herzog von Österreich hatte die alleinige Gerichtsbarkeit im Land.

3. Hoffahrts- und Heerpflicht

Ersteres bedeutet, dass Heinrich II. Jasomirgott nur zu den Hoftagen in Bayern erscheinen, wenn er dazu eingeladen war. Damit sparte er sich viel Geld für die teueren Reisen zu den Hoftagen in Nord- und Mitteldeutschland. Zweiteres beschränkte die Heerfolge bei Ausbruch eines Krieges auf die benachbarten Länder des Herzogtums Österreichs. Damit sollte gewährleistet werden, dass die Aufgabe der Grenzsicherung, die einer Mark zufiel, von den Babenbergern weiter übernommen wurde. Die Belastung von Kriegen weiter entfernt, entfiel damit. Außerdem hoffte der Kaiser auf die Unterstützung Heinrichs II. beim geplanten Italienfeldzug. Heinrich II. Jasomirgott war es auch, der Wien zu seiner Residenzstadt erhob und ausbauen ließ. Wie Heinrich II. zu seinem Beinamen kam, ist umstritten. Eine frühere Theorie, nach der es sich bei der Aussage „Ja, so (wahr) mir Gott helfe“ um den Lieblingsspruch von Heinrich gehandelt haben soll, wird immer mehr als unwahrscheinlich angesehen. Der Babenberger nahm allerdings am 2. Kreuzzug teil und möglicherweise bekam er einen arabischen Beinamen verpasst, der dann von schlecht übersetzt wurde.

Stammbaum der Babenberger (Quelle: Wikicommons)

Stammbaum der Babenberger (Quelle: Wikicommons)

Damit war das Privilegium minus aus dem 12. Jahrhundert für beide Parteien von Vorteil, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als würde der Kaiser verlieren. Genau 200 Jahre später tauchte dann das Privilegium maius auf. Zu diesem Zeitpunkt regierten bereits die Habsburger über das Herzogtum Österreich. Damit hat es folgendes auf sich. Wie schon öfters erwähnt, wird der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von den 7 Kurfürsten gewählt. Der Herzog von Österreich befand sich nicht darunter. Rudolf IV. von Habsburg wollte trotz dieses Umstandes eine Aufwertung seiner Stellung erreichen. So wurde im Jahr 1356 eine Reihe von Urkunden gefälscht, die als Privilegium maius bekannt wurden. Darin wurde behauptet, dass Österreich eine kurfürstenähnliche Stellung innehatte und darin wurden die Herrscher von Österreich als „Erzherzöge“ bezeichnet. Schon in der damaligen Zeit wurde die Urkunde als Fälschung zurückgewiesen. Was blieb war die Bezeichnung „Erzherzog“? Das Privilegium maius wurde im Jahr 1442 von Kaiser Friedrich III. aus dem Haus Habsburg in seiner Gültigkeit bestätigt. Den Habsburgern gelang es in den folgenden Jahrhunderten ihre Macht und ihr Herrschaftsgebiet weiter auszubauen, wobei wir den Kreis zum Beginn des heutigen Themas geschlossen hätten.

Schluss mit Babenberger, Habsburgern und großen sowie kleinen Privilegien. In einer Woche gibt es dann Information zu der Abstammung einer der bekanntesten historischen Persönlichkeiten.

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

 

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