Göttliche Vorfahren

… oder wer die Oase Siwa besuchte.

„Die Familie kann man sich nicht aussuchen.“ oder „Freunde sind die Entschuldigung von Gott für die Familie“. Diese und ähnliche Sprüche hört man von Leuten, wenn es mit der lieben Verwandtschaft Probleme gibt. Jeder findet in seinem Stammbaum einen oder mehrere Vertreter seiner Familie, die ihm hin und wieder auf den Geist gehen. Manchmal hört man den einen oder anderen sagen, dass einem eine andere Abstammung lieber wäre. Das kann ganz banale Gründe haben. Aber vor allem bei der Herrschaftslegitimation oder Territorialpolitik kann es von Bedeutung sein, von wem man abstammt. Bei meinem Beitrag über die Herakliden, als deren Nachkommen sich die Spartanischen Könige sahen, habe ich bereits erklärt, warum machtpolitisch wichtig war, dass der Held Herakles ihr Ur-Ur-Ur-Großvater gewesen war.

Heute steht eine sehr bekannte historische Persönlichkeit im Mittelpunkt des Interesses: Alexander der Große. Doch nicht seine zahlreichen Siege auf dem Schlachtfeld werden das Thema sein, sondern seine Abstammung. Die ist nämlich ganz speziell.

Büste von Alexander dem Großen im British Museum (eig. Foto)

Büste von Alexander dem Großen im British Museum (eig. Foto)

Alexander der Große wurde im Jahr 365 v. Chr. in Pella (Makedonien) geboren. Sein Vater war Philipp II., König der Makedonen. Olympias, seine Mutter, stammte aus dem Königshaus von Epirus, einem Nachbargebiet. Das hört sich noch nicht besonders aufregend an. Doch sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits konnte Alexander der Große auf einen wahrhaft göttlichen Stammbaum zurückblicken. Die Vorfahren seines Vaters führten ihre Genealogie zurück auf niemand geringerern als Herakles. Ja, schon wieder der Typ mit dem Löwenfell, der gewaltigen Keule und den übermenschlichen Kräften. An dieser Stelle sei nocheinmal erwähnt, dass Herakles der Sohn des Zeus war und als Halbgott viele Heldentaten vollbrachte. Was die Abstammung von Alexanders Mutter betrifft, so geht diese zurück auf den berühmten, mythischen Helden Achilleus, der im Trojanischen Krieg kämpfte und vor den Toren der Stadt gefallen ist. Bitte das mit Troja im Hinterkopf behalten, das wird noch Thema werden. Damit konnte Alexander der Große gleich auf zwei mythische Vorfahren zurückgreifen, was er auch während seiner Herrschaft des öfteren tat. Er wusste dies geschickt für politische Zwecke zu nutzen und damit seine Macht zu untermauern. Damit verständlich wird, wie Alexander das gemacht hat, folgen ein paar Beispiele.

1. Alexander und Hephaistion

Achilleus verbindet den verwundeten Patroklos (Quelle: Wikicommons)

Achilleus verbindet den verwundeten Patroklos (Quelle: Wikicommons)

Alexander der Große wurde in seiner Jugend von dem berühmten Philosophen Aristoteles gemeinsam mit anderen adeligen Jugendlichen erzogen. Alle diese jungen Burschen findet man später im Dunstkreis von Alexander dem Großen wieder, meistens in hohen Position in seiner Armee. Hephaistion war auch einer von diesen Freunden oder besser gesagt, sein bester Freund. Die Beziehung von Alexander und Hephaistion erinnert stark an die von Achilleus und Patroklos. Letztere waren Kampfgenossen im Trojanischen Krieg und Achilleus war untröstlich als Protoklos im Kampf mit Hektor getötet wurde. Als nun Alexander seinen Feldzug gegen Persien begann, setzte man in der Nähe von Troja über. Gemeinsam mit Hephaistion besuchte der König die Gräber der beiden mythischen Helden und opferte dort. So gehört sich das für einen anständigen Nachkommen. Weiters wurde ein traditioneller Wettlauf zu Ehren der gefallenen Heroen veranstaltet. Alexander sah sich als Achilleus und Hephaistion als seinen Patroklos. Bei antiken Autor Plutarch steht darüber folgendes:

Mit solcher Gesinnung und geistigen Vorbereitung überschritt er den Hellespont, zog nach Ilion hinauf, opferte der Athena und spendete an den Gräbern der Heroen. Das Grabmal des Achilleus salbte er mit Öl, rannte, wie es der Brauch ist, mit den Gefährten nackt hinauf, bekränzte es und pries ihn glücklich, dass er im Leben einen treuen Freund und nach seinem Tode einen mächtigen Herold seiner Taten gefunden habe. Als ihn beim Umhergehen und Betrachten der Sehenswürdigkeiten der Stadt jemand fragte, ob er auch die Lyra des Alexander sehen wolle, erklärte er, auf sie lege er nicht den mindesten Wert, aber die des Achilleus suche er, zu der er den Ruhm und die Taten der tapferen Männer besang. (Plut. V, 15)

Als viele Jahre später Hephaistion starb, war die Trauer des Königs so groß, dass er den Befehl gab, dass im ganzen Reich für mehrere Tage Trauer herrschen musste. Selbst Flöten spielen war verboten. Alexander tat aber in Troja oder besser gesagt im nahen Städtchen Ilion folgendes: Er bat den Geist des trojanischen Königs Priamos um Verzeihung, weil ihn der Sohn von Achilleus getötet hatte. Weiters erhielten die Bewohner von Illion einen Sonderstatus und steuerliche Vergünstigungen.

Der Gott Amun in seiner Widdergestalt (Quelle: Eig. Foto)

Der Gott Amun in seiner Widdergestalt (Quelle: Eig. Foto)

Nach dieser Show in Troja besann sich Alexander der Große immer mehr auf seinen zweiten Ahnherr Herakles und dessen Vater Zeus. Auf seinen Eroberungszug kam Alexander der Große auch nach Ägypten. Dort erfuhr er von einem uralten Orakel des Gottes Ammon oder Amun, welcher auch mit Zeus in Verbindung gebracht wurde. Es lag in der Oase Siwa und Alexander machte sich auf den Weg dorthin. Auch dies tat er in der Nachfolge seines Ahnen Herakles, der auch schon dieses Orakel auf seinen Reisen besucht haben soll. Zu diesem Zeitpunkt gab es zahlreiche Völker im Reich von Alexander. Für manche wie die Ägypter stellte es überhaupt kein Problem dar, einen Menschen als Gottheit zu verehren. Die Griechen und Makedonen von einer göttlichen Abstammung zu überzeugen, gestaltete sich schon schwieriger. Alexander wollte sich von den Priestern in Siwa seine Gottessohnschaft bestätigen lassen. Da Ammon auch als Zeus bekannt war und von den Griechen und Makedonen verehrt wurde, erhoffte sich der König in machtpolitischer Hinsicht viel von dem Besuch. Alexander bekam auch die gewünschte Auskunft und wurde von dem Priester als Sohn eines Gottes bezeichnet. Auch hievon berichtet Plutarch:

Nachdem Alexander den Weg durch die Wüste zurückgelegt hatte und ans Ziel gekommen war, hieß ihn der Prophet im Namen des Gottes seines Vaters willkommen. Alexander fragte, ob ihm einer der Mörder seines Vaters entronnen sei. Als ihn darauf der Prophet mahnte, sich unheiliger Äußerungen zu enthalten, er habe ja keinen sterblichen Vater, änderte er den Ausdruck und fragte nach den Mördern des Philippos, ob er sie alle bestraft habe, und sodann nach der ihm bestimmten Herrschaft ob der Gott es ihm gewähre, Herr über alle Menschen zu werden. Nachdem der Gott ihm den Beschied gegeben hatte, die s gewähre er ihm, und Philippos habe die volle Sühne erhalten, beschenkte er den Gott mit herrlichen Weihegaben und die Menschen mit Gold. (Plut. V, 27)

Schon vor seinem Besuch in Siwa hatte Alexander Münzen prägen lassen, die eindeutig seine Verwandtschaft zu Herakles zeigen sollten. Sie zeigen Alexander mit einem Löwenfell auf dem Kopf, genauso wie der Held oft abgebildet wurde. Nach Siwa änderte sich bei den Münzen etwas. Alexander der Große wird meinen kleinen Widderhörner gezeigt. Nun Herakles hat nichts mit diesem Hörnervieh zu tun, aber Ammon oder Amun wird oft als Widder dargestellt. Damit hielt Alexander der Große seinen Besuch in Siwa auch propagandistisch fest.

Münze mit Alexander dem Großen mit Widderhörnern (Quelle: CoinArchives.com)

Münze mit Alexander dem Großen mit Widderhörnern (Quelle: CoinArchives)

Diese beiden Einblicke in das Leben von Alexander dem Großen geben vielleicht einen Eindruck, wie Alexander der Große sein Umfeld von seiner göttlichen Abstammung überzeugen wollte. In seiner Position war es von großer Bedeutung ständig die Überhöhung seiner Person hervorzuheben und diese mit Taten zu untermauern. Herrschaftslegitimation kann äußerst interessante Formen annehmen und in der Antike wird immer versucht, diese auch mythisch zu untermauern.

Verlassen wir Alexander und seine göttliche Genealogie. Am kommenden Sonntag widmen wir uns Wesen, die eine gute Mischung sind..

„Es ist sicher eine schöne Sache, aus gutem Haus zu sein. Aber das Verdienst gebührt den Vorfahren.“ (Plutarch von Chaironeia)

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