Mythische Menagerie

… oder auf wem der Gott Vishnu reitet.

Wenn man Märchenbücher durchblättert oder Fantasyromane liest, dann stößt man auf die unterschiedlichsten Fabelwesen. Dazu gehören menschenähnliche Geschöpfe wie Elfen, Riesen oder Zwerge. Durch ihre übernatürlichen Fähigkeiten oder speziellen Stärken werden sie zu etwas ganz Besonderem. Sie entführen uns aus der Realität in eine Welt in der Phantasie, in der alles möglich scheint. Es gibt aber auch Tiere oder besser gesagt Abwandlungen von Tieren. Bekannt sind das Einhorn oder der Drache. Letzterer ist enorm wichtig, denn wie sollte der Prinz oder der Held sonst seinen Mut unter Beweis stellen. Fabelwesen findet man aber nicht nur in Märchen oder moderner Fantasyliteratur. Meistens sind sie ein Teil von alten Religionen oder stammen aus dem Volksglauben. Das Besondere ist, dass die viele dieser Geschöpfe aus den Teilen mehrerer Tiere gleichzeitig bestehen. Einige dieser Mischwesen möchte ich euch heute vorstellen. Dabei sollen aber nicht nur die bekannteren Mythologien wie die griechische oder die nordische thematisiert werden, sondern auch außereuropäische Wesen zur Sprache kommen.

Mosaik mit Bellerophon und der Chimäre, Archäologisches Museum Rhodos (Eig. Bild)

Mosaik mit Bellerophon und der Chimäre, Archäologisches Museum Rhodos (Eig. Bild)

Doch begeben wir uns zunächst ins antike Griechenland, die Zeit der Götter und Helden. Dort treffen wir auf einen ganzen Haufen von mythologischen Wesen, die ein guter Mix aus verschiedenen Tieren, aber auch Menschen sind. Beginnen wir mit der Chimäre, wahrscheinlich das bekannteste dieser Geschöpfe und das Sinnbild für Mischwesen. Diese Bezeichnung kann nämlich auch allgemein für Mischwesen herangezogen werden. Die Chimäre der griechischen Mythologie besitzt einen Löwen- und einen Ziegenkopf und ihr Schwanz endet in einem Schlangenkopf. Sie ist alles andere als umgänglich und stammt aus einer Familie von Ungeheuern. Ihre Eltern sind niemand anders als die berüchtigten Monster Typhon und Echidna. Auch die Namen ihrer Geschwister – Hydra, Sphinx oder Kerberos – ließen die Menschen erzittern. Wenn man Homer glauben will, dann kann die Chimäre auch Feuer speien, bei dem Autor Hesiod kann sie das nicht. Gegen die Chimäre wird der griechische Held Bellerophon ausgeschickt und es gelingt ihm auch das Ungeheuer zu töten. Dabei hat er Hilfe von einem weiteren sehr bekannten Mischwesen – Pegasos. Wer kennt nicht das geflügelte, weiße Pferd, das heute meistens irgendwelche hässlichen Kitschposter ziert? In Hollywood Blockbuster wird es meistens dann auch noch dem falschen griechischen Helden als Reittier gegeben wie z.B. Perseus in „Kampf der Titanen“ oder Herakles in Disneys „Herkules“. Pegasos entsprang dem toten Körper von Medusa, die von Perseus besiegt wurde. Sein späterer Reiter Bellerophon musste das edle Tier erst mit Hilfe von Athene einfangen und zähmen, bevor er damit in den Kampf ziehen konnte. Seine Siege stiegen dem Helden zu Kopf und er nahm sich vor auf dem Rücken von Pegasos auf den Olymp zu fliegen. Das hätte er mal lieber gelassen, denn Pegasos warf ihn ab und Bellerophon stürzte zu Boden.

Ägyptische Sphinx, Louvre Paris (Eig. Bild)

Ägyptische Sphinx, Louvre Paris (Eig. Bild)

Ein weiteres Mischwesen, dass alle Welt kennt ist die Sphinx. Dazu muss man aber die ägyptische von der griechischen Variante unterscheiden. Die ägyptische Sphinx hat den Körper eines männlichen Löwen und den Kopf eines Menschen. Auch nannten die alten Ägypter dieses Wesen „Hu“, wobei aber der griechische Name uns heute geläufig ist. Oft wird so ein Pharao als Gott dargestellt. Die berühmteste Statue dieses Mischwesens liegt wie ein Wächter vor den Pyramiden von Gizeh. Die griechische Sphinx hingegen ist ein ganz anderes Kaliber.

Ödipus und die Sphinx, Louvre Paris (Eig. Bild)

Ödipus und die Sphinx, Louvre Paris (Eig. Bild)

Das Wort Sphinx bedeutet im altgriechischen „würgen“. Ihr Körper besteht aus dem Kopf einer Frau, dem Körper eines Löwen und weiters hat sie ein Paar Flügel. Sie ist ebenfalls eine Tochter von Typhon und Echidna und damit die Schwester der Chimäre. Dieses Ungeheuer hatte sich auf einem Felsen vor der griechischen Stadt Theben niedergelassen und belästigte unschuldige Reisende damit, dass sie ihnen Rätsel stellte. Wer das Rätsel nicht lösen konnte, wurde von der Sphinx getötet. Erst Ödipus gelang es die richtige Antwort auf die Frage zu geben und die Sphinx stürzte sich vor Scham selbst den Felsen hinunter. Nach der Sphinx als eher unangenehmen Zeitgenossin treffen wir nun auf die Kentauren. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Mensch und Pferd. Laut den griechischen Mythen entstanden die Kentauren als Frucht der Leidenschaft zwischen dem König Ixion und einer Wolke. Sie sollen in Thessalien im Norden Griechenlands heimisch gewesen sein. Die Kentauren werden als wild, rauflustig und trinkfreudig beschrieben. Helden wie Herakles oder Theseus machen Bekanntschaft mit den Kentauren. Nur eine positive Ausnahme unter den Kentauren wird erwähnt, sein Name Chiron. Dieser Kentaur ist gebildet, kennt sich mit Heilkunst aus und gilt als Erzieher und Lehrer des Helden Achilleus.

Kentaur, Mosaik im Archäologischen Museum Rhodos (Eig. Bild)

Kentaur, Mosaik im Archäologischen Museum Rhodos (Eig. Bild)

In der griechischen Mythologie wimmelt es nur so von Mischwesen. Weitere Beispiele wären Satyren, halb Mensch halb Ziegenbock, oder die Sirenen, halb Frau halb Vogel bzw. halb Frau halb Fisch. Auch vom Minotauros haben die meisten schon einmal gehört. Wenn ein Mischwesen zum Teil aus Mensch besteht, ist es meistens die obere Hälfte. Beim Minotauros verhält es sich genau umgekehrt, der Kopf ist der eines Stier und der Körper menschlich. Pasiphae, die Königin von Kreta, verliebte sich in einen prächtigen Stier und wurde von ihm schwanger. Dazu nutzte sie eine Kuhattrappe, die der Stier dann bestieg. Naja, manchmal bekommt man auch zuviel Infos von den Mythen. Minos, König und Ehemann von Pasiphae, schämte sich für den Sohn seiner Frau und sperrte ihn in das berühmte Labyrinth. Später tötete der Held Theseus den Minotauros. Verlassen wir nun Griechenland und alle seine Mischwesen und wenden uns anderen Teilen Europas zu.

Im Mitteleuropa kennt man auch einige Mischwesen. Dazu gehört der in Österreich und Bayern bekannte Wolpertinger. Dabei handelt es sich um ein Hasenwesen mit Hörnern. In den USA kennt man den Wolpertinger als Jackalope. Sicher ein spannender Anblick! Ein Tier, das man nicht direkt ansehen sollte, ist der Basilisk. Dieses Fabelwesen kennt man schon in der Antike und es wird in zahlreichen mittelalterlichen Quellen thematisiert. Die Mischung ist sehr speziell, denn der Kopf und Oberkörper sind der eines Hahns und der unteren Teil eine Schlange oder ein Reptil. Das Ungeheuer schlüpft aus einem Ei, das von einer Kröte ausgebrütet wird. Der Blick des Basilisken ist tödlich – seit Harry Potter Teil 2 gehört das schon fast zur Allgemeinbildung – denn der Betreffende wird augenblicklich zu Stein. Meistens lebt das Wesen in einem Brunnen oder in Kellern. Die Geschichte des Basilisken weist Ähnlichkeiten mit dem Mythos der Medusa und deren Tötung auf. Vielleicht fragt sich der eine oder die andere, warum eigentlich die nordischen Mythen noch nicht erwähnt worden sind. Natürlich kennen diese auch mythische Wesen und Ungeheuer wie den Fenriswolf, die Midgardschlange oder Gullinborsti, aber dabei handelt es sich immer nur um ein Tier, wenngleich auch von enormer Größe. Scheinbar hielt man in der nordischen Mythologie eher am Purismus fest und hatte nichts für einen Mix von verschiedenen Tieren übrig.

Zeichnung eines Mantikors von 1678 (Quelle: Wikicommons)

Zeichnung eines Mantikors von 1678 (Quelle: Wikicommons)

Verlassen wir nun Europa und wenden uns dem asiatischen Raum zu. In der persischen Mythologie begegnen uns zwei sehr bekannte Mischwesen – der Greif und der Mantikor. Kommen wir zunächst zum Greif. Dieser ist seit mehreren tausend Jahre in den verschiedensten Kulturen des Nahen Ostens bekannt. Das Geschöpf besitzt einen Adlerkopf und den Körper eines Löwen. Der Greif ist mit der Sonne verbunden und steht für Klugheit und Weitblick. In der bildenden Kunst war dieses Wesen ein sehr beliebtes Motiv in Form von Statuen oder als Wandschmuck. Anders als der Greif wurde der Mantikor als bösartiges Ungeheuer dargestellt. Das Mischwesen besteht aus dem Kopf eines Menschen, dem Körper eines Löwen und dem Schwanz eines Skorpions. Mit letzterem kann der Mantikor Stacheln abschießen. Seit dem 5. Jhdt. v. Chr. kennt man dieses mythologisches Wesen im persischen Raum. Der Name Mantikor lautet auf persisch „Martyaxwar“ und bedeutet „Menschenfresser“. Das Ungeheuer symbolisiert Unterdrückung und Neid. Von den persischen Mythen kommen wir nun zur Bibel, denn auch hier finden sich spannende Kreaturen, die ein interessanter Mix aus mehreren Tieren sind. Manche haben vielleicht schon einmal vom Leviathan gehört. Eigentlich stammt dieses Wesen aus den babylonischen und kanaaitischen Mythen, wird aber auch in der Bibel erwähnt. Der Leviathan weist die Merkmale vom Krokodil, Wal, Drache und Schlange auf, verkörpert in der Bibel das Böse und lebt im Meer. Gott tötete den Leviathan, obwohl die Quellen sich nicht über die Art und Weise einig sind. Während der Leviathan das Tier des Wassers ist, findet man am Land das mythische Wesen Behemoth. Es stammt aus der jüdischen Tradition und sein Name bedeutet aus Hebräisch einfach „Tier“. In Behemoth steckt ebenfalls so manches Lebewesen wie Nilpferd, Elefant, Büffel und Ziege. In der Vorstellung des Talmud kämpft Behemoth gegen den Leviathan, bis Gott genug hat und die beiden Wesen tötet. Zuvor war schon von der ägyptischen Sphinx die Rede. Wenn man sich die ägyptische Götterwelt so betrachtet, sind die viele Gottheiten als Mix aus Tier und Mensch dargestellt. Der Kopf stammt von einem Tier, während der Körper menschlich ist. Beispiele dafür wären die Götter Horus (Falken), Anubis (Schakal), Thoth (Ibis) oder Sobek (Krokodil) sowie die Göttinnen Bastet (Katze), Hathor (Kuh) oder Sachmet (Löwin). Manche Gottheiten sind komplett menschlich wie Isis, Osiris oder Ptah. Ein Mischwesen wäre das schon öfters angesprochene Geschöpf Ammit, die Seelenfresserin. Krokodilkopf, Oberkörper eines Löwen und Hinterteil eines Nilpferdes, damit bestand dieses Wesen aus den gefährlichsten Tieren der Region.

Behemoth, der Leviathan und der Vogel Ziz (Quelle: Wikicommons)

Behemoth, der Leviathan und der Vogel Ziz (Quelle: Wikicommons)

Vishnu reitet auf Garuda (Quelle: Wikicommons)

Vishnu reitet auf Garuda (Quelle: Wikicommons)

Verlassen wir den Nahen Osten und Ägypten und begeben uns nach Ostasien und Südostasien. Die Mythologie Indiens kennt eine Vielzahl von Wesen, die aus verschiedenen Geschöpfen bestehen. Eines der bekanntesten ist Garuda. Das Mischwesen ist halb Mensch, halb Adler und dient dem Gott Vishnu als Reittier. Er gilt als Töter von Schlangen und hat die Aufgabe Botschaften der Götter an die Menschen zu überbringen. Wenn man Yoga praktiziert kann man auf Garuda treffen, denn eine der Übungen trägt den Namen dieses Wesens. Ein interessanter Mix ist das Geschöpf Makara, denn es besteht entweder aus den Tieren Krokodil und Delphin bzw. hat es den Kopf eines Fisches und den Körper eines Elefanten. Makara hat eine enge Verbindung zum Wasser, denn es dient als Reittier von indischen Flussgöttern. Das Wesen symbolisiert Fruchtbarkeit und aus seinem Maul strömen alle Arten von Nahrung. Aber nicht nur in Indien kennt man Fabelwesen, auch in Japan findet man einige interessante Kreaturen wie z.B. Baku. Das Wesen hat den Kopf eines Elefanten, eine Löwenmähne, geflecktes Fell und Klauen an den Füßen. Der Baku ist eine hilfreiches Geschöpf, denn es verschlingt die bösen Träume der Menschen und kann Seuchen abwehren. In Asien scheinen die Fabelwesen generell den Menschen freundlich gesonnen zu sein. Bei meinen Recherchen über Fabelwesen in diesem Teil der Welt bin ich auf ein ganz besonderes Geschöpf gestoßen. Es besteht nicht nur aus menschlichen oder tierischen Körperteilen, sondern aus einem Objekt. Die Rede ist von Kasa-obake. Dieses Wesen hat die Gestalt eines großen Schirms aus Papier. Der Name ist sehr passend, denn er bedeutet „Schirmgeist“. Es besitzt nur ein Auge, eine lange Zunge und hüpft auf nur einem Bein durch die Gegend. Manchmal schwebt es auch mittels aufgespanntem Schirm umher. Dieses Fabelwesen spielte den Menschen oft Streiche, galt aber eher als harmlos. Heute findet man Kasa-obake in Animes oder Mangas wieder. Aus dem südostasischen Raum möchte ich euch den Merlion vorstellen, der mit dem Meer in Zusammenhang gebracht wird. Anders als bei den europäischen Versionen von mythischen Meeresbewohnern (halb Mensch, halb Fisch) hat der Merlion den Oberkörper eines Löwen und den Unterteil eines Fisches. Symbolisch steht das Geschöpf für Fruchtbarkeit aber auch Stärke und ist der Schutzpatron der Stadt Singapur.

Abbildung von Kasa-obake um 1850 (Quelle: Wikicommons)

Abbildung von Kasa-obake um 1850 (Quelle: Wikicommons)

Quetzalcoatl, die Federschlange (Quelle: Wikicommons, Jami Dwyer)

Quetzalcoatl, die Federschlange (Quelle: Wikicommons, Jami Dwyer)

Zum Abschluss machen wir einen Abstecher auf den amerikanischen Kontinent. Auch hier finden sich einige merkwürdige Geschöpfe, die aus mehreren Wesen bestehen. Von Jackalope war schon die Rede. Auch bei den Kulturen Mittelamerikas trifft man auf allerlei Getier. Die Azteken kannten Mischwesen wie z.B. Quetzalcoatl. Dieser ist eine riesige Klapperschlange, deren Kopf mit den Federn des heiligen Quetzalvogels geschmückt ist. In den Mythologien dieser Kulturen finden sich noch zahlreiche andere Mischwesen, wobei es sich meistens um Gottheiten handelt. In Lateinamerika existiert auch die Legende vom Chupacabra. Übersetzt bedeutet der Name „Ziegensauger“ und es handelt sich dabei um einen modernen Mythos. Der Chupacabra schlitzt Ziegen oder anderes Kleinvieh auf und saugt es wie ein Vampir aus. Über das Aussehen des Wesen ist man sich nicht einig. Es soll Stacheln auf dem Rücken haben, Flügel besitzen oder sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anpassen können. Manchmal hört man auch, dass der Chupacabra wie ein nackter Kojote aussehen soll. Immer wieder hört man von Sichtungen eines solchen Geschöpfs. Der Chupacabra soll hier als Beispiel dienen, dass der Glaube an mythische Mischwesen keinesfalls nur in der Antike oder im Mittelalter existiert hat.

Alle die heute beschriebenen Wesen sind nur ein kleiner Prozentsatz dessen was an mythischen Geschöpfen in den Köpfen der Menschen so kreucht und fleucht. Mal sind sie gut und hilfreich, mal bösartig und tödlich. An ihnen sieht man wie groß die menschliche Phantasie wirklich ist. Zum Glück existieren diese Wesen in der Realität nicht. Denn auch wenn sie uns in Geschichten und Filmen faszinieren, begegnen möchten wir ihnen nicht.

Verlassen wir nun diese Menagerie von mythischen Mischwesen. Nächste Woche müssen wir uns warm anziehen, denn wir besuchen ein Gebiet im hohen Norden, dass vor 142 Jahren entdeckt wurde.

„Denn auf Mischung kommt es an.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

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