Östlich von Spitzbergen

… oder wie lange eine Flaschenpost unterwegs sein kann.

Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch Christoph Kolumbus oder die Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung von Bartolomeo Dias standen am Anfang einer langen Liste von Entdeckungen in der Neuzeit.  Immer mehr Seefahrer und Expeditionen machten sich auf um neue Länder zu erkunden und schnellere Seewege zu finden. Meistens geschah das im Auftrag eines Herrschers oder eines Staates. Kolumbus war im Auftrag der spanischen Krone unterwegs, Dias folgte dem Befehl des portugiesischen Königs die Südspitze Afrikas zu finden. Weitere wichtige Entdeckungen und Reisen waren jene von Fernão de Magalhães, der mit einer Weltumseglung begann oder von James Cook, der während drei Fahrten den Pazifik erforschte. Es ging aber nicht immer nur in südliche Regionen, auch der Norden zog die Forscher an. Heute steht eine Inselgruppe im Mittelpunkt des Interesses, deren nördlichster Punkt nur 900 km vom Nordpol entfernt liegt. Der Name lässt wahrscheinlich vor allem die LeserInnen aus Österreich aufhorchen, denn erlautet „Franz Joseph Land“ (oder „Franz Josef Land“).

Satelitenbild von Franz Joseph Land aus dem Jahr 2011 (Quelle: Wikicommons)

Satelitenbild von Franz Joseph Land aus dem Jahr 2011 (Quelle: Wikicommons)

Wie noch aus dem Geschichtsunterricht oder dem Lesen früherer Blogeinträge bekannt sein dürfte, gab es einen österreichischen Kaiser mit gleichem Namen. Die Inselgruppe wurde nach Kaiser Franz Joseph I. benannt, nicht umgekehrt. Nur damit keine Verwirrung aufkommt. Kurz ein paar Worte zur geographischen Lage von Franz Joseph Land bevor wir zur Geschichte seiner Entdeckung kommen. Das Archipel liegt im nördlichen Polarmeer und gehört heute zu Russland, genauer gesagt zum Oblast (Verwaltungsbezirk) Archlansk. Dort ist sie unter dem Namen „Semlja Franza Iossifa“ bekannt. Franz Joseph Land setzt sich aus einer Vielzahl von kleinen Inseln zusammen. Manche Quellen meinen 187 oder nennen die Zahl 191. Geographisch gesehen liegt es östlich vom norwegischen Spitzbergen und westlich der russischen Inselgruppe Sewernaja Semlja. Die Zufahrt gestaltet sich schwierig, denn diese ist nur wenige Monate im Jahr eisfrei. Auch die Temperaturen hören sich nicht gerade einladend an, denn sie liegen im Sommer bei höchstens + 2°C. Weiters brausen des öfteren heftige Stürme über die Inseln. Die Gesamtfläche der Landmasse von Franz Joseph Land beträgt ca. 16.000 km². Zur Abwechslung werde ich hier nicht angeben, wieviele Fußballfelder das sind, sondern einen anderen Vergleich heranziehen. Die Größe entspricht ungefähr jener des Bundeslandes Steiermark.

Die wichtigstens Inseln wären:

  • Semlja Alexandry (Alexandraland): Dort befindet sich die nördlichste Grenzschutzbasis der Russen. 
  • Ostrow Tschamp: Diese ist benannte nach dem benannt nach William S. Champ
  • Ostrow Gallja (Hall-Insel): Bei dieser Insel ist vor allem das markante Kap Tegetthoff berühmt, zu dem ich später noch kommen werde.
  • Ostrow Rudolfa (Rudolf-Insel): Dabei handelt es sich um die nördlichste Insel, die häufig den Ausgangspunkt für Expeditionen bildet. 
  • Ostrow Winer Neischtadt (Wiener Neustadt Insel): Hier befindet sich die höchste Erhebung von Franz Joseph Land – Peak Parnass mit 620 m.
Julius Payer (Quelle Wikicommons)

Julius Payer (Quelle Wikicommons)

Kommen wir nun zur Entdeckungsgeschichte von Franz Joseph Land, vor allem was seinen Namen sowie die zahlreichen anderen österreichischen Personen- oder Ortsnamen betrifft. Bereits um 1614 gab es Berichte, vor allem von norwegischen Robbenjägern, über die Sichtung von Inseln östlich von Spitzbergen. Doch die Angaben waren noch sehr ungenau. Hier kommt jene Expedition ins Spiel, die das Franz Joseph Land entdeckt und erstmals erforscht hat – die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition unter der Leitung von Julius Payer und Carl Weyprecht. Julius Payer (1842-1915) war ein Offizier, Kartograph sowie Alpen- und Polarforscher aus Böhmen. Carl Weyprecht (1838-1881) wiederum war Marineoffizier, aber auch Geophysiker und stammte aus Darmstadt. Diese dauerte von 1872-1874 und sollte der Erforschung des nördlichen Polarmeeres dienen. Ein österreichischer Adeliger namens Graf Wilczek finanzierte das Unternehmen. Die Besatzung stammte allesamt aus den österreichisch-ungarischen Landen und bald schon setzte man die Segel der „Admiral Tegetthoff“. Benannt war das Expeditionsschiff nach dem österreichischen Vizeadmiral und Kommandanten der österreichischen-(ungarischen) Kriegsmarine Wilhelm von Tegetthoff. Als sich die Expedition bereits in nördlichen Gewässern befand, kam man vom Kurs ab und das Schiff blieb im Eis stecken. So driftete man dahin bis am 30. August 1873, also heute vor 142 Jahren, Land gesichtet wurde. Es handelt sich um eine Insel von Franz Joseph Land, nämlich die Hall-Insel mit dem schon erwähnten Kap Tegetthoff. Die Inselgruppe wurde zu Ehren des damaligen Kaisers Franz Joseph I. nach ihm benannt und auch das Kap erhielt seinen Namen.

Carl Weyprecht (Quelle: Wikicommons)

Carl Weyprecht (Quelle: Wikicommons)

Man merkte schnell, dass es sich nicht um eine einzige Insel handelt, sondern um einen ganzen Haufen. Unter dem Kommando von Payer und Weyprecht unternahm man drei Landexpeditionen, eine im Jahr 1874 zum nördlichsten Punkt zu Kap Fligely auf der Rudolfsinsel. Damit hatten sie den nördlichsten Punkt des eurasischen Kontinents betreten. Nach der Rückkehr dieser Expedition zur Tegetthoff, musste man feststellen, dass das Schiff hoffnungslos festgefroren war. Am 20. Mai entschied man sich die „Admiral Tegetthoff“ zu verlassen und den beschwerlichen Weg mit den Schlitten über das Eis anzutreten. Sogar fünf Boote wurden auf die Schlitten verladen, falls man wieder in fahrbare Gewässer kommen würde. Leider wurde die Besatzung durch ungünstige Winde fast wieder auf Höhe der „Admiral Tegetthoff“ zurückgetrieben. Das versetzte einige Mitglieder Mannschaft in solche Panik, dass sie lieber zum Schiff zurückkehren wollten als weiter mit den Schlitten zu fahren. Carl Weyprecht konnten sie allerdings umstimmen. Festgehalten wurde dieser Moment auf einem Gemälde, das Julius Payer später gemalt hatte. Nach der motivierenden Worte von Weyprecht ging es weiter und nach einem Monat, es war nun Mitte August, erreichte man das Meer. Die fünf Boote trafen auch bald auf russische Fischer, die sie mitnahmen und in Norwegen absetzten. Bereits Anfang September trafen Payer, Weyprecht und fast alle Mitglieder der Expedition am Bahnhof in Wien ein. Nur einer hatte es nicht geschafft – Otto Krisch. Die Leute feierten die Zurückgekehrten und Julius Payer wurde in den Adelsstand erhoben.

Zahlreiche weitere Expeditionen folgten, aber es dauerte nicht lange bis Franz Joseph Land auch von Touristen heimgesucht wurde. 1900 bot ein Mann namens Wilhelm Bade erste Kreuzfahrten zu der Inselgruppe an. Vor allem reiche Italiener ließen sich das nicht entgehen. Das Jahr 1926 sollte auch entscheidend für Franz Joseph Land werden, denn die UdSSR beanspruchte sehr zum Leidwesen der Norweger das Archipel für sich. Nicht das Norwegen nicht protestiert hätte, aber es nützte nichts. 1931 überquerte dann zum ersten Mal in der Geschichte von Franz Joseph Land ein Flugobjekt das Gebiet. Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ unternahm während seines Polarfluges auch einen Abstecher über die Inselgruppe. Im Jahr 2005 fand die Payer-Weyprecht-Gedächtnisexpedition nach Franz Joseph Land statt. Davon zeugt eine Gedenktafel am Kap Tirol. Manchmal werden auch Eisbrecher-Kreuzfahrten zu den Inseln veranstaltet, aber eher selten.

Admiral von Tegetthoff im Jahr 1866 (Quelle: Wikicommons)

Admiral von Tegetthoff im Jahr 1866 (Quelle: Wikicommons)

 

Was blieb von der Expedition von Payer und Weyprecht? Zum einen fand man viel über die Fauna und Flora sowie die topographischen Gegebenheiten von Franz Joseph Land heraus. Weiters initierte Carl Weyprecht das sogenannte „Internationale Polarjahr“, das erstmals 1882-1883 stattfand, gefolgt von weiteren drei. Dabei handelt es sich um ein Programm zur Erforschung der Polarregion, wobei die Zusammenarbeit der Nationen im Vordergrund steht. Auch die nördlichen Gebiete hatten Forscher und Entdecker verschiedener Länder zu wahren Wettläufen angetrieben, wer wohl der erste am Pol sein würde. Dieser Umstand wurde durch die Initiative von Carl Weyprecht verändert. Eine weitere nette Geschichte rund um Carl Weyprecht hat mit einer Flaschenpost zu tun. 1874 verfasste Weyprecht nämlich eine solche, diese wurde 104 Jahre später tatsächlich wiedergefunden. 1980 kam die Nachricht in Wien an und befindet sich nun in der Österreichischen Akadmie der Wissenschaften.

Wer sich noch genauer über die Österreichisch-Ungarische Polarexpediton informieren möchte, kann das im Marinesaal des Heeresgeschichtlichen Museums Wien tun. Nach den beiden Expeditionsleitern benannte man Straßen wie in Wien die „Payerstraße“ oder die „Weyprechtstraße“, aber es gibt auch die „Nordpolstraße“. In Graz befindet sich die „Payer-Weyprecht-Straße“, die an die Ereignisse von 1872-1874 erinnert. In der Stadt Mödling kann man auch das „Gasthaus zum Nordpol“ besuchen.

Diese kurze Abkühlung im hohen Norden hat gut getan bei den heißen Temperaturen. Nächste Woche werde ich euch eine Göttin mit vielen Namen vorstellen.

„Entdeckungen lieben Entdecker, die sich beim Entdecken entdecken.“ (Manfred Hinrich)

 

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