Krieg und Liebe

… oder wer die Unterwelt erobern wollte.

Eines der ersten Themen im Geschichtsunterricht sind meistens die frühen Hochkulturen. Diese verfügen über bestimmte Merkmale wie Verwaltung und Organisation, geplante Landwirtschaft und/oder Viehhaltung, Schrift, Bau von Städten mit repräsentativen Bauten sowie ausgeprägte Glaubensvorstellungen. Auch die Kunst florierte in solchen Hochkulturen und es wurden Kontakte zu anderen politischen Mächten geknüpft. Als eines der ersten Beispiele für eine solche Kultur gelten die Sumerer. Um 3500 v. Chr. taucht dieses Volk in Mesopotamien auf, also dem Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Das politische Zentrum war eine Stadt namens Uruk. Die sumerische Kultur wies alle oben erwähnten Merkmale auf, auch was die Religion betraf. Es wurden eine Vielzahl von Gottheiten verehrt und eine wird heute das Thema sein.

Stern der Inanna im Louvre, Paris (Quelle: Wikicommons)

Stern der Inanna im Louvre, Paris (Quelle: Wikicommons)

Der Name der Göttin lautet Inanna, was ungefähr soviel wie „Herrin des Himmels“ bedeutet. In den Mythen wird sie als Gemahlin oder Tochter des Himmelsgottes An genannt. Manchmal wird auch der Mondgott Nanna als ihr Vater bezeichnet. Der Bereiche für die Inanna zuständig ist, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie ist die Göttin der Liebe, vor allem in ihrem sexuellen Aspekt, des Krieges. Das ist mal was neues. In anderen polytheisitischen Religionen wie der des antiken Griechenlands gibt es dafür drei Götter. Für die Liebe ist Aphrodite zuständig, während sich den Krieg zwei Gottheiten teilen müssen. Zum einen gibt es Ares, der blutige Schlachten liebt und zum anderen Athene. Diese ist zwar die Göttin der Weisheit, aber zu ihrem Gebiet zählt auch Strategie und Kriegstaktik. Die Sumerer vereinten diese beiden Bereiche des Lebens in Inanna. Der ihr zugeordnete Planet war die Venus und man verehrte sie als Morgen- und Abendstern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eines der Symbole von Inanna ein achtzackiger Stern ist. In Keilschrifttexten wird die Göttin durch ein anderes Objekt dargestellt – ein Schilfringbündel, das Emblem der Inanna. Das Tier, dass mit Inanna in Verbindung gebracht wird, ist der Löwe. Das kultische Zentrum von Inanna liegt in Uruk und ihren Tempel nannte man „Eanna“ (Haus des Himmels). Spätere Hochkulturen in Mesopotamien verehrten Inanna ebenfalls, wenn auch unter anderen Namen. Bei den Akkadern nannten sie Ištar (gesprochen Ischtar), bei den Phoiniziern bekam sie den Namen „Astarte“ während die Hethiter sie als Šauš(k)a kannten.

Wie schon gesagt zu ihrem Machtbereich gehörten Liebe und Sexualität. Inanna ist aber keinenfalls eine Muttergottheit, sondern verkörpert die vorehelichen Liebe und außereheliche Sexualität. Meistens wird sie als junges, hübsches Mädchen beschrieben, welches unverheiratet ist und in den meisten Mythen keine Kinder hat. In den Bereich der außerehelichen Sexualität fällt auch die Prostitution und damit das in Verbindung gebrachte Gasthaus. Aber dazu kommen wir noch, wenn wir uns einen der Mythen, die sich rund um die Göttin ranken, genauer ansehen. Inanna hat auch einen göttlichen Liebhaber namens Dumuzi (oder Tammuz). Bei diesem Wesen handelt es sich um einen jungen Vegetationsgott, der auch mit den Hirten und Herden in Verbindung gebracht wird. Dumuzi war schon einmal Thema bei den Gottheiten, die immer wieder sterben müssen um im Frühling neu zu erwachen und so die Jahreszeiten erklären sollten. Inanna hat aber auch Beziehungen zu sterblichen Männern, wenngleich nicht alle ihren Reizen erliegen. Der berühmte Held und König Gilgameš weist die Göttin zurück, worauf sich diese wutentbrannt von ihrem Vater An den Himmelsstier ausborgt. Dieses Ungeheuer verwüstet das Land und kann erst von Gilgameš nach langem Kampf besiegt werden. Hier wird das Temprament von Inanna und der kriegerische Aspekt deutlich. Ständig versucht die Göttin anderen Gottheiten ihre Machtbereiche streitig zu machen. Einmal raubt sie dem völlig betrunkenen Wassergott Enki seine „me“ (göttliche Kräfte). In den Mythen wird weiters davon gesprochen, dass sich Inanna am „Tanz der Schlacht erfreut“.

Abbildung von Inanna/Istar auf einer Vase (Quelle: Wikicommons)

Abbildung von Inanna/Istar auf einer Vase (Quelle: Wikicommons)

Kommen wir nun zu dem bekanntesten Mythos rund um die Göttin mit dem Namen „Inannas Gang in die Unterwelt“. Klingt vielversprechend! Eines Tages beschloss Inanna der Unterweltsgöttin Ereškigal ihren Machtbereich streitig zu machen und machte sich auf den Weg in die Unterwelt. Zuvor hatte sie alle ihre Gewänder und ihre „me“ (göttliche Kräfte) angelegt, um gut gerüstet zu sein. Inanna musste allerdings auf ihrem Weg zu Ereškigal die 7 Tore der Unterwelt passieren. Jedes Mal musste die Göttin eine ihrer „me“ ablegen, um weiter zu kommen. Das ging solange bis Inanna vor Ereškigal stand, nackt und ohne Macht. Doch auch jetzt begehrte Inanna, streitlustig und eroberungsfreudig wie sie nuneinmal ist, die Herrschaft über die Unterwelt. Für Ereškigal war es ein leichtes die schwache Inanna zu überwältigen und zu töten. Wie ein Sack hing der Körper der Göttin an einem Pfahl, so steht es jedenfalls im Mythos. Bevor Inanna jedoch zu ihrer Fahrt in die Unterwelt aufgebrochen war, hatte sie ihrer Dienerin folgendes aufgetragen: Wenn sie nach drei Tagen nicht wieder zurück kommt, dann sollte die Dienerin zu den anderen Göttern gehen und um Hilfe bitten. Der Wassergott Enki erbarmte sich und versprach Inanna zu helfen. Der Gott nahm den Schmutz unter seinen Fingernägeln und formte zwei Gestalten daraus, Kurgarra und Galaturra. Im Mythos hatten diese beiden Wesen eine burleske Gestalt, welche auch als Lustknaben oder Prostituierte gesehen werden können. Enki gab den ihnen das Kraut und das Wasser des Lebens mit auf den Weg. Kurgarra und Galaturra erreichten die Unterwelt, doch nun galt es Ereškigal zu überlisten. Diese trauerte um ihren Mann und aus diesem Grund trösteten die beiden Wesen die Unterweltsgöttin, vielleicht sogar auf sexuelle Art. Das geht nicht eindeutig aus dem Mythos hervor. Dann verabreichten sie Inanna die Heilmittel und konnten die Göttin so wieder zum Leben erwecken. Inanna durfte wieder auf die Erde zurückkehren, aber sie musste einen Ersatz stellen. An den Toren bekam die Göttin ihre Kräfte wieder zurück und suchte nun unter ihrem Verwandten und Freunden jemand, der sich für sie opfern würde. In diesem Mythos hat Inanna zwei Kinder, die aber so heftig um die Mutter getrauert hatten, dass Inanna sie nicht als Ersatz nehmen wollte. Dann trifft die Göttin auf ihren Geliebten Dumuzi, der allerdings nicht trauert, sondern ein rauschendes Fest feiert. Inanna gerät in Wut und Dumuzi flieht. Mit Hilfe einer Fliege kann die Göttin den untreuen Geliebten ausfindig machen. Als Lohn für seine Mühen erhält das Insekt die Erlaubnis im „Bierhaus“ (Gasthaus) leben zu dürfen und sich dort den Bauch vollzuschlagen. Jetzt wissen wir, warum Fliegen uns immer beim Essen belästigen. Vielen Dank Inanna! Dumuzi wird von den Dämonen der Unterwelt mitgenommen. Später bietet seine Schwester an, das Los mit ihm zu teilen und so darf Dumuzi für ein halbes Jahr auf die Erde bevor er wieder ein halbes Jahr in der Unterwelt verweilt. So erklärte man sich die Jahreszeiten, denn wie ihr Gott verschwindet auch die Vegetation für eine gewissen Dauer.

Ein paar werden sich fragen, wie die Transvestiten in den Mythos und zu Inanna passen.  In der Vorstellung der Menschen standen hinter der Venus als Morgen- und Abendstern zwei verschiedene Gottheiten unterschiedlichen Geschlechts. Es gab eine männliche Gottheit namens Attar, die der weiblichen Inanna oder Attarte gegenübergestellt war. Irgendwann verschmolzen diese Gottheiten. Auch im Kult der Inanna findet man in den schriftlichen Quellen, dass sich bei Festen zu Ehren der Gottheit, die Männer als Frauen verkleidet und die Frauen Männerkleidungen angezogen haben. So steht Inanna auch mit dem Bereich der Travestie in Verbindung. In der akkadischen Zeit gibt es Darstellungen der Göttin als „Bärtige Ištar“, wobei hier allerdings eher der kriegerische Aspekt im Vordergrund steht.

Modell des Istar-Tors mit Prachtstraße (Quelle: Wikicommons)

Modell des Istar-Tors mit Prachtstraße (Quelle: Wikicommons)

Inanna stellt sich als sehr vielschichtige, schillernde und interessante Gottheit heraus, wenn man sie nur etwas genauer unter die Lupe nimmt. Sie entspricht nicht dem Bild einer Liebes- oder Kriegsgöttin, das wir auch anderen Kulturen haben. Aphrodite ist zwar verheiratet, hat aber Liebschaften mit dem Gott Ares und sterblichen Männern. Dafür ist sie für den Krieg gänzlich ungeeignet. Einmal kämpft Aphrodite in einer Schlacht  im Trojanischen Krieg, wird dabei leicht an der Hand verwundet und flieht zu Zeus, der sie trösten muss. Die Göttin Athene wiederum ist im Kampf viel mehr bewandert, dafür bleibt sie allerdings unverheiratet und keusch. Im Alten Ägypten gibt es zwar auch eine Kriegsgöttin namens Sachmet, aber die hat mit Liebe überhaupt nichts am Hut. Damit ist Inanna oder Ištar etwas besonderes unter den weiblichen Gottheiten. Ein nach ihr benanntes berühmtes Bauwerk, das Ištar-Tor, kann man übrigens im Pergamon-Museum in Berlin bewundern. Einer der beiden Kontinente auf dem Planeten Venus wurde Ištar-Terra genannt, der andere Aphrodite Terra. Nur so als kleine Information am Rande.

Detail auf dem Istar-Tor (Quelle: Wikicommons)

Detail auf dem Istar-Tor (Quelle: Wikicommons)

Genug von Inanna, Göttin der Liebe und des Krieges und ihrem Streben nach Macht. Beim nächsten Mal steht eine architektonische Perle im Zentrum der Betrachtung.

„Alle Eroberer sind einander irgendwo ähnlich in ihren Plänen, in ihrem Geist und Charakter.“ (Joseph Joubert)

 

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