3x dasselbe und doch anders

… oder was ein Schwede, ein Engländer und ein Franzose zu entziffern versuchten.

Unleserliche Handschriften – wer kennt das nicht? Entweder muss man hellseherische Fähigkeiten entwickeln, um die krakeligen Notizen des Vorgesetzten zu entziffern. Oder man bekommt Postkarten von Familie und Freunde, bei denen man nur raten kann, was der oder die Betreffende im Urlaub so alles erlebt hat. Oder man ist selbst der Verursacher von kyptisch anmutenden Zeichen, die anderen beim Lesen den Schweiß auf die Stirn treibt. Schon ein Einkaufszettel kann bei einer schrecklichen Handschrift in der Katastrophe enden, wenn man statt Butter 1 kg Brot gekauft hat. Manche Leute bezeichnen Wörter, die in einer hässlichen Handschrift geschrieben sind, gerne als Hieroglyphen. Mittlerweile können Hieroglyphen, die Schriftzeichen aus dem Alten Ägypten entziffert und gelesen werden. Wie es dazu kam, soll heute näher beleuchtet werden.

Dazu müssen wir zunächst in das Jahr 1798 reisen. In Frankreich war es Napoleon Bonaparte, der nach den unruhigen Zeiten der Französischen Revolution die Macht innehatte. Als Erster Konsul entschied er über die Geschicke des Landes. Ein Dorn im Auge von Napoleon war die Herrschaft der Briten über Indien. Dazu musste allerdings erst Ägypten erobert werden, dass einen Stützpunkt der Gegner darstellte. Damit war klar, was zu tun war. 1798 gab Napoleon den Befehl einen Expedition in das Land der Pharaonen zu starten. Der Zweck war nicht nur ein militärischer, sondern auch ein wissenschaftlicher sowie kultureller. In der ersten Kategorie erwies sich die Aktion als Fehlschlag, was aber den zweiten Bereich betrifft, wurde ein Fund gemacht der ohne jeden Zweifel als großartig bezeichnet werden kann. Im Juli 1799 fand man bei Schanzarbeiten in der Nähe der Stadt ar-Raschid einen Stein aus schwarzen Basalt. Die Ortschaft ist uns heute besser bekannt als Rosette und liegt wenig Kilometer von der westlichen Nilmündung entfernt. Das Objekt wird als „Stein von Rosette“ bezeichnet und kann seit 1801 im British Museum in London bewundert werden. Doch was macht genau diesen Stein so besonders?

Stein von Rosetta, British Museum (Eig. Foto)

Stein von Rosetta, British Museum (Eig. Foto)

Auf der einen Seite ist der Stein glatt poliert und es befindet sich eine Inschrift darauf. Diese ist in drei verschiedene Abschnitte geteilt und man kann einen Teil in Hieroglyphen, einen in demotischer Schrift und einen Teil in Alt-Griechisch erkennen. Und genau dieser Umstand half die Hieroglyphen zu entziffern, denn alle drei Teile haben ein und denselben Inhalt. Bereits kurz nach dem Fund des Steins nahm ein französischer Offizier namens Pierre Francois Bouchard an, dass die Gliederung in drei verschiedene Schriften nur dann einen Sinn ergeben würde. Aber was sind Hieroglyphen bzw. die demotische Schrift überhaupt.

Darunter dem Begriff „Hieroglyphen“ versteht man die dekorative, bildhafte Schrift der alten Ägypter, die ungefähr ab 3000 v. Chr. Verwendung fand. Damit sind die Hieroglyphen die älteste gesicherte Schrift aus dem afro-asiatischen Sprachraum. Dargestellt wurden Personen, Tiere, Objekte uvm., wobei die Abbildung und das Abgebildete praktisch identisch waren. Die Schrift entwickelte sich von einer reinen Beamtenschrift hin zu einer Schrift für Religion, Wissenschaft und Literatur. Der Beruf des Schreiber galt als äußerst erstrebenswert, denn wer Lesen und Schreiben konnte, hatte die Chance auf einen sozialen Aufstieg. Ab der Zeit der Ptolemaier wurden die Hieroglyphen auch als solche bezeichnet. In der römischen Zeit konnten nur noch wenige Personen – meistens Priester – die Hieroglyphen lesen und schreiben. Die Zeichen galten oft als Geheimschrift. Demotisch ist quasi die Schreibschrift des Alten Ägpytens und wird oft als Schrift des gemeinen Volks bezeichnet. Entwickelt hatte sich diese Schrift aus dem Hieratischen, welches eine vereinfachte Version der Hieroglyphen war. Die demotische Schrift kam ungefähr ab 700 v. Chr. zum Einsatz.

Tabelle von Johan Akerblad, der demotische Zeichen koptischen gegenüberstellt. (Quelle: Wikicommons)

Tabelle von Johan Akerblad, der demotische Zeichen koptischen gegenüberstellt. (Quelle: Wikicommons)

Kommen wir zurück zum Stein von Rosette. Bis jetzt gab es nur die Vermutung von Bouchard, dass es sich bei der Inschrift um dreimal dasselbe handelte. Der Beweis war noch nicht erbracht. Der Stein befand sich bereits im British Museum als die Entzifferung der Inschrift begann. Der alt-griechische Teil wurde rasch von den Gelehrten übersetzt. Der Inhalt des Textes beschrieb die Widmungen der Priesterschaft von Memphis an Ptolemaios V. anlässlich seines 9. Krönungsjubiläums. Es wurden diverse Wohltaten, Schenkungen und Steuererleichterungen des Pharaos erwähnt. Es wurde verfügt, dass das Dekret in allen bedeutenden Tempeln aufgestellt werden sollte. Damit es alle Bewohner von Ägypten auch verstehen konnten wurde es in zwei Sprachen (ägyptisch und alt-griechisch) verfasst und in drei Schriften in den Stein gemeißelt. So wusste man nun wenigstens einiges über den Inhalt des Textes. Der Schwede Johan David Akerblad (1763-1819) machte als erster einen Versuch das Demotische zu übersetzen. Er galt als ein Experte für die koptische Schrift, welche die letzte Variante der altägyptischen Sprache und Schrift darstellte. Leider kam er dabei auf keinen grünen Zweig.

Thomas Young (Quelle: Wikicommons)

Thomas Young (Quelle: Wikicommons)

1814 widmete sich der britische Arzt und Physiker Thomas Young (1773-1829) dem Stein von Rosette. Er kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Hieroglyphen um eine Mischung aus Laut- und Wortzeichen handelte. Ihm ist ein Vokabular von 204 Wörtern zu verdanken, wobei aber nur ein Viertel richtig war. Was Young aber hoch anzurechnen ist, war die Tatsache, dass er die Kartuschen (Hieroglyphen innerhalb von ovalen Linien) als die Namen von Pharaonen erkannte. Und nebenbei war Thomas Young auch der Entdecker der Wellentheorie des Lichts. Also er hat seinen Beitrag für die Wissenschaft eindeutig geleistet. Nun fehlt noch ein Mann, den man als jenen Wissenschaftler kennt, der die Hieroglyphen entziffert hat – Jean Francois Champollion (1790-1832). Champollion ging sehr jung an die Universität und 1822 entschlüsselte er die Hieroglyphen. Gleich darauf verfasste er eine Abhandlung mit dem Titel „Lettre a M. Dacier relative a l’alphabet des hieroglyphes phonetiques“, welche von Gelehrten mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die Vermutung von dem jungen Offizier Bouchard hatte sich als richtig erwiesen. Auf dem Stein von Rosette steht dreimal dasgleiche und doch ist es jedes Mal etwas anders. Vielen Dank für Ihre Mühen Herr Akerblad, Herr Young und Herr Champollion!

Jean Francois Champollion (Quelle: Wikicommons)

Jean Francois Champollion (Quelle: Wikicommons)

Also falls ihr euch einmal in London aufhalten solltet, dann schaut doch auf einen Sprung ins British Museum. Zum einen es kostet euch nichts, denn der Eintritt ist gratis. Zum anderen seht ihr eine Unmenge an antiken Schätzen allen voran der Stein von Rosette. Als Erinnerung kann man sich auch ein Souvenir mit einen Teil der Inschrift besorgen, so wie ich einen Thermobecher für meinen Tee to go.

Abbildung von Ptolemaios V. auf einer Tetradrachme (Quelle: Wikicommons)

Abbildung von Ptolemaios V. auf einer Tetradrachme (Quelle: Wikicommons)

Das Entziffern der Hieroglyphen ist geglückt. Einige Handschriften warten noch auf ihren persönlichen „Champollion“. In der nächsten Woche beschäftigt uns ein Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien.

„Nicht alle Steine sind ohne Wert.“ (Sprichwort)

 

 

 

 

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