„The Flying Tailor“

… oder warum 1912 ein Loch auf dem Champs de Mars zu sehen war.

Das Fliegen hat die Menschheit von je her fasziniert. Wir wollen es den Vögeln gleich tun und uns in die Lüfte erheben. Einige Visionäre und schlaue Köpfe entwickelten Apparate und Maschinen, die es einem Menschen ermöglichen sollten zu fliegen. Aus eigener Kraft funktioniert es aber bis heute nicht. Zumindest können wir ein Flugzeug, einen Hubschrauber oder einen Ballon besteigen um die Welt von oben zu betrachten. Aber so wie Superman am Himmel herum zu düsen, wird wohl vorerst Utopie bleiben. Somit hat sich der Traum vom Fliegen für die Menschen nur teilweise erfüllt. Den Alptraum eines Absturzes können wir dabei aber auch erleben. Jeder kennt das – bevor man die Reise in einem Flugzeug antritt, werden einem die Sicherheitshinweise mitgeteilt. Jedes Mal wenn ich die Anweisungen höre, bin ich mir nicht sicher, ob ich es in einer so stressigen Situation wie einem Flugzeugabsturz schaffen werde, mich an alles richtig zu erinnern. Tischchen hochklappen, bei Aufprall nach vorne lehnen, bei Druckabfall die Sauerstoffmaske über den Kopf ziehen und wenn das Flugzeug wassert, dann die Schwimmweste anlegen. Aber bitte erst draußen aufblasen, sonst wird es eng in der Kabine. Oder mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen…Moment mal von Fallschirm sagen die nie etwas bei den Sicherheitshinweisen. Das scheint nur etwas für Piloten von Kampfflugzeugen, Actionhelden oder Menschen mit einer Vorliebe für einen Adrenalinkick zu sein. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie überfordert der durchschnittliche Tourist mit dem Anlegen eines Fallschirms wäre. Auf manchen Strecken ist die Gefahr groß, dass aufgrund von zu viel Alkohol ein paar Gestalten mit dem Fallschirm rumspielen würden. Doch dieses lebensrettende Objekt soll heute im Mittelpunkt stehen, vor allem eine der ersten Varianten davon.

Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Fliegerei noch als waghalsiges Unterfangen, was aber einige mutige Männer nicht davon abhielt es zu versuchen. Beispiele wären Otto Lilienthal, Orvell und Wilbur Wright sowie Louis Blériot. Manche Flugpioniere der ersten Stunde zahlten einen hohen Preis für den Traum vom Fliegen. Ein Mann, dem das Schicksal der abgestürzten Piloten nahe ging, war Franz Reichelt. Doch wer war er und was hatte er mit dem Fliegen zu tun? Franz Reichelt stammte aus Böhmen, wo er 1878 in Wegstädtl geboren wurde. Eigentlich übte Franz Reichelt einen Beruf aus, den man im ersten Moment nicht mit dem Fliegen in Verbindung bringt. Seit 1898 hatte er sich als Damenschneider in Paris niedergelassen. Wie gesagt, der Tod der Piloten gab ihm zu denken und Reichelt begann einen Fallschirmanzug anzufertigen, der den Männern beim Absturz das Leben retten sollte. Doch bevor die Erfindung an Menschen getestet wurden, mussten zunächst die Schneider- und Ankleidepuppen als Versuchskaninchen herhalten. Ausgerüstet mit dem Fallschirmanzug wurden sie von Reichelt einfach aus dem Fenster in den Innenhof geworfen. Die Puppen erlitten bei den Experimenten großen Schaden, was nicht ganz für die Erfindung von Reichelt sprach. Doch der erfinderische Schneider ließ sich so schnell nicht entmutigen und er begann mit Selbstversuchen. In Joinville erfolgt die nächste Testreihe, die darin besteht, dass Franz Reichelt aus gut 10 m Höhe absprang. Leider zeigte sich, dass der Fallschirmanzug immer noch nicht funktionierte. Allerdings überlebte Reichelt seinen Selbstversuch nahezu unbeschadet, da ein Heuhaufen sanft einen Aufprall gebremst hat. Franz Reichelt kam zu dem Schluss, dass die Höhe, aus der er gesprungen ist, zu gering war. Etwaige Bedenken, dass sein Fallschirmanzug einfach nicht funktionierte, schlug er den Wind. Reichelt ging noch einen Schritt weiter, meldet seine Erfindung zum Patent an und plante einen Sprung aus gut 50 m Höhe.

Franz Reichelt in seinem Fallschirmanzug (Quelle: Wikipedia)

Franz Reichelt in seinem Fallschirmanzug (Quelle: Wikipedia)

Dafür braucht man natürlich ein geeignetes Gebäude und Reichelt hätte auch gerne ein Publikum. Im Paris des frühen 20. Jahrhunderts gibt es ein Gebäude, dass noch nicht lange das Bild der Seine-Metropole prägt – der Eiffelturm. 1889 wurde dieses Monument aus Stahl anlässlich der Weltausstellung in Paris eröffnet. Seinen Namen verdankt er Gustave Eiffel, der das Bauwerk geplant hat. Insgesamt hat der Eiffelturm eine Höhe von 324 m und galt bis zur Errichtung des Chrysler Buildings in New York als höchstes Gebäude der Welt. Franz Reichelt hatte den perfekten Ort für seinen Sprung gefunden, denn die erste Etage mit rund 57 m Höhe scheint wie dafür gemacht zu sein. Am 4. Februar 1912 war es soweit. Die Presse wurde von Reichelt vorab eingeladen und auch die Behörden hatten ihr „ok“ für den Sprung gegeben. Allerdings wäre es diesen lieber gewesen, wenn wieder eine der Ankleidepuppen als Testpilot gedient hätte. Franz Reichelt missachtete die polizeilichen Anweisungen, begab sich auf die erste Plattform des Eiffelturms und legte selbst den Fallschirmanzug an. Um 08:22 kletterte Franz Reichelt auf das Geländer hinauf und es dauerte einige Augenblicke bis er sich überwinden konnte hinunter zuspringen. Bisher hatte sich der Fallschirmanzug als ineffektiv erwiesen und so passierte es auch dieses Mal. Die Flügel falteten sich zusammen statt auseinander und der Flug dauerte nur wenige Sekunden. Franz Reichelt sprang in den Tod. Der harte Aufprall seines Körpers hinterließ ein Loch auf dem Champ de Mars. Der „Flying Tailor“ wie Franz Reichelt später genannt wird, erlangt durch seinen Todessprung traurige Berühmtheit, da die Presse anwesend war. Doch nicht nur die Zeitungen berichteten davon. Ein Filmteam von Pathé cinema war vor Ort und ihre Kamera zeichnete das Unglück auf. Das kurze Video ist auf Youtube verfügbar.

Franz Reichelt verlor durch seine Erfindung das Leben, aber es folgten andere, die an der Idee weiterarbeiteten. So wurde es möglich Piloten mit Fallschirmen auszustatten, die zahlreichen Fliegern das Leben gerettet haben. In unserer Zeit springen einige sogar freiwillig mit Fallschirmen oder Gleitanzüge aus Flugzeugen, um eine kurze Zeit den Kick zu genießen, bevor sie langsam zur Erde schweben – im Idealfall…

Doch genug vom Fliegen und Fallen. Nächste Woche ist es Zeit einen Mann kennenzulernen, der gleich 12 Söhne hatte.

 

„Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (Loriot)“

 

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich find’s jedenfalls total nett, dass er trotzdem als Flying Tailor, und nicht als Falling Tailor in die Geschichte eingegangen ist. Das hat sowas von posthumer Würdigung.

    • So hab ich es noch gar nicht gesehen. Wie gesagt das Video zu der Tragödie kann man sich ansehen, aber echt auf eigene Verantwortung. Nicht schön.

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