Jacob and Sons

… oder wieviel Genealogie in einem Musical steckt.

Viele bekannte Erzählungen, Geschichten oder Gleichnisse stammen aus der Bibel. Manchen sind sie aus dem Religionsunterricht vertraut, andere kennen sie aus dem sonntäglichen Gang zur Kirche oder sind auf andere Art und Weise damit in Berührung gekommen. Dazu zählen sicher die Erschaffung der Welt, die Geschichte von Noah und seiner Arche, der Auszug der Israeliten aus Ägypten und damit verbunden die zehn Plagen, die Hochzeit von Kanaan oder aber die Geschichte vom verlorenen Sohn. Die Erzählungen dienen aber nicht nur zur Unterhaltung oder zur Belehrung. Ein paar davon enthalten auch historische Elemente. Aber auch Genealogie spielt in der Bibel eine Rolle und zwar jene der Isrealiten. Die Abstammung dieses Volkes findet sich in einer der bekanntesten Geschichten wieder, nämlich jener von Josef und seinen Brüdern.

Für all jene, die nicht mehr genau wissen, worum es in der Geschichte geht, hier eine kleine Auffrischung: Jakob, der Sohn von Isaak, hatte eine Vielzahl von Söhnen von mehreren Frauen. Insgesamt sind es zwölf und sein Lieblingssohn hieß Josef. Dieser junge Mann war ein begnadeter Traumdeuter und hatte selbst sehr interessante Träume, bei denen Josef für höhere Dinge als seine Brüder bestimmt schien. Damit auch jeder merkte, wie sehr Jakob den Josef liebte, schenkte er ihm einen wunderschönen, farbenprächtigen Mantel. Das machte die restlichen Brüder neidisch und ihre Wut auf Josef wuchs von Tag zu Tag. Sie beschlossen ihn zu töten, was allerdings dann vom ältesten Bruder Ruben verhindert werden konnte. Statt dessen verkauften sie Josef als Sklave nach Ägypten. Ein hoher Beamter namens Potifar erwarb ihn als Diener. Da Josef klug und geschickt war, genoss er bald einen guten Ruf im Haus von Potifar. Allerdings verliebte sich Potifars Frau in den gutaussehende Josef und wollte ihn verführen. Als dieser sie zurückwies, beschuldigte Potifars Frau Josef aus gekränkter Eitelkeit, dass er ihr nachstellen würde. Außer sich vor Zorn ließ Potifar Josef verhaften und ins Gefängnis werfen. Doch auch hier konnte Josef seine Fähigkeiten zu seinem Vorteil nutzen. Mit ihm waren der Bäcker und der Mundschenk des Pharaos inhaftiert. Beide hatten Träume, die von Josef gedeutet wurden. Beide Auslegungen erwiesen sich als wahr und während der Bäcker zum Tode verurteilt wurde, wurde der Mundschenk wie Josef es vorausgesagt hatte, vom Pharao begnadigt. Kurze Zeit später verhielt es sich so, dass auch der Pharao von bösen Träumen geplagt wurde und der Mundschenk erinnerte sich an seinen ehemaligen Zellengenossen Josef. Also wurde Josef zum Pharao gebracht um dessen Traum zu deuten. Dieser verlief folgendermaßen: Aus dem Nil stiegen zuerst 7 fette Kühe und danach 7 magere Kühe. Die ausgemergelten Rinder beganngen die gutgenährten Artgenossen zu verspeisen. Die nächste Sequenz des Traumes zeigte dem Pharao 7 prächtigte Kornähren, die allerdings von 7 krummgewachsenen, verdorrten Ähren umschlungen und zerstört wurden. Irgendwie kann man die Beunruhigung des Pharaos verstehen. Josef aber erkannte sofort was dieser Traum zu bedeuten hatte. In den nächsten 7 Jahren würde alles in Ägypten prächtig gedeihen, aber darauf würden 7 schlechte Jahre folgen, die eine Hungersnot nach sich ziehen würden. Der Pharao war sehr von Josef angetan und machte ihn zur Hauptverantwortlichen für die Getreide- und Vorratslagerung in Ägypten. Josef arbeitete gut und am Ende der 7 guten Jahre waren genug Vorräte für die 7 schlechten Jahre angelegt. Jetzt kommen wieder die Brüder von Josef ins Spiel, denn außerhalb der ägyptischen Lande litten die Menschen Hunger. So zogen die Brüder nach Ägypten, damit sie Vorräte kaufen konnten. Sie wurden zu Josef gebracht und der merkte sofort wer da vor ihm stand. Die Brüder erkannten Josef nicht. Zuerst erhielten sie alles was sie wollte, doch heimlich schmuggelte Josef einen kostbaren Becher in das Gepäck des jüngsten Bruders Benjamin. Dieser war an der Schandtat gegen Josef damals nicht beteiligt gewesen. Als die Brüder wieder heimkehren wollte, ließ Josef das Gepäck durchsuchen und man fand den Becher bei Benjamin. Josef tat so als wäre er furchtbar wegen des Diebstahls erzürnt und wollte Benjamin ins Gefängnis werfen lassen. Alle Brüder baten um Gnade für Benjamin. Ein Bruder namens Juda bot Josef sogar an, statt Benjamin ins Gefängnis zu gehen. Daran erkannte Josef, dass sich seine Brüder zum besseren gewandelt hatten und gab sich zu erkennen. Die Brüder wohnten von nun an bei ihm in Ägypten und auch seinen Vater Jakob holte Josef zu sich. Das ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Doch wie steht das im Zusammenhang mit der mythischen Genealogie der Israeliten. Dazu muss man sich die einzelnen Personen etwas genauer ansehen.

Kommen wir zuerst zu Jakob. Dieser war – wie eingangs erwähnt – der Sohn von Isaak und Rebekka und besaß viele Schaf- und Ziegenherden. Er zeugte zahlreiche Söhne und Töchter, aber nicht nur mit einer Frau, sondern gleich mit vier. Lea und Rahel waren seine Ehefrauen, während Jakob aber auch mit deren Dienerinnen Silpa und Bilha Kinder hatte. Jakob hatte noch einen anderen Namen – Israel. Das macht ihn zum Stammvater aller Israeliten. Doch was hat es nun mit den zahlreichen Söhnen auf sich. Ihre Namen sind: Ruben, Simeon, Levi, Naftali, Issachar, Ascher, Dan, Sebulon, Gad, Juda, Benjamin und eben Josef. Sie alle gelten als die Stammväter eines der zwölf israelitischen Stämme, die sich um 1200 v. Chr. zum „Zwölfstämmeverband“ zusammenschlossen. Damit jeder den Überblick bewahren kann, hier der Stammbaum von Jakob:

Der Stammbaum von Jakob (Who's who in der Bibel, S. 279)

Der Stammbaum von Jakob (Who’s who in der Bibel, S. 279)

Ruben war der älteste Sohn von Jakob und Lea. In der Erzählung verhinderte er, dass seine Brüder Josef aus Eifersucht und Neid töten. Gegen den Verkauf von Josef an die Sklavenhändler unternahm Ruben allerdings nichts mehr. Das Siedlungsgebiet des von ihm abstammenden Volksteil lag östlich des Flusses Jordan. Der zweiteälteste Sohn von Jakob und Lea hieß Simeon und in der Erzählung von Josef und seinen Brüdern hatte er keine herausragende Rolle. Allerdings rächte er gemeinsam mit seinem Bruder Levi die Vergewaltigung an seiner Schwester Dina. Da es sich um eine äußerst blutige Rache handelte, verfluchte Jakob seinen Sohn. Aus diesem Grund lebten die Angehörigen des Stammes Simeon verstreut über den südlichen Teil des Landes. Der eben schon erwähnte Levi begegnet uns heute noch in der alten Phrase „jemand die Leviten lesen“. Von Levi stammten die Leviten ab, die als Priester für den Tempeldienst verantwortlich waren. Damit verbunden war auch die Aufgabe die zahlreichen Vorschriften an das Volk weiter zu geben.

Bei Naftali handelt es sich um einen Sohn von Jakob, den er mit der Dienerin Bilha gezeugt hatte. Das Siedlungsgebiet lag zwischen Galiläa und dem Meer. Issachar wiederum war ein Sohn von Jakob und Lea, der für seine immense Kraft berühmt war. Sein Stamm siedelte im Norden des Landes südwestlich des Sees Gennesaret. Ascher war der Sohn von Jakob und der Dienerin Silpa, dessen Stamm nördlich von Karmel entlang der Küste beheimatet war. Dadurch kam dieser Teil der Israeliten immer wieder in Konflikt mit den Phoinikern, die dort ebenfalls Territorium beanspruchten. Jene Israeliten die von Dan, dem Sohn von Jakob und der Dienerin Bilha, abstammten, siedelten im äußersten Norden von Israel. Der Stamm der Sebulon als Ahnherrn hatte, hatte seine Heimat westlich des Sees Gennesaret gefunden. Gad war der Sohn von Jakob und Silpa. Dieser Stamm siedelte östlich des Jordans, aber etwas nördlicher als jener von Ruben.

Etwas mehr ist über Juda bekannt, einen Sohn von Jakob und Lea. Von ihm stammte der berühmte König David ab, den die meisten von seinem Kampf mit dem Riesen Goliath kennen. Damit gehört aber auch Jesus laut Bibel zu den Nachkommen von Juda. Das Siedlungsgebiet dieses Stammes liegt westlich des Toten Meeres. Dort lagen wichtige Stätten wie die Gräber von Abraham, Isaak und Jakob. Auch die Stadt Jerusalem gehörte zu dem Siedlungsgebiet. Nach dem Tod von König Salomo (von ca. 966-926 v. Chr.) kam es zu einer Teilung des Reiches und es entstanden das Königreich Israel und das Königreich Juda. Zweiteres war kleiner und verfügte über keinen direkten Zugang zum Meer. Im Jahr 586 v. Chr. wurden Juda und Israel dann von dem babylonischen Herrscher Nebukadnezzar II. erobert. Seit dem Jahr 539 v. Chr. gehörte das Gebiet dann zum persischen Großreich und ab 332 v. Chr. zum Herrschaftsgebiet von Alexander dem Großen. Im Jahr 63 v. Chr. gliederte man Israel und Juda ins Römische Reich ein und später wurde es dann die Provinz Judäa. So erhielten die Bewohner den Namen „Juden“.

Der Stamm von Benjamin, dem jüngeren Sohn von Jakob und seiner Lieblingsfrau Rahel, siedelte im Norden über dem Gebiet des Stammes Juda in der Nähe von Hebron. König Saul beispielsweise stammte aus dem Hause Benjamin. Da Josef dem Benjamin bei dem Besuch in Ägypten die fünffache Portion zu essen gab, wird im angelsächsischen Raum noch heute eine besonders große Essensmenge als „Benjamins-Portion“ bezeichnet.

Kommen wir zuguterletzt noch zu Josef. Dieser war der älteste Sohn von Jakob und Rahel. Josef selbst gilt zwar nicht als Ahnherr eines israelitischen Stammesteil, wohl aber sein Sohn Ephraim. Dieser war zwar nur der zweitgeborene Sohn von Josef, aber Jakob ahnte voraus, dass er mehr Bedeutung haben würde und bevorzugte ihm deshalb. Sein Stamm siedelte nördlich desjenigen von Benjamin und westlich des Jordans.

Damit man sich ein besseres Bild von der Verteilung der Stämme über das Land machen kann, hier eine Karte:

Die israelitischen Stämme um 1200 v. Chr. (dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1, S. 36)

Die israelitischen Stämme um 1200 v. Chr. (dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1)

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern wurde vielfach adaptiert. Der Schriftsteller Thomas Mann schrieb einen Roman mit dem Titel „Joseph und seine Brüder“. Auch das farbenprächtige Gewand von Josef findet man in der Kunst wieder wie in einem Gemälde von Velázquez. Weiters gibt es auch eine Oper von Étienne Nicolas Méhul mit dem Titel „Joseph in Ägypten“. Die wahrscheinlich populärste Adaption des Themas ist Andrew Llyod Webber mit seinem Musical „Joseph and the Amazing Technicolour Dreamcoat“ gelungen. In dem Lied „Jacob and Sons“ werden übrigens alle Söhne von Jakob namentlich aufgezählt. Mit der Unterstützung von fetziger Musik ist mir gelungen, die Namens leichter in meinem Gehirn zu verankern.

Genug von der mythischen Genealogie der Israeliten und bunten Mäntelchen. In der nächsten Woche geht es dann um einen Löwen in Menschengestalt.

„Alle Menschen sind Brüder – aber das waren schließlich auch Kain und Abel.“ (Hans Kasper)

Literatur:

Peter Calvocoressi, Who is who in der Bibel, 2007

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