Man sieht sich immer zweimal im Leben

… oder was Burg Dürnstein und Burg Trifels gemeinsam haben.

Wer kennt nicht die Geschichte von Robin Hood? Der tapfere Held von Sherwood Forest nimmt von den Reichen und gibt es den Armen. Dabei lässt er den Sheriff von Nottingham oder Prinz John dumm aussehen. Jeder kennt einen der zahlreichen Robin Hood Filme. Entweder die Zeichentrickversion von Disney, in der allerlei Tiere wie Füchse, Wölfe, Bären, Löwen oder Hühner die Figuren verkörpern. Bekannt ist sicher auch die Verfilmung mit Kevin Costner als Robin Hood und dem unvergleichlichen Alan Rickman als Sheriff von Nottingham. (Dabei muss ich immer an den Dialog über den Löffel denken.) Natürlich gibt es auch einen richtigen Klassiker unter den Robin Hood Filmen, nämlich jenen mit Erol Flynn in der Hauptrolle. Aber der Beschützer der Armen und Schwachen wird auch schon mal auf’s Korn genommen, so wie in „Robin Hood – Helden in Strumpfhosen“. In allen Filmen tauchen neben Robin Hood die gleichen Charaktere auf: Little John, Maid Marian, der Sheriff von Nottingham und wie sie alle heißen. Ob Robin Hood wirklich gelebt und gewirkt hat, darüber streitet sich die Forschung. Aber am Ende jedes der eben genannten Filme taucht eine historische Person auf: König Richard Löwenherz. Zurückgekehrt von den Kreuzzügen gibt er Robin Hood und Maid Marian seinen Segen und bestraft seinen Bruder Prinz John für das, was er seinen Untertanen angetan hat. Heute soll Richard I. Löwenherz einmal aus historischer Perspektive beleuchtet werden. Soviel sei schon verraten, er hat sich nicht immer edel und gut verhalten. Das erste Mal, dass ich den Namen Richard Löwenherz hörte, war nicht während eines Robin Hood Films, sondern während eines Urlaubs in Niederösterreich. Das ist zwar schon einige Jahre her, aber ich erinnere mich noch an den Besuch der Ruine Dürnstein. Die Reste der einst stolzen Burg liegen auf einem Hügel über dem gleichnamigen Ort an der Donau in Niederösterreich. Dort hat Richard I. Löwenherz ein Jahr seines Lebens verbracht, doch dazu später mehr. Werfen wir zunächst einen Blick auf den Herrscher, der in den Filmen immer als das Sinnbild für Edelmut und Tapferkeit dargestellt wird.

Darstellung von König Richard I. Löwenherz aus dem 12. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Darstellung von König Richard I. Löwenherz aus dem 12. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Geboren wurde Richard Löwenherz (engl. Richard Lionheart, franz. Richard Cœur de lion) in Oxford im Jahr 1157 und zwar als dritter Sohn von Heinrich II. von England und seiner Gattin Eleonore. Diese edle Dame stammte ursprünglich aus Aquitanien. Somit war Richard ein Mitglied des französischen Adelsgeschlecht der Plantagenet. Mit bereits 13 Jahren erhielt er die Gebiet seiner Mutter zur Herrschaft, denn er galt  als Lieblingssohn von Eleonore. Damit war Richard Herzog von Aquitanien. Doch Richard wollte, wie offenbar alle seine Brüder, mehr. Im Jahr 1173 begannen Richard und seine Brüder Heinrich und Gottfried gegen den Vater zu rebellieren. Eleonore unterstützte ihre Söhne im Kampf gegen ihren Gatten. Allerdings fand dieser Aufstand ein schnelles Ende und alle Hoffnungen statt ihrem Vater Heinrich II., den Bruder Heinrich den Jüngeren auf den Thron zu setzen scheiterten. Als nächstes stand Richard vor dem Problem, dass in seinem eigenen Land Aquitanien gegen ihn revoltiert wurde. Dabei machte er sich einen Namen als tüchtiger Feldherr, aber Richard wurde auch berüchtigt für seine Grausamkeit. Das entspricht jetzt schon mal gar nicht dem Bild, dass man durch die Filme von Richard Löwenherz hat. Im Jahr 1183 erhoben sich die Söhne von König Heinrich II. wieder gegen ihn. Das kennen wir ja schon. Auch diesmal hatten die rebellischen Brüder Heinrich, Gottfried und Richard kein Glück. Heinrich der Jüngere starb im gleichen Jahr während des Feldzuges gegen seinen Vater, zuvor hatte sich Richard auch noch geweigert ihm als Thronfolger zu huldigen. Gottfried ereilte nur drei Jahre später auch der Tod, denn er kam unter die wirbelnden Hufe eines Pferde. Somit galt nun Richard als Thronerbe von England, musste sich aber erst gegen seinen dominanten Vater durchsetzen. Richard musste sich nun auch dringend Verbündete suchen und wählte dazu den französischen König Philipp II. August. Diese beiden Männer hatten zwar auch ihre Dispute – meistens ging es um Land – aber Richard hatte kaum eine Wahl. Dieses Mal war Richard das Glück hold und er konnte sich gegen seinen Vater behaupten. Dieser starb kurz nach der entscheidenden Niederlage und Richard wurde am 3. September 1189 zum König von England gekrönt. Damit wurde er auch gleichzeitig Herzog der Normandie und Graf von Anjou.

Doch die Ankunft von König Richard I. war nicht von Jubel begleitet, denn eigentlich konnte man ihn in England nicht leiden. Der frischgebackene König tat sein möglichstes um sich beim Volk und beim Adel beliebt zu machen. Mächtigen Männern verschaffte er vorteilhafte Heiratspartnerinnen, entließ Häftlinge aus dem Gefängnis und versuchte alles zu Geld zu machen – Ländereien, Ämter usw. Weiters führte er Enteignungen durch, oftmals an der jüdischen Bevölkerung. Geld schien eine der Hauptsorgen von König Richard zu sein und das hatte auch seinen Grund. In Europa war die Zeit für einen dritten Kreuzzug gekommen. Jerusalem war 1187 von den Truppen Sultan Saladins erobert worden und das veranlasste Papst Gregor VIII in einer päpstlichen Bulle namens „Audita tremendi“ zum Kreuzzug aufzurufen. Ein Jahr später erklärte Kaiser Friedrich I. Barbarossa, dass er persönlich in den Nahen Osten ziehen würde, um Jerusalem zurück zu erobern. Natürlich standen ihm dabei eine gewaltige Anzahl an Soldaten zur Seite. Auch Richard I. und sein Bündnispartner/Konkurrent Philipp II. August entschieden sich beide mitzuziehen. Keiner traute dem anderen nämlich über den Weg, da die territorialen Interessen in Westfrankreich der beiden Könige die gleichen waren. Also verabredet man, dass keiner „zu Hause“ bleiben sollte, dann hatte auch keiner einen Nachteil. Richard ließ die Herrschaft über England in den Händen von drei fähigen Vertrauten. Also zogen drei große europäische Herrscher gemeinsam in den Krieg. Doch lange bevor die Küste des Heiligen Landes zu sehen war, geriet Richard I. in Thronstreitigkeiten auf Sizilien, wo sein Schwager König William II. kürzlich verstorben war. Dessen Ehefrau Johanna, die Schwester von Richard, wurde in Messina gefangengehalten. Der englische König konnte sie befreien und mit der gegnerischen Partei Frieden schließen. Also ging es bald darauf weiter Richtung Heiliges Land. Das nächste kriegerische Intermezzo fand auf Zypern statt, denn dummerweise waren die Schiffe, die die Verlobte von Richard sowie seine Kriegskasse enthielten nach Zypern abgetrieben worden, während der König mit dem Rest seiner Flotte in Rhodos weilte. Natürlich wollten die Zyprioten diese Beute nicht so einfach wieder herausrücken und es kam zum Kampf. Richard ging auch hier als Sieger hervor und im Frühjahr 1191 befand er sich endlich im Heiligen Land. Ein Jahr zuvor war es zu einem sehr tragischen Unfall gekommen, denn Kaiser Friedrich I. Barbarossa war in einem Fluss in Anatolien ertrunken. Also schon mal ein Heerführer weniger. Aber auch Philipp II. zog mit seinen Männern wieder nach Frankreich zurück. Er war es leid mit dem englischen König zu konkurrieren. Richard trug seinen Beinamen nicht umsonst, denn angeblich war er unangefochten und stark wie der König der Tiere. So blieb Richard I. alleine im Heiligen Land zurück und versuchte zweimal vergeblich Jerusalem zurück zu erobern. Nur aufgrund eines Friedensvertrags mit Sultan Saladin war es dem König möglich, die Stadt zu betreten und endlich ein Gebet am Grab von Jesus zu sprechen.

König Richard im Duell gegen Sultan Saladin (Quelle: Wikicommons)

König Richard im Duell gegen Sultan Saladin (Quelle: Wikicommons)

Jetzt treffen wir auf eine Person, die wir auch aus den Robin Hood Filmen kennen – Prinz John oder Johann Ohneland (engl. John Lackland) wie er in der Geschichte genannt wird. Er ist, wie allgemein bekannt, der Bruder von König Richard I. Löwenherz und kommt in den Filmen meistens nicht gut weg. Dieser wusste die Abwesenheit seines älteren Bruders gut zu nutzen, denn auch ihm stand der Sinn nach der Königskrone und natürlich nach Territorium. Also eignete sich Johann Ohneland etwas Land, genauer gesagt England, ohne das Einverständnis seines älteren Bruders an. Hilfe bekam er dabei interessanterweise von Königin Eleonore. Die drei vertrauen Kronverwalter Richards wurden beseitigt. Als Herrscher schien Johann nicht besonders begabt zu sein, denn König Richard I. erreichten immer schlechter werdende Nachrichten aus der Heimat. Aus diesem Grund brach er den Kreuzzug ab und begann 1192 die Heimreise über den Seeweg. Allerdings erlitt der König im adriatischen Meer Schiffbruch und so versuchte er sich durch die österreichischen Lande durch zuschlagen. Jetzt folgt eine Episode aus Richards Leben, der man den Titel „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ geben könnte. Über Kärnten reiste der englische König inkognito nach Bruck an der Mur und dann weiter nach Wien. Richard hatte allen Grund zu vermeiden erkannt zu werden, denn das Herzogtum Österreich wurde von einem Mann regiert, der Richard ganz und gar nicht wohlgesonnen war – Herzog Leopold V. aus der Familie der Babenberger. Er war der Sohn von Heinrich II. Jasomirgott, den wir bereits von der Geschichte mit dem „Privilegium Minus“ kennen. Zwischen Richard I. und Leopold V. gab es böses Blut. Begonnen hatte alles während des 3. Kreuzzuges und zwar bei der Eroberung der Stadt Akkon im Jahr 1191. Bevor König Richard und König Philipp mit ihrem Heer dort aufgetaucht waren, hatte Herzog Leopold V. den Oberbefehl über die Truppen. König schlägt Herzog und so musste der Babenberger den Oberbefehl bei der Ankunft von Richard und Philipp abgeben. Was allerdings nicht heißt, dass er klein beigegeben hat. Nachdem die Stadt in die Hände der Kreuzritter gefallen war, brachte er – ebenso wie die Könige – sein Banner auf einem Turm an. Damit nicht genug Leopold V. beanspruchte nun auch seinen Teil der Beute. Das sah Richard Löwenherz nicht ein und riss das Banner des Herzogs von der Turmspitze. Angeblich warf er es hinunter in den Burggraben in den Dreck. Durch diese Tat hatte König Richard einen Feind geschaffen und der gedemütigte Herzog Leopold reiste unverzüglich ab. Das ist der Grund warum sich König Richard im Verborgenen durch die österreichischen Lande bewegen musste. Dennoch wurde er in Wien erkannt und Herzog Leopold V. sah den Tag der Rache endlich gekommen. Löwenherz wurde gefangengenommen und auf die schon erwähnte Burg Dürnstein gebracht. König Richard wurde kein Haar gekrümmt, aber schon bald lieferte ihn Leopold V. an Heinrich IV., den damaligen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches aus. Auch bei diesem mächtigen Mann hatte es König Richard geschafft sich durch sein Art und seine Aktionen unbeliebt zu machen. Heinrich IV. forderte ein immens hohes Lösegeld für Richard und sperrte ihn erst einmal auf Burg Trifels, heute Rheinland-Pfalz, ein.

Herzog Leopold V. von Babenberg mit der österreichischen Fahne (Quelle: Wikicommons)

Herzog Leopold V. von Babenberg mit der österreichischen Fahne (Quelle: Wikicommons)

Johann Ohneland als König (Quelle: Wikicommons)

Johann Ohneland als König (Quelle: Wikicommons)

Zwei Männer waren über die Nachricht, dass Richard gefangen war, gar nicht unglücklich. Zum einen sein Bruder Johann, der sich schon als König von England sah. Zum anderen der französische König Philipp II., der die Chance ergriff und sich das Gebiet der Normandie aneignete. Aber es gab auch einen Menschen, dem König Richard sehr am Herzen lag und das war Eleonore von Aquitanien. Alt, aber noch voller Tatendrang schaffte sie es das Lösegeld für ihren Sohn zusammen zu bekommen um ihn damit freikaufen zu lassen. Zu Beginn des Jahres 1194 wurde Richard Löwenherz dann aus seinem Gefängnis entlassen und konnte nach England zurückkehren. Johann hatte sich als unfähiger Herrscher herausgestellt und so war das Land wirklich so verarmt, wie es in den Robin Hood Filmen immer dargestellt wird. König Richard I. wurde aber nicht allerorts freudig empfangen, wie die Filmindustrie uns das gerne vorgaukelt. Er musste erst Nottingham – ja genau das Nottingham – und Tickhill erobern, die sich ihm widersetzt hatten. Das dürfte nicht ganz unblutig von statten gegangen sein, denn danach wagte niemand mehr gegen Richard zu rebellieren. Als nächstes Projekt stand die Rückeroberung der französischen Territorien auf dem Plan. Also rüber über den Ärmelkanal und der Feldzug konnte beginnen. Im Jahr 1199 passierte dann das Unglück. Bei der Belagerung einer Burg erlitt König Richard einen Pfeilschuss in den Arm und starb nur wenig Zeit später, weil sich die Wunde entzündet hatte. Das Löwenherz hatte aufgehört zu schlagen. Apropos Herz – dieses wurde getrennt von seinem Körper in Rouen begraben. Der Rest von Richard fand seine letzte Ruhestätte in einer Abtei nahe von Chinon (Frankreich). Sein Bruder Johann hatte nun endlich was er wollte, nämlich den Thron von England. Es gelang ihm nicht die Normandie zurück zuerlangen und auch der Adel machte ihm Probleme. Eines der wichtigsten Ereignisse der englischen Geschichte fällte aber in die Zeit seiner Herrschaft, nämlich die Magna Carta. Diese Urkunde sollte den Grundstein für die englische Verfassung legen, doch davon ein anderes Mal.

Vielleicht hat jetzt der eine oder die andere Lust bekommen, sich einen Robin Hood Film anzusehen, um die heroische Rückkehr von König Richard Löwenherz zu sehen. Dann hört man wieder die Worte: „König Richard ist von den Kreuzzügen zurück.“ Die Lehre, die man aus der Geschichte zwischen König Richard und Herzog Leopold ziehen sollte, ist folgende: Man sollte nie glauben aus welchem Grund auch immer über anderen Menschen zu stehen, denn das Blatt könnte sich sehr schnell wenden. Wie gesagt, man sieht sich immer zweimal im Leben und ehe man sich’s versieht sitzt man gefangen auf Burg Dürnstein an der schönen blauen Donau. Taten haben immer Konsequenzen, auch wenn es einige Zeit dauert, bis diese einen treffen.

Grab von König Richard Löwenherz (Quelle: Wikicommons)

Grab von König Richard Löwenherz (Quelle: Wikicommons)

Genug von Löwenherzen, Kreuzrittern, Burgen und Robin Hood für heute. Doch schon in der nächsten Woche treffen wir auf ein weiteres Löwenherz und die Frau, die ihm diesen Namen gab.

„Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.“ (Jean-Jacques Rousseau)

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