Antikes Sightseeing – Teil 1

…oder worüber Antipatros von Sidon und Philon von Byzanz berichten.

Wenn man einen Städtetrip unternimmt, dann gehört Sightseeing mit dazu. Es wäre ja auch schade, nur im Hotel herumzusitzen. Ein bisschen Kultur muss sein. Bevor man sich aufmacht um die fremde Stadt zu erkunden, informieren sich die meisten im Vorfeld, was sehenswert ist oder nicht. Man will ja nicht das beste verpassen. In den Reiseführern und auf bearbeiteten Bildern sehen die Monumente noch besser aus. Die Überraschung folgt dann erst vor Ort. Man ist nicht der einzige Mensch, der die Sehenswürdigkeit besichtigen will. Oftmals findet man sich in einer nicht enden wollenden Schlange von Menschen wieder, wenn man Pech hat, spielt das Wetter auch nicht mit. So ist es mir beim Eiffelturm ergangen – 3 Stunde in der Kälte anstehen und dann sahen wir erst das Kassenhäuschen der Sehenswürdigkeit. Nach einer weiteren Stunde gelangten wir dann endlich auf die oberste Plattform des Wahrzeichens. Aber der Blick von oben über das nächtliche Paris war das Warten wert – mir zumindest. Auch in der Antike besuchten Menschen fremde Städte und damit auch Sehenswürdigkeiten. Einige davon erschienen den Leuten wie wahre Wunder, genauso wie heute. Den Begriff „Weltwunder“ prägte der römische Autor Varro, denn er spricht von den „septem opera in orbe terrae miranda“ (dt. sieben Werke, die auf der Welt zu bewundern sind“). Wer hat auch nicht schon einmal von den 7 Weltwundern der Antike gehört? Wenn man allerdings Leute fragt, welche Bauten und Monumente zu dieser Gruppe gehören, dann bekommt man nicht immer die gleiche Antwort. Auch in der Antike war man sich bezüglich dieses Punkts uneinig. Einem antiken Autor mit dem Namen Antipatros von Sidon wird ein Gedicht zugeschrieben, in dem die 7 Weltwunder erwähnt werden.

Antipatros von Sidon

Dieser Mann lebte im 2. Jh. v. Chr. und galt als Verfasser von Gedichten und Epigrammen. Heute geht man davon aus, dass Antipatros 68 Werke geschrieben hat. Einige seiner Werke sind in der Anthologia Palatina überliefert. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Gedichten und Epigrammen aus dem 10. Jhdt. Rund 3200 Werke sind in 15 Bücher erhalten geblieben. Ein Gedicht ohne Titel, das Antipatros zugeschrieben wird, hat folgenden Inhalt:

„Anschauen durfte ich mir des ragenden Babylon Mauern,

die man mit Wagen befährt, dann den alpheischen Zeus,

auch die Hängenden Gärten und den Koloß des Helios,

die Pyramiden, ein Werk, mächtig zur Höhe gereckt

und das gewaltige Grabmal des Mausolos. Aber der Tempel,

der sich in Wolken verliert, heilig der Artemis, ließ

alles andere verblassen. Ich sprach: „Vom Olymp abgesehen,

hat Gott Helios solch Wunderwerk niemals erblickt.“

Damit legt uns Antipatros die älteste erhaltene Liste von Weltwundern vor. Also fassen wir zusammen: Antipatros zählt die Mauern von Babylon, die Statue des Zeus in Olympia, die Hängenden Gärten, den Koloss von Rhodos, die Pyramiden von Gizeh, das Mausoleum von Halikarnassos und den Tempel der Artemis in Ephesos zu den 7 Weltwundern. Aufmerksamen LeserInnen wird nicht entgangen sein, dass ein Bauwerk, das meistens zu den 7 Weltwundern der Antike gezählt wird, fehlt: Der Leuchtturm der Insel Pharos. Dafür hat Babylon gleich zwei Weltwunder aufzubieten.

Philon von Byzanz „Reiseführer zu den 7 Weltwundern“

Aus der Spätantike stammt ein Werk von einem Mann, der sich Philon von Byzanz nennt. Er verfasste einen Bericht über die 7 Weltwunder und zwar entsteht dabei die gleiche Gruppe an Bauwerken, die Antipatros erwähnt. Philon von Byzanz war eigentlich Ingenieur und Erfinder. Er lebte im 3. Jh. v. Chr. und beschäftigte sich vorrangig mit Mechanik. Über diese Thema verfasste er ein Werk mit dem Titel „Handbuch der Mechanik“ (griech. Μηχανικὴ Σύνταξις). Darin widmete Philon Bereichen wie Probleme der Mechanik, Hafenbauten, Drucklufttechnik, Automaten oder aber Festungsbau und Belagerung einzelne Kapitel. Vielleicht ist es einigen aufgefallen, aber jemand der im 3. Jh. v. Chr. gelebt hat, kann kein Buch in der Zeit der Spätantike schreiben. Es ist anzunehmen, dass nicht der Techniker Philon von Byzanz selbst diesen Reiseführer verfasst hat, sondern ein spätantiker Autor, der sich seines Namens bedient hat. Schreibstil und Sprache unterscheiden sich von den sonst so trockenen Ausführungen des Technikers. Warum dieser Mensch das getan hat, kann keiner sagen. Die Bezeichnung als „Reiseführer“ stammt aus der Neuzeit. Doch nun wird es Zeit die Weltwunder einzeln zu betrachten. Heute sollen es einmal drei sein und das nächste Mal kommen die anderen vier. Für die heutigen Weltwunder müssen wir uns auch nur an zwei Orte begeben, nämlich Gizeh und Babylon.

1. Die Pyramiden von Gizeh

Vielleicht das wichtigste über dieses Weltwunder zuerst: Es ist noch erhalten. Alle anderen Bauwerke und Monumente aus dem Gedicht des Antipatros wurden bereits zerstört oder sind verfallen. Natürlich fehlt es den Pyramiden von Gizeh heute etwas an Glanz, da die Außenschicht aus weißem Kalkstein nicht erhalten geblieben ist. Die alten Gräber der Pharaonen Cheops (2551-2528 v. Chr.), Chephren (2520-2494 v. Chr.) und Mykerinos (2490-2471 v. Chr.) liegen ca. 8 km von der heutigen Stadt Giza entfernt in der Nähe von Kairo. Memphis, einer der bedeutendsten Städte des Alten Ägyptens, befand sich nicht weit von den Pyramiden. Wenn man sich die Abmessung der größten der drei Pyramiden, nämlich der Cheops-Pyramide ansieht, dann wird klar, warum sie für die Menschen der Antike als Weltwunder galt. Diese hat eine quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von 230,5 m. Stolze 146,5 m ragt das Monument in den Himmel. Wie genau die Pyramiden von Gizeh erbaut wurden, kann die Forschung nicht mit Sicherheit beantworten. Zur Auswahl stehen beispielsweise der Bau mittels einer riesigen Rampe oder aber die Methode die riesigen Steinquader in einer Spirale rund um den Kern zu verlegen. Neben Antipatros von Sidon schrieben noch andere antike Autoren über die Pyramiden. Dazu zählen Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“, der Historiker Diodor von Sizilien, Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“ oder Ammianus Marcellinus im 4. Jh. n. Chr. Aber auch in der Neuzeit haben die Pyramiden von Gizeh nichts von ihrer Faszination für die Menschen verloren. Neben jenen, die die Monumente nur von außen betrachten wollen, kamen jene dazu, die auch ihr Inneres erforschten. Seit dem 18. Jh. versuchte man mehr über die alten Gräber der Pharaonen herauszufinden, was bis in die heutige Zeit andauert. Neben den Archäologen und Wissenschaftler findet man auch Scharen von Touristen vor den Pyramiden von Gizeh wieder, die das letzte erhaltene Weltwunder der Antike laut der Liste des Antipatros betrachten.

Die Pyramiden von Gizeh, Kupferstich von Maarten van Hemskerck (Quelle: Wikicommons)

Die Pyramiden von Gizeh, Kupferstich von Maarten van Hemskerck (Quelle: Wikicommons)

Vom Nil aus machen wir einen gewaltigen Sprung über das Rote Meer hinweg an den Euphrat. Dort lag die antike Stadt Babylon, in der sich laut des Gedichts von Antipatros zwei weitere Weltwunder befunden haben sollen: Den Mauern von Babylon und den Hängenden Gärten. Beide sind nicht erhalten geblieben und bei zweiterem ist man nicht sicher, in welcher Form und an welchem Ort es existiert hat.

2. Die Mauern von Babylon

Rekonstruktion des Istar-Tors mit Prachtstraße (Quelle: Wikicommons)

Rekonstruktion des Istar-Tors mit Prachtstraße (Quelle: Wikicommons)

Babylon hatte viele Herrscher kommen und gehen gesehen wie Hammurabi (1728-1686 v. Chr.), Nebukadnezar II. (eig. Nabu-kudurri-usur, 605-562 v. Chr.), den persischen Großkönig Kyros II. (559-530 v. Chr.) oder Alexander den Großen. Prächtig muss Babylon schon während der Zeit von Hammurabi gewesen sein, aber auch die Herrscher die ihm folgten, taten ihr übriges um die Stadt zu einem außergewöhnlichen, aber auch sicheren Ort zu machen. Wenn man nun über die Mauern von Babylon spricht, dann sollte man zunächst wissen, dass es eine Stadtmauer sowie eine Außenmauer gab. Es war König Nebukadnezar II., der die Stadtmauer verbesserte und verschönerte. Allerdings schien ihm das nicht genug zu sein, denn im Osten ließ er eine weitere Mauer, eben die bereits erwähnte Außenmauer hochziehen. Sie sollte die Pfeile der Gegner gar nicht erst bis zur Stadtmauer herankommen lassen. Diese Außenmauer besaß Wehrtürme und einen Graben. Die eigentliche Mauer bestand aus drei Teilen: Ganz außen befindet sich die 3,30 m dicke Grabenmauer aus gebrannten Ziegeln. Dahinter folgte eine 7,8 m starke Mauer, die aus dem gleichen Material bestand. 12 m Abstand befinden sich dann zwischen dem zweitem und drittem Mauerring, welcher ungefähr 7 m breit ist und aus ungebrannten Ziegeln bestand. Die Länge der dreifachen Wehranlage betrug stolze 9 km. Diese Abmessungen brachten archäologische Grabungen ans Licht. Jetzt versteht man auch die Aussage des Antipatros, dass man mit einem Wagen auf den Mauern von Babylon fahren konnte. Seine bauliche Tätigkeit ließ Nebukadnezar in Stein meißeln. Doch kommen wir nocheinmal kurz auf die Stadtmauer selbst zu sprechen. Wenn sich jemand ein Bild von der gewaltigen Größe und Schönheit der Mauern von Babylon machen möchte, dann ist Berlin eine Reise wert. Bei Ausgrabungen in den Jahren 1899-1917 durch den Archäologen Robert Koldewey wurde unter anderem auch das berühmte Ischtar-Tor freigelegt. Dieses kann man heute teilweise im Pergamonmuseum in Berlin bewundern. Bei den Mauern von Babylon ist es wieder Herodot, der uns in seiner Beschreibung von Mesopotamien darüber berichtet. Auch andere antike Autoren berichten von diesem gewaltigen und prächtigen Bauwerk, allerdings werden die Aussage immer phantastischer. So auch im Reiseführer des angeblichen Philon von Byzanz, der davon spricht, dass vier Wagen auf der Mauerkrone nebeneinander fahren konnten.

3. Die Hängenden Gärten von Babylon

Für das dritte Weltwunder am heutigen Tag bleiben wir in der Stadt am Euphrat. Antipatros von Sidon spricht in seinem Gedicht von „Hängenden Gärten“. Manchmal werden sie heute auch als die „Hängenden Gärten der Königin Semiramis“ bezeichnet. Doch was waren das für Gärten und wo befanden sie sich? Einige antike Autoren thematisieren diese wundervollen Gärten in ihren Werken. Von König Nebukadnezar II. gibt es nur die Information, dass er einen stufenförmigen Platz für sich selbst anlegen ließ – den „kummu“. Mehr weiß man darüber nicht. Herodot schweigt zum Thema „Hängende Gärten“. Zwei Zeitgenossen von Alexander dem Großen mit Namen Onesikritos und Kleitarchos aber beschreiben das Weltwunder sogar was seine Abmessungen betrifft. Der römische Autor Quintus Curtius Rufus, der eine Biographie über Alexander den Großen verfasst hat, schreibt über die Hängenden Gärten. Er erwähnt, dass sich in der Nähe des Palast befinden, gewaltige Bäume und Pflanzen darin stehen und sie von einem König erbaut wurden, der seiner Gattin einen Gefallen tun wollte. Ein Mann der es wissen müsste, ist Berossos, denn er wohnte in Babylon. Sein Werk ist zwar nicht vollständig erhalten, aber spätere Autoren haben daraus zitiert. Berossos nennt den Namen des Königs, der die Hängenden Gärten für seine Frau gebaut haben soll – Nebukadnezar II.  Wenn man sich aber den Bericht von Philon von Byzanz ansieht, dann stößt man auf ein technisches Problem. Dieser erwähnt nämlich wie die Gärten bewässert wurden. Das Wasser wurde mit „Schnecken“ nach oben beförderte. Nein, nicht die Tiere sondern eine Art archimedische Schraube. Auch Onesikritos und Kleitarchos erwähnen Maschinen zur Beförderung des Wassers in die oberen Teile des Gartens, nicht aber Berossos. Der Erfinder Archimedes lebte später als Berossos, also ist klar warum dieser keine „Schnecken“ gesehen hat. Was genau allerdings Onesikritos und Kleitarchos gemeint haben, ist nicht klar. Die Hängenden Gärten von Babylon sind vielleicht das mysteriöseste Weltwunder von allen. Auch die Archäologie konnte bislang keine befriedigenden Ergebnisse erzielen. Weder zu der Art des Baus der Gärten noch ihrem Standort. Was ist mit Königin Semiramis? Wer ist das überhaupt? In eigenen Listen von Weltwundern wird Semiramis nicht nur mit den Hängenden Gärten in Zusammenhang gebracht, sondern gilt auch als Bauherrin der Mauern von Babylon. Semiramis heißt eigentlich Sammu-ramat und war die Frau des assyrischen Königs Schamschi-Adad V. (823-810 v. Chr.). Nirgendwo steht geschrieben, dass sie etwas mit dem Bau der Mauern oder den Hängenden Gärten zu tun hat. Die Bezeichnung des Weltwunders als „Die Hängenden Gärten der Königin Semiramis“ ist eine Erfindung von Autoren der Spätantike bzw. der Neuzeit.

Die Hängenden Gärten in Babylon, Zeichnung 19. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Die Hängenden Gärten in Babylon, Zeichnung 19. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Drei Weltwundern sind geschafft, vier fehlen noch. Mit diesen beschäftigen wir uns dann das nächste Mal. Kurz werden auch noch andere Bauwerke zur Sprache kommen, die es auf irgendeine Art und Weise auf eine Weltwunder-Liste geschafft haben.

„Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ (Pearl S. Buck)

Literatur:

  • Kai Brodersen, Die sieben Weltwunder, Verlag C.H. Beck, München – 1996
  • Lexikon der Alten Welt, Artemis Verlag, Zürich/München – 1990
  • Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, Deutscher Taschenbuch Verlag, München – 1979

 

 

 

 

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