Enthüllung

… oder was ein Lamm mit einem Buch macht.

Zu wissen was die Zukunft bringt, das war schon immer ein tief in den Menschen verwurzelter, verzweifelter Wunsch. Manchmal sind es nur die kleinen Dinge, die uns interessieren würden wie: wird sich mein Kontostand in der nächsten Zeit vervielfachen, wann werde ich endlich einen Freund oder eine Freundin habe bzw. wo werde ich in 10 Jahren sein? Wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt, kann man „Spezialisten“ auf diesem Gebiet aufsuchen. Astrologien, Wahrsager und Personen, die aus Karten lesen können, sind dafür die richtigen Ansprechpartner. Natürlich nur gegen das richtige Kleingeld versteht sich. In der Antike gab es ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten etwas über die Zukunft zu erfahren. Man betrachtete die Lebern von Tieren, deutete den Flug von Vögeln oder befragte Orakelgottheiten der verschiedensten Art. In der Bibel findet man auch Propheten, die die Zukunft voraussagen. Im Alten Testament wird von mehreren solcher Männer berichtet. Im Neuen Testament gibt es nur einen Mann, der eine prophetische Gabe zu haben schein. Er heißt Johannes und seine Vision ist als „Offenbarung des Johannes“ bzw. als „Apokalypse“ bekannt geworden. Das aus dem griechischen stammende Wort „Apokalypse“ bedeutet übersetzt „Enthüllung“. Darin wird die Bestrafung von Gottes Feinde wie Satan und das Weltgericht beschrieben. Heute stehen vier Gestalten aus dieser Offenbarung des Johannes im Mittelpunkt des Interesses – nämlich um die Vier Reiter der Apokalypse.

Johannes und seine Visionen auf einem Altarbild von Hans Memling, 1479 (Quelle: Wikicommons)

Johannes und seine Visionen auf einem Altarbild von Hans Memling, 1479 (Quelle: Wikicommons)

Bevor wir zu diesen Reitern kommen, ein paar Wort zu Johannes und seiner Vision. Wie bereits gesagt, handelt es dabei um den einzigen prophetischen Teil des Neuen Testaments. Über den Verfasser mit dem Namen Johannes gibt es mehrere Theorien. Seinen Namen nennt er im Lauf der Apokalypse dreimal und erzählt die Ereignisse in der „Ich-Form“. Frühe Überlegungen der Kirchenväter gingen dahin, dass es bei Johannes um den Lieblingsjünger gleichen Namens von Jesus gehandelt hat. Das wäre dann die gleiche Person, die auch das Johannes-Evangelium verfasst hat. Heute wird diese Theorie nicht mehr vertreten. Man nimmt stattdessen an, dass es sich um einen frühchristlichen Prediger und Propheten handelt, der laut seiner eigenen Aussage auf der Insel Patmos im Exil lebte. Auch die Datierung der Offenbarung hat Fragen aufgeworfen und es haben sich zwei Theorien herausgebildet. Die erste besagt, dass die Offenbarung während der Regierungszeit von Kaiser Nero (54-68 n.Chr.) entstanden ist. Die zweite richtet sich auch nach der Herrschaft eines römischen Kaisers und zwar jener von Domitian (81-96). Bis heute konnte die Datierung nicht eindeutig geklärt werden. Was bekannt ist, ist für wen die Offenbarung bestimmt war. Dabei handelt es sich um sieben christliche Gemeinden, die in der Einleitung angesprochen werden. Darunter befinden sich unter anderem die Städte Pergamon, Smyrna und auch Ephesus, das letzte Woche bei den Sieben Weltwundern eine Rolle gespielt hat.

Doch wer sind diese Vier Reiter der Apokalypse und wieso erscheinen sie überhaupt? Johannes beschreibt sehr detailliert und eindrucksvoll die Szenen, die sich während seiner Vision abspielen. Eines der ersten Bilder die Johannes beschreibt, ist Gott auf seinem himmlischen Thron, der von vielen Gestalten wie z.B. den 24 Ältesten umringt ist. Dann kommt eine Beschreibung von vier Lebewesen, die rund um Gottes Thron stehen und für den weiteren Verlauf wichtig sind. Es handelt sich dabei noch nicht um die Reiter, sondern um jene Wesen, die die Reiter herbeirufen. Johannes erblickt einen Löwen, einen Stier, einen Menschen und einen Adler eben genau in dieser Reihenfolge. Die gleichen vier Tiere stehen als Symbole für die vier Evangelisten Markus (Löwe), Lukas (Stier), Matthias (Mensch) und Johannes (Adler). Zufall ist das ja wohl kaum! In Johannes Vision erscheint als nächstes ein Buch mit 7 Siegeln, aber niemand ist würdig genug diese zu brechen und das Buch zu öffnen. Jetzt betritt ein Lamm die himmlische Bühne. Wen dieses Tier symbolisiert, dürfte nicht zu schwer zu erraten sein – Jesus Christus. Nur dieses Lamm ist würdig genug, die Sieben Siegel zu öffnen. Und genau das macht das Tier jetzt auch, wie immer das mit Hufen möglich ist. Aber gut, darüber wollen wir uns nicht den Kopf zerbrechen, in der Vision des Johannes geht das. Kommen wir zu dem, was beim Brechen der Siegel passiert, nämlich das Auftauchen der Vier Reiter der Apokalypse.

Das Lamm bricht nun das erste der sieben Siegel und das erste der vier Lebewesen, also der Löwe, ruft: „Komm“. Es erscheint ein Reiter auf einem weißen Pferd. Diese Gestalt hält einen Bogen in der Hand und trägt einen Kranz. Mehr wird über das Aussehen des ersten apokalyptischen Reiters nicht verraten. Über seine Aufgabe erfährt man folgendes: „und als Sieger zog er aus, um zu siegen.“ (Offb. 6,2) Quasi ein Eroberer und genau als solcher wird die Gestalt meistens auch gedeutet. Andere Theorie und Ideen dazu sind, dass es sich um Christus selbst handelt. Manchmal wird der erste Reiter der Apokalypse auch als „Krankheit“ oder „Seuche“ interpretiert. Dazu würde auch der Bogen passen, denn auch der griechische Gott Apollon verwendet so eine Art vergiftete Pfeile, um das Lager der Griechen vor Troja mit einer Seuche heimzusuchen.

Im Anschluss daran wird das zweite Siegel gebrochen und das zweite Lebewesen, der Stier ruft „Komm“. Was dann passiert, wird von Johannes wie folgt beschrieben: „Da erschien ein anderes Pferd, das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.“ (Offb. 6,3-4). Es ist nicht schwer zu erraten, wen der Reiter auf dem roten Pferd darstellt – den Krieg. Nach dem Auftauchen eines Eroberers ist das auch die logische Konsequenz, denn Eroberungen gehen meistens nicht friedlich von statten.

Nun ist es Zeit für das dritte Siegel, welches das Lamm nun zerbricht und auch das dritte Lebewesen, der Mensch, erhebt seine Stimme. Er ruft einen Reiter auf einem schwarzen Pferd herbei, der eine Waage bei sich hat. Interessant an ihm ist, dass er als einziger der vier Reiter spricht. Johannes hört folgende Worte: „Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maße Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und Wein fügte keinen Schaden zu.“ (Offb. 6,6). Damit offenbart sich, was der Reiter symbolisiert – die Hungersnot. Getreide verteuert sich während einer solchen Katastrophe enorm, während flüssige Lebensmittel davon scheinbar unberührt bleiben. Auf Krieg folgt oftmals eine Verknappung der Lebensmittel, deswegen kommt die Hungernot als dritter Reiter.

Jetzt fehlt uns noch ein Reiter und nach dem Brechen des vierten Siegels sowie dem Ruf des vierten Lebewesens, dem Adler, erscheint er auch sogleich. Der vierte Reiter der Apokalypse wird als einziger bei seinem Namen genannt. Es ist niemand anderes als der Tod auf einem fahlen Pferd. Dieser Reiter trägt nun keine Waffe oder einen Gegenstand in der Hand. Allerdings schien es Johannes in seiner Vision so, als würde die ganze Unterwelt hinter dem Tod herziehen.

Als Abschluss der Szene mit dem Erscheinen der Vier Reiter der Apokalpyse wird noch gesagt, dass diese Gestalten die Macht hatten, ein Viertel der Menschen durch Krieg, Hunger und Tod zu töten. Keine sehr schönen Aussichten. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich dazu, wenn man sich die Offenbarung des Johannes weiter durchliest. Es fehlen immerhin noch 3 Siegel und dann kommen noch die Engel mit dem Sieben Posaunen und allerlei Plagen für die Menschen. Doch das kann sich jeder selbst mal durchlesen.

"Die apokalyptischen Reiter" von Albrecht Dürer (Quelle: Wikicommons)

„Die apokalyptischen Reiter“ von Albrecht Dürer (Quelle: Wikicommons)

Die Vier Reiter der Apokalypse haben großen Eindruck bei den Menschen, die die Offenbarung des Johannes gelesen oder gehört haben, hinterlassen. Doch nicht nur in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit. Nein auch im 20. Jahrhundert findet man immer noch Anspielungen und Rezeptionen der apokalyptischen Reiter in Kunst und Kultur. Eine der bekanntesten Darstellungen aus dem Mittelalter ist mit Sicherheit ein Holzschnitt von Albrecht Dürer, der den Titel „Die Apokalyptischen Reiter“ trägt. Dem Betrachter zeigt sich ein äußerst dynamisches Bild, wenn die vier Reiter nebeneinander aus dem Himmel herausstürmen. Dürer konnte es aber nicht lassen und hat dem Tod etwas in die Hand gegeben, das wie ein Dreizack aussieht. Naja, künstlerische Freiheit könnte man sagen. Neben zahlreichen anderen Bildern existiert auch ein Kunstwerk mit dem Namen „Zyklus der Apokalypse“. Dabei handelt es sich um einen Wandteppich. So einem einzigartigen Stück Stoff wurde schon einmal ein ganzer Beitrag gewidmet, nämlich dem Teppich von Bayeux. Der Wandteppich, der in zahlreichen Bildern die Apokalypse wiedergibt, ist heute in Schloss Angers (Frankreich) zu bewundern. Von seiner ursprünglichen Länge von 140 m sind heute nur mehr 103 m erhalten. Auf diesem Kunstwerk dürfen natürlich auch die Vier Reiter der Apokalypse nicht fehlen. Dieser Link führt zu einer Website auf der alle 84 Bilder zu sehen sind.

Aber auch Künstler jüngeren Datums haben sich der Thematik der Vier Apokalyptischen Reiter angenommen. Der russische Maler Wiktor Michailowitsch Wasnezow (1848-1926) zeigt die Gestalten wie sie aus dem Himmel nacheinander herausgeritten kommen. Allerdings hat auch er dem Tod eine Sense in die Hand gegeben. Ganz oben steht auch das Lamm mit dem Buch. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 1887. Weiters ließ sich Salvador Dali von einem der vier Reiter zu seinem Werk „Der apokalyptische Reiter“ inspirieren.

Gemälde von Wiktor Waszenow zum Thema "Die apokalyptischen Reiter" (Quelle: Wikicommons)

Gemälde von Wiktor Waszenow zum Thema „Die apokalyptischen Reiter“ (Quelle: Wikicommons)

Doch nicht nur die Malerei widmet sich dem Thema „Apokalyptische Reiter“ auch die Musik und neue Medien wie Film und Fernsehen konnten den Gestalten aus der Offenbarung des Johannes etwas abgewinnen. Die Band „The Clash“ schrieb für ihr Album „London Calling“ ein Lied mit dem Titel „Four Horseman“ (1979). Chris de Burgh sang 1986 ein Lied namens „The Vision“, der sich des Themas annimmt. Auch von der berühmten Band Metallica gibt es ein Lied mit dem Titel „The Four Horseman“ aus dem Jahr 1983. In Deutschland existiert eine Band, die sich „Die Apokalyptischen Reiter“ nennt. Der erste Film über die Vier Reiter der Apokalypse stammt aus dem Jahr 1921 und trägt den Titel „The Four Horseman of the Apocalypse“. Dieser Stummfilm basiert wiederum auf dem Roman „Die apokalyptischen Reiter“ aus dem Jahr 1916. „The Pale Rider“ ist ein Film von Clint Eastwood aus dem Jahr 1985, der auf den vierten der Reiter anspielt. Der Horrorfilm „Horseman“ widmet sich eingehend den Vier Reiter der Apokalypse. Aber „Eroberung“, „Krieg“, „Hunger“ und „Tod“ haben auch in Computerspielen wie World of Warcarft ihren Platz. Auch in verschiedenen Literaturgenres erfreuen sich die vier Reiter großer Beliebtheit, denn Autoren wie Terry Pratchett oder David Safier adaptierten die Gestalten hoch zu Ross in ihren Büchern. Das waren jetzt nur einige Beispiele für die Rezeption und zahlreichen Anspielungen auf die Vier Reiter der Apokalypse in Kunst, Kultur und Medien. Es folgen in den kommenden Jahren sicher noch einige mehr.

Lassen wir Johannes mit seinen Visionen und Offenbarungen wieder alleine. In der nächsten Woche wird es Zeit sich mit dem Advent und seinen Begleiterscheinungen zu beschäftigen.

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ (Albert Einstein)

 

 

 

 

 

 

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