Was in Eben geschah

… oder in welcher Zeit man keine Wäsche aufhängen sollte.

Der Advent neigt sich bald dem Ende zu und Weihnachten steht kurz bevor. Die Tage sind kürzer geworden und die Nächte länger. Morgen am 21. Dezember hält offziell der Winter wieder Einzug in unserem Land, aber nur theoretisch, denn bislang gibt es von Kälte und Schnee weit und breit keine Spur. Die Sonne erreicht an diesem Tag die geringste Höhe zu Mittag und man spricht auch vom kürzesten Tag und der längsten Nacht des Jahres. In früheren Zeiten war der 21. Dezember bekannt als Wintersonnenwende. Doch nicht nur der Winter beginnt an diesem Tag, auch etwas das in das Reich des Aberglaubens fällt, hat morgen seinen Anfang – die Rauhnächte.

Bei den Rauhnächten handelt es sich um die Nächte zwischen 21. Dezember und 6. Jänner. In diesen soll es nicht geheuer zu gehen. Manchmal wird diese Zeit auch „Zwölf Nächte“, „Innernächte“ oder „Unternächte“ genannt. Laut volkstümlichen Sagen und Legenden stand dann das Tor zur Geisterwelt weit offen, vor allem in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Jänner.  Das Wort „Rauhnächte“ geht eigentlich zurück auf den Begriff „Rauch“. Das kommt daher, dass man versucht hat, sich mit Räucherwerk vor den Geistern zu schützen und das Haus rein zu halten. Eine andere mögliche Herkunft des Wortes kommt von „rauh“ also pelzig oder haarig. Während der Rauhnächte gab es einige Regeln, an die man sich zu halten hatte, sonst konnte es einem schlimm ergehen. Das Haus oder die Wohnung durfte nicht unordentlich oder schmutzig sein, es durfte keine Wäsche zum Trocken mehr hängen oder auch nur eine Wäscheleine gespannt sein. Kinder und Frauen waren gut beraten sich nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit draußen herumzu treiben. Auch Kartenspiele und Trinkgelage hatte man während der Zeit der Rauhnächte zu unterlassen. Es ranken sich viele Sagen und Legenden um die Rauhnächte und eine Gestalt auf die man immer wieder trifft, ist Frau Perchta. Ihren Unsprung hat sie aller Wahrscheinlichkeit nach in Südostdeutschland, Österreich sowie Slowenien. Die Bezeichnung „Frau Perchta“ oder nur „Perchta wird vor allem in Österreich verwendet. Bei Namen gibt es wie so oft regionale Unterschiede. In Slowenien trug sie den Namen „Quatemberca“. In Deutschland kennt man sie eher als Frau Holle oder Frau Fricke. Bestraft werden vor allem faule und sündige Menschen. Frau Perchta begegnet den Menschen oftmals in Gestalt einer alten Frau, die aber eine schreckliche Erscheinung sein kann, die von einem unheimlichen Leuchten umgeben wird. Ein Zusammentreffen mit Frau Perchta geht niemals spurlos an den Menschen vorbei. Im besten Fall färbt sich das Haar desjenigen weiß, im schlimmsten Fall wird man tot aufgefunden oder verschwindet wie immer. Eine der Sagen über Frau Perchta stammt aus dem Mölltal in Kärnten, wo sich folgendes zugetragen haben soll:

Ein Müller und seine Frau hatten einen Sohn, der ihnen viel Kummer bereitete. Er war jähzornig, bösartig und faul. Statt arbeiten zu gehen, trank er lieber Alkhol in Unmengen und prügelte sich gerne mit anderen. Auch gegenüber Kindern und Tieren verhielt er sich unmöglich und ängstige alte Frauen. Die Eltern starben früh aus Gram über ihren missratenen Sohn. Danach wurde es nun noch schlimmer mit ihm. Von frommen Bräuchen vor allem zu Weihnachten hielt der Müllersohn gar nichts. Er verspottete die Leute deswegen. Nur seine Taufpatin versuchte noch positiv auf ihn einzuwirken. In seiner Bösartigkeit versprach ihr der Müllersohn in den Rauhnächten auch ein Räucherwerk abzuhalten. Die Patin glaubte ihn wieder auf einen guten Weg zurückgebracht zu haben, aber da täuschte sie sich gewaltig. Der bösartige Müllersohn steckte nämlich die Scheune eines Bauern im Ort in Brand und freute sich über seine schändliche Tat. Das Lachen sollte ihm bald vergehen, denn das Maß war voll. Plötzlich tauchte Frau Perchta in ihrer Schreckensgestalt vor dem überraschten Müllersohn auf. Blitze und Flammen erschienen rings um sie. Der sonst so großmäulige Burschen suchte in seiner Todesangst Schutz unter einem Haselstrauch. Er erinnerte sich vage daran, dass auch Jesus, Maria und Josef auf ihrer Flucht nach Ägypten unter so einer Pflanze Zuflucht gefunden hatten. Doch auch der Haselstrauch konnte ihn nicht vor Frau Perchtas Zorn bewahren, denn erschrocken über die zahlreichen Blitze und das Getöse rund um ihn, verließ der Müllersohn sein Versteck und rannte zum Haus seiner Taufpatin. Der Bursche hämmerte gegen die Tür, doch als die Patin diese öffnete, fand sie ihn leblos auf der Türschwelle vor wie von einem Blitz niedergestreckt. Frau Perchta hatte ihn für seine Sünden bestraft. Der Müllersohn war zwar nicht tot, aber diese Nacht veränderte ihn von Grund auf. Er wurde still, fromm und in sich gekehrt und konnte die Schrecken dieser Rauhnacht niemals überwinden.

Abbildung der Wilden Jagd, 19. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Abbildung der Wilden Jagd, 19. Jh. (Quelle: Wikicommons)

Ein zweites übernatürliches Phänomen, welches sich in einer der Rauhnächte ereignet, ist die „Wilde Jagd“. Auch hier gibt es regionale Unterschiede in den Legenden und Mythen. Manchmal wird sie auch als „Wildes Heer“ bezeichnet. In Skandinavien spricht man von „Odins Jagd“ (Odensjakt), in England heißt das ganze dann „Wild Hunt“ und in Frankreich kennt man eine Vielzahl von Namen dafür z.B. „chasse sauvage“. Doch was hat es mit der wilden Jagd auf sich? In den Winternächten wüteten Stürme um die Häuser der Menschen, die glaubten Geister aus der anderen Welt würden sie heimsuchen. Im Volksglauben entstand nun das Bild eines Geisterzuges, der über den Himmel jagte. Meistens handelte es sich bei den Geistern um die Seelen von Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren. Auch Pferde, Hunde und Hirsche sollen bei der Wilden Jagd dabei gewesen sein. Abhängig von der Region variierte auch der Anführer der Wilden Jagd. Mal ist es Odin selbst, manchmal Frau Holle oder Frau Perchta (Deutschland und Österreich) oder aber auch eine Gestalt namens Arawn (Wales). Für den Fall, dass die Wilde Jagd einem begegnete, war es ratsam sich auf den Boden zu werfen und vielleicht ein kleines Gebet zu sprechen. Wer sich über das Heer lustig machte oder ihm keinen Respekt entgegenbrachte, der wurde bestraft. Derjenige wurde von den Geistern entführt und musste von nun an mit ihnen bei der Wilden Jagd mitreiten. Eine Sage aus Oberösterreich erzählt von der Wilden Jagd und von einem ganz besonderen Teilnehmer:

In dem Ort Eben am Traunsee lebte einst ein Bauer mit seiner Familie auf einem weit abgeschiedenen Hof. Die Bauersleute hatten auch einen großen, starken Hund. Er beschützte treu die Familie, rettete Menschen die in Not geraten waren und verjagte mehr als einen Dieb vom Hof. Zu Kindern verhielt er sich äußerst lieb und fürsorglich und jeder hatte den Hund gerne. Die einzige Zeit in der der Hund sich veränderte, waren die Rauhnächte. Er wurde unruhig, wollte nichts mehr fressen und jaulte die ganze Nacht lang. So ging es Jahr für Jahr und die Bauersfamilie gewöhnte sich langsam an das merkwürdige Verhalten ihres Hundes. Nachdem die Rauhnächte wieder einmal vorübergegangen waren, war der Hund verschwunden. Niemand hatte ihn gesehen oder wusste wo er geblieben war. Nur die alte Großmutter und der jüngste Sohn des Bauern behaupteten sie hätten gesehen, wie der Hund sich der Wilden Jagd angeschlossen hätte, die in den Rauhnächten über den Himmel geritten war. Keiner wollte den Worten eines Kindes und einer alten Frau glauben. Ein ganzes Jahr lang blieb der Hund verschwunden, doch als die letzte Rauhnacht vorbei war, scharrte er an der Tür. Schnell fiel den Menschen die Veränderung des Hundes auf. Seine Augen glühten und sein Fell war struppig. Doch nicht nur sein Äußeres hatte sich verändert, auch sein Charakter schien sich komplett gewandelt zu haben. Er war bösartig geworden, fiel Menschen und andere Tiere an und wurde nur etwas ruhiger, wenn er sein Fressen bekam. Jetzt glaubte auch der Bauer, dass sein Hund an der Wilden Jagd teilgenommen hatte und nie wieder so werden würde, wie er einst gewesen war. Schweren Herzen entschloss er sich den Hund zu erschießen. Dazu benutzte er eine geweihte Kugel. So sehr sein jüngster Sohn auch um das Leben des Hundes fleht, der Bauer legte das Gewehr an und kurz darauf lag der Hund regungslos am Boden. Doch kurz bevor ihn das Leben endgültig verließ, zeigte sich noch einmal seine gute Seite. Seine Augen waren wieder so treuherzig und freundlich wie vor seiner Zeit bei der Wilden Jagd und er leckte dem jüngsten Sohn zum Abschied noch einmal über die Hand. Dann starb er. In der Gegend um den Traunsee wollen immer wieder Leute den Hund gesehen haben. Entweder hörten sie sein Bellen in den Wolken oder begegneten einem riesigen geisterhaften Hund. Vor allem wenn Gefahr drohte oder Menschen in Not gerieten, tauchte der Hund auf und rettete sie. In den Rauhnächte konnte man aber ein klagendes Heulen und Winseln vernehmen, denn der Hund sehnte sich nach der Wilden Jagd zurück. Der Hund gehörte zu zwei Welten – dem Diesseits und dem Jenseits und nur er selbst weiß, was er während dem Jahr erlebt hat, als er an der Wilden Jagd teilgenommen hat.

Die Rauhnächte waren für die Menschen eine Zeit voll des Übernatürlichen und Geisterhaften sei es nun Frau Perchta oder die Wilde Jagd. Heute glaubt niemand mehr so recht an solche Gestalten. Dennoch haben sich die alten Bräuche vielerorts erhalten und man räucherte auch weiter in den Häusern, um böse Geister fern zu halten. Frei nach dem Motto „Nutz’s nix, so schad’s nix.“

Lassen wir die Wilde Jagd weiterziehen. Der letzte Beitrag in diesem Jahr wird sich mit einem Mann beschäftigen, der Horoskope für berühmte Menschen erstellt hat.

„Glaube, dem die Tür versagt,
steigt als Aberglaub‘ ins Fenster.
Wenn die Götter ihr verjagt,
kommen die Gespenster.“

(Emanuel Geibel)

Literatur:

Kurt Benesch, Sagen aus Österreich – Oberösterreich, Steiermark, Kärnten. 1985. S. 7-10, 153-156

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