Teile und herrsche

… oder worüber sich Maria Theresia und Joseph II. nicht einig waren.

Machen wir einmal ein kleines Länderquiz! Das Land, das gesucht wird, hat derzeit fast 35,5 Mio Einwohner. Die Internationale Telefonvorwahl ist +48. Das Staatsoberhaupt heißt mit Vornamen Andrzej und die Regierungsform ist eine parlamentarische Republik. Na schon eine Idee? Wenn nicht, dann kommen hier ein noch paar Hinweise. Der Staat grenzt im Norden an die Ostsee. Das Länderkennzeichen lautet PL und die Währung heißt Zloty. Die Nachbarstaaten sind Deutschland, Tschechien, Slowakai, Ukraine, Weißrussland und Litauen. Obwohl die meisten vermutlich schon auf die Lösung gekommen sind, hier noch der Name der Hauptstadt: Warschau. Wer Polen als Antwort gehabt hat, liegt genau richtig. Polen ist ein Land mit einer sehr bewegten Geschichte. Flächenmäßig ist es heute mit 312.679 km² einer der größten Staaten in Europa. Doch das war nicht immer so. Im Jahr 1795 betrug dieser Wert gleich Null. Wie kam es dazu? Grund dafür waren die drei Teilungen Polens und heute jährt sich jener Tag, an dem der Vertrag für die dritte Teilung unterzeichnet wurde. Vor 220 Jahren verschwand der Staat bis zum Ende des Ersten Weltkrieges von den Landkarten. Doch bevor das passiert, müssen wir in den Jahren noch ein wenig zurück gehen und uns die Vorgeschichte dazu ansehen.

Katharina die Große um 1780 (Quelle: Wikicommons)

Katharina die Große um 1780 (Quelle: Wikicommons)

Im 18. Jh. hatten sich zahlreiche Großmächte in Europa herausgebildet. Manche verfügten neben dem eigenen Staatsgebiet noch über Kolonien in Übersee wie z.B. England oder Frankreich. Aber es gab noch andere Nationen auf europäischem Gebiet, die ständig bestrebt waren, ihr Territorium zu vergrößern. Dazu gehörten Russland, Preußen und auch Österreich. Natürlich kamen sie sich dabei des öfteren in die Quere. Kriege wurden geführt, Bündnisse geschlossen und Gebiete erobert oder verloren. In der 2. Hälfte des 18. Jh. standen vor allem Ost- und Südeuorpa im Zentrum des Interesses und diese Regionen rückten immer mehr ins Blickfeld der Großmächte. In erster Linie war es Russland, das seit Zar Peter dem Großen versuchte, sein Gebiet durch Eroberungen in Osteuropa zu erweitern. Dabei geriet es aber des öfteren in Konflikt mit Österreich. Preußen wiederum war mit Russland verbündet, hatte aber eigentlich kein Interesse sich in irgendwelche Kriege verwickeln zu lassen. Bevor das Zarenreich sich Osteuropa und damit Polen zuwandte, musste es sich mit einem weiteren Nachbarn und Rivalen auseinander setzen – dem Osmanischen Reich. Zarin Katharina die Große führte von 1768-1774 sowie von 1787-1792 Krieg gegen das Osmanische Reich. Das Ergebnis war, dass die gesamte nördliche Schwarzmeerküste sowie das Chanat der Krimtartaren (Krim, Taurien) unter die Herrschaft von Russland gerieten. Ein umfangreicher Frieden wurde im Jahr 1774 zwischen Russland und dem Osmanischen Reich ausgehandelt. Ein Punkt dabei war, dass sich das Zarenreich Interventionsrechte für die beiden Fürstentümer Moldau und Walachei sicherte, die an der Donau lagen.

Maria Theresia (Quelle: Wikicommons)

Maria Theresia (Quelle: Wikicommons)

Damit fühlte sich aber Österreich auf den Schlips getreten, denn man vermutete in Wien, dass Russland diese beiden Länder annektieren wollte. Zu dieser Zeit regierte Maria Theresia gemeinsam mit ihrem Sohn Joseph II., dem späteren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, das Erzherzogtum Österreich. Das Königreich Preußen (dieses existierte seit 1701), das auch bei den weiteren Ereignissen eine Rolle spielt, wurde von König Friedrich II. beherrscht. Nur damit jetzt alle wichtigen Protagonisten genannte wurden. Der erste Kriegen zwischen Russland und dem Osmanischen Reich ließ wie gesagt Österreich aufhorchen und man entschloss dazu das Osmanische Reich zu unterstützen. Der Krieg zwischen den beiden Großmächten schien vorprogrammiert. Jedes Land hatte Angst vor territorialen Verlusten und man wetzte die Säbel. Zum Ausbruch des Krieges kam es nicht, denn Österreich, Preußen und Russland konnten sich einigen und hier kommt Polen ins Spiel.

Polen lag genau zwischen den drei Mächten, obwohl es sich schon immer etwas mehr im Dunstkreis von Russland befunden hatte. Das Zarenreich nutzte seit der Zeit Peters des Großen das Land immer wieder als Durchzugsgebiet für seine Armeen. Manchmal waren die Heere aber auch dort stationiert. In Russland ging man soweit, dass man sich auch immer mal wieder in die Wahl des Königs von Polen einmischte. Ziel war es dem Kandidaten zum Thron zu verhelfen, der pro-russisch war. Da tauchte die Frage auf, warum sich die Polen das gefallen ließen? Der Grund liegt in den Ängsten des Adels vor einem zu starken König, der ihre Sonderstellung, die sie genossen, gefährden konnten. Denn wenn nur einer von ihnen ein Veto gegen einen Reichstagsbeschluss einbrachte, dann galt dieser als gescheitert. Davor schienen die adeligen Herren und Damen mehr Furcht zu haben als vor einer Fremdherrschaft einer anderen Macht. König Stanislaus Poniatowski versuchte, diesen Zustand des Vetorechts des Adels zu reformieren. Das rief Zarin Katharina die Große auf den Plan und ehe sich Polen versah, war es vertraglich verpflichtet an der alten Verfassung mit dem Vetorecht festzuhalten. Also nix mehr mit Reformversuchen. So sah die Situation von Polen kurz vor der Ersten Teilung aus.

Friedrich II. von Preußen (Quelle: Wikicommons)

Friedrich II. von Preußen (Quelle: Wikicommons)

Kommen wir wieder zurück zu den Großmächten und ihre Angst Gebiete an das jeweils andere Land zu verlieren. Es wurde nun die Idee geboren sich anderswo Territorium zu beschaffen und man ahnt es schon – es geht auf Kosten von Polen. 1772 teilten die drei europäischen Mächte das Land unter sich auf. Maria Theresias passte diese Vorgehensweise gar nicht, konnte sich aber nicht gegen ihren Sohn Joseph II. und den damaligen Außenminister Wenzel Anton von Kaunitz durchsetzen. Das hat man dann von einem Mitregenten. Österreich und Preußen sahen in dieser Ersten Teilung Polens einen Möglichkeit die Expanision von Russland Richtung Westen zu bremsen. Katharina die Große sicherte sich Gebiet im Osten von Polen in der Größe von ca. 110.000 km². Österreich bekam Ostgalizien (ca. 70.000 km²) und Preußen erhielt Westpreußen (ohne Danzig) sowie das sogenannte Ermland (ca. 35.000 km²). Weiter unten folgen vier kleine Karten, auf denen zu sehen ist, wie sich das Staatsgebiet von Polen verändert hat. Damit war es aber noch nicht genug, denn es fehlen ja noch die Zweite und die Dritte Teilung.

Allegorie auf die Erste Teilung von Polen (Quelle: Wikicommons)

Allegorie auf die Erste Teilung von Polen (Quelle: Wikicommons)

Die Lage innerhalb der polnischen Grenzen war alles andere als gut. Das Staatswesen verfiel immer mehr und Russland versuchte immer wieder Unruhe im Land zu stiften. Weiters nahm sich das Zarenreich heraus als Schutzherr für die orthodoxe polnische Bevölkerung aufzutreten. Für die Protestanten in Polen nahm Preußen eine ähnliche Stellung ein. Ein letzter Versuch Polens im Jahr 1791 eine liberale Verfassung zu erlangen, wurde zum Anlass für die Zweite Teilung des Landes. 1793 schickte Katharina die Große Truppen nach Polen und schaffte es so, weitere Gebiete (ca. 250.000 km²) zu erobern. Preußen tat es Russland gleich und holte sich auch sein Stück vom Kuchen namens Polen in der Größenordnung von 50.000 km². Doch dabei blieb es nicht, denn 1794 regte sich in dem stark geschrumpften Land ein Widerstand gegen die Vorgehensweise der Großmächte. Das konnten diese nicht auf sich sitzen lassen. Wieder war es Russland, von dem die Initiative für die Dritte Teilung ausging. Maria Theresia war im Jahr 1780 gestorben und Joseph II. zeigte sich schon 1774 als Befürworter von der Aufteilung Polens. In Preußen regierte seit 1786 König Friedrich Wilhelm II., der Neffe von Friedrich II. Im Jahr 1795 entschlossen sich Katharina und Joseph dazu, den restlichen Staat Polen von der Landkarte verschwinden zu lassen. Wilhelm zögerte noch etwas, holte für Preußen dann aber doch noch ein Stück Polen. Vom verbliebenen Staatsgebiet erhielten Österreich und Preußen gemeinsam etwa ein Drittel und Russland riss sich die anderen beiden Drittel unter den Nagel. Polen hatte aufgehört zu existieren.

In den nächsten 20 Jahre änderte sich an der Situation und der Aufteilung der polnischen Gebiete nichts. Doch dann kamen die Napoleonischen Kriege und nach deren Ende wurde es notwendig, die europäische Landkarte wieder neu zu ordnen. Dazu trafen sich die Oberhäupter aller Länder zum Wiener Kongress (1814-1815). Auch hier spielten die ehemaligen polnischen Gebiete eine Rolle. Russland schaffte es, beinahe alles für sich zu beanspruchen. Preußen blieb nur Westpreußen und das Gebiet um Posen, während Österreich sich mit West- und Ostgalizien zufrieden geben musste. Erst nach dem Ende des 1. Weltkrieges entstand wieder ein unabhängiger Staat Polen. Doch auch das war nicht von Dauer, denn eigentlich gibt es noch eine vierte Teilung von Polen. Im Herbst 1939 hatte das Dritte Reich Polen den Krieg erklärt und begann mit der Eroberung desselben. Die Westmächte sahen diesmal nicht tatenlos zu und am 3. September erfolgte auch schon die Kriegserklärung. Weil man den Krieg nun möglichst rasch beenden wollte, stachelte das Dritte Reich die Sowjetunion an, sich an der Eroberung Polens zu beteiligen. Diesem Zangenangriff hatten die polnischen Truppen nichts entgegen zu setzen. Zwar kapitulierten diese erst Anfang Oktober, aber bereits am 28. September 1939 wurde die Vierte Teilung Polens zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion vereinbart. Alles östlich des Flusses Bug wurde der Sowjetunion zugesprochen. Den größeren restlichen Teil sicherte sich das Dritte Reich. Was folgte war ein Weltkrieg der sich bis 1945 hinzog und zahlreiche einschneidene Ereignisse und Gräueltaten mitbrachte. Bei der Vierten Teilung von Polen sahen die Westmächte zumindest nicht weg und verwarfen jedes Angebot Frieden mit dem Dritten Reich zu schließen. Doch wie sah es bei den Teilungen 1 bis 3 aus?

Vor der Ersten Teilung von Polen hatte es so etwas in der Geschichte noch nicht gegeben. Doch es kam kein Aufschrei eines der anderen europäischen Länder, nur der Kirchenstaat ließ Proteste verlauten. Auch der französische Außenminster Graf Vergennes äußerte Bedenken. Es gab aber auch Stimmen, die die Teilung von Polen als positive Ereignis sahen. In ihren Augen war damit ein Krieg zwischen Österreich auf der einen Seite und Russland sowie Preußen auf der anderen Seite vermieden worden. Danach wurde es Usus andere Länder mit Gebietsabtretungen zu entschädigen. Was das für die jeweilige Bevölkerung bedeutete, darauf nahmen die Herrscher keine Rücksicht.

Für heute haben wir Polen oft genug geteilt und hoffentlich wird es in der Zukunft nie wieder dazu kommen. In der nächsten Woche machen wir einen Sprung über den Ärmelkanal und besichtigen die Reste zweier bedeutender Bauwerke.

„Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.“ (Voltaire)

Literatur:

Demandt, Kleine Weltgeschichte, S. 186, 189, 201, 255

Elze/Repken, 2. Bd. S. 201-204

Kappeler, Russische Geschichte, S. 26f

Vocelka, Österreichische Geschichte, S. 60f.

dtv-Atlas Weltgeschichte S. 284-285

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. ach das arme Land -_-
    Und das Wort „InterventionsRECHTE“ finde ich irgendwie arg, das lässt soviel Spielraum…

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