Mythos am Mittwoch – Der Raub der Europa

Mit diesem Beitrag startet die neue Kategorie „Mythos am Mittwoch“. Es ist genau das richtige, für alle sich für Mythen, Sagen, Legenden und Märchen aus aller Welt begeistern können. Jeden Mittwoch wird eine andere Geschichte aus diesem Themenfeld vorgestellt. Nicht nur die griechischen oder nordischen Mythen, die vielleicht eher bekannt sind, sollen dabei beleuchtet werden. Jeder Kulturkreis hat spannende Legenden und Sagen zu bieten. Auch für mich wird es einiges an neuen Mythen zu entdecken geben, worauf ich mich aber schon sehr freue. Beginnen werde ich trotzdem mit einer Geschichte aus der griechischen Mythologie. Einigen wird sie vielleicht ganz oder in Teilen bekannt sein, aber ich glaube dieser Mythos eignet sich ziemlich gut für den Anfang.

Der Raub der Europa

Die Geschichte beginnt im antiken Phoinikien oder Phönizien, dessen Gebiet etwa auf den östlichen Teilen von Syrien, Israel und dem Libanon an der Mittelmeerküste lag. Das Land wurde von König Agenor beherrscht, der nicht nur drei prächtige Söhne hatte, sondern auch eine wunderschöne Tochter namens Europa. Wie so viele Prinzessinnen teilte auch Europa das Schicksal, dass sie ihr Vater vor der Welt beschützen wollte und sie aus diesem Grund noch nicht viel Lebenserfahrungen außerhalb der Palastmauern sammeln konnte. Sie hatte aber ein freundliches, einnehmendes Wesen und war wie gesagt äußerst liebreizend. Leider etwas naiv und unerfahren. Aufgrund ihrer Schönheit begann sich der oberste Gott Zeus für das Mädchen zu interessieren. Europas körperliche Vorzüge dürften dabei ausschlaggebend gewesen sein. Götter sind auch nur Männer. Obwohl Zeus mit Hera, der Göttin der Ehe und Familie, verheiratete war, nahm es der Beherrscher von Donner und Blitz  mit der Treue nicht so genau. Der Gott saß nun auf seinem Thron auf dem Olymp und überlegte wie er sich Europa nähern konnte, ohne dass es seine Gattin bemerkte. Lassen wir den Gott noch etwas weiter grübeln, denn auch in Europas Leben ereignete sich etwas Bedeutsames. Sie hatte einen Traum, in dem sie auf zwei Frauengestalten traf, die jeweils einen Kontinent symbolisierten. Die Frau, deren Tracht und Aussehen dem von Europa ähnelte, nannte sich Asien. Die andere Frau, die fremdländisch gekleidet war, verriet ihren Namen nicht, sondern packte Europa mit beiden Händen und riss sie mit sich fort. Sie sprach zu Europa:“Komm mit mir, denn ich bringe dich zu Zeus, wie es das Schicksal für dich vorgesehen hat.“ Die Prinzessin erwachte schweißgebadet aus ihrem Traum und konnte sich keinen Reim darauf machen. Europa scheint nun nicht gerade ein Mensch gewesen zu sein, der viel über Dinge nachdachte und als der Tag anbrach, hatte sie den Traum, die Frauengestalten und die alles über ihr Schicksal bereits wieder vergessen. Sie zog sich ein wunderschönes Gewand an, auf dem prächtige Bilder aufgestickt waren und ging mit ihren Freundinnen auf die Wiese um Blumen zu pflücken. Dabei muss man ja auch nicht viel denken, sondern sich einfach nur an den Farben und Formen der Pflanzen erfreuen.

Inzwischen war Zeus eine Idee gekommen, wie er sich der schönen Europa unbemerkt von Hera nähern konnte, um sie zu verführen. Denn um nichts anderes ging es dem Schwerenöter. Der Gott verwandelte sich in einen prächtigen, äußerst muskulösen Stier mit gläsernen Hörnern und goldenem Fell. Auf der Stirn schimmerte ein silbernes halbmondförmiges Zeichen. Zeus wollte wohl auf Nummer sicher gehen, dass er auch ja nicht von dem Mädchen übersehen werden konnte. Doch er konnte ja nicht so einfach über die Wiesen von Phoinzien wandern. Das wäre seiner argwöhnlischen Gattin aufgefallen. Also gab er seinem Sohn Hermes den Auftrag die Rinderherden des Königs von den Bergen auf die Wiesen zu treiben. Der Gott als Stier getarnt mischte sich nun unter die andern Tiere und Hermes richtete es so ein, dass die Herde genau Richtung Europa und ihrer Freundinnen zog. Die übrigen Rinder interessierten sich nicht die Bohne für die Blumen pflückenden Mädchen. Der Stier, in dem sich Zeus verbarg, steuerte schnurstracks und voller Leidenschaft in der Brust auf Europa zu. Er verhielt sich so zahm und lieb, dass die Mädchen ihn streichelten und ihm Blumen um den Hals hängten. Nach einiger Zeit verlor Europa alle Scheu und kletterte auf seinen Rücken. Wie gesagt, die Klügste war sie nicht gerade und es kam wie es kommen musste. Plötzlich rannte der Stier los und trug seine schöne Beute Richtung Strand. Die Freundinnen von Europa mussten alles hilflos mitansehen. Schon hatte der Stier das Meer erreicht und stürzte sich mit der kreischenden Europa in die Fluten. Voller Angst klammerte sie sich an seinem Hals fest und versuchte keine nassen Füße zu bekommen. Der Stier schwamm ruhig dahin und schon bald brach die Nacht herein. Wie sehr wünschte sich Europa nun, sie hätte auf einen Ritt auf dem Stier verzichtet und läge sicher und warm in ihrem Bett.

Raub der Europa, Malerei aus Pompeji (Quelle: Wikicommons)

Raub der Europa, Malerei aus Pompeji (Quelle: Wikicommons)

Bei Tagesanbruch erreichten der verwandelte, schwimmende Gott und Europa eine Insel. Der Stier stieg imposant wie er war aus dem Wasser und ließ Europa ohne weiteres von seinem Rücken steigen. Danach verschwand er. Europa hatte keine Ahnung, wo sie war und was nun geschehen würde. Plötzlich hörte sie ein Rascheln und dachte schon ein wildes Tier würde sich auf sie stürzten. Doch nichts dergleichen geschah. Ein stattlicher, attraktiver Mann stand vor ihr und stellte sich als der Herrscher dieser Insel vor, bei der es sich um Kreta handelte. Wie muss Europa gestaunt haben. Sovielen Männern waren ihr in der Abgeschiedenheit des Palastes sicher noch nicht begegnet. Und dann stand gleich so ein Prachtexemplar vor ihr. Natürlich handelte es sich um niemand anders als Zeus höchstpersönlich. Zeus sprach zu ihr: „Ich werde dich beschützen, wenn du dich mir hingibst.“ In älteren Adaptionen des Mythos ist von „die Hand zum Bund reichen“ die Rede, aber das ist auch nur eine hübsche Umschreibung für das was nun folgte. Der Gott nutzte die Verzweiflung des Mädchens aus und wie man noch bei anderen Mythen sehen wird, einem Gott zu widerstehen ist gar nicht so einfach. Die haben nämlich ihre Tricks, um ihren Willen zu bekommen. Europa erschöpft von dem Ritt auf dem Stier und voller Zweifel gab dem Gott das Versprechen, die seine zu werden.

Nachdem Zeus bekommen hatte, was er wollte, verschwand er. Zu lange durfte er sich nicht vom Olymp entfernen, sonst wäre Hera misstrauisch geworden. Die zurückgelassene Europa war völlig verzweifelt und begann erst sich selbst, dann dem Stier große Vorwürfe zu machen. Sie entwickelte einen richtigen Hass auf das Tier, dass sie aus ihrer Heimat entführt hatte. Offenbar hatte Europa noch nicht bemerkt, dass es bei Zeus und dem Stier um ein und dasselbe Wesen gehandelt hatte. Den Traum scheint sie auch irgendwie aus ihrem Kopf verdrängt zu haben. Wie gesagt, Denken war nicht ihre Stärke. Bald tauchten Todesgedanken in ihrem Kopf auf und nun wünschte sie sich ein wildes Tier, das sie im nächsten Augenblick zerreißen würde. Auch Schuldgefühle gegenüber ihrem Vater, den sie durch ihre körperliche Erfahrung mit dem Gott beschähmt hatte (zumindest dachte sie so), kamen in ihr hoch. Plötzlich hörte Europa abermals ein Rascheln im Dickicht hinter ihr. Als sie sich umdrehte, stand dort niemand anders als die Liebesgöttin Aphrodite höchst persönlich in äußerst liebreizender Gestalt. Auch ihr Sohn, der Gott Eros tauchte auf. Seine Liebespfeile und der Bogen machen ihn ja unverkennbar. Bevor Europa noch etwas sagen konnte, sprach Aphrodite schon mit lieblicher Stimme zu ihr: „Hab keine Angst Europa. Niemand geringerer als Zeus hat dich hier auf diese Insel entführt, die sein Eigentum ist. Ich selbst habe dir den Traum geschickt, damit du von deinem Schicksal erfährst.“ Noch immer fehlten Europa die Worte, doch die Göttin sprach noch weiter: „Die fremde Kontinent, den du in deinem Traum gesehen hast, soll deinen Namen tragen und von nun an Europa heißen.“

Weiters wird noch erzählt, dass Zeus und Europa zwei Söhne hatten. Deswegen bin ich mir sicher, dass sie nicht nur Händchen gehalten haben, als der Gott vor ihr erschienen ist. Die beiden Sprößlinge hießen Minos und Rhadamanthys. Der erste wurde zum König der Insel Kreta und auch er hat mit Stieren zu tun, aber davon soll ein anderes Mal erzählt werden. Der zweite Sohn war im Gegensatz zu seiner Mutter ein äußerst kluger und weiser Mann und er wurde nach seinem Tod gemeinsam mit seinem Bruder und noch einem anderen schlauen Kopf zu den Richtern der Unterwelt ernannt. Diese entscheiden ob die Toten ins Elysium, auf die Wiese mit der Totenblume Asphodelos oder in den Tartaros kommen. Ersteres heißt Belohnung, zweiters ewige Langeweile und das dritte Bestrafung. Manchmal ist noch die Rede von einem dritten Sohn von Zeus und Europa namens Sarpedon, der ein großer Held geworden ist.

Griechische 2-Euro Münze mit Europa und dem Stier (Quelle: Wikicommons)

Griechische 2-Euro Münze mit Europa und dem Stier (Quelle: Wikicommons)

So kam laut Mythos der Kontinent Europa zu seinem Namen. Noch heute erinnern zahlreiche Bilder und Motive an den Raub der Europa durch den Stier an diese Geschichte. Jeder der schon einmal eine Zwei Euro Münze aus Griechenland in der Hand hatte, könnte Europa und den Stier auf der Rückseite gesehen haben. Am Rand steht das Wort Europa in Griechisch. Das Wort selbst stammt ursprünglich aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie „weite Sicht“.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr gelungener Anfang für den Mythenmittwoch finde ich! 🙂

    Also. Ich hab ja Angst vor Kühen. So lieb und freundlich kann ein Stier gar nicht sein, dass ich da nicht die Flucht ergreife. Jetzt hab ich auch einen guten Grund! 😀 Ich bleibe lieber bei den Pferden…

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