Wälle, Gräben und Kastelle

… oder was auf der Solway – Tyne Linie liegt.

Mauern werden aus verschiedenen Gründen errichtet. Als Hausmauer sind sie nicht nur dafür gut, das Dach zu tragen und die als Raumteiler zu fungieren. Sie schützen die Menschen auch vor Wind und Kälte, aber auch vor neugierigen Blicken von außen. Als Gartenmauern grenzen sie Grundstücke voneinander ab und können ebenfalls ein Sichtschutz sein. Weiters verhindern solche Arten von Mauern, dass jemand allzu leicht in den Garten eindringen kann und beispielsweise Äpfel stibitzt. In den vergangenen Jahrhunderten zeigte sich deutlich, dass Mauern notwendig waren. Burgen und Städte wurden mit diesen umgeben, um Feinde ab wehren zu können. Meistens zeigte sich, dass solche Verteidigungsbauten sehr effektiv waren, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bis das Schießpulver in der jeweiligen Gegend auftauchte. Wenn man aber nun verhindern wollte, dass der Feind gar nicht bis zu einer Stadt vordringen konnte, dann war es ratsam eine Mauer an den Grenzen zu errichten. Das imposanteste Beispiel für eine solche Grenzmauer ist ohne Zweifel die Chinesische Mauer. Aber dieses Bauwerk ist heute nicht unser Thema.

Vor allem das Römische Reich verstand es, seine Grenzen gegen Feinde zu schützen. Als erstes kommt vielleicht einigen der Limes in den Sinn, der an Rhein und Donau entlang führte und zur Abwehr von germanischen Stämmen diente. Diese Verteidigungsanlage war jedoch kein Grenzmauer im eigentlichen Sinn, sondern bestand aus Wällen, Gräben, Wachtürmen und Kastellen. Heute soll jedoch nicht der Limes im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern zwei andere Verteidigungsanlagen aus der römischen Zeit. Diese befinden sich auf der Insel Großbritannien. Vielleicht sind sie etwas weniger bekannt als der Limes, aber genauso interessant und eindrucksvoll. Die Rede ist von dem Hadrianswall bzw. dem Antoninuswall. Von dem ersten Wall hat vielleicht der eine oder die andere schon einmal etwas gehört. Von dem zweiten wahrscheinlich eher nicht. Grund genug diese beiden Bauwerke heute hinsichtlich ihres Entstehung, ihres Aufbaus und ihres Zwecks näher zu beleuchten.

Beide Wallanlagen wurden von jeweils einem römischen Kaiser in Auftrag gegeben, nach denen sie dann auch benannt wurden. 122 n. Chr. gab Kaiser Hadrian, der in den Jahren 117-138 das römische Imperium regierte, den Befehl einen Wall in der Provinz Britannia zu errichten, der feindliche Stämme aus dem Norden abwehren sollte. Gleiches geschah im Jahr 140 n. Chr., als Kaiser Antoninus Pius (138-161) ebenfalls eine ähnliche Verteidigungsanlage bauen ließ, die aber noch weiter im Norden lag. Bevor weiter auf die beiden Wälle und ihren jeweiligen Bauherrn eingegangen werden kann, scheint es notwendig ein wenig die Geschichte der Provinz Britannia in aller Kürze zu erläutern:

Das Römische Reich hatte sich seit seiner Frühzeit immer weiter ausgedehnt. Auch Richtung Norden – von Italien aus gesehen – hatte man seine Fühler ausgestreckt. Beinahe jeder weiß von der Eroberung Galliens durch Julius Caesar (100-44 v. Chr.) und sei es nur durch die Lektüre der Asterix-Comics. Doch Caesar beließ es nicht bei Gallien, sondern überquerte auch den Ärmelkanal mit Blick Richtung Großbritannien. In den Jahren 55 und 54 v. Chr. hielten sich erstmals Römer aus britannischem Boden auf, wobei das Land zu diesem Zeitpunkt noch keine Provinz wurde. Dennoch erhob Rom Ein- und Ausführzölle in Britannien, damit die Inselbewohner ja nicht vergessen würden, wer hier das Sagen hatte. Unter den Kaisern Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.), Tiberius (14-37 n. Chr.) und Caligula (37-41 n. Chr.) existierten bereits Pläne zur Eroberung der Insel. Allerdings hatte man zu dieser Zeit viel zu viel mit den Germanen zu tun, um sie in die Tat umzusetzen. Erst um Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) kam es zur Einnahme von Großbritannien und im Jahr 43 n. Chr. wurden die südöstlichen Teile der Insel die römische Provinz Britannia. In den Jahren 47-52 n. Chr. stießen die Legionen weiter nach Norden und Westen vor und es kam zu Kämpfen mit einheimischen Stämmen wie den Iceni, den Silures oder Ordovices. Auch die Insel Mona (heute Anglesey) eroberten die Römer im Jahr 59/60 n. Chr. Kurze Zeit darauf wüteten Aufstände, die von den Eroberern in aller Härte niedergeschlagen wurden. Städte wie Londinium (London) oder Camuludonum (heute Colchester) wurden zerstört. Ab 77 n. Chr. gelang dem Römischen Reich eine weitere Ausdehnung der Provinz in den Norden. Man war bis zum Siedlungsgebiet des Stammes der Caledonii (Kaledonier) vorgedrungen. In der Schlacht am mons Graupius errangen die Römer einen Sieg über die Kaledonier. Bis heute ist nicht geklärt, wo genau sich das Schlachtfeld auf der schottischen Hochebene befindet. Der Mann, der für diesen Erfolg verantwortlich war, hieß Gnaeus Iulius Agricola, der wiederum der Schwiegervater des antiken Schriftstellers Tacitus war. Dieser würdigte Agricolas Taten in einem gleichnamigen Werk. Er gab auch eine Umsegelung von Britannia in Auftrag, bei der sich zeigte, dass die Provinz eine Insel war. Zusätzlich zu dieser Erkenntnis gelang noch die Unterwerfung der Orcades (Orkney Inseln). Weitere Vorstöße noch Norden wurden dann nicht mehr unternommen. Kaiser Traian begann mit dem Bau von Kastellen eben auf jener Höhe auf der noch heute der Hadrianswall liegt. Rom hatte bemerkt, dass es nun an der Zeit war, den Status quo der Provinz zu erhalten und zu schützen.

Kaiser Hadrian, Kunsthistorisches Museum Wien (Eig. Foto)

Kaiser Hadrian, Kunsthistorisches Museum Wien (Eig. Foto)

Auf Kaiser Traian (98-117 n. Chr.) folgte Kaiser Hadrian, der ganz anders als sein Adoptivvater und Vorgänger Traian darauf bedacht war, die Grenzen des Reiches zu stärken und keine weitere Expansion zu fördern. Hadrian eigentlicher Name war Publius Aelius Hadrianus und unter Traian machte der Mann Karriere. An seinem Totenbett endlich adoptierte Kaiser Traian den jungen Hadrian. Hadrian war beinahe ständig auf Reisen durch das Römische Reich. Unter seiner Herrschaft brach in der Provinz ein mehrjähriger Aufstand aus und auch andere Gebiete machten Probleme. Im innenpolitischen Bereich führte Hadrian eine Heeresreform durch und baute den Beamtenapparat noch weiter aus. Auch Verbesserungen im Finanz- und Rechtswesen gehen auf das Konto dieses Kaisers. Hadrian begeisterte sich für die griechische Kultur und die Philosophie sowie für das Bergsteigen. Aber auch als Bauherr zeigte sich der Kaiser höchst aktiv. In Rom zeugen davon nicht nur das Pantheon, sondern auch die Engelsburg (Mausoleum Hadriani). Berühmt ist ebenfalls die Hadriansvilla in Tivoli. In den Provinzen ließ Hadrian zahlreiche Wasserleitungen errichten, Ausbauten am Limes durchführen und eben jenen Wall in Britannia bauen, der nach ihm „vallum Hadriani“ genannt wurde. Ein „vallum“ war ursprünglich eine aus mehreren Schutzpfählen (valli) bestehende Palisade. Es konnte sich dabei auch um einen Erdwall handeln. Im Lauf der Zeit nannte man jede Art von Verteidigungsanlage dann „vallum“, die aus Erde, Rasenziegel oder Stein bestand. Das Wort konnte aber auch „Lagergrenze“ bedeuten.

Teil des Hadrianswalls (Burckhardt, Militärgeschichte der Antike, S. 118)

Teil des Hadrianswalls (Burckhardt, Militärgeschichte der Antike, S. 118)

Wie bereits erwähnt begannen die Bauarbeiten zum Hadrianswall im Jahr 122 n. Chr. und er ist ungefähr 118 km lang. Zu antiker Zeit verlief der Wall zwischen dem mare Germanicum und dem Sund zwischen Britannia und Hibernia (Irland). Heute ist es leichter zu sagen, er liegt auf der Linie zwischen der Mündung des Solway und dem Fluss Tyne, also nahe der Grenze zwischen England und Schottland. Als der Hadrianswall im Jahr 128 n. Chr. fertig gestellt wurde, zeigte sich in ihm ein perfektes Beispiel für die militärische Verteidigung einer römischen Grenze und deren Infrastruktur. Der östliche und der westliche Wall unterschieden sich voneinander, denn im Osten ragte eine bis zu 4 m hohe Steinmauer in die Luft, während im Westen ein Erdwall die Provinz schützte. Vor dem Wall lag noch ein tiefer Graben, der das Erreichen der Mauer erschweren sollte. In ziemlich regelmäßigen Abständen wurden Wachtürme errichtet. Aber auch Kastelle befanden sich entlang des Walls. Die kleineren so genannten „Meilenkastelle“ wurden im Abstand von einer römischen Meile (ca. 1480 m) errichtet. Sie dienten zum Schutz der 80 Tore, die im Wall Richtung Norden angelegt waren. Ja ganz richtig, die Tore zeigten in Richtung der Feinde. Das ist in der Art und Weise begründet, wie eine römische Legion kämpft. Diese ist nämlich auf einen Kampf auf der Ebene spezialisiert und nicht für einen von der Mauer herab. Durch die zahlreichen Tore konnte gewährleistet werden, dass möglichst viele Soldaten schnell ausrücken konnten. Die Legionäre und Hilfstruppen waren in großen Kastellen entlang des Hadrianswalls untergebracht. Hinter der Mauer verlief eine Straße, die ein leichtes Vorwärtskommen der Truppen ermöglichte. Noch weiter im Süden dieser Straße befand sich ein weiterer Graben, der die Feinde am Weiterkommen hindern sollte, falls sie es aus irgendeinem Grund geschafft hatten, den Wall zu durchbrechen. Bis zum Jahr 140 n. Chr. war der Hadrianswall die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Für alle, die sich einmal ein Bild von dem Hadrianswall mit seinen Kastellen und Mauern machen möchte, gibt es gute Nachrichten. Vor allem der mittlere Teil der Verteidigungsanlagen ist gut erhalten. Wenn man gerne zu Fuß unterwegs ist, dann kann man sogar entlang des Hadrianswall-Path/National Trail die Strecke wandern. Man bekommt viel frische englische Landluft, aller Wahrscheinlichkeit nach Regen, archäologische Stätten sowie einen atemberaubenden Ausblick über die Landschaft geboten. Heute zählt der Hadrianswall zum UNESCO Weltkulturerbe.

Büste von Antoninus Pius, Münchner Glyphothek (Quelle: Wikicommons)

Büste von Antoninus Pius, Münchner Glyphothek (Quelle: Wikicommons)

Kommen wir nun zur zweiten Verteidigungsanlage der Römer auf britischem Boden – dem Antoninuswall. Sein Bauherr war Kaiser Antoninus Pius, dessen eigentlicher Namen um ein vielfaches länger war. Heute zählt man ihn genau wie Traian und Hadrian zu den römischen Adoptivkaisern. Antoninus Pius wurde von Kaiser Hadrian adoptiert und zu dessen Nachfolger ernannt. Als Kaiser reformierte Antoninus Pius auch weiterhin das Finanz- und Steuerwesen sowie das Rechtssystem. Antoninus Pius kümmerte sich auch um die Schwachen in seinem Reich, in dem er Stiftungen für Waisen einrichtete und in Not geratene Städte unterstützte. Unter seiner Herrschaft feierte Rom sein 900-jähriges Bestehen. Das berühmteste Bauwerke aus der Zeit von Antoninus Pius ist der Faustina Tempel auf dem Forum Romanum. Auch während seiner Herrschaft kam es zu zahlreichen Kriegen im Römischen Reich z.B. gegen die Daker, die Parther, aber auch gegen Stämme in Britannia. Es waren die Briganten, die den Römern Schwierigkeiten bereiteten. Antoninus Pius hielt es an der Zeit, die Grenze des Römischen Reiches weiter nach Norden zu verschieben, wahrscheinlich um sich abzusichern. Im Jahr 140 n. Chr. (manche gehen eher vom Jahr 142 n. Chr. aus) entstand auf der Linie zwischen der Mündung des Flusses Clyde und der Mündung des Flusses Forth eine Verteidigungsanlage, die „vallum Antonini“ genannt wurde. Damit liegt sie ungefähr 100 km nördlicher als der Hadrianswall, ist mit 60 km Länge aber nur halb so lang. Es handelt sich dabei um einen Wall aus Holz und Rasenziegel (Grassoden), die auf Steinfundamenten angebracht waren. Auch entlang dieser Grenzbefestigung befanden sich zahlreiche Wachtürme sowie Kastelle. Ebenso wie beim Hadrianswall verlief eine Straße hinter der eigentlichen Wehranlage. Infrastrukturell betrachtet ähnelten sich die beiden Bauwerke. Der Antoninuswall wurde perfekt in die topographischen Gegebenheiten der schottischen Landschaft angepasst und schlängelte sich über die grünen Hügel. Inschriften bezeichnen auch jene Legionen, die einen Teil der Schanzarbeit geleistet haben wie z.B. die legio II Augusta oder die legio XX valeria victrix. Stolze 16 Kastelle lagen auf der gesamten Länge des Antoninuswalls. Zunächst scheinen weniger geplant gewesen zu sein, aber offenbar bedingten die Umstände eine Erhöhung der Anzahl. Der Antoninuswall war nur wenige Jahre besetzt, denn schon 168 n. Chr. wurde diese Grenzverteidigung wieder aufgegeben. Heute sind vor allem die Grabenanlagen des Walls noch in der Landschaft zu erkennen. Auch dieses Bauwerk erhielt seine Würdigung, denn 2008 wurde es in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen.

Karte der Provinz Britannia mit dem Hadrians- und Antoninuswall (Historischer Atlas der antiken Welt, S. 193)

Karte der Provinz Britannia mit dem Hadrians- und Antoninuswall (Historischer Atlas der antiken Welt, S. 193)

Die weiteren Ereignisse in der Provinz Britannia lassen kurz so zusammenfassen: Unter dem Kaiser Septimius Severus (193-211) gab es einen letzten Expansionsversuch Richtung Norden. Allerdings kam es schon unter seinen Söhnen und Nachfolgern Caracalla (198-217) und Geta (209-212) zu einem Rückzug der Truppen auf die Höhe des Hadrianswalls. Kurze Zeit später wurde die Provinz in zwei Teile geteilt – Britannia superior im Süden und Britannia inferior im Norden. Nachdem sich ein Sonderreich unter zwei Herren namens Carausius und Allectus gebildet hatte, musste Rom mit Gewalt gegen diese Emporkömmlinge vorgehen. Danach existierten 4 Provinzen im ehemaligen Britannia und es folgten noch weitere Teilungen, die zeigten wie schwierig die Insel im Norden zu beherrschen und verwalten war. Im Jahr 410 war es dann soweit. Kaiser Honorius (395-423) übergab den Städten in Britannia die Verwaltung der Provinzen in die eigenen Hände. Damit zog sich Rom aus der Affäre „Britannien“ zurück und gab die Insel de facto auf.

Für den Fall, dass jemand eine Reise nach England oder Schottland plant und nicht weiß, was er/sie sich ansehen sollte, dann würde ich einen Besuch bei einem der beiden kaiserlichen Wälle empfehlen. Ein Abstecher zu den großen Verteidigungsanlagen aus der römischen Epoche lohnt sich auf alle Fälle.

Ziehen wir uns nun aus dem schottischen Hochland zurück. In sieben Tagen begegnet uns ein Mann, der seine Zeitgenossen aber auch die Nachwelt mit seinen Büchern und Gedichten beeindruckt hat.

„Nicht von ihren Freunden, sondern von ihren Feinden lernen Städte, hohe Mauern zu bauen.“ (Aristoteles)

 

Literatur:

Burckhardt, Militärgeschichte der Antike, S. 118f.

Christ, Die römische Kaiserzeit, S. 27ff.

Weiler, Studienbuch der Alten Geschichte, S. 152f.

Wittke, Olshausen, Szydlak, Historischer Atlas der antiken Welt, S. 192-193

Der kleine Pauly – Lexikon der Antike in 5 Bänden

http://www.deutsche-limeskommission.de/fileadmin/dlk/images/dlk/pdfs/Der_Limes_02_2012.pdf

 

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