Mythos am Mittwoch – Der Urriese Ymir

Heute steht ein Mythos aus dem nordischen Sagenkreis auf dem Programm und zwar jener von der Erschaffung der Welt und dem Urriesen Ymir. Diese Geschichte findet man sowohl in der Älteren Edda (Lieder-Edda), aber auch in der Edda von Snorri Sturleson (Prosa-Edda oder Jüngere Edda) aus Island.

Am Anfang gab es nur den großen Abgrund Ginnungagap (Schlund der Urleere, gähnender Abgrund), in dem kein Leben ist. Es gab weder Sonne, Mond noch Sterne. Keine Bäume, Sträuche oder Gräser wuchsen. Kein noch so kleines Tier husche über die Erde. Doch in Ginnungagap begann sich etwas zu regen, denn der Abgrund war mit schöpferischer Kraft erfüllt. So kam es, dass Fluten namens Eliwagar im Ginnungagap zu fließen begannen. Sie zogen nach Norden, wurden immer dichter und dichter und erstarrten schließlich zu Eis. So entstand Nifelheim, eine düstere und kalte Welt. Im Süden jedoch bildete sich noch eine zweite Welt. Man nannte sie Muspelheim und das ist die Welt des Feuers, der Flammen und der Wärme. Erst danach kam es zur Entstehung des ersten Wesen auf der Welt. Doch wie geschah das? Funken aus Muspelheim flogen Richtung Nifelheim und trafen auf die erstarrten Dünste von Eliwagar. Aus Feuer und Eis wurde der Urriese Ymir geboren. Sein Name bedeutet übersetzt „Zwitter“. Er zeugte aus sich selbst seine Nachkommen. Während Ymir schlief, wuchsen im aus seinen beiden Achseln je ein männliches und ein weibliches Wesen. Von diesen Kindern Ymirs stammte das Geschlecht der Reifriesen (Thursen) ab. Ymir der Urriese ernährte sich von der Milch der ersten Kuh auf der noch neuen Welt. Sie hieß Audhumla und stammte aus Muspelheim. Die Kuh wanderte nordwärts nach Nifelheim und leckte an den salzigen Eisblöcken. Das tat Audhumla drei Tage lang. Am Ende hatte sie einen Mann aus dem Eis herausgeleckt. Es war der Riese Buri (Erzeuger, Vater), der aus sich selbst einen Sohn namens Bör (Gezeugter, Sohn) zeugte. Bör war alleine und wünschte sich eine Gefährtin. Er fand sie in Bestla, der Enkelin des ersten Reifriesenpaars. Aus dieser Verbindung gingen drei Söhne hervor: Odin, Wili und We. Im Gegensatz zu Ymir, der das schöpferische Chaos symbolisierte, standen Odin, Wili und We für den geordneten Kosmos. Sie waren die ersten Götter, die in der nordischen Mythologie Asen genannt werden. Es entbrannte ein Kampf zwischen den Göttern und den Reifriesen, allen voran Ymir. Sie töteten den Urriesen und in seinem Blut ertranken alle seine Kinder. Nur ein Reifriese namens Bergelmir entkam mit seiner Frau, denn er hatte sich ein Boot gebaut, das auf den Fluten schwamm. Von diesen beiden stammten nun ein zweites Geschlecht der Reifriesen ab, das als etwas weniger wild galt. Aber die Urkräfte von Ymir blieben auf diese Weise erhalten.

Ymir und die Kuh Audhumla, Gemälde von Nicolai Abilgaard (Quelle: Wikicommons)

Ymir und die Kuh Audhumla, Gemälde von Nicolai Abilgaard (Quelle: Wikicommons)

Odin, Wili und We begannen mit der Erschaffung der Welt. Dazu nutzen die Asen den Körper von Ymir. Aus dem Blut des Urriesen machten sie das Meer und die Flüsse. Ymirs Fleisch wurde zur Erde, seine Knochen zu den Bergen. Aus Zähnen und Knochensplittern erschufen die Asen die Steine und das Geröll. Das Schädeldach von Ymir wurde zum Himmelsgewölbe, das an vier Ecken auf die Erde aufgestetzt wurde. An jeder Ecke befand sich ein Zwerg, der als Namen die entsprechende Himmelsrichtung hatte – Austri, Westri, Nordri und Sudri. Aus dem Gehirn von Ymir formten die Götter die Wolken, die über den Himmel ziehen. Einigen Flammen und Funken aus Muspelheim wurden fixe Bahnen am Himmel zugewiesen. So entstanden Sonne, Mond und Sterne. Auch kleinere Körperteile wie die Wimpern oder Augenbrauen von Ymir fanden Verwendung. Daraus fertigen Odin, Wili und We einen Zaun für Midgard an. Das sollte die zukünftige Wohnstätte der Menschen sein, die man so vor Übergriffe der Riesen schützen wollte. Zwischen den Göttern auf der einen Seite und den Riesen auf der anderen Seite entbrannte im Lauf der Zeit so mancher schrecklicher Kampf.

In den germanischen Mythen, von denen uns Tacitus in seinem Werk „Germania“ berichtet, steht am Anfang ebenfalls ein Zwitterwesen namens Tuisto, der aus der Erde geboren wurde. Von diesem wiederum stammt das Wesen Mannus (Mensch, Mann) ab, der zum Stammvater aller Germanen wurde. Die Entstehung von Ymir aus Feuer und Eis passt wiederum gut zu den geographischen Gegebenheiten auf Island, der Heimat von Snorri Sturleson. Einige Elemente der Entstehung der Welt in der nordischen Vorstellung haben Ähnlichkeiten mit jene von anderen Kulturkreisen.

So kam es zur Erschaffung und Ordnung der Welt, zumindest wenn man den nordischen Mythen glauben will. Wie es mit Odin, Wili und We weitergeht, soll ein anderes Mal erzählt werden.

 

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