Die Schwalbe fliegt über den Eriesee

… oder wer über den Deutsch-Französischen Krieg berichtete.

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“

Um die siebente Stund, am Brückendamm.

Am Mittelpfeiler.

Ich lösche die Flamm.

Ich mit.

Ich komme vom Norden her.

Und ich vom Süden.

Und ich vom Meer.“

 

Das ist der Anfang des berühmten Gedichts „Die Brück‘ am Tay“. Verfasst wurde es im Jahr 1880 von dem deutschen Schriftsteller Theodor Fontane. Thema der Ballade ist ein historisches Ereignis, obwohl das aus den ersten Zeilen nicht herauszulesen ist. Es handelt sich um den Einsturz der Firth of Tay Brücke in Schottland im Jahr 1879. Als kurz nach Weihnachten an einem stürmischen 28. Dezember der Zug von Edinburgh nach Dundee über die ca. 3 km lange Brücke fuhr, kam es zu dem Unglück. Durch das Gewicht des Zuges und dem tobenden Sturm brach die Brücke zusammen. Für die Insassen und die Mitarbeiter kam jede Hilfe zu spät. In dieser Nacht starben über 70 Personen in den Fluten des Tay. Theodor Fontane, der bereits in Schottland gewesen war, verarbeitete in einem Gedicht die schrecklichen Ereignisse jener Dezembernacht 1879. Am Anfang des Gedichtes sprechen die drei Hexen von Shakespeares „Macbeth“ miteinander und verabreden sich, die Brücke zum Einsturz zu bringen. Der weitere Hergang wird aus der Sicht des Brückenwärters und seiner Frau erzählt, die auf ihren Sohn warten, der mit dem Zug aus Edinburgh kommt. Die Winde, die von den Hexen herbeigerufen werden, zerstören die Brücke. Am Ende des Gedichts kommt es noch einmal zu einem Gespräch zwischen den Hexen. Sie freuen sich über ihr schreckliches Werk und spotten über die Technik der Menschen, die zum Einsturz gebracht wurde. Mit den Worten „Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand“ wird auf den Übermut der Menschen angesprochen, wenn sie sich durch Technik überlegen fühlen. Persönlich hat mich das Gedicht immer wieder berührt, obwohl ich nicht genau sagen kann warum. Es wird mir aber nicht als einzige so ergangen sein. Fontane schreibt in einem Brief über das große Interesse, dass in Europa für das Zugsunglück auf der Brücke über den Tay herrschte. Heute steht jedoch nicht dieses Ereignis im Mittelpunkt, sondern der Verfasser des Gedichts.

Die eingestürzte Firth of Tay Brücke (Quelle: Wikicommons)

Die eingestürzte Firth of Tay Brücke (Quelle: Wikicommons)

„Die Brück‘ am Tay“ ist allerdings nicht das einzige bekannte Werk von Theodor Fontane. Viele seiner Romane und Gedichte haben einen historischen Hintergrund bzw. beleuchten die Lebensumstände der Menschen im 19. Jh. Fontane wurde im Jahr 1819 in Neuruppin (liegt heute in Brandenburg) als Sohn eines Apothekers geboren. Zunächst sah alles so aus, als würde Fontane in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er ging nach Berlin um sich als Apotheker ausbilden zu lassen. Bereits in jungen Jahren reiste er nach England und Schottland. Schon bald kam die schriftstellerische Begabung von Fontane zum Vorschein. Er beschloss vom Apotheker zum Journalisten umzusatteln. Fontane schrieb in den ersten Jahren in der Medienbranche zwar hauptsächlich politische Texte, aber das änderte sich im Lauf der 1860er. Im Jahr 1864 beispielsweise begab sich Theodor Fontane nach Kopenhagen und berichtete über den Deutsch-Dänischen Krieg schrieb. Grund des Konflikts war ein Streit zwischen Preußen und Dänemark um den Besitz von Schleswig-Holstein. Dänemark verlor gegen Preußen, das mit Österreich verbündet gewesen war. Preußen sicherte sich das Herzogtum Schleswig, während das Gebiet Holstein an Österreich fiel. Klingt nach eine guten Aufteilung, aber dabei blieb es nicht. Als Preußen Holstein im Jahr 1866 besetzt kam es zum Konflikt zwischen den ehemaligen Verbündeten. Der so genannte Deutsche Krieg endete mit einem Sieg von Preußen und seinen Bündnern gegen Österreich. Auch über diesen Krieg berichtete Fontane in seiner Funktion als Journalist.

Theodor Fontane (Quelle: Wikicommons)

Theodor Fontane (Quelle: Wikicommons)

Auch in den folgenden Jahren gab es für Theodor Fontane als Kriegsberichterstatter einiges zu tun, denn Preußen legte sich 1870 mit der nächsten europäischen Großmacht an. Diesmal hieß der Gegner Frankreich. Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) ging es um die Frage der Thronfolge in Spanien. Genauso wie der Deutsche Krieg zog dieser Konflikt einschneidende Veränderungen in der politischen Landschaft Europas mit sich. Doch davon ein anderes Mal mehr. Kommen wir zurück zu Theodor Fontane. Nachdem er über diese drei großen Kriege berichtet hatte, schien Fontane die Nase voll davon zu haben und wandte sich einem anderen Bereich zu. Er begann als Theaterkritiker für die „Vossische Zeitung“ zu arbeiten und betätigte sich nun als freier Autor. Am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere standen seine Gedichte und Balladen. Fontane versuchte sich erst an der Übersetzung von berühmten englischen Werken wie Shakespeares „Hamlet“. Erst wandte er sich englischen oder schottischen Themen zu, bevor Fontane sich mit deutschen oder preußischen Stoffen beschäftige. Die Brück‘ am Tay“ ist allerdings nicht das einzige bekannte Werk dieses Literaturgenres von Fontane. Manchen sagen vielleicht auch die Titel „Archibald Douglas“ oder „John Maynard“ etwas. Zweiterer wahrscheinlich noch eher. Das Gedicht „John Maynard“ handelt ebenfalls von einem Unglück eines öffentlichen Verkehrsmittels, allerdings diesmal ist es ein Schiff. Anfang August 1841 kam es auf dem Eriesee im Norden der USA zu einem Unglück als der Dampfer „Erie“ in Brand geriet. Zahlreiche Menschen kamen dabei ums Leben, nur wenige konnten gerettet werden. Auch bei diesem Ereignis war das Interesse des Öffentlichkeit daran groß und es kam zu literarischen Verarbeitung. In Fontanes Gedicht heißt der Dampfer allerdings „Schwalbe“, auf dem der Steuermann John Maynard arbeitet. Als nun das Feuer ausbricht, hält John Maynard die Stellung und schafft es das Schiff ans rettende Ufer zu steuern. Anders als bei tatsächlichen Unglück können alle Beteiligten gerettet werden – nur einer nicht. Theodor Fontane lässt John Maynard als Held sterben, der im Qualm und Rauch erstickt, um zahlreichen Menschen das Leben zu retten. Die letzten Zeilen des Gedichtes lauten:

„Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
„Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand,
Hielt er das Steuer fest in der Hand,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

     Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Auch dieses Gedicht von Theodor Fontane ist sicherlich wert, einmal gelesen zu werden.

Erst als Fontane bereits ein Mann reiferen Alters war, begann er Romane zu schreiben. Mit 60 Jahren veröffentlichte Theodor Fontane „Vor dem Sturm“, in dem er die historischen Ereignisse des Winters 1812/1813 einarbeitet. Diese Jahre sind geprägt durch die Ereignisse rund um die Befreiungskriege von der Herrschaft Napoleons. Generell sind Fontanes Werke geprägt von der Zeit in der der Autor lebte. Fontane zählt zu den Realisten, wenn man es literaturgeschichtlich betrachtet. Vor allem sein Talent zur Ausgestaltung von Dialogen ist unumstritten. Man kann Fontane auch als Wegbereiter für die Naturalisten bezeichnen. Sein mit Abstand bekanntester Roman trägt den Titel „Effi Briest“ und dieser stand zu meiner Schulzeit noch auf dem Lehrplan. Er handelt von einer jungen Frau, die mit einem Mann mittleren Alters eine Vernunftehe eingeht. Anfangs verläuft diese gut, doch dann lernt Effi einen jungen Mann kennen, mit dem sie eine Affäre beginnt. Erst Jahre später kommt diese ans Tageslicht, doch ihr Ehemann kann ihr nicht verzeihen. Er verstößt Effi und tötete ihren Geliebten im Duell. Auch Effis Eltern wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, weil sie eine Ehebrecherin ist. Erst als Effi schwer krank wird, holen sie ihre Eltern wieder nach Hause. Dort stirbt sie nach kurzem Leiden. Soweit zum Inhalt von „Effi Briest“. Weitere Werke von Fontane sind „Irrungen, Wirrungen“ oder „L’Adultera“.

Theodor Fontane stirbt im Jahr 1898 in Berlin. Sein Grab befindet sich heute noch auf dem Friedhof Berlin Mitte II. Bereits zu Lebzeiten erhielt der Schriftsteller Auszeichnungen für seine Arbeit wie die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Nach seinem Tod gab es weitere Ehrungen wie Gedenkmünzen oder Statuen. Doch Theodor Fontanes Nachruf ist nicht nur positiv besetzt, denn dem Autor wird ein gewisser Antisemitismus nachgesagt. An dieser Frage scheiden sich allerdings die Geister vieler Forscher. Gewiss ist, dass Theodor Fontane uns einige große Werke deutschsprachiger Literatur hinterlassen hat. Aber auch seine Tätigkeit als Journalist, der über die politisch bedeutsamen Ereignisse seiner Zeit berichtet hat, darf dabei nicht außer Acht gelassen werden.

In der nächsten Woche begeben wir uns an einen Ort der gar nicht soweit von der Firth of Tay Brücke entfernt ist. Er liegt 2 1/2 Stunden mit dem Auto entfernt auf der gleichen Insel.

„Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen, und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“ Albert Einstein

Literatur:

Brenner/Bortenschlager, Deutsche Literaturgeschichte 1 – Von den Anfängen bis zum Jahr 1945, 1999. S. 218-222

Rainer, Kern, Rainer, Stichwort Literatur – Geschichte der deutschen Literatur, 1997. S. 113f. unten, 241, 244f.

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 2, 2004.

 

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