Besuch aus dem hohen Norden

… oder warum sich Klöster für Überfälle geeignet haben.

In der Geschichte gibt es Themen die die Menschen mehr faszinieren als andere. Das merkt man an den zahlreichen Adaptionen und Rezeptionen in verschiedenen Medien wie Büchern, Musik, aber auch Film und Fernsehen. Es sind nicht nur Dokumentationen, sondern auch Spielfilme und ganze Serien zu historischen Themen. Vor allem die „Blockbuster“ nehmen es eher locker mit der historischen Genauigkeit. Warum weiß ich? Eigentlich ist die Geschichte schon an sich spannend genug, aber das scheint einigen Regisseuren und Drehbuchschreibern nicht zu genügen. Zu den oben bereits erwähnten faszinierenden Themen gehören mit Sicherheit auch die Wikinger. Vielen, die ihre Kindheit in den 1980er Jahren verbracht haben, ist die Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“ in Erinnerung geblieben. Diese wurde dann in den 2000er Jahren für ein neues Publikum als Spielfilm sowie als neu animierter Zeichentrick herausgebracht. Aber es gibt noch weitere Beispiele aus dem Medium „Film“ wie z.B. „Erik der Wikinger“ (1989) „Der 13. Krieger“ (1999) oder „Northmen – A Viking Saga“ (2014). Bei Lesen der Inhaltsangabe des letztgenannten Films kommt einem ein Name unter, der eng mit der Geschichte der Wikinger verknüpft ist – Lindisfarne.

Dabei handelt es sich um ein Kloster auf einer Insel vor der Westküste Englands. Doch was hat nun ein Ansiedelung von christlichen Mönchen mit den Wikingern aus Nordeuropa zu tun? Wenn man Leute fragt, was sie mit den Wikinger verbinden, dann kommen meistens Antwort wie „Eroberungen“, „Plünderungen“ und ähnliches. Selbstverständlich steckt in den Wikinger mehr als nur auf Schiffen herumfahrende Krieger, die Europa ab dem Ende des 8. Jahrhunderts lange Zeit in Angst und Schrecken versetzt haben. Doch man kann nicht leugnen, dass solche Begriffe auch zu ihrer Geschichte dazugehören. Bevor wir uns damit beschäftigen, noch ein paar Worte zu den Wikingern vor der Zeit ihrer Raubzüge.

Das Wort „Wikinger“ stammt von dem Begriff „Wik“ oder „Vik“, was „Bucht“ bedeutet. Die Vorgeschichte zur Zeit der Wikinger beginnt mit dem Zusammenschluss mehrere kleiner Königereiche rund um den schwedischen Mälarsee zu einem Verband. Aus diesem bildet sich im 4. Jh. dann das Reich der Svear-Könige mit dem Machtzentrum Uppsala. Ab dem 6. Jh. kam es dann zu einer Expansion dieses Reiches über die Ostküste bis nach Schonen. Die Svear gingen ein Bündnis mit den Gotländern in Südschweden ein. Von der alten Bezeichnung „Svea rike“ (Reich der Svear) stammt die heutige Eigenbezeichnung der Schweden für ihr Land – „Sverige“. Archäologische Funde bestätigen, dass Handel und Kultur bereits gut ausgeprägt waren. Auch an den Küsten Norwegens siedelten zahlreiche Stämme in Dörfern, die sich nach und nach beganngen zusammen zuschließen. Das 8. Jh. war für die Wikinger geprägt von politischer Unruhe, was auch bedeutete, dass sich einige gezwungenermaßen neue Siedlungsgebiete suchen musste, weil sie in der Heimat nicht mehr willkommen waren. Ein Ziel war schnell ausgemacht, die Britischen Inseln. Es liegt ja auch nahe, dorthin zu fahren. Man begann mit der Besiedlung der Orkney Inseln und der Shetland Inseln von Norwegen aus, denn diese Gebiete waren nur dünn besiedelt. Dann wandte man sich auch England zu. So kommt die Verbindung zwischen den Wikingern und dem Kloster Lindisfarne.

Das Kloster Lindisfarne lag auf einer kleinen, gleichnamigen Insel in der Mündung des Flusses Tweed vor der Küste von des Gebietes Northumbria. Gegründet wurde es im Jahr 635 durch einen schottischen Mönch namens Aidan, der später heilig gesprochen wurde. Die Ausbreitung des Christentums verlief hauptsächlich von Irland nach Schottland. Als nächstes potentielles Ziel der Mönche stand nun England auf dem Plan. Von Lindisfarne aus sollte die Christianisierung des umliegenden Gebiets beginnen. Immer mehr Mönche zogen auf die Insel und der Einfluss des Kloster wuchs weiter an. Seine Blüte erlebte Lindisfarne dann unter dem Hl. Cuthbert, der ab 676 auf der Insel lebte. Der zum Bischof ernannte fromme Mann lebte viele Jahre als Einsiedler und als er 686 starb, begrub man ihn in der Nähe des Klosters. Alles in allem eine sehr ruhige und beschauliche Zeit für die Mönche auf Lindisfarne. Im Jahr 793 war es mit dem Frieden schlagartig vorbei.

Die Ruinen des Klosters Lindisfarne (1000 Heilige Orte, S. 123)

Die Ruinen des Klosters Lindisfarne (1000 Heilige Orte, S. 123)

Am 8. Juni 793 landeten Schiffe von norwegischen Wikingern an der Küste von Lindisfarne und starteten einen der ersten Überfälle in der Geschichte. Wahrscheinlich gab es vorher schon andere, aber die Plünderung des Klosters Lindisfarne gilt als erster dokumentierter Einfall von nordischen Seefahrern. Warum Lindisfarne sich in den Köpfen der Menschen eingeprägt hat, liegt sicher auch an der Stellung die das Kloster inne hatte. Wie bereits erwähnt, hatte es sich im vergangenen Jahrhundert einen Namen durch seine berühmten Äbte gemacht und galt als Wallfahrtsort. Der Überfall auf Lindisfarne geschah blitzartig und nachdem die Wikinger das Kloster geplünderte und zerstört hatte, machten sie sich ebenso rasch wieder davon. Abteien wie Lindisfarne waren nur schlecht gesichert und eigneten sich ausgezeichnet für Plünderungen. Nach den Ereignissen auf Lindisfarne wandte sich der Blick von Europa erstmals ernsthaft und mit Sorge in Richtung Norden, allerdings gab es nicht viel, was man diesen Überfällen entgegensetzten konnte. Lindisfarne blieb nicht das einizige Kloster, das Besuch von den Wikingern bekam. So ist es auch zu erklären, warum die Überfälle niedergeschrieben wurden. Die Klöster waren jene Orte an denen man historische Ereignisse für die Nachwelt festhielt. Viele Mönche wurden bei dem Angriff getötet und von diesem Zeitpunkt an lebte man auf der Insel in Furcht vor einer Wiederkehr der Wikinger. So kam es, dass das Kloster im Jahr 875 aufgegeben wurde. Man packte die Gebeine des Hl. Aidan und des Hl. Cuthbert ein, weil sie als Reliquien galten und verließ die Insel. Weiterhin blieben die Ruinen von Lindisfarne aber ein Ziel für Pilger und einige Jahrhunderte später kehrten auch Mönche zurück. 1082 begann man mit dem Wiederaufbau des Klosters, welches bis ins 16. Jh. bestand. Der englische König Heinrich VIII. ließ aufgrund seiner Differenzen mit der Kirche das Kloster Lindisfarne und einige andere auflösen. Das geschah im Jahr 1536. Ab diesem Zeitpunkt verfielen die Klostermauern, von denen heute noch die Ruinen besichtigt werden können.

Die Wikinger hingegen suchten sich nach dem Überfall auf Lindisfarne weitere Ziele zum Plündern aus. Schon ein Jahr später kamen sie wieder nach Northumbria, doch diesmal nahmen sie ein anderes Kloster aufs Korn. Die Wikinger umfuhren die ganze Küste von Schottland und im Jahr 795 kam es zum ersten Mal zu Plünderungen auf irischem Gebiet. Im 9. Jh. schlossen sich die einzelnen Stämme der Wikinger organisierter zusammen und ab den 840er Jahren begannen sie damit in Irland und England zu überwintern. 865 eroberte ein großes Heer Teile von England rund um das Gebiet von London und York. Die Eroberer machten York zu ihrem Machtzentrum und es entstand ein Königreich. Die Wikinger waren aber nicht nur Eroberer, sondern auch tüchtige Händler, wovon das Gebiet profitierte. In Irland kam es zur Gründung der Stadt Dublin, wobei ab 850 sogar von den Wikingerkönigen von Dublin die Rede ist. Also brachten die Wikinger nicht nur Gewalt und Zerstörung, sondern sorgten in manchen Gebieten auch für einen Aufschwung des Handels und verbreiteten ihre Kultur.

Die Züge der Wikinger (dtv-Atlas Weltgeschichte, S. 122)

Die Züge der Wikinger (dtv-Atlas Weltgeschichte, S. 122)

Doch nicht nur Großbritannien bekam Besuch von den Wikingern, auch in Frankreich tauchten sie auf. 841 plünderten sie Rouen und nur vier Jahre später greifen Verbände der nordischen Seefahrer die Stadt Paris an. Südeuropa blieb auch nicht verschont. Die Wikinger richteten ihren Blick auch nach Osten und auf russischem Gebiet entstanden kleine lokale Herrschaftsgebiete und Handelsposten. Weiters besiedeln die Wikinger im 9./10. Jh. Island und fuhren von dort aus im Jahr 982 nach Grönland. In Nordeuropa kommt es zur Gründung von zahlreichen Handelszentren der Wikinger wie z.B. in Haithabu, welches schon einmal Thema in diesem Blog gewesen ist. In ganz Europa machten die Wikinger von sich Reden, das erste, historisch gesicherte Mal durch ihren Überfall auf Lindisfarne. Bis heute faszinieren die Seefahrer aus dem hohen Norden die Menschen und das nicht nur wegen ihren Plünderungen, sondern auch wegen ihrer Geschichte und Kultur.

Genug von den Raubzügen der Wikinger. In der nächsten Woche geht es allerdings blutig weiter und das noch dazu an einem Sonntag.

„Den Wind vermagst du nicht zu lenken, deine Segel wohl.“ (Sprichtwort)

Literatur:

Die Wikinger, Ausstellungskatalog, Leoben. 2008

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1. 2004.

Engels, 1000 Heilige Orte. 2010

Knefelkamp, Das Mittelalter. 2003

Studienbuch Geschichte, Hrsg. Elze/Repken. 2003

 

 

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