Domhnach na Fola

… oder warum Schüsse in Derry fielen.

„I can’t believe the news today
I can’t close my eyes and make it go away.
How long, how long must we sing this song?
How long, how long?
‚Cause tonight
We can be as one, tonight.“

Diese Zeilen sind die erste Strophe des bekannten Lieds „Sunday Bloody Sunday“ der irischen Band U2. Darin wird auf die Ereignisse des 30. Jänner 1972 Bezug genommen, der in die Geschichte als „Bloody Sunday“ einging. Die Geschehnisse dieses Tages gehören zu einem bereits jahrelang schwelenden Konflikt in Nordirland und hatten starke Auswirkungen auf die weitere Geschichte von Irland. Gestern jährte sich der „Bloody Sunday“ zum 44. Mal, der auf Irisch „Domhnach na Fola“ genannt wird. Grund genug sich damit zu beschäftigen.

Was geschah am 30. Jänner 1972 und was war so „blutig“ daran? Dazu muss man erst verstehen, wie die Situation in Irland bzw. in Nordirland zu diesem Zeitpunkt aussah. Bis zum heutigen Tag ist die Insel im Westen von Großbritannien in zwei Teile geteilt. Zum einen in die unabhängige Republik Irland, deren Bewohner vorwiegend Katholiken sind und zum anderen in Nordirland, das zum Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland gehört. Der Großteil der Bevölkerung gehörte dem Protestantismus an. Das ergab sich durch die Besiedlung dieser Gebiete durch Engländer und Schotten ab dem Jahr 1606, die Protestanten waren. Natürlich lebten in jedem der beiden Teile der Insel auch Minderheiten des jeweiligen anderen Glaubens. Wie so oft entzündet sich an religiösen Fragen jener Funke, der einen gewaltigen Brand verursacht.

Doch gehen wir zunächst zurück ins Irland des 19. Jahrhunderts. Seit 1801 stand Irland direkt unter britischer Herrschaft. Eines der zentralen Probleme dieses Jahrhunderts waren neben Hungersnöten und der immer stärker werdenden Emanzipation der Katholiken der Wunsch nach der sogenannten „Home Rule“. Hinter diesem Begriff steckt nichts anderes als, dass die Iren nach einer von Großbritannien unabhängigen Regierung verlangten. Anfang des 20. Jh. gab es dafür immer noch keine Lösung und je mehr der katholische Süden versuchte, seine Forderungen durchzusetzen, desto mehr trieb man den protestantischen Norden von sich fort. Nordirland hatte nur die Möglichkeit sich weiter an Großbritannien zu orientieren. Wie bereits erwähnt, gab es aber auch kleine Gruppen von Katholiken in Nordirland und Protestanten im Süden. Auf diese religiösen Minderheiten wurde bei den folgenden politischen Maßnahmen keine Rücksicht genommen. Anfang des 20. Jh. war es zur Gründung der Partei Sinn Féin und der ihr nahestehenden IRA (Irish Republican Army) gekommen. 1920 brach ein Bürgerkrieg auf der „grünen“ Insel aus. Dieser endete zwei Jahre später damit, dass der südliche Teil Irlands sich zum Irish Free State erklärte und Nordirland mit Großbritannien verbunden blieb. Dieser Schritt hatte für Nordirland zunächst positive Folgen, vor allem was den sozialen Bereich betraf. Beispielsweise kam es zu einer Reformierung des Bildungssystems. Nordirland verstand sich als protestantischer Staat und die Katholiken, die noch in den Gebieten wohnten, wurden als Feinde betrachtet. Das blieb nicht ohne Folgen, denn ab den 1950er Jahren kam es vermehrt zu Anschlägen durch die IRA. Das wiederum veranlasste Protestanten sich zu paramilitärischen Bünden zusammen zu schließen. Großes Konfliktpotential gab es vor allem in jenen Städten, die gemischt konfessionell waren. In Belfast und Londonderry (kurz „Derry“ oder irisch „Doire“) kam es zu erbitterten Straßenkämpfen. 1963 kam es zu einer Spaltung des protestantischen Lagers in eine gemäßigtere Gruppe und einer radikaleren, die eine Annäherung an die Katholiken vehement ablehnten.

Anteil der katholischen Bevölkerung in Nordirland um 1970 (dtv Atlas Weltgeschichte, Bd. 2, S. 563)

Anteil der katholischen Bevölkerung in Nordirland um 1970 (dtv Atlas Weltgeschichte, Bd. 2, S. 563)

Durch die bereits erwähnte Bildungsreform hatten auch die sozial schlechter gestellten Bewohner Nordirlands Zugang zu Bildung erhalten. An dieser Stelle muss man sagen, dass es sich dabei vorwiegend um die katholische Bevölkerung gehandelt hat. Auch die Menschenrechtsbewegung der 1960er Jahre, die von den USA nach Europa herüberkam, trug dazu bei, dass sich die sozial benachteiligten Schichten nicht mehr mit ihrer Situation abfinden wollten. Es formierten sich Bündnisse wie die NICRA (Northern Ireland Civil Rights Association) und erste, noch friedliche, Protestkundgebungen wurden organisiert. Durch die Einmischung der IRA kam es ab dem Jahr 1961 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der protestantischen Polizei. Diese war nicht mehr Herr der Lage und es kam zu einer Verstärkung der britischen Armee in Nordirland. Zunächst schien es den Katholiken so, als würde sich ihre Lage bessern und die Soldaten würden für Recht und Ordnung sorgen. Doch schon bald war die britische Armee unter der katholischen Bevölkerung aufgrund ihrer Brutalität verhasst. Eine weitere wichtige Entwicklung, die Einfluss auf die folgenden Ereignisse hatte, betraf die IRA. Diese spaltete sich im Jahr 1969. Es existierten ein offizieller, gemäßigter Flügel sowie eine radikale Gruppe (Provisional Irish Republican Army), wobei zweitere für die Attentate und Anschläge der Folgezeit verantwortlich war. Die Situation zwischen katholischer und protestantischer Bevölkerung sowie den britischen Soldaten war enorm angespannt, bevor es zur Eskalation am „Blutsonntag“ kam.

Am 30. Jänner 1972 fand in Derry, wie Londonderry von der katholischen Bevölkerung meistens genannt wird, wieder einmal eine Demonstration statt. Diese verlief eigentlich friedlich. Anwesende britische Fallschirmjäger schossen auf die Menge, töteten dabei 13 Menschen und verletzten viele. Die Demonstranten waren unbewaffnet und hatten sich versammelt um gegen die brutale Vorgehensweise der nordirischen Sicherheitskräfte zu protestieren. Einige der getöteten Personen waren noch nicht einmal 18 Jahre alt gewesen. Von Seiten der britischen Armee kam die Meldung, dass die Soldaten zuerst von den Demonstranten angegriffen worden seien. Die Versuche die Ereignisse zu vertuschen, rückte Großbritannien international gesehen in ein schlechtes Licht. Unter anderem weil versucht worden war, die Geschehnisse des „Bloody Sunday“ zu vertuschen. Erste Untersuchungen sprachen die Soldaten von jeder Schuld frei. Die Folge davon war eine wahre Welle von Gewalt, die nicht nur in Nordirland wütete. Übergriffe geschahen auch in Großbritannien und der Republik Irland, wo zum Beispiel die britische Botschaft in Dublin angegriffen und verwüstet wurde. Im Juli1972 gab es dann noch den „Bloody Friday“. An diesem Tag verübte die IRA mehrere Attentate in der Stadt Belfast. Großbritannien sah sich gezwungen, eine unabhängige Regierung in Nordirland abzuschaffen und selbst das Ruder in die Hand zu nehmen.

Die 1970er Jahre waren mit Abstand das gewalttätigste Jahrzehnt von Irland im 20. Jh. Die radikale IRA unternahm zahlreiche Attentate und Anschläge. Zwei der bekanntesten sind die Ermordung von Lord Mountbatten im Jahr 1979, einem Mitglied des britischen Königshauses,  sowie ein missglücktes Attentat auf die Premierministerin Margret Thatcher 1984. Der Nordirlandkonflikt konnte erst im Jahr 1998 zu einem Ende kommen. Im sogenannten „Karfreitagsabkommen“ verzichtete unter anderem die Republik Irland auf eine Wiedervereinigung mit Nordirland, paramilitärische Gruppierungen auf beiden Seite werden entwaffnet, die Zahl von Soldaten aus Großbritannien in Nordirland sollte verringert werden sowie eine Zusammenarbeit zwischen irischen und nordirischen Behörden beginnt. Im gleichen Jahr ordnete der damalige britische Premierminister Tony Blair eine erneute Untersuchung der Ereignisse des „Bloody Sunday“ an. Der Bericht dazu aus dem Jahr 2010 kam zu dem Ergebnis, dass die britischen Soldaten als erste geschossen hätten und von den Demonstranten keine Schüsse aus abgegeben wurden. Zwei Jahre danach wurden die ersten Mordanklagen gegen involvierte Soldaten erhoben.

Nicht nur U2 haben dem „Bloody Sunday“ ein Lied gewidmet, auch andere berühmte Künstler wie John Lennon mit seinem gleichnamigen Song „Sunday Bloody Sunday“ oder Paul McCartney mit „Give Ireland back to the Irish“ verarbeiteten so die Ereignisse des 30. Jänner 1972. Das Museum of Free Derry beschäftigt sich mit den Ereignissen der 1960er und 1970er Jahre rund um den Nordirlandkonflikt.

Lassen wir Nordirland wieder in Frieden. In sieben Tagen vergleichen wir zwei Materialien, die sich für schriftliche Aufzeichnungen bestens eignen.

„Well, it was Sunday Bloody Sunday
Oh, when they shot the people there
The cries of thirteen martyrs filled the free derry air“

(John Lennon, Sunday Bloody Sunday)

Literatur:

dtv Atlas Weltgeschichte, Bd. 2, 2004. S. 563f.

Michael Maurer, Geschichte Irlands, Reclam Sachbuch, 2013.

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