Die entscheidende Frage

… oder warum Mitgefühl so wichtig ist.

„Oheim (Onkel), wie ist es dir?“ Nach langen Irrungen und Wirrungen richtet der Held Parzival in dem gleichnamigen Ritterepos endlich die entscheidende Frage an seinen Onkel Anfortas. Mit Sicherheit zählt dieses literarische Werk zu den bedeutendsten dem Mittelalters. Viele von uns mussten sich in ihrer Schulzeit damit befassen. Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die Liebe in ihren verschiedenen Formen und den Moment, in dem man sich selbst erkennt. Geschrieben wurde das Epos „Parzival“ von einem Mann namens Wolfram von Eschenbach. Vielleicht tauchen jetzt ein paar verstaubte Erinnerungen in manchen Köpfen auf. Heute soll dieser mittelalterliche Dichter und sein Werk etwas genauer unter die Lupe genommen werden.

Wolfram von Eschenbach im Codex Manesse, einer Liedersammlung (Quelle: Wikicommons)

Wolfram von Eschenbach im Codex Manesse, einer Liedersammlung (Quelle: Wikicommons)

Über Wolfram von Eschenbach weiß man das meiste aus seinen Werken selbst oder durch Erwähnung in den Werken von anderen Dichtern. Seine genaues Geburts- bzw. Sterbejahr kennt man nicht. Man nimmt an, dass er um 1170 das Licht der Welt geblickt hat und nach dem Jahr 1220 gestorben ist. Seine Familie hatte ihren Namen von einem Ort in Bayern. Man weiß, dass er an verschiedenen Höfen zu Gast war. Wolfram von Eschenbach lebte längere Zeit auf Burg Wildenberg, wo er auch an seinen Werken arbeitete. Dazu zählen das bereits erwähnte Epos „Parzival“, eine Erzählung über Wilhelm den Heiligen mit dem Titel „Willehalm“, mehrere Minnelieder sowie ein Fragment mit Namen „Titurel“. Wenn man ihn literaturgeschichtlich einordnen will, dann gehört Wolfram von Eschenbach zu den mittelhochdeutschen Dichtern.

Kommen wir nun zur Entstehung und zum Inhalt des Epos „Parzival“. Wolfram von Eschenbach hat diese Geschichte nämlich nicht erfunden. Diese wurde bereits im 12. Jh. von einem französischen Dichter namens Chrétiens de Troyes mit dem Titel „Le Conte du Graal“ oder „Perceval“ niedergeschrieben. Allerdings hat Wolfram von Eschenbach einige Details umgedichtet, vor allem was das Ende der Geschichte betrifft. Der Dichter dürfte dieses Werk um 1200/10 verfasst haben. Es umfasst ca. 25.000 paarweise gereimte Verse und wurde erst im 19. Jh. in die uns heute bekannten 16 Bücher unterteilt. Generell kann man sagen, dass das Hochmittelalter die Blütezeit der höfischen Epos gewesen ist. In den Geschichten trifft man auf die idealen Versionen von Rittern, der sowohl Gott als auch den Menschen bestmöglich dient. In solchen Ritterepen wird oft die Gestalt von König Artus eingebaut, so auch in „Parzival“. Zwei Orte sind in diesem Epos von zentraler Bedeutung: der Hof von König Artus als Sinnbild für die weltliche Ebene und die Gralsburg für die göttliche Komponente. Die Ritter von König Artus haben sich der Suche nach dem Heiligen Gral verschrieben.

Wenn man sich den Inhalt von „Parzival“ näher betrachtet, so trifft man auf eine Vielzahl von Themen wie die Wandlung vom Kind zum Mann, die Liebe in zahlreichen Facetten, Schuld und Buße sowie Heil- und Erlösungsgedanken durch die Suche nach dem Heiligen Gral. Am Anfang steht der junge Parzival, dessen Namen meisten als „mitten durch“ übersetzt wird. Er lebt zurückgezogen mit seiner Mutter im Wald, die ihn so vor den Gefahren der Welt, vor allem des Rittertums, schützen will. Eines Tages trifft Parzival auf eine Gruppe von Ritter und ist fasziniert von ihrem Erscheinungsbild. Nun möchte er auch Ritter werden. Seine Mutter gibt ihm statt einer Rüstung allerdings das Gewand eines Narren, damit er sich lächerlich macht in der Welt und wieder zu ihr zurückkommt. Weiters erteilt sie ihm noch gute Ratschläge und Verhaltensmaßnahmen. Gleich nachdem ihr lieber Sohn sie verlassen hat, fällt die Mutter mit gebrochenem Herzen tot zu Boden. Parzival reitet hinaus in die Welt und schon bald wird er durch seine ungestüme, jugendliche Art in einen Kampf mit Ither, den man den „Roten Ritter“ nennt, verwickelt. Dieser Ither dient am Hof von König Artus und Parzival tötet ihn überraschend im Zweikampf. Parzival nimmt die Rüstung des Ritters, zieht sie über sein Narrengewand und reitet weiter. Später kommt heraus, dass Ither der Onkel von Parzival ist.

Parzival und seine Mutter im Codex Palatinus Germanicus (Quelle: Wikicommons)

Parzival und seine Mutter im Codex Palatinus Germanicus (Quelle: Wikicommons)

Er kommt zu dem alten Ritter Gurnemanz, der ihn zuerst von seinem Narrenkleid befreit und ihm ritterliche Tugenden und Kampfpraktiken lehrt. Allerdings bekommt Parzival auch einen folgenschweren Rat von Gurnemanz mit auf den Weg, nämlich nicht immer so viele Fragen zu stellen. Parzival verlässt seinen Lehrmeister als Ritter, als Leser merkt man schon die Entwicklung die die Hauptfigur hinter sich gebracht hat. Nun geht es daran auch die Liebe zu finden. Auf seiner Reise kommt Parzival an den Hof von Königin Kondwiramur, die er schließlich auch heiratet. Doch der junge Ritter kann nicht still sitzen und verlässt seine Frau nach kurzer Zeit, um noch mehr Abenteuer zu erleben. Als nächstes wird Parzival erleben, wie es ist zu scheitern. Der Held kommt zur Gralsburg und wird doch auch gastfreundlich aufgenommen. Parzival trifft auf den verwundeten Gralskönig Anfortas, dessen Speerwunde einfach nicht heilen will. Nur die mitfühlende Frage wegen des Zustands des Gralskönigs könnte diesen erlösen. Parzival erinnert sich aber an die Worte von Gurnemanz, nicht zu viel zu fragen und schweigt vor sich hin.

Als er am nächsten Tag aus der Burg hinausreitet, wird er von einem der Knappen verflucht. Auch eine entfernte Verwandte von ihm, die er trifft und von seinem Erlebnis in der merkwürdigen Burg berichtet, spricht einen Fluch über ihn aus. Sie klärt ihn auch darüber auf, was eine mitfühlende Frage von Parzival alles bewirken hätte können. Parzival reitet wieder zum Artushof und dort wird er von einer dritten Person deutlich auf sein Fehlverhalten aufmerksam gemacht. Eine Zauberin taucht auf und offenbar vor allen Rittern der Tafelrunde den schrecklichen Fehler, den Parzival auf der Gralsburg begangen hat. Dieser verlässt den Artushof, entsagt sich Gott und irrt in der Welt umher. Parzival erkennt noch nicht, dass nicht Gott an seinem Versagen schuld ist, sondern er selbst. Es ist ja immer leichter anderen oder sogar einer höheren Macht die Schuld zu geben. Nun hält es Wolfram von Eschenbach an der Zeit, Parzival auch einer religiösen Schulung zu unterziehen. Die erhält der Held bei einem Einsiedler. Auch über den Gral wird so einiges berichtet. Doch hier erfährt Parzival auch mehr über seine Familiengeschichte, denn Anfortas und der Einsiedler sind Brüder von seiner verstorbenen Mutter.

Nachdem Parzival seinen zweiten Lehrmeister verlassen hat, gerät er in den Kampf mit einem fremdländisch aussehenden Ritter. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Halbbruder von Parzival handelt. Dieser heißt Feirefiz und sein Gesicht ist schwarz und weiß gefärbt wie das Gefieder einer Elster. Parzival zieht mit seinem Bruder zunächst zurück an den Artushof, wird vom Fluch der Zauberin durch sie selbst befreit und soll noch einmal auf die Gralsburg gehen. Der Held nimmt seinen Bruder Feirefiz mit und stellt Anfortas endlich die richtige Frage: „Oheim, wie ist es dir?“. Kurz darauf trifft Kondwiramur mit den beiden Söhnen von Parzival auf der Gralsburg ein, der nun der neue Gralskönig ist.

Parzival kämpft gegen seinen Bruder Feirefiz, Codex Palatinus Germanicus (Quelle: Wikicommons)

Parzival kämpft gegen seinen Bruder Feirefiz, Codex Palatinus Germanicus (Quelle: Wikicommons)

Soweit zum Inhalt des Epos. In dessen Verlauf werden auch die Abenteuer, die der Ritter Gawan bestehen muss, erzählt. Aber das würde jetzt den Rahmen sprengen. Zum Abschluss soll noch etwas auf die Erzählstruktur und die literaturtechnischen Besonderheiten von Parzival eingegangen werden.

Wenn man sich das Epos „Parzival“ näher betrachtet, dann fällt zunächst der Wechsel der Erzählperspektive auf. Durch Verweise auf Erfahrungen und Wissen des Autors stellt Wolfram von Eschenbach den Leser vor die Herausforderung einer zweiten Erzählebene. Damit gelingt es dem Dichter mit seinem Publikum in Verbindung zu treten und es erhält das Gefühl, dabei zu sein. Die zweite Besonderheit ist die Technik der „allmählichen Enthüllung“. Als Leser oder Zuhörer erfährt man vieles erst im Lauf der Geschichte oder es wird die Sichtweise einer anderen Person auf die gleiche Situation eingebracht. Diese Methode des Erzählens findet man heute vor allem im Genre des Krimis wieder. Das Publikum muss sich auf die Handlung konzentrieren und mitdenken, sonst kennt man sich am Ende gar nicht mehr aus. Die komplizierten Familienverhältnisse sowie die Vielzahl an Akteuren tun ihr übriges, um unaufmerksame Zuhörer zu verwirren. Wolfram von Eschenbach will sein Publikum zum Nachdenken anregen und ihm zeigen, dass man auch aus großen Schwierigkeiten wieder herauskommen kann. Man muss es nur selber wollen, denn Nachdenken über seine eigenen Taten hat noch nie jemand geschadet.

In den späteren Jahrhunderten kam es wie so oft zur Rezeption des Parzival-Stoffes. Das bekannteste Beispiel wäre die Oper „Parsifal“ von Richard Wagner.

Vielleicht ist es heute an der Zeit, sich an Parzival ein Beispiel zu nehmen und einen lieben Menschen in eurer Umgebung zu fragen, wie es ihm geht. Auch wenn man dafür nicht den Gral als Geschenk bekommt, erhält man vielleicht ein dankbares Lächeln eines Mitmenschen. Bei nächsten Mal sind wir bei der Entstehung einer Dynastie dabei.

„Man ist nicht Mensch, weil man geboren ist, man muß Mensch werden.“ (Oskar Kokoschka)

Literatur:

Faulstich, Mediengeschichte von den Anfängen bis 1700

Goetz, Proseminar Geschichte: Mittelalter, 2000

Rainer, Kern und Rainer, Stichwort Literatur – Geschichte der deutschsprachigen Literatur, 1997

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.